Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 25)

Wenn "Muschelkinder" ihre Schalen öffnen

Alltag an einer Nürnberger Schule für autistische Jugendliche

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Klang kann auch gespürt werden: Der Bewegungsraum bietet Möglichkeiten für Spiel und Musik.
   

Alexa denkt nach. Unbeteiligt schweift ihr Blick in die Ferne. Dann hebt sie ihre Hand, deutet mit abgewandtem Gesicht auf die Schreibtafel. Vor Erregung stößt sie hohe Töne aus. Dann fliegt ihre Hand über das hölzerne Brett. Huscht vom S über das C zum H, so schnell, dass selbst Snezana Filipan, die locker ihr Handgelenk stützt, Alexa kaum folgen kann. "Halt, so kann ich dich nicht verstehen", mahnt sie. Ungeduldig wiederholt Alexa die Bewegung, zweimal, dreimal, bis die Begleiterin endlich begreift und in Sprache fasst, was Alexa selbst nicht sagen kann: "Schreibst du über die traurigen Autisten?" will sie wissen. "So traurig bist du doch nicht!" kontert die Lehrerin sofort. Die Provokation nimmt sie der Frage nicht. "Ich tu ulken", hat Alexa zuvor die tägliche Frage nach ihrem Befinden beantwortet. Keine Spur von Traurigkeit. Es ist, als ob sie die Journalistin herausfordern will: Warum schreibst du über uns? Aus Mitleid?
Was macht die Faszination autistischer Kinder aus? Ist es, dass sie in sich gekehrt, wie in einer fremden Welt zu leben scheinen? Ist es ihr großes Bedürfnis nach Zuwendung? Oder ihre teils großen einseitigen Begabungen? Autistische Menschen umgibt etwas Geheimnisvolles. Vielleicht auch deswegen, weil die Ursache der frühkindlichen Störung noch nicht genau erforscht ist. Viel spricht für eine genetische Veranlagung. Zum Beispiel, dass drei von vier autistischen Kindern Jungen sind.

Verborgene Schätze

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Gestützte Kommunikation gibt Alexa die Möglichkeit, ihre Gefühle auszudrücken. Fotos: lü
   

"Muschelkinder" oder "Elfenkinder" werden jugendliche Autisten manchmal genannt. Ein Bild für ihre Verschlossenheit. Aber auch für ihre Verletzlichkeit und den Schatz, der in ihnen steckt. Wenn es gelingt, ihre Schale etwas zu öffnen. "Muschelkinder", so heißt auch die Nürnberger Schule, die Alexa und ihre Klassenkameraden besuchen. Seit zehn Jahren besteht die spezielle Einrichtung für autistische Schüler, die von den Rummelsberger Anstalten getragen wird. Eine Seltenheit - ist es doch eine von nur etwa vier deutschen Schulen, die Kinder mit der Diagnose Autismus im Klassenverband unterrichten. In vier Altersstufen - vom Grund- bis zum Berufsschüler - lernen die Jugendlichen Mathematik und Geographie, aber auch für sie elementare Verhaltensweisen und Formen der Kommunikation. In der Klasse der Kleinsten läuft ruhige klassische Musik. Die Atmosphäre jedoch ist angespannt. Maxi, einem dünnen, blonden Jungen mit verweinten Augen, geht es nicht gut. Eng schmiegt er sich an eine Betreuerin, das Kuscheltier im Mund. Immer wieder bricht er in Tränen aus. Es braucht viel Geduld, um ihn beim Morgenkreis zum Mitmachen zu bewegen. Auch die anderen kommen schwer in die Gänge: Fabian, klein und schmächtig, bekommt fast die Augen nicht auf. Und Tien-Tien wiegt sich unruhig hin und her. Doch "Die Kinder kommen wahnsinnig gerne in die Schule", erfährt Klassenleiterin Barbara Ammon jeden Tag. Im letzten dreiviertel Jahr hätten sie riesige Fortschritte gemacht. "Im September war das eine wilde Horde. Keiner blieb auf seinem Stuhl sitzen." Heute nähmen die Kinder Kontakt untereinander auf und hielten längere Unterrichtseinheiten durch. "Es ist auffällig, wie sehr sie sich an Regeln halten. Wenn ich zum Unterricht rufe kommen sie. Das ist eine große Leistung. "

