Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 43)

„... ist zum Eckstein geworden“

In Bayern werden wieder Kichen gebaut

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Porträt des Reformators Martin Luther, gemalt von Lucas Cranach, im Lutherhaus in Wittenberg. Foto: epd
   

Dass Martin Luther ein Kind seiner Zeit war, hat ihn nicht von dem intensiven Versuch abgehalten, vom Geist der Zeit unabhängiger zu werden und auf den Geist der Heiligen Schrift zu hören. Er, der Professor für Biblische Theologie in Wittenberg, hat in seinem Streben nach rechter Erkenntnis zunehmend die Autorität der Heiligen Schrift an die Stelle der päpstlichen Autorität gesetzt – nicht ohne dabei in leidenschaftlicher Weise danach zu streben, die eigentliche Mitte der Schrift, den Inhalt des Evangeliums selbst, zu ergründen. Dieser Inhalt musste mit nicht weniger zu tun haben als mit dem Sieg über den Tod und dessen Macht im Leben.

Fegfeuer als größte Lüge

In Luthers 95 Thesen aus dem Jahr 1517, die bekanntlich den historischen Auslöser der Reformationsbewegung bildeten, geht es vor allem um die Frage des Fegfeuers und den darauf bezogenen Ablasshandel. Gerade am Beispiel der Fegfeuer-Problematik wird deutlich, wie sich Luthers Überlegungen im Laufe von Jahren weiterentwickelt haben – im Ringen um die befreiende Wahrheit. In den 95 Thesen ging es Luther in bezug auf das Fegfeuer darum, es nicht dinglich und an bestimmte jenseitige Orte und Zeiten gebunden zu verstehen, sondern als einen inneren Läute-rungsprozess der Seele. „Ich bin ganz sicher, dass es das Fegfeuer gibt“, betont er 1518 in einer Verteidigungsschrift zu seinen Thesen. Offensichtlich ist er davon nicht allein auf Grund der römisch-katholischen Lehrtradition über-zeugt, sondern auch auf Grund von einschlägigen Visionsberichten und parapsychischen Erfahrungen eines seiner damaligen Bekannten. Der junge Reformator hat diese Erfahrungen zunächst oberflächlich als Anzeichen für bestimmte jenseitige Sachverhalte akzeptiert. Noch kann er schreiben: „Ich weiß, dass es wahr ist, dass die Armen Seelen un-sägliche Pein leiden und man ihnen zu helfen schuldig ist mit Beten, Fasten, Almosen und womit man vermag“.

Während der Leipziger Disputation von 1519 aber gerät Luthers Überzeugung ins Schwanken. Er stellt sich dem erarbeiteten Befund, dass die gesamte Heilige Schrift nichts vom Fegfeuer lehrt. Ihr zufolge gibt es zwar Himmel und Hölle, nicht aber als „Zwischenmöglichkeit“ den Läuterungszustand des Fegfeuers. Von daher äußert er nun Bedenken: „Ich weiß nicht, ob es das Fegfeuer für alle Christen gibt. Sicher ist dies: Keiner ist ein Irrlehrer, wenn er nicht an das Fegfeuer glaubt“. Mögen Luther noch die Erfahrungsberichte seines Bekannten verunsichert haben, so lässt er sich in den nächsten Jahren davon um der Wahrheit des Evangeliums willen immer weniger beeindrucken. Parapsychische Erscheinungen, die den Fegfeuerglauben stützen sollen, bezeichnet er schließlich als „Teufelsbetrug“.

1530 verfasst er eine eigene Schrift, um seine früheren, zustimmenden Äußerungen zum Fegfeuer-Glauben ausdrücklich zu widerrufen. Darin heißt es: „Meines Erachtens ist keine reichere Lüge auf die Erde gekommen als das Fegfeuer.“ In den „Schmalkaldischen Artikeln“ von 1537 begründet er seine ablehnende Haltung mit dem Zusammenhang der Fegfeuerlehre mit Messopfer und Ablass-Handel: „Darum ist das Fegfeuer mit all seinem Ge-pränge, Gottesdienst und Gewerbe für lauter Teufelsgespenst zu achten. Denn es ist auch gegen den wichtigsten Glaubensartikel: dass allein Christus und nicht Menschen-werk den Seelen helfen soll.“ Festzuhalten ist hier: Der Reformator hat paranormale und gar spiritistische Erfahrungen auf die Dauer nicht als Grundlage für Glaube und Lehre akzeptiert. Im Hinblick auf Papst Gregor den Großen (540-604) und seine Schriften sagt er: „Derselbe zeigt viele Beispiele von Geistern, die erschienen sind, welchen er als ein guter, frommer und einfältiger Mann geglaubt hat, dazu auch von fliegenden Lichtern und Irrwischen, denen er geglaubt hat, als wären’s Seelen – welche doch die Heiden vorzeiten nicht für Seelen gehalten haben und in bezug auf welche nun offenbar ist, daß es Teufel sind!“ Luther wettert also gegen die Erschei-nungen von „Armen Seelen“ aus dem Fegfeuer, die nach etlichen gelesenen Messen endlich kundtun, erlöst gen Himmel zu fahren. Das alles sei Teufelsbetrug, sagt er und fügt hinzu: Selbst wenn es gute Seelen wären, solle man sich von ihnen nicht belehren lassen über das hinaus, was Christus lehre.

