Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 37)

Alltagserfahrungen mit dem Übersinnlichen

Über das Vorkommen alltäglicher „Wunder“ in Deutschland haben Parapsychologen geforscht

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Das kennen mehr Menschen, als man meint: Wahrträume, Gedankenübertragung, hellseherische Symbol-Erscheinungen in der Aufwachphase und Ähnliches. Parapsychologen erforschen diese außergewöhnlichen Phänomene. Foto: Wodicka
   

Nicht wenige Menschen kennen das aus eigener Erfahrung: Gedankenübertragung, treffende Vorahnungen, Todesankündigung durch Klopfgeräusche und Ähnliches mehr, das sich spontan, also ungesucht einstellt – und dabei schlicht unerklärlich bleibt. Die einzige Wissenschaft, die sich darum zu kümmern pflegt, heißt gemeinhin „Parapsychologie“: Ihr geht es, wie die griechische Silbe „para“ (deutsch: neben) sagt, um Phänomene, die neben der „normalen“ Erfahrung vorkommen. Seit den letzten Lebensjahren des deutschen Parapsychologen Hans Bender (1907-1991), einst Professor für Psychologie und Grenzgebiete der Psychologie in Freiburg im Breisgau, war es allerdings um die wissenschaftliche Parapsychologie in der Öffentlichkeit eher still geworden. Lediglich im Zusammenhang mit der Welle des Jugendokkultismus und des Esoterik-Booms erinnerte man sich gelegentlich an sie. Doch inzwischen liegt ein Buch vor, das in dieser Hinsicht für eine Trendwende steht: Parapsychologische Forschung bemüht sich verstärkt um allgemein interessierende Themen.

Hoher Prozentsatz

Das Buch „Alltägliche Wunder“, herausgegeben von Eberhard Bauer und Michael Schetsche, ist in diesem Sinne Startband einer Reihe namens „Grenzüberschreitungen“, die als ganze von den beiden Herausgebern herausgebracht wird: „Hier werden nicht Informationen aus zweiter Hand geliefert, die bereits den weltanschaulichen Filter passiert haben, sondern ‚frische’ Forschungsergebnisse und Erklärungsansätze, die aktuell sind und insofern den intellektuellen Diskurs über außergewöhnliche Phänomene in der Öffentlichkeit – sei es nun eine wissenschaftliche oder nicht – beflügeln helfen.“
Mit den „alltäglichen Wundern“ thematisiert der Startband Ergebnisse erfahrungsbezogener Kultur- und Sozialforschung hinsichtlich der Verbreitung parapsychologischer Phänomene und der Einstellung zu ihnen. Etliche Studien in anderen Ländern gehen in-zwischen davon aus, dass zwischen 30 und 50 Prozent der Bevölkerung außergewöhnliche Erlebnisse haben. Im internationalen Vergleich liegen die USA eindeutig an der Spitze; in Euro-pa ragen Italien und Finnland heraus, gefolgt von Frankreich und Deutschland. Mehrere Stu-dien stellen eine Zunahme solcher Erfahrungen wie auch des „Glaubens“ an ihre Reali-tät fest, so „dass das so genannte Außergewöhnliche eigentlich eher etwas Gewöhnliches ist.“ Es zeigt sich, dass „die persönlichen Überzeugungen von Existenz und Wirken übersinnlicher Phänomene fester Bestandteil des Glaubenssystems moderner Gesellschaften sind.“

