Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 36)

„Die Geschichten sind Klasse“

Religionsunterricht orientiert sich zunemhend mehr an den Fragen und Problemen der Kinder

Was das Schönste am Religionsunterricht ist? Für Katharina keine Frage: „Die Geschichten!“ sagt die 8-Jährige wie aus der Pistole geschossen. Die Noah-Geschichte fällt ihr ein. „Aber da gibt es bessere.“ Sie überlegt kurz und sagt dann: „Die Geschichte, wo Jesus geboren wird, die gefällt mir gut.“ Außerdem findet es Katharina schön, dass im Religionsunterricht auch mal gemalt wird oder gespielt. Mit dem Singen hat sie es nicht so.
Silvia, 39 Jahre alt, erinnert sich an ihren Religionsunterricht mit gemischten Gefühlen: „Wir mussten viel auswendig lernen, zumindest kam es mir viel vor.“ Nein, besonders angenehm erlebte sie Religion in der Schule nicht. „Zum Aufsagen mussten wir aufstehen und wenn es gut geklappt hat, gab’s ein Fleißbildchen.“ Die Bildchen waren begehrt und beliebt, das Aufsagen weniger. „Allerdings bin ich heute dankbar dafür, dass ich ein paar Psalmen und Liedverse auswendig kann.“

Orientierung am Kind

An diesen beiden Erfahrungen wird deutlich, dass sich im Fach Religion in der Grundschule einiges getan hat. „Es gibt heute auch noch Lehrer – meistens sind es Pfarrer –, die auf auswendig lernen und Belohnung setzen“, sagt Gertrud Miederer, Grundschulreferentin im Religionspädagogischen Zentrum in Heilsbronn. „Doch insgesamt hat sich der Religionsunterricht in der Grundschule schon sehr verändert.“
Die wichtigste Veränderung ist die Orientierung am Kind. „Es werden viel stärker die Probleme der Kinder aufgegriffen“, sagt Miederer. „Es wird überlegt, welche Fragen Kinder beschäftigen und welche biblische Geschichte darauf Antwort geben kann.“ Nichtsdestotrotz sollen Kinder bestimmte Gebete und Lieder auswendig lernen. „Das eine schließt das andere ja nicht aus“, so die Grundschullehrerin und Seminarleiterin. Die Fleißbildchen allerdings haben ziemlich ausgedient. „Aber es gibt so etwas wie Punkte, Aufkleber oder Stempel für besonders schöne Hefteinträge oder sonstiges.“
Bei der immer wiederkehrenden Diskussion um Auswendig lernen und eher spielerischen Unterricht ist Miederer der Ansicht, eine gesunde Mischung sei die Lösung. „Mir liegt an einem Unterricht, der alle Sinne berücksichtigt“, sagt sie. Das breite Spektrum kindlicher Fähigkeiten müsse vorkommen. „Das beinhaltet auch den kognitiven Aspekt, der sollte nicht fehlen.“

Feste Bestandteile des Religionsunterrichts sollte gemeinsames Singen ebenso sein wie Geschichten hören, sich unterhalten und Einzelarbeit. „Die Kunst besteht darin, den Kindern die biblischen Geschichten nahe zu bringen, die ja nicht für Kinder geschrieben wurden.“ Denn die Grunderfahrungen, um die es in den Geschichten geht, kennen auch Kinder. Zum Beispiel Angst. „Um Angst und Mutmachen geht es in der Geschichte von der Sturmstillung“, sagt Gertrud Miederer. Auch „Einsam sein“ und „Freunde finden“ sind Erfahrungen, die Kinder kennen – die passende biblische Geschichte dazu ist Zachäus. Bei Abraham geht es um das Thema „Vertrauen gewinnen“, bei Mose um Freiheit. „Es macht sehr viel Spaß sich mit Viertklässlern über Mose zu unterhalten, darüber, was Unterdrückung ist. Die Kinder finden sich da gut wieder“, sagt Gertrud Miederer. Ihre Augen strahlen.
Zur Vertiefung der Geschichten gibt es viele Möglichkeiten. Katharina erzählt: „Am liebsten male ich ein Bild zu einer Geschichte.“ (Siehe dazu „Kinder malen Gott“ auf Seite 9.) Spielen macht ihr nicht so viel Spaß. Gut kommen auch Projekte an, weiß Gertrud Miederer. Zum Beispiel Kontakte zu einer Kindergruppe im Krankenhaus oder Arbeitsaktionen wie Schuhe putzen beim Schulfest. „Bei solchen Projekten lernen Kinder zum Beispiel, was teilen bedeutet.“

