Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 32)

„Ihr habt den Mooshammer umgebracht!”

Erfahrungen arabischer Christen in Nürnberg

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Ein Gläubiger ins Gebet vertieft: Foto:s lü
   

„Salaam aleikum!“ fliegt der Gruß durch den Raum. Etwa zwanzig Menschen haben sich versammelt: Dunkelhäutige Männer reden angeregt aufeinander ein. Zwei Mädchen, quirlig und schwarzhaarig, laufen zwischen den Erwachsenen hindurch, eine junge Frau spricht leise mit ihrer Nachbarin. An den Wänden ein Plakat mit feingeschwungenen arabischen Schriftzeichen. Bald füllen orientalische Klänge den Raum. Sadeer Raad spielt auf der Aud, einer orientalischen Gitarre Lieder – einen Lobpreis für Allah. Denn Gott heißt Allah, auch hier in der arabisch-evangelischen Bibelstunde in Nürnberg.

Protestantische Minderheit

Einmal wöchentlich treffen sich irakische Gläubige in Räumen der Freien Evangelischen Gemeinde in Nürnberg zum Singen, Beten und zur Bibelauslegung. Sie sind eine von elf arabischen Gemeinden in Deutschland. 2001 trafen sich die ersten zwei irakischen Christen in Nürnberg, berichtet der Leiter und Prediger des Bibelkreises, Shairsid Thomas. „Wir haben darum gebetet, dass sich die Gemeinde vergrößert“. Das Gebet sei erhörtworden. Zwischen zwanzig und dreißig irakische Gläubige aus Nürnberg und der näheren Umgebung besuchen heute die wöchentlichen Bibelstunden – zu den Festen sind es an die siebzig. Arabische Christen in Deutschland? Für viele hierzulande unvorstellbar. Dabei bekennen sich deutschlandweit mehrere tausend Menschen irakischer, syrischer oder ägyptischer Abstammung zum christlichen Glauben. Die meisten von ihnen sind katholisch oder orthodox, aber es gibt auch eine protestantische Minderheit.

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In dieses Plakat haben sich Gemeidnemitglieder eingetragen als Bausteine in Gottes Haus.
   

„Wir müssen viel mehr erklären als die Muslime!”, manchmal ist Samer Nabood das leid. „Wenn ich Deutschen erzähle, dass ich Araber bin, dann denken die doch gleich, ich sei Moslem.“ Der gebürtige Katholik ist seit eineinhalb Jahren in der evangelischen Gemeinde. Hier hat er eine Heimat in der Fremde gefunden. Hier ist wohl der einzige Ort, an dem sich niemand wundert, wenn er ein Kreuz um den Hals trägt „Wenn ich sage, ich bin Christ, dann glaubt mir doch keiner. Oder sie fragen: Du hast dich wohl gerade erst bekehrt.“ Dass ein Iraker aus alter christlicher Tradition stammt, könnten sich viele gar nicht vorstellen. „Dabei wurde Jesus selbst doch in einem arabischen Land geboren“, meint Samer Nabood. „Und seine Jünger kamen zuerst nach Syrien, Jordanien und in den Irak.“ Er ist stolz darauf, Araber und seit seiner Geburt Christ zu sein.

Die Deutschen wüssten zu wenig über die Araber – das sei das größte Problem, meint er. Sie hätten keine Ahnung davon, dass es zwischen einer halben und einer Million Christen im Irak gebe und an die 20 Kirchen in seiner Heimatstadt Bagdad. Dass Araber oft pauschal in einen Topf geworfen werden, das hat Saader Raad schon auf der Straße erlebt. Gelegentlich werde er von Deutschen dumm angeredet, berichtet er. „Und einmal hat mir eine Frau in der U-Bahn gesagt: ‘Die Iraker haben den Mooshammer umgebracht.’“ Kein Grund zur Besorgnis für Sadeer Raader: „Menschen, die so reden sind doch Nazis. Für die sind alle Ausländer schlecht.“

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Ein Gläubiger ins Gebet vertieft: Foto:s lü
   

Mit den Terroranschlägen in London habe sich die Situation für die arabischen Christen kaum verändert, erzählt Samer Nabood. „Nach dem elften September 2001 war das anders“, berichtet er. Gerade einmal ein halbes Jahr war er damals in Deutschland gewesen. „Nach dem Anschlag haben sie mich gefragt: ‘Warum habt ihr das gemacht?’. Was soll man darauf antworten?“ Mittlerweile hätten die Deutschen sich stärker mit den arabischen Ländern beschäftigt und differenzierten stärker. „ Aber vielleicht täte ich mich leichter, Arbeit zu finden, wenn ich kein Araber wäre“, überlegt er dann. Wesentlich schwerer als die Christen haben es aber die Muslime, hört Sadeer Raad immer wieder von seinen muslimischen Freunden. Sie hätten viel mehr Probleme. Nicht in erster Linie weil sie diskriminiert würden, sondern, „weil sie sich schämen, dass so etwas Schreckliches im Namen des Islam geschieht. Es gibt viele gute Menschen unter den Muslimen,“ davon ist er überzeugt. Nur über die Religion dürfe man nicht sprechen, das gebe Ärger. Doch hier ändere sich die Situation, meint Gemeindeleiter Thomas. „Viele Muslime werden jetzt offener für die Botschaft Jesu,” berichtet er. Selbst im Irak habe er spektakuläre Bekehrungen erlebt. Und das, obwohl die Situation für Christen dort immer schwieriger werde.

