Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 40)

Kirchenvorstandswahl als Chance begreifen

Roßmerkel: „Hier stellen wir uns als demokratisch verfasste Kirche dar“

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Das Logo für die Kirchenvorstandswahl. Foto: privat
   

Die Farbe des Plakats ist keineswegs parteipolitisch zu verstehen. Ein dunkles Rot dient als Hintergrund für das dicke Kreuz, das fast ein Viertel der Gesamtfläche bedeckt. Es soll den Betrachter dazu animieren, unbedingt seine Stimme abzugeben. Erst wer genauer hinblickt, kann den Text entziffern, der darüber aufklärt, wer oder was da eigentlich zur Wahl steht: „Aufkreuzen für die Gemeinde,“ ist da zu lesen. Womit das Grübeln noch nicht beendet ist: Wer kreuzt da wo auf?
Die Mehrdeutigkeit dieses Slogans für die Kirchenvorstandswahlen im Jahr 2006 ist durchaus Programm. „Zum ersten wird deutlich gemacht, dass Menschen aufkreuzen müssen, die die zukünftigen Kirchenvorsteher wählen“, erklärt Kirchenrat Thomas Roßmerkel aus München. Zweitens müssten auch die Gewählten später immer wieder in ihren Gemeinden aufkreuzen, um dort etwas zu bewegen. Nicht zuletzt deute der Slogan an, worum es bei einem Kirchenvorstand in erster Linie geht: „Es handelt sich um ein geistliches Leitungsgremium und nicht um den Vorstand eines Sportvereins“, fügt Roßmerkel hinzu, der im Landeskirchenamt als Referent für Gemeindeentwicklung tätig ist. An diesem Logo sollen sich die Kirchenvorsteher in den sechs Jahren ihrer Amtszeit orientieren: „Das Kreuz Jesu und die Auferstehung erinnern uns daran, wer wir als Christen sind und was unseren Glauben ausmacht.“

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Unter den Augen von Irmgard Fehn (links) gab die 15-jährige Hannah Günther (rechts) vor sechs Jahren in der Hoffnungskirche in Würzburg-Versbach ihre Stimme bei der Kirchenvorstandswahl ab. Erstmals durften konfirmierte „Kids“ ab 14 Jahren wie Julia (17), Nina (15), Christina (14), Andre (16) und Melanie (15) (von rechts) wählen. Fotos: epd/F
   

Die Kirchenvorstandswahlen der bayerischen Landeskirche 2006 werfen bereits ihre Schatten voraus. Rund 11.500 Kirchenvorsteherinnen und -vorsteher werden am 22. Oktober nächsten Jahres in über 1.500 Gemeinden gewählt. Wahlberechtigt ist jedes konfirmierte Kirchenmitglied ab 14. Wählbar sind alle Gemeindeglieder, die am Wahltag volljährig geworden sind. Die Vertrauensausschüsse in den Gemeinden sind ab sofort aufgerufen, Vorschläge zu sammeln und die Wahl vor Ort zu organisieren. Wahlberechtigt werden etwa 2,3 Millionen Protestanten im Freistaat sein. Und die sollten sich ihre Wahl gründlich überlegen. Schließlich haben KirchenvorsteherInnen eine verantwortliche Aufgabe – ganz anders als beim katholischen Pendant, dem Pfarrgemeinderat. KirchenvorsteherInnen verfügen über ein Mitspracherecht bei allen Personalentscheidungen inklusive der Besetzung von Pfarrstellen. Außerdem ist der Kirchenvorstand für den Finanzhaushalt einer Gemeinde verantwortlich und entscheidet in Fragen der Gottesdienstgestaltung.

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KirchenvorsteherInnen entscheiden bei der Besetzung einer Pfarrstelle und über die Gestaltung von Gottesdiensten. Außerdem sind sie für den Finanzhaushalt einer Gemeinde verantwortlich.
   

Nach welchen Kriterien aber sollten die „Neuen“ in den Blick genommen werden? „An erster Stelle ist auf bevorstehende Herausforderungen zu achten“, unterstreicht Roßmerkel. Welche Projekte stehen in den nächsten sechs Jahren an? Das kann eine Baugeschichte sein oder ein Schwerpunkt, den ich im Gemeindeaufbau setzen will. Wer zum Beispiel die Familienarbeit voranbringen möchte, sollte natürlich Bewerber ansprechen, die im KV ihre Erfahrungen mit Kindern oder Familienarbeit einbringen können. Ein Problem wäre da noch zu nennen. Viele Pfarrer sind doch froh, wenn sich überhaupt jemand aufstellen lässt, beklagt ein Fürther Geistlicher, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Auch in diesem Punkt macht Thomas Roßmerkel Mut: „Wir können für unsere Kirche durchaus werben und müssen uns mit unseren Angeboten nicht verstecken.“ Die Leute seien heutzutage durchaus bereit, sich zu engagieren. Man müsse ihnen aber reinen Wein einschenken: „Sagen Sie den eventuellen KandidatInnen offen, welche Aufgaben auf sie zukommen; verschweigen Sie aber auch nicht die Vorteile“ – so bringt es Roßmerkel auf den Punkt.

