Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 41)

Alle reden von „Spiritualität“

Zur Bedeutung eines modischen Begriffs in und außerhalb der Kirche

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Einekirchliche Fahne mit Kreuz spiegelt sich in einem Fenster. So spiegelt sich selbst die Bedeutung des Kreuzes heutzutage in ganz unterschiedlichen Spiritualitäten. Foto: th
   

Ernst Meier ist ein frommer Mann. Er betet täglich mehrmals, liest oft in der Heiligen Schrift und geht ziemlich regelmäßig in den Gottesdienst. Er ist hilfsbereit und meist ein fröhlicher Christenmensch. Aber er zögert, womöglich im Gespräch mit anderen von seiner „Frömmigkeit“ zu sprechen. Und zwar nicht nur aus frommer Bescheidenheit, sondern weil er begrifflich unsicher geworden ist. Spricht man nicht allenthalben eher von „Spiritualität“? Eine Modebegriff geradezu, der inzwischen gang und gäbe ist – ob in Kirchengemeinden, Erwachsenenbildung oder Esoterikzirkeln, der aber in seiner Bedeutung schillert. Ernst Meier ist neugierig geworden. Er spürt: Eine Klärung tut not, wenn er über christliche Glaubenspraxis sprachfähig bleiben will. Dann ist es wirklich wichtig zu wissen, was „Spiritualität“ bedeutet oder besser: bedeuten kann – gerade weil es im Kern des Begriffs um „Geist“ (lateinisch: spiritus) geht.

Bunt schillernder Begriff

Heute ist es „in“, etwas übrigzuhaben für „Spiritualität“. Man ist wieder gern „spirituell“. Ohne zu erröten, bejaht man es, religiös zu sein. Man liebt Meditation und Mystik – insbesondere wenn sie fremdreligiöser Natur ist, also „exotisch“. Ob es aber dabei ums Exotische als solches geht? Wohl kaum.
Eher kommt es auf bestimmte Grundarten von „Spiritualität“ an, die sich unterscheiden lassen. Wenn man ihre elementaren Strukturen aufspürt, kann sich zeigen, dass manches Verständnis von „Spiritualität“ deutlich in Spannung tritt zu den Grundstrukturen einer am Evangelium, an der Christusbotschaft orientierten Spiritualität. Es ist deshalb ein Zeichen christlicher Spiritualität, die Spiritualitäten zu unterscheiden. Als Christen sind wir ja aufgefordert, die „Geister zu unterscheiden“. Und das betrifft gerade jene Geister und „Geistlichkeiten“, die beanspruchen, von Gott zu sein. Es geht deshalb darum, im Blick auf den so beliebten Spiritualitätsbegriff Unterscheidungen einzuüben und einzufordern.
Traditionsgeschichtlich lassen sich zwei Hauptstränge für den Spiritualitätsbegriff nachweisen. Der eine Traditionsstrang kommt aus alten Mönchstraditionen her: Er führt vom Frühchristentum bis in die moderne katholische Theologie hinein und steht für christlich-mystische Frömmigkeit. Der andere Traditionsstrang ist ein noch junger, moderner und weist zurück auf den neuzeitlichen Spiritualismus, der sich zunehmend von der christlichen Tradition losgelöst hat. Im Kontext der seit den 70er Jahren wachsenden Esoterik-Welle entwickelte sich aus diesem Traditionsstrang heraus „Spiritualität“ als ein Symbolbegriff für erfahrungsbezogene Religiosität überhaupt. Längst ist dieser Begriff inflationär geworden: Er schillert in bunten Farben – so bunt wie die Welt der Religionen! Selbst Pseudo- Religiöses schwingt mit, wenn ihn Psycho-Kulte, Öko-Freaks und Politiker für ihre Programme in Beschlag nehmen. Alle reden von „Spiritualität“. Aber wissen sie wirklich, was sie damit jeweils meinen – und was andere darunter verstehen?

Kritik am Christlichen?

