Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 23)

Vereinfachtes Leben ohne Sorge?

Erfahrungen mit "klugen Büchern"

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"Ordnung ist das halbe Leben", sagt ein Sprichwort - und da ist etwas dran. Die äußere Ordnung hängt mit der inneren zusammen. Wer arbeitet schon gern an einem unübersichtlichen Schreibtisch? Foto: lü
   

"Blödsinn und Geldmacherei", sagen die einen. "Super, einfache Wahrheiten, die das Leben erleichtern", meinen die anderen. Gemeint sind Bücher wie "Simplify your life" oder "Sorge dich nicht - lebe". Matthias zum Beispiel ist begeistert von den Vorschlägen, die Lothar Seiwert und der bayerische Pfarrer Werner Tiki Küstenmacher in "Simplify your life" für den Arbeitsplatz machen. "Den Rat, jedes Blatt nur einmal in die Hand zu nehmen, habe ich mir zu Herzen genommen." Seitdem stapeln sich keine Papierberge mehr auf dem Schreibtisch des 42-Jährigen. "Ich sehe mir das Fax, den Brief oder was auch immer gleich an. Dann wird der Zettel entweder weggeworfen, abgeheftet oder ich erledige, was zu erledigen ist." Faszinierend sei das - und so einfach.

Nur "Geldmacherei"

Lisa (31) dagegen kriegt fast die Krise, wenn sie so etwas hört. Sie wettert: "Das ist doch Blödsinn. Alles völlig logische Ratschläge, dazu brauch ich doch kein Buch!" Pure Geldmacherei und Humbug seien Bücher, die ein einfacheres Leben versprechen. "Ich lass mir doch nicht vorschreiben, wie ich leben und mir meinen Alltag einrichten soll." Eigentlich wisse man das doch alles. "Es scheitert meistens an der Umsetzung, aber die kann einem niemand abnehmen."
Katharina hat sich lange überhaupt nicht mit dieser Art von Büchern beschäftigt. "Der ganze Rummel um diese Bücher ging an mir vorbei", sagt sie. Erst als ich vor einem halben Jahr in meinem Leben eine Krise hatte und begann, meine Rumpelkammer auszuräumen, erwähnte eine Freundin das Küstenmacher-Buch." Katharina erzählte ihr, wie gut es getan habe, Ordnung in die Wohnung zu bringen. Das ließ die Freundin aufhorchen. "Sie hat mir gesagt, dass Küstenmacher in seinem Buch schreibt, dass äußere Ordnung und innere Ordnung zusammen hängen. Das habe ich genauso erlebt." Doch das sei ihr auch ohne Buch klar gewesen. Immerhin hat sie sich daraufhin mit "Simplify your life" oder "Sorge dich nicht - lebe" auseinandergesetzt.
"Ich kann beiden Büchern etwas abgewinnen", meint die 37-Jährige. Vermutlich habe das allerdings viel mit der Lebenssituation zu tun gehabt, in der sie auf die Bücher aufmerksam wurde. "Mir hat bei Küstenmacher besonders das Kapitel gefallen, wo es darum geht, Entscheidungen zu treffen." Da heißt es zum Beispiel: "Formulieren Sie ihre Möglichkeiten." So kann man erkennen, welche Möglichkeiten man hat. Entscheidungen sollen nicht als Last sondern als wichtige Aufgabe und glücklicher Umstand gesehen werden. "Klar, es stimmt - die Hinweise sind logisch und schlicht. Aber da muss man halt erst mal von allein drauf kommen", meint Katharina. "Mich hat manches Kapitel weitergebracht, mit anderen konnte ich nichts anfangen."

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Dagegen geben ein ordentlicher Arbeitsplatz oder eine aufgeräumte Wohnung ein gutes Gefühl. Allerdings sind die Menschen unterschiedlich - der eine braucht mehr Ordnung, der andere weniger. Fotos: Wodicka
   

In der Gegenwart leben

Von Dale Carnegie ist das Buch "Sorge dich nicht - lebe". Ruth (42) berichtet, mit einem leichten Widerwillen habe sie zu dem Buch gegriffen. "Es wurde mir von mehreren Leuten empfohlen, also wollte ich es trotz meiner vielen Vorurteile mal ansehen." Ziemlich verblüfft sei sie gewesen, als sie mehr über den Autor erfuhr. "Ich dachte, das hat so ein erfolgreicher Typ geschrieben, vom Leben verwöhnt und nur am Geld interessiert", gibt sie zu. Aber damit habe sie weit daneben gelegen. "Der erste Aha-Effekt war, dass Dale Carnegie von 1888 bis 1955 gelebt hat." Seine Nachkommen haben das Buch ausgegraben und neu aufgelegt.
"Da habe ich das Buch gleich mit anderen Augen gelesen", sagt Ruth. "Besonders gut gefallen hat mir der christliche Bezug - das war mir vorher nicht klar." Carnegie schreibt, Angst und Sorgen seien die größten Probleme der Menschheit. Dabei seien Sorgen in der Regel keine wirklichen Probleme, sondern nur die Angst vor eventuell auftauchenden Problemen. "Gerade diesen Gedanken finde ich hilfreich. Ich neige dazu, mich unnötig zu sorgen", gibt Ruth ehrlich zu.
Zum Beispiel ist der Sohn nicht besonders gut in der Schule. "Also mache ich mir Gedanken, was ist, wenn er die Klasse wiederholen muss." Den Sohn belastet der Gedanke nicht besonders. Abgesehen davon ist er in diesem Schuljahr nicht mehr gefährdet. "Ich mache mir also völlig umsonst Sorgen. Denn was nächstes Schuljahr ist, weiß ich ja noch nicht", so die Mutter zweier Kinder. Carnegie weist auf die Bibel hin. Darauf, dass Jesus gesagt hat: Sorget nicht für den nächsten Morgen, jeder Tag hat seine eigene Plage. Und er zitiert das Vaterunser, wo es heißt: "Unser tägliches Brot gib uns heute." Es wird nicht etwa um Brot für das ganze Jahr gebetet. "Mir tut es gut, mehr in der Gegenwart zu leben und mir nicht wegen der Zukunft den Kopf zu zerbrechen", meint Ruth und räumt ein, dass sie ihre Vorurteile über den Haufen geworfen hat.

