Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 39)

„Wie man sich freut in der Ernte“

Das Erntedankfest hat eine lange Geschichte

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Von der Ernte auch anderen etwas übrig lassen: Ährenleserinnen im alten Israel. Bild: Archiv
   

„Können wir heuer Erntedankfest feiern? Welch ein Unterschied zu den Friedensjahren! Unsere Stadt in Trümmern. Manche fränkische Dörfer verwüstet. Tausende tot. Abertausende im Elend. Gibt es da etwas zu danken?“ Diese Fragen stellte im Oktober 1945 ein Pfarrer am Anfang seiner Predigt. Und die Gemeinde gab ihm wohl Recht. Vor 60 Jahren fehlte ein wesentlicher Teil der Feststimmung.
„Wie man sich freut in der Ernte“ – so heißt es sprichwörtlich schon beim Propheten Jesaja. Im Alten Testament hat das christliche Erntedankfest seine Wurzeln. Als das Volk Israel im „gelobten Land“ sesshaft wurde, eröffnete sich ihm die bäuerliche Kultur. Die Menschen lebten nicht mehr wie in der nomadischen Zeit allein vom Ertrag der Viehzucht. Zum Lebensalltag gehörte jetzt vor allem der Ackerbau mit Saat und Ernte. Von den alten Bewohnern Kanaans lernte man die erforderlichen Techniken. Auch die Erntefeste machten Eindruck und wurden übernommen: Im Frühjahr das Mazzot-Fest bei Beginn der Gerstenernte, 50 Tage später das Wochen-Fest zum Ende der Weizenernte. Dazu kam nach Ernte der Weintrauben und Baumfrüchte ein Herbstfest, das zugleich als Abschluss des Jahres galt. Es wurde wohl schon von den Kanaanäern in Laubhütten gefeiert.

An Taten Gottes erinnern

Die Gefahr lag nahe, dass sich der Erntedank mit dem Glauben an die alten Fruchtbarkeitsgottheiten verband. Israel erinnerte sich deshalb bei jedem Fest an eine Großtat seines Gottes. Mit dem Mazzot-Fest wurde das Pascha verbunden, die Feier der Verschonung beim Auszug aus Äypten. Das Wochen-Fest bekam den Bundesschluss am Sinai zum Inhalt. Die Laubhütten brachte man mit den Zelten der Wüstenzeit in Verbindung. Später wurde der Versöhnungstag zum Höhepunkt des Herbstfestes. Ort aller Feiern war Jerusalem und so gaben sie Anlass zu großen Wallfahrten.
In der Verkündigung von Jesus bekam das Bild der Ernte im Gleichnis vom reichen Kornbauern ernste Züge. In einem anderen Gleichnis sieht Jesus das Ende der Welt als letzte Ernte: „Die Schnitter sind die Engel. Alles was Unrecht tut, wird in den Feuerofen geworfen; da wird sein Heulen und Zähneklappen. Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich.“
Die frühen Christengemeinden lebten in solcher Erwartung. Sie feierten die in ihrer heidnischen Umgebung üblichen Ernteopfer und Feste nicht mit. Als später die Germanen Christen wurden, musste die Kirche zu deren alten Erntebräuchen Stellung nehmen. Der Gott Donar verlieh nämlich nach germanischem Glauben der Erde und allen Lebewesen Fruchtbarkeit. Bei Beginn und am Ende der Ernte war seiner gedacht worden. Jetzt erfolgte der erste Sensenschlag in Form eines Kreuzes und die ersten Garben wurden kreuzweise auf den Kornboden gelegt. Die letzte Garbe, als Puppe gebunden, hieß der „Kornalte“. Aber sie sollte nicht mehr an Donar, sondern an den heiligen Petrus erinnern.