Religiosität spielt eine Rolle

Demnach spielt menschlicher „Glaube“ auf diesem Gebiet eine Rolle. In der Tat hatte den Zusam-menhang „paranormaler“ Erfahrungen mit religiösen Einstellungen und Deutungen schon manch frühere Studie herausgestellt, wie Michael Schetsche und Ina Schmied-Knittel im Zuge der Vorstellung der Gesamtergebnisse zu berichten wissen. Von einer völlig „verweltlichten“ Gesellschaft kann offenbar keine Rede sein; die vorliegende Untersuchung bestätigt das.
Ein Hauptergebnis des „Psi-Reports Deutschland“, der auf Telefoninterviews mit über 1500 Personen (davon 20 Prozent aus den neuen Bundesländern) beruht, ist die überraschende Höhe jenes Bevölke-rungsanteils, der sich vorstellen kann, dass Menschen spüren, wenn andere in Krisen geraten oder darin umkommen. Dieser Anteil liegt bei 73 Prozent! Also nur etwa jede(r) Vierte kann sich dergleichen nicht vorstellen – wobei die Vorstellbarkeit offenkundig zusammenhängt mit der jeweiligen Religiosität. Umgekehrt ist es beim Ufo-Glauben: Den teilt nur jede(r) Vierte, und er hat mit Religiosität wenig zu tun. Die repräsentative Umfrage deutet im Übrigen darauf hin, dass die Vorstellbarkeit paranormaler Phäno-mene mit zunehmendem Alter abzunehmen scheint.
Ein weiteres, vielleicht noch wichtigeres Ergebnis der Untersuchung ist, dass insgesamt wiederum 73 Prozent der Befragten schon einmal mindestens eines der vorgegebenen parapsychischen Phänomene selber erlebt haben. Zudem sind über 25 Prozent sogar mindestens vier Arten dieser Phänomene begegnet. Das Resümee erscheint mit Recht kursiv gedruckt: „Außergewöhnliche Erfahrungen sind in der deutschen Bevölkerung erstaunlich weit verbreitet.“

Para-Erfahrungen deuten

Die vorgelegten Zahlen müssen auch den noch nachdenklich stimmen, der vielleicht gegenüber der Methodik der Telefonbefragung im Einzelnen Vorbehalte geltend machen möchte. Vielleicht tragen sie ja dazu bei, dass die zunehmende Verengung parapsychologischer Forschung auf den Laborbereich zu Gunsten einer wieder stärkeren Konzentration auf das Dokumentieren von Spontan-Erfahrungen überwunden wird.
Über 200 Personen, die nach eigener Auskunft parapsychische Spontanerfahrungen gemacht hatten, wurden in einer telefonischen Nachbefragung eingehender interviewt. Die Ergebnisse stellt der Band in Einzelkapiteln näher vor, dank derer die Themen erst richtig anschaulich werden. Es geht dann schwerpunktmäßig um Wiedererkennungseindrücke (Déjà-vu-Erfahrungen, um Wahrträume, Todesahnungen, Totenerscheinungen und Spukerlebnisse sowie um Ufo-Sich-tungen. Kundige Literaturangaben schließen die jeweiligen Kapitel ab. Wiederholt wird eine verarmte Vorstellung vom „ Jenseits“ festgestellt. Das entsprechende Veranschaulichungspotential ist unter dem langanhaltenden Einfluss des modernen Zeitalters offenkundig geschrumpft. Entsprechendes könnten Theologen über die christliche Himmelshoffnung sagen.
Das Schluss-Kapitel spricht positiv von einem säkularen, also nichtreligiösen Deutungsmuster des Übersinnlichen: „Die entsprechenden Erscheinungen werden am Ende des 20. Jahrhunderts vielmehr als ‚alltägliche Wunder’ im doppelten Sinn angesehen.“ Ob aber diese Schlussüberlegungen überzeugen können? Stehen sie nicht dem eigenen Befund eines auffälligen Zusammenhangs zwischen paranormalen Phänomene und ihrer Vorstellbarkeit mit dem Faktor „Religiosität“ entgegen? Heute werden derlei „außergewöhnliche“ Erfahrungen oft genug und allzu rasch in gewöhnliche umgedeutet, nämlich in psychische Erkrankungen. Auch die Autor(inn)en dieses Buches zeigen wenig Neigung, das völlig „Außergewöhnliche“ als solches stehen zu lassen. Parapsychologie sollte neu das Gespräch mit denen suchen, die als „Deuter“ hier mit geisteswissenschaftlicher Kompetenz in Frage kommen: Philosophen und insbesondere Theologen.
Im Frühjahr 2006 soll übrigens in derselben Reihe ein Band erscheinen zum Thema „Information und Beratung für Menschen mit außergewöhnlichen Erfahrungen“.