Wenn Ernst Meier vielleicht denkt, dem Begriff einmal durch Nachschlagen in Fachbüchern auf den Leib rücken zu können, sieht er sich allemal enttäuscht. So heißt es im „Handwörterbuch religiöser Gegenwartsfragen“: „Man fragt und sehnt sich nach einer ‘Spiritualität’ oder einer ‘spirituellen Gruppe’; man möchte, daß die Kirche, ihr Erschei-nungsbild und ihre Pastoral ‘spiritueller’ seien. Kein Wunder, daß in diesem vielfältigen Gebrauch der Begriff Spiritualität selbst sehr vage und die jeweils gemeinte Sache äußerst unscharf bleibt.“ Im „Prakti-schen Lexikon der Spiritualität“ ist zu lesen: „Spiritualität ist ein dem Gebrauche nach neuerer Begriff mit nicht eindeutig umschreibbarem Inhalt.“ Und das „Evangelische Kirchenlexikon“ stellt lapidar fest: „In dem vielfältigen Sprachgebrauch bleiben der Begriff Spiritualität wie auch die jeweils gemeinte Sache äußerst unscharf.“
Ernst Meier hat es geahnt: Der Spiritualitätsbegriff ist längst an die Stelle des spezifisch deutschen Wortes „Frömmigkeit“ getreten. Alte Formen, womöglich auch alte Inhalte scheinen sich – zumindest in Teilen – überlebt zu haben. Wer heute von Spiritualität spricht, meint damit oft gar nichts Christliches mehr. Womöglich schwingt sogar Kritik am Christlichen mit, wenn der Begriff im Munde von Heiden, Esoterikern und Humanisten gebraucht wird.

Hinduistische Färbung

Das Einzige, was allgemein vom Spiritualitätsbegriff ausgesagt werden kann, ist seine prinzipielle Bezogenheit auf Geist und Erfahrung. Ein Grundsatz moderner (und postmoderner) Spiritualität lautet deshalb: „Nur was ich selber als wahr erschaue, kann ich als Wahrheit gelten lassen.“ Doch oft ist der Spiritualitätsbegriff so gefasst, dass er nicht mit dem der „Religiosität“ im allgemeinen Sinn austauschbar ist. Vielmehr bezeichnet er spezieller eine „mystische“ Religiosität, für die die besondere Erfahrung einer tiefen Einheit zwischen menschlichem Selbst und göttlichem Geist charakteristisch ist.
Wie es aber „die“ Religion nur in Gestalt von Religionen gibt und die Sprache des Menschen nur in Gestalt vieler einzelner Sprachen, so kommt auch „Spiritualität“ nur in Gestalt mehr oder weniger konkreter „Spiritualitäten“ vor. Man sollte sich insofern daran gewöhnen, den Begriff durchaus auch in der Mehrzahl zu verwenden. Der zur Mode gewordene Gebrauch in der Einzahl setzt eine Einheitlichkeit voraus, die es so gar nicht gibt. Es existiert kein interessen- oder ideologiefreien Oberbegriff von „Spiritualität“. Namentlich esoterische Strebungen in Richtung eines Spiritualitätsverständnisses, das auf eine angebliche mystische Einheit aller Religionen abzielt, täuschen sich über die Fakten hinweg: Sie verkennen oder verbergen ihre eigene Verankerung in spezifischen Traditionen und Tendenzen. Der Religionswissenschaftler Reinhart Hummel unterstreicht: „Es wird heute häufig übersehen, daß der Begriff ‘Spiritualität’, wie er heutzutage verwendet wird, nicht aus der christlichen Tradition stammt, sondern gegen Ende des vorigen Jahrhunderts im englischsprechenden Reformhinduismus bei dem Bemühen entstanden ist, der westlichen Welt das geistige Erbe des Hinduismus zu vermitteln.“
Der Münchener Esoteriker Wolfgang Dahlberg etwa kann in diesem „spirituellen“ Horizont den gar nicht christlichen Satz formulieren: „Wer sich selbst hilft, dem hilft auch Gott.“