Offene Pforte ins Paradies

Für Luther ist Jesus Christus als Gottes Wort an die Menschen zum alles beherrschenden Deutungskriterium geworden. Was dem nicht entspricht, deutet er als dem Herrn entgegengestellte, dämonische Wirklichkeit. Heutzutage stehen zur Deutung derartiger Phänomene andere, wissenschaftliche Deutungsinstrumente zur Verfügung, so dass man Luthers Vorgaben hier nicht unbedingt folgen muss. Vorbildlich bleibt aber seine Kritik an der Bereitschaft, den als Herrn und Erlöser Erkannten in seiner Bedeutung durch irgendwelche Sonder-Erfahrungen in Frage stellen zu lassen.

Die zentrale Stellung, die der gekreuzigte und auferstandene Christus für Luther einnimmt, hängt nun freilich damit zusammen, dass dieser Herr ihm selber zur entscheidenden Erfahrung geworden ist. Es hat sich dabei nicht etwa um eine spiritistische Erfahrung, nicht um eine Offenbarung aus einer obskuren Jenseitswelt gehandelt. Vielmehr kann man es eine spirituelle Erfahrung nennen, nämlich – so würde es Luther sagen – eine Offenbarungserfahrung, eine Erfahrung des Heiligen Geistes anhand des biblischen Wortes. Der Theologieprofessor hatte tage- und nächtelang um das rechte Verständnis jener Stelle im ersten Kapitel des Römerbriefs gerungen, in der es um die Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes geht. Plötzlich – man spricht von Luthers „Turmerlebnis“ – war ihm dann Gottes Gerechtigkeit radikal als eine sich schenkende deutlich geworden: Vor Gott ist gerecht, wer ganz auf seine Liebe vertraut, wie sie in Jesus Christus erkennbar geworden ist. Die Erfahrung dieser Entdeckung beschrieb er selbst im Rückblick mit den Worten: „Da fühlte ich mich völlig neugeboren und als wäre ich durch die geöffneten Pforten ins Paradies selbst eingetreten. Da zeigte mir sogleich die ganze Schrift ein anderes Gesicht. ... So ist mir diese Stelle des Paulus wahrhaft zu einer Pforte des Paradieses geworden.“ Damit hat Luther eine Heilserfahrung besonderer Art gemacht: Nicht nur sein Bibel-, sondern sein Gottesverständnis hat sich gewandelt und ihm das Zentrum der Ewigkeit, das Herz Gottes eröffnet. Jesus Christus hat er nun nicht mehr ängstlich als den großen Weltenrichter angesehen, sondern als den aus Liebe in unser menschliches „Fleisch“ gekommenen Erlöser, durch den sich Gottes wahre Gerechtigkeit verwirklicht. Denn Gott rechnet die Gerechtigkeit Christi, der für uns gelebt und gelitten hat, aus Gnade uns Sündern an. Unsere eigene Ungerechtigkeit, all unsere Schuld, unsere ganze entfremdete Existenz hat sein eigener Sohn stellvertretend für uns auf sich genommen. Wer an diesen heilvollen Tausch glaubt, verschmilzt mit Christus gleichsam zu einer einzigen Person. Luther drückt das so aus: „Du nennst dich sozusagen Christus, und umgekehrt spricht Christus: Ich bin jener Sünder, weil er sich auf mich verlässt.“ Wenn überhaupt, dann ist Christus selbst unser „Fegefeuer“ – als der uns reinigende Erlöser. Aber er ist nicht unser Bestrafer; und weder Kirchenstrafen noch deren Nach- oder Ablass sind biblisch begründbar. Die Rechtfertigung des Gottlosen aus Gnade hat Luther als Mitte der Heiligen Schrift entdeckt – und als das Mittel des Heiligen Geistes, uns auf Erden bereits die Pforten des Himmels zu öffnen.

Werner Thiede

Buchhinweis: Thomas Schirrmacher: Der Ablass. Ablass und Fegefeuer in Geschichte und Gegenwart. Eine evangelische Kritik. Mit einem Geleitwort von Andreas Späth, Nürnberg 2005, 186 Seiten, Euro 17.95

 

 


 

Rostiger VW oder Nadelstreifen: Entscheidet euch!