Der christliche Charakter des Erntedankes wurde vor allem in besonderen Feiern der Messe deutlich. Dabei segnete der Priester die Früchte und stimmte das „Te Deum laudamus“, den Ambrosianischen Lobgesang, an. Die Termine waren örtlich verschieden, häufig am Ende des Monats September. In den evangelischen Kirchen gab es seit der Reformationszeit Danksagungen für die eingebrachte Ernte. Sie waren ebenfalls mit dem Tedeum verbunden, das Luther eigens ins Deutsche übertragen hatte. In ländlichen Gemeinden wurden bald auch Erntedankpredigten Sitte. Ihr Inhalt ist bis heute in einigen Kirchenliedern erhalten. Allmählich bildete sich ein ausgeprägtes Erntedankfest heraus, meistens an Michaelis oder einem benachbarten Sonntag. Es stand in gedanklicher Verbindung mit dem Buß- und Bettag. Eine schlechte Ernte forderte zur Buße heraus, eine gute gab Anlass, die Güte Gottes zu preisen.
In Preußen wurde unter Friedrich dem Großen im Jahr 1773 das Erntedankfest offiziell eingeführt und am Sonntag nach Michaelis – meistens der erste Oktobersonntag – begangen. Als die Markgrafschaften Ansbach und Bayreuth unter preußische Verwaltung kamen, wurde 1796 diese Einrichtung übernommen. In allen evangelischen Gemeinden des Königreiches Bayern feierte man seit 1818 Erntedankfest. Die Predigten gingen in der Regel über das Evangelium vom reichen Kornbauern aus Lukas 12 oder die Epistel aus 2. Korinther 9: „Wer da kärglich sät, wird auch kärglich ernten. Wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.“ Wilhelm Löhe warnte in den 1850er Jahren seine Gemeinde in Neuendettelsau vor dem Missbrauch der Ernte und erklärte, wie sie „recht zu gebrauchen“ sei: „Menschen, welche in Gott ihre volle Genüge gefunden haben, sind reich. Sie legen alles, was sie haben, in Gottes Hände. Der gedenkt ihrer Treue und schüttet dermaleinst die Fülle seiner Verheißungen über sie aus.“
Der mit einer Abendmahlsfeier verbundene Gottesdienst stand damals im Mittelpunkt des Festes. Blumen und Früchte aus Feld und Garten schmückten den Altar. Doch auch die weltlichen Freuden kamen nicht zu kurz, mit Gebäck und reichlichem Mittagessen. Der Vorabend brachte den Erntetanz, manchmal nicht ganz im Sinn des Pfarrers.
Das Wort aus der Festtags-Epistel „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“ fand meist offene Ohren. Zum Erntedank gehörten Naturalgaben und Geldspenden für die Bedürftigen. Eine Erinnerung an die biblische Sitte, nicht die ganze Ernte in die Scheune zu bringen. Im 3. Mose, 23 heißt es: „Wenn ihr euer Land aberntet, sollt ihr nicht alles bis an die Ecken des Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten, sondern sollt es den Armen und Fremdlingen lassen.“
In den Städten wurde in den folgenden Jahrzehnten die Beziehung zur Ernte lockerer. 1905 predigte Pfarrer Christian Geyer auf der Kanzel der Nürnberger Sebalduskirche über das Thema „Herbstsonne“: „Der treue Vater im Himmel grüßt uns alle im Sonnenschein. Wie wollen wir seinen Gruß erwidern? Wenn das Lob Gottes in der Natur angestimmt wird. Wir sind der Welt den Sonnenschein der Liebe schuldig.“ Zehn Jahre später, in der Not des Ersten Weltkriegs, lernten auch die Leute in der Großstadt den Wert einer Ernte neu zu schätzen.

Schreckliche „Ernte“

Die Nationalsozialisten betonten die Bedeutung von „Blut und Boden“. Erntedank wurde zum „Fest des deutschen Bauern“ umfunktioniert und germanisches Brauchtum aus der Mottenkiste der Geschichte hervorgeholt. Schlimmer war, wenn man im Oktober 1939 nach dem Sieg über Polen von der „Ernte auf den Schlachtfeldern“ sprach. Dass es hier um eine blutige Saat gegangen war und eine schreckliche Ernte heranwuchs, wurde bald deutlich. Die auf die Niederlage folgende Hungerzeit lehrte viele wieder, für das tägliche Brot zu beten. Nach zwei Jahrzehnten freilich sah manches nocheinmal anders aus. „Auch ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“, lautete in der DDR das Motto bei den kräftig herausgestellten Großeinsätzen. Der Spruch kam bei vielen Menschen nicht gut an. Im Westen verließ man sich auf den Weltmarkt. Als es im verregneten Sommer 1965 große Ernteausfälle gab, schrieb eine Zeitung: „Das miserable Wetter regt die Bundesbürger mehr wegen des verdorbenen Urlaubs als wegen der Verluste an Menge und Qualität der Ernte auf. Zur Freude der Länder mit Agrarüberschüssen wird eben mehr in die BRD importiert werden.“
In den Kirchen hatte man damals Mühe, gegen eine solche Sicht der Dinge anzugehen. Inzwischen ist mit dem geschärften Blick und der Verantwortung für die Natur ein neues Gefühl entstanden für alles, was wächst und lebt. Das Erntedankfest erfreut sich großer Beliebtheit. Bei der Zahl der Gottesdienstbesucher kommt es in vielen Gemeinden gleich nach dem Heiligen Abend. Besonders die Familiengottesdienste zeigen, dass es für junge und alte Menschen auch heute noch heißen kann: „Wie man sich freut in der Ernte.“

Christoph Schmerl

 

 


 

Gott lässt wachsen und gedeihen

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Wir pflügen und wir streuen
den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen
steht in des Himmels Hand:
der tut mit leisem Wehen
sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen,
Wuchs und Gedeihen auf.

