Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Immer mehr bayerische Mediziner erheben warnend ihre Stimme


Auf den Spuren der jüdischen Ortsgeschichte

Mehrere Jahre sammeln Forscherinnen Berichte, Fotos und anderes

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Das Bild zeigt einen Erntewagen vor der Synagoge in Kleinbardorf (Landkreis Rhön-Grabfeld). Sie wurde 1896 errichtet.
   

Drei Jahre sind es nun schon. So lange gehen Barbara Eberhardt und Angela Hager den Spuren jüdischer Geschichte in bayerischen Dörfern und Städten nach. Am Ende der Spurensuche wird ein "Synagogen-Gedenkband Bayern" entstehen. Das Buch erinnert an die etwa 200 bis 250 jüdischen Gebetshäuser und Gemeinden, die um das Jahr 1930 in Bayern existierten. Das Buch soll nicht nur von den Synagogen erzählen, sondern vor allem auch von den Menschen, die in ihnen beteten und feierten.
Die beiden Theologinnen Angela Hager und Barbara Eberhardt haben in den letzten Monaten eine Menge bisher unbekannter Daten gesammelt und in ihrem Büro in der Evangelisch-Theologischen Fakultät Erlangen ausgewertet. Auf unterschiedlichste Weise ist bis heute die jüdische Ortsgeschichte in Bayern erforscht. Mancherorts gibt es viel Material, wie in Weiden, wo Sebastian Schott ein ganzes Buch über die jüdische Gemeinde und ihr Schicksal verfasst hat. Oft aber hat die Zeit den Mantel des Vergessens über die früheren jüdischen Gotteshäuser gebreitet.

Viele Mosaiksteine

Doch fast an jedem Ort finden die beiden Spurensucherinnen Zeitzeugen, Heimatforscher oder Archivare, die dem Vergessen entgegenarbeiten. Angela Hager meint: "Die unmittelbaren Erfahrungen, von denen manche Menschen erzählen, sind für uns besonders wertvoll." Sie denkt gern an ein Gespräch in Sulzbürg zurück, an dem acht Zeitzeugen teilnahmen: "Die Leute freuten sich, dass ihnen endlich jemand zuhört, wenn sie von ihren ehemaligen jüdischen Nachbarn erzählten." Barbara Eberhardt erinnert sich an die Forschungsarbeit in Unterfranken: "In Kleinbardorf und Oberlauringen haben die Zeitzeugen noch besonders detaillierte Erinnerungen an ihre jüdischen Nachbarn berichten können." So erhalten die beiden Forscherinnen ein mosaiksteinartiges Bild über die "Von-Tür-zu-Tür-Kontakte" der christlichen und ihren früheren jüdischen Nachbarn.

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Heute befindet sich die Scheune in PRivatbesitz und wird als Lagerraum und Werkstatt benutzt. Fotos: Archiv Reinhold Albert, Barbara Eberhardt
   

Zeitzeugen erzählen noch manche, lebendig im Gedächtnis gebliebene Episode, beispielsweise über den Lehrer der jüdischen Schule, über die Art, wie Mazzen für das Passahfest gebacken wurde oder wie Juden am Samstag ihre Sabbatruhe verbrachten. Bisweilen bekommen die beiden Frauen alte Fotos, die das Leben der jüdischen Familien dokumentieren, oder die zeigen, wie die Synagoge aussah, als sie noch verwendet wurde.
In manchen Orten war die Bevölkerung sogar zeitweise mehrheitlich jüdischen Glaubens. So betrug in Buttenwiesen der jüdische Bevölkerungsanteil im Jahr 1832 über 70 Prozent. Verständnis haben die Frauen für die Hilflosigkeit, wenn man der Vergangenheit begegnet. Besonders an Abschiedsszenen erinnern sich viele Zeitzeugen noch genau - wenn ihre jüdischen Nachbarn auswanderten oder deportiert wurden und sagten: "Hebt diesen Koffer für mich auf, bis ich ihn abhole!" Viele kehrten nie zurück. Auf diese Weise werden bis heute Andenken aufbewahrt, die schmerzhaft an das Geschehene erinnern.
Manchmal jedoch stößt die Geschichtsarbeit an ihre Grenzen: Selten gelingt es den beiden Forscherinnen, sich auch mit jüdischen Zeitzeugen zu unterhalten, denn es fehlen die finanziellen Mittel, um in die USA oder nach Israel zu fliegen, um dort Interviews mit noch lebenden jüdischen Bürgern oder ihren Nachkommen zu führen. Besorgniserregend finden die Forscherinnen den unterschwelligen Antisemitismus, der ihnen immer wieder begegnet. Zum Beispiel als der Besitzer einer ehemaligen Synagoge meinte: "Nun hocke ich mit dem Schrott von den Juden da."

Der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg sollen im Werk der beiden Forscherinnen nicht im Vordergrund stehen. Wohl aber wird deutlich erwähnt, was mit den jüdischen Gemeinden geschah. Genaue Zahlen über die in der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 zerstörtenSynagogen sind nicht bekannt. Viele Gebetshäuser blieben unbeschädigt, um die Gebäude zu verkaufen und anderweitig zu nutzen. Sehr viele Synagogen in Bayern wurden damals geschändet, und die Inneneinrichtung zerhackt und verbrannt. Die genaue Zahl ist noch nicht bekannt. Auch die Zahl der Opfer steht nicht genau fest. Manche jüdische Bürger haben sich aus Furcht vor den Antisemiten das Leben genommen.
Die Initiative zu dem Gedenkbuch ging von dem heute fast achtzigjährigen Meir Schwarz aus. Er musste 1939 nach Israel fliehen und hatte bei einem Besuch in Nürnberg in den achtziger Jahren den Anstoß zu diesem Geschichtsprojekt gegeben. Finanziell wird das Projekt vom Freistaat Bayern, von der Evangelischen Landeskirche in Bayern, von der Universität Erlangen und vom Verein "Begegnung von Christen und Juden in Bayern" (BCJ) unterstützt. Es wird jedoch noch zusätzliches Geld benötigt, um einen weiteren Mitarbeiter zu beschäftigen, der spezielle Kenntnisse über die Architektur von Synagogen hat.