Wenn euch die Welt hasst, so müsst ihr wissen, dass sie mich vor euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt stammen würdet, dann hätte die Welt lieb, was zu ihr gehört. Weil ihr aber nicht von der stammt, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.
Joh. 15, 18 – 20

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Taffe Managertypen mit Nadelstreifenanzug und Laptop in Kirchenbänken oder doch lieber „weltfremder Lebenstil“ mit seligem Lächeln? Christen sind nicht von dieser Welt, leben aber in ihr. Wieviel Anpassung ist nötig, um in der Welt zu bestehen und wieviel ist möglich um in der Nachfolge Christi zu bleiben? Foto: epd/bild
   

„Ich hasse diese Fische auf den Autos. Wenn ich diese Christen auf der Autobahn schon sehe. VW-Bus, hinten immer fünf Kinder drin und dann mit Tempo 80 auf der mittleren Spur den Verkehr blockieren. Und wenn man dann beim Überholen einen bösen Blick hinüberwirft, dann kommt so ein seliges Lächeln. So entrückt. So als wären sie nicht von dieser Welt.“

Mein Bekannter hatte sich in Rage geredet und ich konnte wenig darauf antworten. Manche Christen haben ja auch so einen seltsamen Blick. Ein wenig angesiedelt zwischen „über den Dingen schwebend“ und „das kannst du nicht verstehen, denn du bist ja nicht erleuchtet“. Man könnte diese Haltung auch als die Arroganz, nicht des „Besserwissenden“, sondern des „Besserglaubenden“ empfinden. Man könnte es auch so verstehen: Je unverständlicher ich meinen Glauben ausdrücke, je distanzierter ich mich anderen Menschen gegenüber verhalte - also je mehr ich die „Welt hasse“ und mich die „Welt hasst“, desto sicherer bin ich, den richtigen Glauben zu haben. Szenenwechsel: Ein Bauausschuss einer Kirchengemeinde tagt. Ein neues Jugendhaus soll gebaut werden. Gestern war Ortstermin mit irgendwelchen „Experten“ der Landeskirche, inklusive Dienstfahrzeug. „Die konntest Du kaum von Vertretern der Firma Siemens unterscheiden. Nadelstreifen, BMW, und du wusstest nicht, spricht da der Chauffeur oder der Oberkirchenrat, alle sahen gleich aus.“ So die Einschätzung eines Jugendvertreters.

Eigentlich haben wir dem Evangelisten Johannes unsere „Kirche“ zu verdanken, die „Ecclesia“, die „Auserwählten und Herausgerufenen“. Christen stammen nicht von dieser Welt, folglich hasst diese Welt die, die Jesus nachfolgen. Gott und Welt, Jesus und Teufel, Gut und Böse – alle diese Dualismen haben wir vor allem Johannes und seiner Theologie zu verdanken. Nicht umsonst hat man ihm gnostische Züge unterstellt. Oder, wie der Theologe Bultmann meinte, Johannes war der erste Pietist – und hätte dann nach landläufigem Klischee heute wohl einen Fisch auf seinem Auto.

Aber, so wie es die beiden Szenen oben beschreiben – das ist doch unser Dilemma als Christen, dass wir in genau dieser Spannung leben: Machen wir in unserer Lebensführung nicht jeden Trend mit, dann werden wir nicht ganz „ernst“ genommen. „Stehen wir mit beiden Beinen mitten im Leben“, dann wirft man uns vor nicht „entschieden“ genug Jesus nachzufolgen. Entscheidet Euch: Jesus, oder Welt! Aber wie soll das gehen? Bin ich als Mensch denn nicht von dieser Welt? Auch der Frömmste muss doch Geld verdienen, sich ernähren, mit seiner Familie und seinen Nachbarn auskommen? Und vor allem – wer wird schon gerne von allen „gehasst“? Jeder Mensch sehnt sich doch nach Anerkennung und Liebe, oder nicht?

Diese Spannung im Glaubensleben lässt sich natürlich auch progressiv formulieren. „Anpassung oder Wagnis“ – das war einmal der Titel eines Religionsbuchs an unseren Schulen. Da denkt man dann eher an Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King. Aber wurden diese Zeugen des Glaubens nicht auch von der „Welt“ ihrer Zeit und Umgebung gehasst, ja sogar getötet und ermordet. Freilich stehen wir Christen nicht jeden Tag vor der Alternative Glaube/Gott/Jesus, oder Leben/Welt/ Teufel. Aber es gilt: Jesus Christus starb für diese Welt. Wir leben in dieser Welt. Und gehen dennoch nicht darin auf. Leben in der Nachfolge Christi ist immer eine Alternative zur herrschenden Weltordnung.

Martin Voß, Dekan in Ludwigsstadt

Gebet: Herr, unser Gott, jeder von uns will geliebt werden, will im Einklang leben mit den anderen Menschen. Wir haben auch Angst anzuecken, gar gemieden zu werden. Gib uns Mut unseren Glauben an Jesus Christus öffentlich zu bekennen und zu leben. Zeige uns deinen Willen für unsere Zeit und Welt. Schenke uns die Ausdauer und die Kraft uns als Kirche nicht mit den Herren dieser Welt zu arrangieren, sondern ein Leben in der Nachfolge Jesu als Alternative für diese Welt aufzuzeigen. Amen.

Lied 384: Lasset uns mit Jesus ziehen

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