Kirchenvorstand hat Vorteile

„Als Kirchenvorsteher erhalten Sie völlig neue Einblicke in Gesellschaftsstrukturen und kommunale Belange“, betont der Kirchenrat. Hier könnten Menschen auch Kompetenzen einbringen, die im Beruf manchmal zu kurz kämen. Roßmerkel denkt zum Beispiel an technische oder handwerkliche Arbeitsbereiche, bei denen soziale Aspekte nicht unbedingt im Vordergrund stehen. Auch für Arbeitslose oder Rentner könne die Beteiligung als Kirchenvorsteher eine neue Erfüllung und Befriedigung bedeuten. Die zahlreichen Kontakte, die man da knüpft, bereichern und fördern die persönliche Entwicklung, ist Roßmerkel überzeugt. Problematisch sei nach wie vor, dass Viele gar nicht wüssten, was ein Kirchenvorsteher eigentlich macht. So käme es auf eine gute Öffentlichkeitsarbeit an, um der Wahlbeteiligung von 17,8 Prozent (2000) im kommenden Jahr auf die Sprünge zu helfen. Roßmerkel rät allerdings ab, zu sehr auf diese Zahl zu blicken. Die KV-Wahl sei auch bei geringer Wahlbeteiligung eine riesen Chance: „Hier zeigen wir uns – auch Distanzierten gegenüber – als eine demokratisch verfasste Kirche, bei der man mitreden und Entscheidungen treffen kann.“

Günter Kusch

 

 


 

Es ist dir gesagt, Mensch!

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.
Micha 6,8

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Dem dienen alle Gebote: die gute Gemeinschaft mit Gott fortgesetzt zu erfahren und die gute Gemeinschaft unter den Menschen zu stärken. Foto: Wodicka
   

Die Lutherübersetzung gibt den hebräischen Urtext nur unvollkommen wieder. „Fordern“ ist im Deutschen viel zu grob für das, was im Hebräischen steht; besser übersetzt man: „Es ist dir gesagt, Mensch, was der Herr bei dir sucht, was er von dir erwartet“. Aber es bleibt dabei: Gott weiß besser als wir, was gut für uns ist. Gut für uns ist seine Weisung für unser Leben. Was ist diese nun? Unser Wochenspruch macht hierzu drei konkrete Aussagen. Die erste übersetzt Luther so: „Gottes Wort halten“. Im hebräischen Urtext steht: Der Herr fordert von dir nichts als „Recht tun“. Nicht allgemein ist hier ans Wort Gottes gedacht, das zu „halten“ wäre, sondern es geht darum, die „Rechtsordnung“ zu tun, nämlich den Lebensraum der Gebote anzunehmen – den guten Willen Gottes, wie er ihn Israel vom Sinai her anvertraut hat. Das zielt auch mitten hinein in unsere Lebenspraxis, in unser Reden und Tun – Tag für Tag. Da sollen wir „Recht tun“, jedem und gerade den Schwachen ihr Recht zugestehen.

Liebe spielt dabei offensichtlich eine große Rolle. Das zeigt sich auch in der Fortsetzung unseres Verses: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist: Recht tun, Liebe üben“. Das Zweite können wir einfach als Kommentar zum Ersten ansehen. Gottes Rechtswillen tun, das heißt eben wesentlich: Liebe üben, denn darauf zielen alle Gebote. Daran hängt ja, wie Jesus sagt, das ganze Gesetz und die Propheten. Was ist Liebe? Das Wort, das im hebräischen Urtext steht, bedeutet so viel wie „Solidarität“ oder „Gemeinschaftssinn“, das Verbundenheitsverhältnis zwischen Gott und den Menschen wie der Menschen untereinander. „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr bei dir sucht: Gottes Rechtsordnung tun und Gemeinschaftssinn üben“. Dem dienen alle Gebote: die gute Gemeinschaft mit Gott weiterhin zu erfahren und die gute Gemeinschaft unter den Menschen zu stärken. Darauf kommt es an. Gottes Rechtsordnung tun und Gemeinschaftssinn üben – eins ist untrennbar mit dem anderen verbunden. Das sieht man auch daran: Im Alten Testament heißt das Wort, das wir im allgemeinen mit „richten“ übersetzen, so viel wie „schlichten“. Richten und schlichten, das ist alttestamentlich eins. Rechtsprozesse sollen dem Zweck dienen, zerrüttete Gemeinschaft wieder herzustellen. Deshalb ist der Rechtswille Gottes gut für den Menschen.

Das Dritte, das gut ist für den Menschen, heißt nach Micha: „demütig sein vor deinem Gott“. „Demut“ – dieser Begriff ist unter uns ein wenig außer Gebrauch geraten, und das auch nicht ohne Grund. „Demut“ verlangten früher die Tyrannen von ihren Untertanen. Aber das ist hier nicht gemeint. Das hebräische Wort an dieser Stelle bedeutet so viel wie Aufmerksamkeit, Besonnenheit, Wachsamkeit. Was ist also gut für den Menschen? „Aufmerksam, besonnen, wachsam mitgehen mit deinem Gott“. Was für ein schönes Bild: aufmerksam mitgehen mit deinem Gott. Mit dem Gott, von dessen Wohlwollen du aus dem Alten und Neuen Testament wissen darfst. Du darfst mitgehen, aufmerksam mitgehen mit dem Gott, der dir deinen Weg bahnt durch gute und schlechte Tage, ja durch den Tod hindurch ins Leben. Sieh nur immer aufmerksam auf ihn, so wird dein Fuß nicht gleiten, so wird er dich ans Ziel führen, in sein Reich, nach seinem guten, liebevollen Plan.

Johannes Rehm, Studierendenpfarrer in Bamberg

Gebet: Ich verwehre meinem Fuß alle bösen Wege, damit ich dein Wort halte. Ich weiche nicht von deinen Ordnungen; denn du lehrst mich. Dein Wort ist meinem Munde süßer als Honig. Dein Wort macht mich klug; darum hasse ich alle falschen Wege. Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. Amen. (Psalm 119, 101-105)

Lied EG 295: Wohl denen, die da wandeln

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