Noch viel zu tun

Herausgegeben und betreut wird das Projekt von Professor Dr. Berndt Hamm (Erlangen), Professor Dr. Wolfgang Kraus (Saarbrücken) und Prof. Dr. Meier Schwarz (Synagogue Memorial Institute, Jerusalem).
Jede jüdische Gemeinde, ob in Dorf oder Stadt, soll in dem neuen Buch einen ausführlichen Ortsartikel bekommen. Bis Sommer wird die Region Bayerisch-Schwaben beschrieben, danach werden die Mitarbeiterinnen die Suche in Mittelfranken, Oberbayern und Unterfranken fortsetzen, so dass das neue Buch im Jahr 2006 gedruckt werden kann. Angela Hager und Barbara Eberhardt freuen sich, wenn sich noch Zeitzeugen melden, die etwas über die jüdischen Einwohner oder die Synagoge des Dorfes oder einer Stadt zu berichten wissen.

Oliver Gußmann

Hinweis: Weitere Informationen zu diesem Gedenkband gibt es im Internet: www.synagogenprojekt.de oder unter Telefon: 09131/8522689.

 

 


 

Gottes Erwählung sprengt unsere Grenzen

Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.
2. Mose 19, 3-6a

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Gottes Auftrag zur Nächstenliebe wird zum Beispiel in der Gefängnis-Seelsorge erfüllt. Hier wird deutlich, dass Gottes Gnade Grenzen sprengt. Foto: epd/F
   

Der heutige Israelsonntag erinnert in besonderer Weise an Israel und an das Verhältnis zwischen Juden und Christen. Die Verse führen uns zur besonderen Erwählung Israels. An diesem Punkt stehen die beiden Religionen in einer nicht zu lösenden Spannung. Denn auch wir Christinnen und Christen verstehen uns als Auserwählte und Heilige Gottes. Wir bekennen uns zum Neuen Bund in Jesus Christus, Jüdinnen und Juden zum von uns so genannten Alten Bund. Wir sprechen vom "Priestertum aller Gläubigen", das Alte Testament benennt Israel als "Königreich von Priestern".

Trotz der tiefen Wurzeln, die wir Christen im jüdischen Glauben haben, gehen Juden und Christen unterschiedliche Wege zu Gott, bis er selbst die Trennung aufheben wird. Was dabei gefährlich werden kann, ist die Exklusivität, die "Ausschließlichkeit". Wie gerne ist doch jeder Mensch und jede Gruppe einzigartig und hervorragend. "Wir sind etwas Besonderes, uns gilt die Erwählung, nicht Euch!" In diesen letzten beiden Worten - "nicht Euch!" - liegt eine große Gefahr. Denn Erwählung wurde manchmal damit verbunden, Nicht-Zugehörige bis zur Verachtung abzuwerten. So wurden aus den Heiligen Gottes, wie sich Christinnen und Christen verstehen, Kreuzritter und Folterknechte bis hin zur fürchterlichsten Judenverfolgung im Dritten Reich.

Wer sich erhöht und andere ausgrenzt, läuft Gefahr, anderen nicht gerecht zu werden, ihnen Unrecht und Leid anzutun. Um der Klarheit willen: In keiner einzigen Begegnung mit Jüdinnen und Juden habe ich solch eine Abwertung je erfahren, und ich danke ihnen sehr dafür. Ein auserwähltes Volk von Priestern sein! Wer diese Zusage Gottes annimmt, setzt sich natürlich auch seinen Ansprüchen aus. Jesus verstand sich als Erlöser aller Menschen und Völker, er achtete niemanden gering. Er stand und steht für Versöhnung. Und Gottes Auftrag zu Versöhnung und Nächstenliebe reicht so viel weiter als unser menschlicher Horizont.

Sichtbar wird das in der Seelsorge. Seelsorger, Frauen und Männer, gehen in die Gefängnisse. Seelsorge für Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, bis hin zu Missbrauch und Mord. Da wird deutlich, wie sehr Gottes Gnade unsere Grenzen sprengt. Ist es nicht schon im Alltag ohne gerichtswürdige Straftaten mehr als schwer, einer aus einem Volk von Heiligen zu sein? Wie ist das mit dem Verzeihen in Familie und Ehe? Wie ist das mit der Anerkennung behinderter Menschen als gleichwertig? Nehmen wir also Gottes Erwählung für uns, ohne anderen die Ihre streitig zu machen. Und verlassen wir uns darauf, dass er zu seinem Wort steht: Er ist für uns da und kann retten, wie einst Israel aus Ägypten.

Pfarrer Frank Nie, Stadtmission Nürnberg

Gebet: Gott, um eines bitte ich dich heute: Schenke mir ein großes Herz, weite meinen Blick bis über den Horizont, vertiefe meine Seele in dich und lass mich meine Nächsten mit deinen Augen sehen. Denn dann, o Gott, wird Friede sein. Amen.

Lied 277: Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist

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