Authentisch christlich

Der christlich gemeinte Begriff von „Spiritualität“ kommt indessen her von der Unterscheidung zwischen Schöpfung und Schöpfer, zwischen Sünder und Gnade. Gleichwohl ist auch er „mystisch“ gefärbt: Mit Christus ist ja der Glaubende „ein Geist“, wie es Paulus ausdrückt (1. Korinther 6,17). Aber das ist eine Mystik der Liebe, der Beziehung.
Im 1. Johannesbrief heißt es: „Ein jeglicher Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott.“ Geister und Spiritualitäten gibt es viele, ohne dass diese Vielfalt als solche heilig zu sprechen wäre! Mit Recht betont der evangelische Theologe Wolfhart Pannenberg: „Die Beziehung zum Christusbekenntnis ist schon bei Paulus einziges Kriterium für authentische Spiritualität gewesen und in diesem Sinn für die christliche Kirche aller Zeiten maßgebend geblieben.“ In Zukunft wird Ernst Meier sensibel hinhören, wenn auf einem Plakat oder in einer Diskussion lapidar von „Spiritualität“ die Rede ist.

Werner Thiede

 

 


 

Jesus nachfolgen ist kein Spaziergang

Jesus spricht: Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.
Matthäus 10, 34-39

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Kein bequemer Weg: die Nachfolge Jesu schließt das Kreuz im eigenen Leben mit ein. Foto: Wodicka
   

„Toleranz“ lautet das große Schlagwort unserer Tage. Sie wird oft eingefordert aber selten geübt. Manchmal sind gerade diejenigen, die sie für sich fordern Andersdenkenden gegenüber höchst intolerant. Manche verwechseln Toleranz mit Gleichgültigkeit, Beliebigkeit oder Gleichmacherei. Tolerant kann letztlich nur sein, wer selbst eine feste Überzeugung hat. Zu recht sind wir empfindlich gegen alles, was extrem und fanatisch klingt. Gerade religiöser Fanatismus ist gefährlich. Religiös motivierte Terroristen und Selbstmordattentäter ziehen eine Spur der Vernichtung und des Todes.

Jesu Worte klingen ziemlich radikal. Er redet vom Schwert, aber er gibt es seinen Leuten nicht in die Hand. Er heilt Wunden, die seine Jünger schlagen. Er lässt sich ans Kreuz schlagen und bittet für seine Feinde. Jesus ist die Liebe Gottes in Person. Die Antwort der Welt auf diese Liebe sind einerseits hasserfüllte Ablehnung und rohe Gewalt. Selbst in seiner eigenen Familie stößt Jesus auf Widerspruch. Andererseits gab und gibt es viele Menschen, die ihr Leben auf Jesus Christus ausrichten. Das hat Folgen.

Ein Leben mit Jesus ist kein Spaziergang. Es kann viel kosten, wenn sich ein Mensch ganz auf Jesus Christus einlässt. Die Nachfolge Jesu schließt das Kreuz im eigenen Leben mit ein. Unverständnis im Freundes- und Familienkreis, Spott der Arbeitskollegen, Mitschüler oder Vereinskameraden gehören dabei zu Reaktionen, die Christen in unseren Breiten zu schaffen machen können. In anderen Regionen unserer Welt kommt das Bekenntnis zu Jesus teuer zu stehen. Berufliche Nachteile, Verleumdungen, Ausstoßung aus der Familie, Folter, Gefängnis oder sogar der Tod können die Folge sein. Dies gilt vor allem für manche vom Islam oder von marxistischen Ideen geprägte Länder.

Aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen wird das Leiden unserer Mitchristen bei uns leider oft verschwiegen. Zu echter Toleranz gehören auch Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit. Gebet und Eintreten für die Bedrückten sind eine wichtige Aufgabe für uns Christen. Nutzen wir die Freiheit und die Möglichkeiten, die uns noch geschenkt sind zum mutigen Einsatz für unseren christlichen Glauben und für die Bedrängten und Verfolgten unserer Tage.

Michael Wehrwein, Dekan, Lohr am Main

Wir beten: Herr, Jesus Christus, wir danken dir dafür, dass wir in unserem Land unseren Glauben an dich frei und ungehindert bekennen können. Wir bitten dich für unsere bedrängten und verfolgten Brüder und Schwestern in vielen Ländern der Erde. Stärke sie und erhalte sie in deiner Liebe. Amen.

Lied 377: Zieh an die Macht, du Arm des Herrn...

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