Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 26)

"Trotzdem Ja zum Leben sagen"

Mit Hilfe der Logotherapie einen Sinn im Leben finden

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Die Nähe anderer Menschen, das Mit-Leiden kann durch Krisen hindurchtragen und dem Leben wieder Sinn geben. Foto: Wodicka
   

Vor Schicksalsschlägen ist niemand gefeit. Diese Erfahrung hat Maria Reger (Name von der Redaktion geändert) im Februar letzten Jahres machen müssen. Eigentlich war alles in Ordnung, die Schwangerschaft verlief gut, die heute 38-Jährige war in der 41. Woche, als sie Wehen bekam. "Ich fuhr mit meinem Mann in die Klinik und dachte glücklich daran, dass wir nun bald zu dritt sind", sagt Maria. Aber es kam anders. "Mein Kind kam tot zur Welt." Von einer Minute auf die andere waren Lebenspläne, Wünsche und Hoffnungen geplatzt. "Ich war am Ende. Eine Welt brach zusammen."
Es hat lange gedauert, bis Maria Reger halbwegs mit der Situation zurecht kam. "Geholfen hat mir dabei Verschiedenes", sagt sie. "Vor allem mein Mann, aber auch ein Trauerseminar, die Selbsthilfegruppe Pusteblume für früh verweiste Eltern in Nürnberg und die Gespräche mit Frau Meier." Elisabeth Meier aus Schwaig bei Nürnberg ist Sozialpädagogin und hat eine Zusatzausbildung in Logotherapie. "Auch durch die Hilfe und Begleitung von Frau Meier habe ich wieder Sinn in meinem Leben gefunden."
Erfahren hat sie von Elisabeth Meier durch ihre Hebamme. "Ich hörte von der Logotherapie und dachte, das könnte mir helfen", berichtet Maria Reger. "Es war keine klassische Therapie. Wir nannten es Teegespräche zur Sinnsuche im Alltag." Am Wichtigsten war es für sie zu lernen, den Blickwinkel zu ändern und zu erkennen, dass sie sich entscheiden kann: "Mir wurde klar, ich kann entweder an dem Tod meiner Tochter zerbrechen, oder ich versuche wieder einen Sinn in meinem Leben, zu finden."

Sinn unter allen Umständen

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Elisabeth Meier aus Schwaig bietet Seminare und Beratungen im Bereich Logotherapie an. Foto: kil
   

"Das ist für mich das Faszinierende an der Logotherapie", sagt Elisabeth Meier, "dass sie auf die Zukunft ausgerichtet ist und neben dem Körper und der Psyche auch der Geist eine wichtige Rolle spielt." Mit dem Geist sei gemeint, dass sich der Mensch in einem Sinnzusammenhang sehe. "Da tun sich gläubige Menschen insgesamt natürlich leichter damit." Der Arzt, Psychiater und Begründer der Logotherapie Viktor Frankl (siehe Kasten) geht davon aus, dass das Leben unter allen Umständen Sinn hat, seien sie auch noch so tragisch. "Man kann am Leid zerbrechen oder reifen", sagt Elisabeth Meier. Die Sozialpädagogin hat die Ausbildung in Logotherapie auch deswegen gemacht, weil "ich dazu beitragen möchte, dass Menschen am Leid reifen und Verantwortung für ihr Leben übernehmen". So wie Maria Reger, die knapp zwei Monate nach der Geburt ihrer toten Tochter zu Meier kam. "Sie war regelrecht erstarrt", sagt Elisabeth Meier. Im Laufe eines Jahres haben die beiden im Schnitt monatlich ein Gespräch geführt. "Viel geholfen haben mir die beispielhaften Geschichten und Erzählungen, die mir Frau Meier vorgelesen oder mitgegeben hat", sagt Maria Reger. In diesen Geschichten geht es in der Regel um ein Lebensproblem und den möglichen Umgang damit. "Mir wurde im Lauf der Zeit auch klar, dass mein Leben trotz meines toten Kindes noch einen Sinn hat." Immer wieder sei ihr der Satz durch den Kopf gegangen: Trotzdem Ja zum Leben sagen. "Dieser Satz von Frankl ging mir nach. Wenn er trotz Konzentrationslager sein Leben noch als sinnvoll sehen konnte, dann müsste ich das auch können", so Maria. Im Tod ihrer Tochter allerdings sieht sie bis heute keinen Sinn, "und da wird auch immer eine Trauer bleiben". Aber im Laufe der Zeit sei ihr klar geworden, dass sie, ihr Leben, wichtig ist. Wichtig für andere Menschen. Dass sie in ihrer Arbeit eine gute und sinnvolle Aufgabe hat. "So spürte ich allmählich wieder so etwas wie Dankbarkeit für die schönen Momente im Leben. Ich war und bin dankbar für alle Liebe, die ich in dieser Zeit von verschiedenen Menschen erfahren habe."

Sich dem Leben stellen

Elisabeth Meier freut sich, dass es Maria Reger besser geht. "Sie hat erlebt, dass in ihr viel mehr Kraft steckt, als ihr bewusst war." Auch das sei ihr an der Logotherapie so sympathisch: "Menschen lernen sich neu dem Leben zu stellen und sich zu lieben - so wie Maria." Und noch etwas ist Maria klar geworden: "Niemand kann erwarten, dass ihm im Leben kein Leid zustößt. Ich finde es wichtig, sich da-rüber klar zu sein. Dann kann man vielleicht auch angemessener mit Leid umgehen."