Werner Thiede

 

 


 

Die Lebensfrage

„Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Jesus aber sprach zu ihm: „Du sagst: Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Sogleich schrie der Vater des Kindes: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“
Markus 9, 22b-24

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Unser Glaube ist gewöhnlich mehr oder weniger durchsetzt von Zweifeln. Gottes Verborgenheit macht uns immer wieder zu schaffen. Foto: Wodicka
   

Diese Worte stammen aus der Geschichte von der „Heilung eines besessenen Knaben“. Da bringt ein Vater seinen schwerkranken Sohn zu Jesus. Symptome der Epilepsie werden beschrieben. Oft schon brachte die Krankheit den Jungen beinahe um. Seit der Kindheit leidet der Junge und die ganze Familie darunter. Die Tatsache, dem gnadenlos ausgeliefert zu sein, können sie nur als dämonisch verstehen. Wir sprechen heute nicht mehr so leicht von „besessen“; von einem „böse Geist“ zu reden, fällt uns schwer. Vielleicht öffnen uns die biblischen Autoren die Augen für die „Mächte und Gewalten“ zwischen Himmel und Erde neu. Ich denke nur daran, wie sehr lebenszerstörende Mächte, die Menschen im Griff haben und in die Selbstzerstörung treiben können, real sind. Und du kannst daneben stehen, mitleiden, zusehen, reden, mahnen, vielleicht auch beten – und alles nützt nichts. Wie sehr kann eigene oder fremde Krankheit mürbe machen, die Lebensfreude und den Glauben zerbrechen!

Da wird Gott dunkel, der Blick auf ihn verfinstert sich. Andererseits muss das nicht sein. Ich bin immer wieder Menschen begegnet, die trotz schwerster Erkrankung in der Seele froh sein konnten und ein Lied auf den Lippen oder Trost für andere hatten. Solche Menschen sind Gotteswunder auf Erden, Gnadenerweise eines sich einen Spalt öffnenden Himmels.
Spannenderweise geht bei jedem der drei Evangelisten Mattäus, Markus und Lukas dieser Geschichte die Verklärung Jesu voraus: Der besonderen Erfahrung der himmlischen Welt muss gleichsam die Begegnung mit der dämonischen Macht folgen. Die Jünger waren machtlos. Bei allen drei Evangelisten folgt nicht die Erfolgsstory „Jesus der Arzt aller Krankheiten“, sondern eine Ankündigung des Leidensweges Jesu. Das muss uns zu denken geben.

Ich mag die alte, an dem Punkt karge Lutherübersetzung „Kannst du was, so hilf!“ Welche Aufforderung ausgerechnet an Jesus! Es ist der Notschrei eines Menschen, der nicht nach Ideen und Konzepten fragt, sondern einfach Hilfe sucht. So wie die Notschreie der Menschheit angesichts einer aus den Fugen geratenen Weltordnung an die Kirche im Grund nicht fragen: „Was wisst ihr?“ Sondern sie fragen, welche bergende Kraft von ihr, ihrer Botschaft, ihren Gliedern und in allem von ihrem Herrn ausgeht.
Die Antwort Jesu scheint widersprüchlich. Ich verstehe sie so: Was das Können angeht, so gilt: „Alles ist möglich für den, der glaubt.“ Das meint doch: Wer völlig auf die Macht Gottes setzt und in Übereinstimmung mit seinem Willen und dem uneingeschränkten Ja zu seinen Wegen steht – dem ist alles möglich. Ob das nur von Jesus gilt?

Bei uns pflegen sich Angst und Vertrauen, zuversichtliches Hoffen und eingestandene Unfähigkeit zu vermischen. Im Aufschrei des Mannes kommt das zum Ausdruck: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Beides ist wirklich: Glaube als Gegenwart Gottes, ja Jesu im Herzen seiner Gläubigen – und Unglauben, Verzweifeln, Gott nicht mehr alles Zutrauen. Der Riss von Glauben und Unglauben geht mitten durch die Herzen der Gläubigen hindurch. Das verneinen kann nur, wer die Not von Anfechtung, das „Angesprungenwerden“ vom verborgenen Gott aus der eigenen Lebensgeschichte und der Geschichte der Völker nicht kennt. Alles kommt dann aber darauf an, dass unsere Klage nicht bei uns bleibt, sondern bei Jesus ankommt. Er vermag zu helfen und Tragkraft zu schenken und Zukunft zu eröffnen – durch den Tod und über den Tod hinaus.

Albrecht Immanuel Herzog, Pfarrer bei der Gesellschaft für Innere und Äußere Mission im Sinn der lutherischen Kirche, Neuendettelsau

Gebet: Noch eins, Herr, will ich bitten dich, du wirst mir’s nicht versagen: Wenn mich der böse Feind anficht, lass mich, Herr, nicht verzagen. Hilf, steu’r und wehr, ach Gott, mein Herr, zu Ehren deinem Namen. Wer das begehrt, dem wird’s gewährt. Drauf sprech ich fröhlich: Amen. (EG 364,4)

Lied 365: Von Gott will ich nicht lassen

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