Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 31)

Der Dalai Lama lehrt und lächelt

Zur Faszinationskraft des tibetischen Friedensnobelpreisträgers

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Der Dalai Lama besuchte den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (rechts) auch in dessen Dienstvilla in Wiesbaden. Ihn und Koch verbindet seit Jahren eine persönliche Freundschaft. Foto: epd
   

Spätestens seit er 1989 in Anerkennung seines gewaltlosen Kampfes für die Befreiung Tibets den Friedensnobelpreis erhielt, kennt man ihn international: Tenzin Gyatso, der XIV. Dalai Lama fasziniert viele Menschen - weit über seine Anhängerschaft hinaus. Am 6. Juli konnte das politische und geistliche Oberhaupt des tibetischen Buddhismus seinen 70. Geburtstag feiern - und dieser Tage den mit 25.000 Euro dotierten Hessischen Friedenspreis entgegennehmen. Für den 28. Juli hatte Ministerpräsident Roland Koch (CDU) durch die Hessische Staatskanzlei Einladungen zu einem Festakt "der Freunde für einen Freund" verschicken lassen. Einer der Eingeladenen, der mittelhessische Unternehmer Joachim Loh, lehnte indessen ab und protestierte dagegen, eine heidnische Religion auf diese Weise "öffentlich zu hofieren". Was ist davon zu halten?

Fernöstlicher Weisheitslehrer

Der tibetische Buddhismus gehört insgesamt zum "Großen Rad", dem so genannten Mahayana-Buddhismus. In seiner Frühgeschichte übernahm er, wie Matthias Hermanns in seinem Buch über die "Mythologie der Tibeter" erklärt, "im weitesten Ausmaße schamanistische Elemente": "Zauberei und Magie, okkulte Lehren und spiritistische Praktiken, blutige Tieropfer und mystische Menschenschlachtungen, schamanistische Riten und Yogaübungen waren die Hauptbestandteile. Im reich entfalteten Tantrayana und Mantrayana übten sie Teufelsbeschwörungen und Dämonenbannungen. So entwickelte sich auf dem ‚Dach der Welt' eine eigene Form des Buddhismus, der Lamaismus." Der jeweils regierende Dalai Lama gilt im Sinne der buddhistisch geglaubten Wiederverkörperungslehre als Reinkarnation seines Vorgängers. Erst der V. Dalai Lama hatte diese Nachfolgeregelung so eingesetzt - und zu diesem Zweck den Stammbaum der bisherigen Inkarnationen zurückdatiert. Wie Hermanns erläutert, sprach freilich schon der VI. Dalai Lama nicht gerade für die Glaubwürdigkeit dieser Art von Seelenwanderungslehre: Er "fand wenig Geschmack am Mönchsleben und schätzte Papst- und Kaiserkrone von Tibet gering. Stattdessen feierte er lieber Schäferstündchen mit bestrickenden Schönen oder zechte mit ergebenen Genossen die Nächte durch."
Demgegenüber hat nun freilich die Spiritualität des XIV. Dalai Lama, der als Reinkarnation des Buddhas des Erbarmens gilt, eine überzeugendere Ausstrahlungskraft. Er pflegt zwei Arten von Spiritualität zu unterscheiden: "Einerseits findet sie Ausdruck in den verschiedenen Religionen, aber es gibt andererseits auch die Spiritualität der Nichtgläubigen oder derjenigen, die keiner Religion angehören. Sie können trotzdem gute und warmherzige Menschen sein." Von daher kann er - und das macht einen Teil seiner Faszinationskraft aus - seine Botschaften sogar an nichtreligiöse Menschen richten. Die Weisheiten, die der "Ozean der Weisheit" (das heißt "Dalai Lama" wörtlich) von sich gibt, klingen darum bisweilen höchst allgemein, etwa so: "Das wichtigste Ziel in unserem Leben ist das Streben nach dem Glücklichsein." Dabei ist der Tibeter überzeugt, dass ein verantwortungsvoll geführtes Leben, das Mitgefühl entfaltet, immerhin "eine Vorbereitung sein kann für das Erreichen von Nirvana", des letzten, unsagbaren Heils. Demgemäß kann er auch in programmatischer Friedfertigkeit eine allgemeine, gleichartige Spiritualität in den verschiedensten Religionen behaupten.