Karin Ilgenfritz

Hinweis: Kontakt zu Elisabeth Meier gibt es unter www.elisabeth-meier.de und zu anderen Logotherapeuten unter www.logotherapie-gesellschaft.de

Stichwort: Logotherapie nach Viktor Frankl

Logotherapie - nicht zu verwechseln mit Logopädie - ist sinnzentrierte Psychotherapie. Ihr Begründer ist der Psychiater und Neurologe Viktor E. Frankl. Vor hundert Jahren geboren, hat der Jude zwei Kriege erlebt und den Aufenthalt im Konzentrationslager überlebt. Bekannt wurde er durch sein Buch "Trotzdem Ja zum Leben sagen", in dem er über seine Erfahrungen im KZ schreibt.
Viktor Frankl stellt die Erkenntnis ins Zentrum seines Denkens, dass der Mensch nach Werten und Sinn im Leben sucht, einen "Willen zum Sinn" hat. Findet ein Mensch keinen Sinn oder werden Lebensinhalte zerstört, gerät der Mensch in eine Krise. Der Anspruch der Logotherapie ist schlicht: Sie will Wegbereiter zu einem sinnvollen Leben sein. Es finden sich in ihr philosophische, medizinische, pädagogische, psychotherapeutische, psychiatrische und seelsorgerliche Aspekte. Wichtig ist, dass nicht der Therapeut sagt, was dem Leben des Ratsuchenden Sinn geben könnte. Vielmehr regt er ihn an, selbst für sich Sinn zu entdecken und zu verwirklichen. Der Mensch wird als Wesen gesehen, das für seine Lebensgestaltung Verantwortung übernehmen und kreativ sein kann.
Die Logotherapie kann zwar keine theologischen Antworten geben, aber sie kann eine Brücke zum Glauben bilden.
kil

 

 


 

Gott als Liebhaber der Menschen

Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk, des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern, weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten... So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.
5. Mose 7, 6-12

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In der Taufe wird Gottes Liebeserklärung an den Menschen besiegelt. Weil Gott ihn liebt, wird er für wertvoll erklärt. Foto: epd/F
   

Die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel ist eine außergewöhnliche Liebesgeschichte. An ihrem Anfang steht eine Liebeserklärung. Gottes Herz schlägt für das Kleine, Unscheinbare. Er erwählt nicht die mächtigen Weltreiche, sondern gerade das kleinste aller Völker. Nicht weil Israel wertvoll ist, wird es geliebt, sondern weil Gott es liebt, wird es wertvoll. Dass Gott Israel erwählt, ist der Beginn eines umfassenden Heilsgeschehens. Das Alte Testament zeichnet anschaulich das Bild von Gott als Liebhaber, der unablässig um Israel wirbt - und allzu oft enttäuscht wird. In dieser einseitigen Liebesbeziehung geht es nur allzu menschlich zu: Es geht um große Hoffnungen und um Vertrauen, das von der Geliebten hart enttäuscht wird - ein allzu bekanntes Auf und Ab in einer Beziehung, die einseitig gestört ist. Gottes Liebe wird in der Geschichte Israels harten Geduldsproben ausgesetzt. Dennoch hat Gott sich durch den Bund und durch sein Versprechen festgelegt. Er will nicht von Israel lassen - eine scheinbar widersinnige, übermenschliche Liebe. Gott erweist sich als leidenschaftlicher Gott - mit menschlichen und verletzlichen Zügen. Aus Gottes Liebe erwächst für Israel Verantwortung. Es soll seine Gebote und Gesetze achten, um den geschützten Raum dieser Beziehung zu achten und zu pflegen.

Scheitern ist eines der großen Tabuworte in unserer erfolgsorientierten Zeit. In Gesprächen erzählen Menschen von ihrer Suche nach gelingenden Beziehungen - und erfahren doch immer wieder ihr Scheitern. Überzogene Erfolgsversprechen helfen nicht weiter. Gefragt sind tragfähige Antworten. Christen leben in einer Glaubens- und Erzählgemeinschaft des Glaubens. Gottes Liebe schreibt Geschichte. Er erwählt das unbedeutende Israel, er befreit es aus der Sklaverei Ägyptens und identifiziert sich mit seinem Schicksal, weil er von seinem erwählten und geliebten Volk nicht lassen kann und will. Bei näherem Hinsehen offenbart sich eine ungewöhnliche Liebe. Gottes Augen sehen anders, Gottes Herz schlägt für das Schwache. Israel wird zum Sinnbild dieser außergewöhnlichen Liebe Gottes. Es ist Gottes heiliges Volk, es gehört zu ihm. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Die Bibel erzählt von weiteren Liebeserklärungen Gottes an die Menschen. Gottes Liebe übergreift Länder und Völker. Gottes Liebeserklärung gilt seit Jesus Christus jedem einzelnen Menschen. In der Taufe wird Gottes Liebeserklärung an den Menschen besiegelt. Weil Gott ihn liebt, wird er für wertvoll erklärt. Gott selbst hat dafür den tragfähigen Grund gelegt: In Christus hat Gott sich dieser Welt ausgesetzt: verletzlich, leidend, versöhnend, das Böse überwindend, den Menschen rettend und heilend. Im Kreuz und in der Auferstehung Christi wird Gottes Liebeserklärung anschaulich und konkret. Daraus erwächst neue Hoffnung für diese Welt, weil Gottes Herz noch immer für uns schlägt.

Pfarrer Matthias Pöhlmann, Evang. Zentralstelle für Welt- anschauungsfragen, Berlin

Gebet: Barmherziger Gott, keinem von uns bist du fern. Schenke uns Deine Nähe, wenn wir einsam und verzweifelt sind. Gib uns Worte, die trösten und deine Liebe weitergeben. Wo wir irren, schenke uns Klarheit. Wenn unser Glaube schwach wird, dann stärke ihn. In allem, was wir tun, schenke uns den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Amen.

Lied 200: Ich bin getauft auf deinen Namen.

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