Angst vor Anschlägen

„Zur Zeit gehen wenig Leute zur Kirche”, weiß auch Sadeer Raad. „Sie haben Angst und treffen sich lieber zu Hause.“ Zu groß sei die Gefahr, dass christliche Gotteshäuser Ziele von Anschlägen würden. Oft wandern Raads Gedanken in seine Heimatstadt Bagdad, wo noch sein Vater und seine Großmutter leben. Er hat großes Mitgefühl für die Menschen dort. „Die Iraker sind nicht böse“, sagt er. „Der Krieg hat sie nur böse gemacht.“ Er bete viel für sein Land. „Dafür. dass es wieder so wird wie früher.“

Anne Lüters

 

 


 

Die Hoffnung leben

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches; und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf sind, Unheil anzurichten, welche beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. Und die, welche murren, werden sich belehren lassen.
Jesaja 29, 17-24

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Wir leben im „schon jetzt“ und im „noch nicht“. „Wohlan, es ist noch eine kleine Weile.“ Hier ist die Rede von Gottes Zeit. Seine Uhren haben ihren eigenen Gang. So leben wir Christen unsere Hoffnung – mit gutem Grund! Foto: Wodicka
   

Wunderbare Worte sind das. Doch sie verschlagen mir zunächst einmal die Sprache. Denn ich erlebe gerade jetzt vieles, das es nach ihnen überhaupt nicht mehr geben dürfte. Furchtbare Terroranschläge, Korruptionsaffären. Höchste Gerichte werden parteiisch mit Richtern besetzt. Unliebsame Richter werden unter Druck gesetzt. Sozial Schwachen werden immer neue Lasten aufgebürdet. Elende – also Menschen weit unter der Armutsgrenze, unter ihnen viele viele Kinder, die so wenig haben, dass sie nicht mehr in Würde leben können – verhungern, weil sie nichts zu essen und zu trinken haben.

Elende sterben, weil es für sie weder Ärzte noch Medizin gibt. Und das heute, mehr als 2000 Jahre nachdem diese wunderbaren Worte aufgeschrieben wurden. Haben sich denn, so frage ich mich, die Menschen in all den Jahrtausenden überhaupt nicht geändert? Haben die wunderbaren Worte Gottes denn gar nichts bewirkt?

„Wohlan, es ist noch eine kleine Weile...und dann wird alles gut werden.“ Das sind Hoffnungsworte. Sind sie es auch für unsere Zeit? Oder wird uns hier vielleicht etwas vorgemacht? Was unterscheidet eigentlich Hoffnung von Illusion? Doch wenn ich dann weiter über diese Worte nachdenke, fällt mir auch ganz anderes ein: „Worte des Buches“, Berichte in der Bibel, wo Menschen erzählen, Gott loben und preisen, wie er sie aus größter Not errettet hat. Wo Menschen in tiefster Verzweiflung zu Jesus kamen. Er war ihre letzte Hoffnung. Und er hat sie nicht enttäuscht.

Ich erinnere mich an Lieder, in denen Menschen anderen ihre Lebenserfahrungen zusingen: In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet. Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir in Liebe begegnet. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, wo dein Fuß gehen kann. „Der Herr hat bis hierher geholfen. Er wird auch weiter helfen“, das habe ich oft gerade auch von Menschen gehört, die in ihrem Leben tiefste Täler durchschritten hatten.

Wir leben im „schon jetzt“ und im „noch nicht“. „Wohlan, es ist noch eine kleine Weile.“ Hier ist die Rede von Gottes Zeit. Seine Uhren haben ihren eigenen Gang. So leben wir Christen unsere Hoffnung – mit gutem Grund!

Hans-Gernot Kleefeld, Pfarrer i.R., Erlangen

Gebet: Lieber Vater im Himmel, manchmal verstehen wir die Welt nicht mehr und fragen: Wo bist du? Doch dann entdecken wir deine Spuren in unserem Leben. Halte uns. Lass uns nie die Hoffnung auf dich verlieren. Amen.

Lied 369: Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn alle Zeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

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