Gleichwohl vertritt er natürlich eine ganz bestimmte Lehre und Weltsicht. Dazu gehören etliche Elemente, die mit dem christlichen Glauben unvereinbar sind. So lehrt er: "Im buddhistischen Weltbild gibt es keinen Schöpfergott, wir glauben, dass wir selbst letztendlich Schöpfer sind, glauben, dass jedem fühlenden Wesen die Buddha-Natur innewohnt." Auch die zyklische Auffassung von der Welt, die - stets kreisend - auf kein ewiges Vollendungsziel hinläuft, sowie vom Menschen mit der Lehre von der Reinkarnation widersprechen fundamental dem christlichen Welt- und Menschenbild. Nicht zuletzt ist die Lehre von der Erlösung im Christentum, wo sie untrennbar mit der Person Jesu Christi zusammenhängt, mit den buddhistischen Vorstellungen vom Heil und dem Weg dorthin unmöglich auf einen Nenner zu bringen. Gewisse Vereinnahmungsversuche von Seiten des Dalai Lama sind auf Grund seiner religiösen Perspektive verständlich, aber angesichts der tatsächlichen Unterschiede unwahrhaftig.

Teils düstere Texte

Wie weit entfernt vom christlichen Glauben der Dalai Lama agiert, wird besonders deutlich am so genannten "Kalachakra", einem über 1000 Jahre alten magischen Ritual und Lehrsystem, das sich um eine gleichnamige Gottheit mit 12 oder 24 Armen dreht und hunderte weitere Götter einbezieht. Regelmäßige Einweihungen in die Lehren des Kalachakra durch den Dalai Lama zählen zu den herausragenden Ereignissen des tibetischen Festkalenders. Auch im Westen - beispielsweise 2002 in Graz - kam das Ritual zur Durchführung. Bestandteile seiner Lehren sind unter anderem sexualmagische Praktiken auf höherer Stufe sowie endzeitliche Vorstellungen höchst kriegerischen Charakters - im Gesamtrahmen jener zyklischen Weltanschauung. Die Prophezeiungen stammen aus einer ganz bestimmten Zeit und Region, in der die betreffenden Buddhisten damals in größter Bedrängnis lebten und so Ermutigung für die Zukunft erhalten sollten. Der letzte Kalachakra-König wird den Verheißungen zufolge mit grausamen Waffen siegreich Krieg führen gegen nicht-buddhistische Könige. Ob und wie weit sich Symbolik und Realität in diesem Denkrahmen auseinanderhalten lassen, ist umstritten. Jedenfalls passen sie nicht problemlos in das Bild vom Dalai Lama als Friedensnobelpreisträger. Als Kalachakra-Meister spricht dieser zu seinem Schüler die harten Worte: "Was ich Dir auftrage, das musst Du tun. Du sollst mich nicht gering schätzen, und falls Du es tust, wird die Zeit des Todes kommen, ohne dass die Angst von Dir weicht, und Du wirst in eine Hölle stürzen" (Dalai Lama: Kalachakra-Tantra, 2002).

Gast auf Kirchentagen

Solche Bestandteile haben ihren fes-ten Ort im tibetischen Buddhismus. Gewiss tritt dessen Oberhaupt engagiert für das buddhistische Prinzip universalen Mitgefühls ein. Und zweifellos gibt es hier enge Berührungspunkte mit dem christlichen Glauben. Beim einstigen Buddha begegnet "Güte" allerdings in Gestalt eines auf fast allen Abbildungen erkennbaren Lächelns, das von innerer Erhabenheit übers Leiden zeugt, von der Seligkeit unberührbaren Gleichmuts. Solches Lächeln ist auch dem derzeitigen Dalai Lama meist ins Gesicht geschrieben. Wie aber passt entsprechender Gleichmut letztlich zum Mitleiden, wie es der tibetische Religionsführer immer wieder eindrucksvoll bekundet?
Die Spiritualität des Dalai Lama hat ihre ganz eigenen Tiefen und Abgründe. Christen haben keinen Anlass, die gravierenden Unterschiede zu ihrem Glauben an den dreieinigen Gott und an dessen erlösende Liebe zur Welt zu überspielen. Wenn der Dalai Lama als Politiker von Politikern der großen Parteien geehrt und kontaktiert wird, ist das verständlich. Ob es hingegen nicht höchst missverständliche Signale waren, ihn wegen der genannten ethischen Berührungspunkte zum wiederholten Male auf den evangelischen Kirchentag einzuladen? Denn eine religiöse Botschaft besteht keineswegs nur aus Ethik, sondern zu allererst aus ihren inhaltlichen Lehren.