"Jedem das Seine"

Richard (39) sieht es pragmatisch: "Dem einen Menschen helfen eben solche Bücher, einem andern nicht. Das ist Typsache und liegt auch an der jeweiligen Lebenssituation." Er hätte nicht gedacht, dass er jemals etwas mit einem solchen "Lebensratgeber" anfangen kann, "aber mir hat Carnegie geholfen, mein Leben aus einem anderen Blickwinkel zu sehen". Nach einem längeren Gespräch mit Katharina, kommt Lisa zu dem Schluss: "Für mich sind diese Bücher nichts, aber wenn es jemandem hilft, sie zu lesen - warum nicht?"

Karin Ilgenfritz

Buchhinweise:
Dale Carnegie, Sorge dich nicht - lebe, Fischer, Frankfurt am Main 2003, 414 Seiten, 7 Euro
Werner Küstenmacher und Lothar Seiwert, Simplify your life, Campus, Frankfurt 2005, 383 Seiten, 19,90 Euro

 

 


 

Achtung Abseitsfalle!

Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte, und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wieder hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden.
Lukas 15

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Der Künstler Volker Kurz hat die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn aus dem heutigen Zeitgeist heraus ganz anders dargestellt, in frischen Farben und mit einem Zug zur Karikatur. Foto: privat
   

"Plötzlich stehe ich im Abseits. Niemand scheint mich zu verstehen, dabei habe ich doch Recht. Was mein Bruder sich da geleistet hat ist doch eine große Gemeinheit!", etwas Ähnliches wird sich der ältere Sohn gedacht haben, als der verlorene Sohn zum Vater zurückkehrte, nachdem er das ganze Erbe mit Huren und bei Saufgelagen in den Spelunken der damaligen Zeit durchgebracht hatte. Für mich schwingen in diesen Worten viele Enttäuschungen mit.
Der ältere Sohn hätte auch gerne einmal den Arbeitskittel hingehängt und die Stallstiefel ausgezogen, um mit seinen Freunden zu feiern. Er hat sich selbst nie etwas gegönnt. Sein Leben lang hat er gearbeitet, war fleißig und ehrbar. Sicherlich fallen ihnen etliche Menschen ein, die ihr Leben ähnlich gestalten wie der ältere Sohn. Oder finde ich mich vielleicht sogar selbst im älteren Sohn wieder? Ist er ein Spiegelbild meines eigenen Lebens?
Nun begegnet dem älteren Sohn in seinem jüngeren Bruder, all das, was er sich in den letzten Jahren versagt hat. Im Jüngeren begegnet ihm dieses nicht gelebte, verweigerte Stück seines Lebens. Deshalb ist er so wütend auf seinen jüngeren Bruder. Doch der ältere Bruder verkennt die Rechtslage: Das Erbteil stand dem Jüngeren zu. Er konnte damit machen, was er wollte.
Genau genommen ist der Ältere nicht auf den Jüngeren wütend, sondern auf sich selbst, weil er sich in den letzten Jahren nichts gegönnt hat, weil er auch gerne einmal ausgespannt und gefeiert hätte. Der ältere klagt seinen jüngeren Bruder an, weil er sich selbst nichts gönnt und darum auch seinem Bruder nichts gönnen kann. Jesus sagt: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." (Matthäus 22, 39) Nächstenliebe, hier Bruderliebe, ist nur möglich, wenn man sich selbst mag. Nur wer mit sich im Reinen ist, kann mit anderen in's Reine kommen. Nur wer sich etwas gönnt, kann anderen etwas gönnen. Der ältere Bruder ist in Gefahr, als Mensch zu scheitern. Er stellt sich in das Abseits, während andere gemeinsam fröhlich feiern. Gut, dass es einen Vater (Gott) gibt, der zum älteren Sohn hinausgeht und ihn einlädt sich mit seinem Bruder zu versöhnen. Er gibt ihm damit die Möglichkeit, sich mit einem Stück eigenen, ungelebten Leben zu versöhnen.

Thomas Grieshammer, Pfarrer in Nürnberg

Gebet: Vater du willst, dass alle Menschen zum Leben finden. Lass mich entdecken, wo ich mich nicht traue zu leben. Schenke mir den Mut, das Leben neu zu wagen. Schenke mir ein warmes Herz, anderen die Freude am Leben zu gönnen. Und wenn ich mich an jemandem ärgere, lass mich fragen, ob es nicht die verdrängte Seite meines Lebens ist, die mich so stört. Amen.

Lied 324: Ich singe dir mit Herz und Mund

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