Das Herz des Religionsunterrichts sind die biblischen Geschichten. Aber auch anderes steht auf dem Lehrplan. Zum Beispiel Lieder. „In der ersten Klasse lernen die Kinder ‘Geh aus mein Herz’ und ‘Seht die gute Zeit ist nah’. Einige Verse sollen sie auswendig können.“ In der dritten Klasse geht es unter anderem um Psalmen. „Da lernen die Kinder Psalm 23 und Teile aus Psalm 103 und 104.“ Außerdem steht auch das Judentum auf dem Lehrplan. In der vierten Klasse begegnen den Kindern die Zehn Gebote, das Vaterunser, die Seligpreisungen und das Liebesgebot. „Und es steht der Islam im Lehrplan“, sagt Gertrud Miederer.
Die Geschichten um den Festkreis, also Weihnachten, Ostern und Pfingsten, kommen in jeder Jahrgangsstufe wieder vor. „Aber eben jedes Jahr mit einem anderen Zugang.“ Miederer verdeutlicht das an der Weihnachtsgeschichte: „In der ersten Klasse gehen die Kinder mit den Hirten zur Krippe, in der zweiten Klasse mit Maria und in der dritten Klasse mit den Königen.“ In der vierten Klasse werde anhand der Weihnachtsgeschichte das Thema Frieden behandelt.
Ähnlich ist es mit Ostern und Pfingsten. „Auch wenn diese Geschichten nicht einfach sind. Sie müssen eben kindgemäß erzählt werden.“ So könne die Kreuzigungsgeschichte nicht mit Schwerpunkt auf „für mich gestorben“ den Kindern nahe gebracht werden. „Das kann große Schuldgefühle wecken. Vielmehr sollte in den ersten Schuljahren das Augenmerk auf die Auferstehung und die Freude der Jünger gelegt werden.“

Kinder-Theologie

Miederer erzählt, wie sie mit den Kindern Ostern als Thema hatte. Das Wort „Ostern“ hatte sie groß an die Tafel gemalt. Ein Junge sagte plötzlich, dass in Ostern ja auch ein Stern vorkomme, wenn man das O weglasse. „Ich war verblüfft, auf die Idee war ich noch nie gekommen.“ Sie fragte ihn, ob das schlimm sei. Seine Antwort: „Nein, das ist doch logisch: Weihnachten wird Jesus geboren und da gibt es den Weihnachtsstern. Ostern steht Jesus von den Toten auf und wird sozusagen neu geboren. Also passt der Stern da auch.“ Ganz wichtig und zentral für den Religionsunterricht ist die Person des Lehrers, der Lehrerin. „Wer selbst mit einem Thema Probleme hat, wird es den Kindern nicht vermitteln können“, meint die Grundschulreferentin. „Kinder merken das ganz deutlich. Es ist kein Schaden zuzugeben, wenn man selbst etwas nicht weiß.“ Kinder achten oft auf andere Dinge als Erwachsene.
So wie Katharina, die ihrer Lehrerin bescheinigt: „Die kann echt gut erzählen.“ Katharina kommt jetzt in die dritte Klasse und freut sich auf die Schule. Am meisten auf Sport. Das ist ihr Lieblingsfach. Deutsch mag sie am wenigsten. Und Religion? „Reli ist okay.“

Karin Ilgenfritz

 

 


 

Die Güte des Herrn ist groß

Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeithat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
Klagelieder 3, 22-23

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Frauen beten an der Klagemauer in Jerusalem. Schon zur Zeit der Entstehung der Klagelieder und der Psalmen im Alten Testament breiteten Beter ihre Not vor Gott aus. Doch die Beter erinnerten und erinnern sich auch immer wieder an Gottes Güte und seine große Barmherzigkeit. Foto: epd/f
   