Werner Thiede

 

 


 

So eine Frechheit!

Jesus sprach zu ihnen: Was meint ihr? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sagte: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn, und er ging hin. Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr! Und ging nicht hin. Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie antworteten: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, so dass ihr ihm dann auch geglaubt hättet.
Matthäus 21, 28-32

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Kinder wissen heutzutage genau, ob sie sich auf die Bitten Erwachsener einlassen oder nicht. Zu biblischen Zeiten war Widerrede gegen die Eltern tabu. Foto: Wodicka
   

"Nein, will ich nicht!" Moderne Kinder haben wenig Probleme damit, eine Bitte ihrer Eltern erst einmal kurz und bündig ablaufen zu lassen. In entwaffnender Offenheit: "Ich hab keine Lust." Zu anderen Zeiten und erst recht im Orient zur Zeit Jesu galten solche Antworten als bodenlose Frechheit. Den eigenen Vater hatten Kinder höflich mit "Herr" anzureden; Widerrede gegenüber einer Bitte oder Anordnung der Eltern war tabu.

Schockierend ist es also für damalige Ohren, was Jesus erzählt: Der Vater bittet den vielleicht schon erwachsenen Sohn, im Weinberg Arbeiten zu erledigen. Doch der sagt nur maulfaul und schroff: "Nein, ich will nicht." Für die Ehre eines orientalischen Vaters eine Beleidigung! Der zweite Sohn dagegen reagiert auf die gleiche Bitte höflich und wohlerzogen: "Ja, Herr Vater, ich werde sofort in den Weinberg gehen und erledigen, was du möchtest!" Hier bleibt bei beiden die Form gewahrt. Die Ehre des Familienpatriarchen wird respektiert. Alles scheint in Ordnung.

Doch dann wendet sich das Blatt. Der wohlerzogene Sohn verdrückt sich unauffällig, ohne einen Finger krumm zu machen. Äußerlich ist der Schein gewahrt - aber er hat andere Mittel, den Wunsch des Vaters zu umgehen. Der freche Nein-Sager dagegen besinnt sich, kaum dass er um die Ecke verschwunden ist. Ein Wort der Entschuldigung bringt er zwar nicht über die Lippen. Aber ohne etwas zu sagen, geht er in den Weinberg und tut, was nötig ist. Als Jesus diesen Vorfall erzählt hat, begeht er selbst eine Frechheit: Er setzt den höflich-verlogenen Drückeberger mit den geachteten religiösen Führern seiner Zeit gleich! Und stellt ihnen als Vorbild ausgerechnet die Personengruppen hin, die als die weiblichen und männlichen Musterbeispiele von Verderbtheit galten: Huren und Zöllner. Diese gleichen dem ersten Sohn: Sie haben zuerst durch ihr Verhalten Gott brüskiert, sich dann jedoch anders besonnen und auf den Weg des Glaubens zurückgefunden.

Einen Spiegel hält uns Jesus mit dieser Geschichte vor: Sind wir so sicher, dass wir nicht selbst dem zweiten Sohn gleichen? Als gute Christen beten wir oft das Vaterunser und geloben dabei treu und brav: "Dein Wille geschehe!" Wir wissen schon, was sich gehört, wenn wir mit Gott reden! Doch was geschieht nach dem gesprochenen ,Amen'? Das Amen, auf das es wirklich ankommt, ist die Tat. Erwartet wird dabei von uns nicht, ein rundum perfekter Christ zu sein. Es mag nur Weniges sein, ja vielleicht sogar nur eine einzige Veränderung in unserem Leben. Nur ein Punkt, von dem wir selbst am besten wissen: Hier möchte Gott von mir, dass ich konkret etwas verändere. Gerade dieses Eine zählt.

Auf das brave, christliche Erscheinungsbild kommt es nicht an. Ein freches Mundwerk ist erlaubt. Aber Gott mit dem Mund zu ehren, und dann keine Taten folgen zu lassen - das wäre eine wirkliche Frechheit.

Michael Bammessel, Stadtdekan in Nürnberg

Gebet: Gott, unser Vater, in unseren Gebeten haben wir dir oft gesagt, dass wir deinen Willen für maßgeblich halten. Hilf uns, dass wir den Worten Taten folgen lassen. Amen.

Lied 295: Wohl denen, die da wandeln

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