Wie schwer es sein kann, aufmerksam zu sein - für Menschen mit normal ausgeprägter Wahrnehmung ist das kaum vorstellbar. Doch wer einmal versucht, aus einem lauten Stimmengewirr eine Botschaft herauszuhören, der erhält eine Ahnung davon, mit welchen Schwierigkeiten die Muschelkinder konfrontiert sind. "Wie in einer fremden, chaotischen Welt", beschreiben Eltern das Gefühl.
"Wir gehen davon aus, dass unsere Schüler mindestens durchschnittlich intelligent sind", sagt Schulleiter Eberhard Geißler. So konnten einige der Kleinen bereits lesen, bevor sie in die Schule kamen. Es ist die Kommunikations- und Kontaktfähigkeit, die sie hier einüben müssen. An den Wänden die Lernziele der ersten Monate: Begrüßen, Blickkontakt halten, Essen mit Messer und Gabel, Entscheidungen treffen. Was für andere Kinder selbstverständlich scheint - hier ist es eine große Leistung. "Für manche Schüler ist es schon zu schwierig, zwischen drei Möglichkeiten zu entscheiden", so Ammon. Welches Lied sollen wir singen? Was willst du essen? Lauter kleine Entscheidungen, die die Kinder im Laufe des Tages fällen und ausdrücken müssen. Je besser sie das lernen, desto schneller werden sie auch in der Lage sein, auf dem Schreibbrett Gedanken zu äußern und Fragen zu stellen. So wie Alexa.
Sie kann sich durch die "gestützte Kommunikation" gut verständigen. Das Besondere an der Methode: Erst die körperliche Berührung am Handgelenk, am Oberarm oder an der Schulter bringt die Kinder zum Deuten. Aber gerade das macht die Methode umstritten. Nimmt der Betreuer nur die Impulse auf, oder steuert er sie auch? Oft ist das von außen nicht zu erkennen. "Wissenschaftlich ist die Methode noch nicht erklärt", meint Eberhard Geißler. "Aber ich erlebe täglich, dass sie funktioniert."

Individuelle Förderung

So wie in der Klasse der Oberstufe. Hier wird kräftig an der deutschen Sprache gearbeitet. Heißt es Pakistaner oder Pakistani? Taiwaner oder Taiwanese? Nicht nur die Schüler sind unsicher. An der Wand hängen Plakate über die Wohnorte von Mitarbeitern und Schülern. Zusammen mit den Eltern haben die Jugendlichen zu Papier gebracht, was sie an ihrer Heimat interessiert. Bei so wenigen Schülern kann auch der Lernstoff von Neigungen bestimmt sein. Gestern zum Beispiel besuchte die Oberstufe die Polizei. Auch Klassen übergreifende Projekte, wie eine Schülerzeitung stehen auf dem Stundenplan. Eine so individuelle Förderung ist nur bei einem großen Team möglich. Fünf Mitarbeiter - ein Heilpädagoge im Förderdienst, eine Pflegekraft und drei Tagesstättenkräfte - kommen hier auf sieben Kinder. "Ohne die Verbindung mit der Tagesstätte könnte die Schule nicht funktionieren", erklärt Geißler. Die Mitarbeiter helfen bei den alltäglichen Handgriffen, übersetzen und rufen die Kinder zur Aufmerksamkeit. Mit einer Klasse haben die Muschelkinder 1995 begonnen - heute sind es vier. Das neuste Projekt: Eine Werkstufe zum Übergang ins Erwachsenenleben. Nie hätten sich Geißler das vor zehn Jahren vorstellen können. "Einer steht in der Ecke, einer hüpft, einer singt - wie soll da Unterricht möglich sein?", so die anfängliche Befürchtung. Doch die Skepsis verflog rasch. Zu oft haben ihn die Schüler überrascht. Und immer wieder hat er erkannt: "Schau dir diese Kinder an. Was in denen alles steckt, wenn man ihnen Vertrauen schenkt."

Anne Lüters

 

 


 

Was ist das Ziel deines Lebens?

Am folgenden Tag stand Johannes wieder da und zwei von seinen Jüngern. Indem er auf Jesus blickte, der vorüberging, sagte er: "Siehe, das Lamm Gottes." Und die beiden Jünger hörten ihn so reden und folgten Jesus. Als Jesus sich aber umwandte und sie folgen sah, da sagte er zu ihnen: "Was sucht ihr?" Sie aber sagten zu ihm: "Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo wohnst du?" Er sagte zu ihnen: "Kommt, und ihr werdet sehen." Sie gingen also mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war ungefähr die zehnte Stunde. Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer von den Zweien, die das von Johannes gehört hatten und ihm gefolgt waren. Dieser trifft am Morgen seinen Bruder Simon und sagt zu ihm: "Wir haben den Messias gefunden" - das heißt übersetzt: Christus. Und er führte ihn zu Jesus.
Johannes 1, 35 - 42a

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Glaube setzt in Bewegung - dies bewies auch Landesbischöfin Margot Käßmann beim Kirchentag in Hannover. Foto: epd
   

Es war bei einer internationalen Jugendbegegnung. Unvermittelt fragte mich eine junge Thailänderin: "Was ist das Ziel deines Lebens?" Damals, als Jugendliche von 18 Jahren, fühlte ich mich von dieser Frage überrascht und überfordert. Naja, natürlich hatte ich Wünsche und Träume, in welcher Richtung mein Leben verlaufen sollte. Doch diese Frage ging tiefer. Ich spürte, dass es nicht mit einer schnellen, fertigen Antwort getan war.