EG 508

Der Kraft des Gebetes vertrauen

Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach. Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. Und er kam und predigte in ihren Synagogen und trieb die bösen Geister aus.
Markus 1, 35–39

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Dem dienen alle Gebote: die gute Gemeinschaft mit Gott fortgesetzt zu erfahren und die gute Gemeinschaft unter den Menschen zu stärken. Foto: Wodicka
   

Jesus hat sich zurückgezogen, um zu beten. Seine Jünger waren damit nicht einverstanden. Simon und seine Leute laufen ihm nach. Ihr Vorwurf, den sie – noch außer Atem – vorbringen lautet: „Jedermann sucht dich!“ Viele Menschen in Kapernaum warten auf den erfolgreichen Heiler. Doch der hat sich zurückgezogen. Das Unverständnis der Jünger ist gut zu verstehen. Menschen wollen geheilt werden. Doch Jesus verweigert sich.

Warum hat sich Jesus zurückgezogen, obwohl er doch gebraucht wurde? Die Antwort setzt uns auf eine ganz wichtige Spur: Auch Jesus kann nicht aus eigener Kraft in einem fort heilend tätig werden. Auch Jesus holt sich Kraft in dem Gespräch mit dem Vater; das Gebet in der Stille hilft ihm, die Anfechtungen abzulegen, die den Erfolgreichen bedrängen. Das Gebet in der Stille hilft ihm, sich neu zu sammeln. Es wird deutlich: Was Jesus zum Heil der Menschen tut, das empfängt er von oben, vom himmlischen Vater.
Martin Luther hat sinngemäß einmal gesagt: „Der Arzt Jesus würde kraftlos sein, wenn der Beter Jesus versagte“. Handeln ohne Rückbindung an Gott im Gebet lässt die von Gott gewiesene Richtung verlieren. Jesus hatte sich die ganze Nacht, vom Untergang der Sonne bis zum Aufgang der Sonne, um Kranke bemüht; jetzt betete er zum Vater, um neue Kraft zu schöpfen und um neu orientiert zu werden. Das ist es, was auch wir berücksichtigen sollten, wenn wir uns aufmachen, in der Nachfolge Jesu zu helfen, zu heilen, und Menschen in ihrer Not zu begleiten. Bevor wir uns aufmachen, brauchen auch wir das Gespräch mit Gott, das Gebet. Wenn wir ausziehen, um die bösen Geister auszutreiben, seien es die der Krankheit oder Ichsucht, der Geldgier oder des Krieges, so brauchen wir die Rückbindung an Gott. In der Stille des Gebetes zeichnet sich der Weg ab, der für uns und unser Handeln richtig ist. Als Jesus sein Gebet beendet hat, widersetzt er sich dem Drängen seiner Jünger, in die Stadt Kapernaum zurückzukehren. Vielmehr sagte er zu ihnen: „Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.“ Jesus wurde im Gebet in eine neue Richtung gelenkt. Die Heilungen hatten seine Macht erwiesen, die von Gott gegeben war. Sie waren in Kapernaum eine Form der Verkündigung. Doch das war nicht genug. Jesus wollte alle Menschen heil werden lassen. Das geschah zumeist ganz einfach dadurch, dass er zu den Menschen sprach. Durch Sprechen von Gott und Handeln aus seiner Kraft setzte Jesus das in Gang, wozu er gekommen war: Gott dem Menschen und dadurch den Menschen Gott nahe zu bringen.

So wie Jesus damals in Wort und Tat Gottes Liebe verkündigte, so spricht er auch heute durch Wort und Tat seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger zu uns. Wo wir für diese Nachfolge Orientierung und Kraft brauchen, hilft es, wenn wir uns im Gebet an ihn wenden. Jesus hat hier seiner christlichen Gemeinde den Weg gewiesen, sich den Nöten der Mitmenschen anzunehmen, der körperlichen und seelischen, der materiellen wie der Glaubensnot.
Zugleich hat er uns ein Beispiel gegeben, immer wieder inne zu halten und in der Stille das Gespräch mit Gott zu suchen. In der Zuversicht unseres Glaubens, dass Gott uns orientiert, bitten wir ihn, dass er uns die Kraft geben möge, in der nächsten Woche im weitesten Sinne heilend wirken zu dürfen.

Pfarrer Hanns Kerner, Gottesdienstinstitut Nürnberg

Gebet: Gott, du Quelle des Heils, vor dir halte ich inne und rufe zu dir: schenke mir Orientierung und Kraft für die neue Woche. Zeige du mir meinen Weg. Führe und leite mich in meinen Worten und Taten. Amen.

Lied 320: Nun lasst uns Gott, dem Herren, Dank sagen und ihn ehren.

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