Terroranschläge, von denen Fernsehen und Zeitungen immer wieder berichten, lösen bei vielen Menschen nicht nur Trauer und Wut aus, sondern auch Gefühle der Ohnmacht und der Ratlosigkeit. Billige Sprüche helfen da nicht weiter. Wenn aber einer, der selber bitteres Leid erfahren hat, ermutigende Worte spricht, dann sollten wir aufhorchen. Solche Worte sind uns überliefert aus einer Zeit, in der die Lage des Volkes Israel aussichtslos war: Jerusalem war erobert, der Tempel entweiht und zerstört, die führenden Schichten in die Verbannung weggeführt. In dieser Situation ruft ein Beter seinen Zeitgenossen und über den Graben der Zeit hinweg auch uns zu: „Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende“.

Situationen, in denen sich kein Ausweg zeigt, erleben nicht nur Opfer von Terror oder Katastrophen, sondern auch Menschen deren Leben sich durch besondere Umstände verändert hat. Wer an einer von den Ärzten für unheilbar erklärten Krankheit leidet, wer gerade seinen Arbeitsplatz verloren hat, wer vor den Scherben einer zerbrochenen Beziehung steht, sieht zunächst nur Dunkel ohne einen Lichtblick. Es gehört zum biblischen Realismus, sich diese Lage ohne Selbsttäuschung klar zu machen. Der erste Schritt ist stets das Ernstnehmen des Leidens – des eigenen und das der anderen. So schildern die Klagelieder bewegt das Unglück Jerusalems, und in vielen Psalmen breiten die Beter mit drastischen Worten ihre Not vor Gott aus.

Erst auf dem Hintergrund des ernstgenommenen Leidens strahlt nun die Gewissheit auf: „Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende.“ Der Beter ruft sich und seinem Volk eine Wahrheit ins Gedächtnis zurück, die vom Unglück fast völlig überlagert war: Gottes Güte und Barmherzigkeit. Die Erfahrung, dass Gott mir Gutes getan hat in der Vergangenheit, macht mir Mut, in schwierigen Situationen von heute auf seine Güte zu hoffen. Gott meint es gut mit uns, auch wenn diese seine Absicht zeitweise von Wolken verdeckt ist. Und schon die Tatsache, dass wir in Zeiten der Not eine Adresse haben, an die wir uns wenden, vor der wir unser Herz ausschütten können, ist ein Zeichen seiner Güte. So lange ich einen habe, an den ich mich wenden kann, bin ich nicht „gar aus“.

„Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und seine Treue ist groß.“ Gott blickt auf uns mit Augen der Liebe, er lässt unser Leiden nicht endlos sein, er will uns helfen – manchmal auf ganz überraschende Weise. Sein Erbarmen ist kein begrenzter Vorrat, der sich eines Tages aufzehren würde, sondern es ist „alle Morgen neu“. Auch wenn der gestrige Tag schlimm war, auch wenn ich eine schlaflose Nacht hinter mir habe – heute ist Gottes Güte neu für mich da, heute kann ich im Vertrauen auf sein Erbarmen neu anfangen.

Gottes Erbarmen hat menschliche Gestalt angenommen in Jesus Christus. Seit er unser Leben und unser Sterben mit uns geteilt hat und in seiner Auferstehung überwunden hat, kann uns nichts mehr von Gottes Liebe trennen. Die Zusage der Barmherzigkeit Gottes, die alle Morgen neu ist, will unser Herz anrühren und in ihm Wurzeln schlagen. Dies kann geschehen, wenn wir diese Zusage auf uns persönlich beziehen und sie uns täglich – auch in kritischen Situationen – vorsagen. Damit nehmen wir Gott beim Wort – und das ehrt ihn am meisten.

Pfarrer Dr. Manfred Kießig, Christusbruderschaft Selbitz

Gebet: Gott, unser Vater: deine Güte hat kein Ende und den Erbarmen ist jeden Morgen neu. Dafür danken wir dir und bitten dich: Erbarme dich aller Menschen, die in einer Not des Leibes oder der Seele sind, und lass sie die helfende und heilende Kraft deiner Liebe erfahren. Stärke in uns allen das Vertrauen auf deine Zusage. Darum bitten wir durch Christus, unsern Herrn. Amen.

Lied 361: Befiehl du deine Wege

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