Und heute? Immer wieder fällt mir diese Begegnung von damals ein: Was ist das Ziel deines Lebens? Eine unbequeme Frage: Sie beunruhigt und fordert mich heraus, eine glaubwürdige Antwort zu geben. In unserem Text stellt Jesus zwei Jüngern des Täufers Johannes eine Frage: Was sucht ihr? Im Johannesevangelium sind es die ersten Worte, die von Jesus zitiert werden. Johannes hatte Jesus getauft und den Geist auf ihn herabkommen sehen. Jetzt wies er die beiden Männer auf Jesus hin, als dieser vorüber ging: Siehe, das Lamm Gottes. Die Worte des Propheten Jesaja klingen ihnen dabei sicher im Ohr: Fürwahr, unsere Krankheiten hat er getragen, unsere Schmerzen hat er auf sich genommen. Er war wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank führt (Jes 53). Die beiden Jünger folgen Jesus: wachsam, neugierig, erwartungsvoll. Dieses Geheimnis wollen sie ergründen - Jesus auf der Spur.

Was sucht ihr? so fragt Jesus sie - und uns. Es ist die Frage, über die sich jeder klar werden soll und muss, der ihm folgt, immer wieder neu: Was sucht ihr? Was erwartet ihr von mir, ihr Christen 2005? Manchmal frage ich mich in unseren Gottesdiensten: Warum bin ich da? So vieles ist uns vertraut, allzu vertraut. Laufen wir nicht oft einfach mit, Mitläufer eben, aus Gewohnheit? Gute Gewohnheiten können wie gute Freunde sein, hilfreich und stützend. Aber Jesus fordert uns heraus, unsere eigene Antwort zu finden. Was sucht ihr? Jesus will, dass wir wissen, was wir tun. Nicht blindlings hinterher laufen, sondern sehenden Auges ihm nachfolgen. Die beiden Jünger antworten Jesus mit einer Gegenfrage, in der eine Bitte steckt: Meister, wo wohnst du? Liegt darin nicht die Sehnsucht, den anderen wirklich kennen zu lernen, in dem zu sein, was sein ist? Eben nicht nur zu wissen, was andere über ihn sagen, sondern dem Meister selbst zu begegnen und im persönlichen Gespräch mit ihm zu erfahren, wer er ist, und mit seiner Hilfe herauszufinden, was man sucht. Martin Buber sagt: Alles wirkliche Leben ist Begegnung. Meister, wo wohnst du? Jesus geht auf ihre Bitte sogleich ein: Kommt, und ihr werdet sehen? Er lädt sie ein. Sie gehen mit, sie sehen und sie bleiben. Was dann geschieht, entzieht sich unserer Betrachtung. Es bleibt geschützt, den Beteiligten vorbehalten. Um die zehnte Stunde, so erfahren wir, sei es gewesen. Dies ist die Stunde der Erfüllung. Das Wesentliche dieser Christusbegegnung bleibt für Außenstehende verborgen. Doch die Auswirkungen werden sichtbar: Die Suchenden werden zu Einladenden: "Wir haben den Messias, den Christus, gefunden." Und Andreas führt seinen Bruder Simon zu Jesus. Mitten unter uns sind auch heute viele Suchende. Suchen sie nicht oft nach einer wirklichen Begegnung mit Gott? Mit dem Gott, der keine Angst macht, sondern der befreit, der Schuld vergibt und neue Hoffnung schenkt, der allein unsere tiefste Sehnsucht erfüllt, der den Einzelnen ernst nimmt, da wo er steht, sich mit ihm auf den Weg macht?

Wer weist sie hin auf Christus? Wo sind heute die Räume um zu sehen und zu erfahren? Dorothee Sölle sagt in einer ihrer Predigten: Ich bin es so müde, das Christentum, so wie es gemeint war, immer wieder zu erklären. Ich möchte einfach sagen können: Komm und sieh!

Brigitte Horneber, Synodalin aus Ansbach

Gebet: Das erbitte ich innig und ständig von dir, Herr, dass ich dich immer besser kennen lerne, dass ich dich immer herzlicher liebe und dass ich dir immer großherziger folge. Amen (Ignatius von Loyola).

Lied 346: Such, wer da will

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