Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 22)

„Wie Weihnachten bei 30 Grad“

Kirchentag in Hannover war von Politik und Spiritualität geprägt

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Prominente Politiker gehören auf dem Kirchentag dazu. Das schätzen viele Kirchentagsbesucher ganz besonders. Unser Foto zeigt von links Bundeskanzler Gerhard Schröder, die kenianische Friedensnobelpreisträgerin Wangari M. Maathai und den Präsident des Kirchentages Eckard Nagel auf dem Podium bei einer Veranstaltung zum Thema Globalisierung. Foto: lü
   

Da gibt es keinen Zweifel: Auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover am meisten gefragt sind Geschäfte und Stände, die Getränke und Eis verkaufen. Nicht zu vergessen die Brunnen in der Stadt und auf dem Messegelände, die von vielen Kirchentagsbesuchern begeistert genutzt werden, um sich mal eben etwas abzukühlen. Den einen macht die Hitze Spaß, manch anderen schwer zu schaffen. „Aber lieber so als Regen“, stöhnt eine Frau und nimmt einen kräftigen Schluck aus ihrer Wasserflasche.

Sonne und kein Streik

Nicht nur das Wetter, auch die Gewerkschaft ver.di meint es gut mit dem Kirchentag. Denn eigentlich hätte ein Busstreik stattfinden sollen, was für die rund 15.000 Kirchentagsbesucher problematisch geworden wäre, die ein Quartier etwas außerhalb Hannovers haben. Busfahrer und Gewerkschaftsvertreter hatten ein Einsehen und verschoben ihren Streik um einige Tage. Apropos öffentlicher Nahverkehr. Er funktioniert gut, da gibt es nichts zu meckern. Vom Messegelände fährt alle zwei Minuten eine Bahn in die Innenstadt und umgekehrt. „Trotzdem muss man sich gut überlegen, wie man sich den Tag gestaltet“, meinen zwei Pastoren aus dem Ruhrgebiet. „Es bleibt viel Zeit auf der Strecke.“ Das geht Judith und ihren Freundinnen nicht anders. Entweder verbringen sie gleich den ganzen Tag auf dem Messegelände, wo auch die meisten Veranstaltungen stattfinden, oder sie machen „halb-halb“: Vormittag Messe, Nachmittag Stadt, oder umgekehrt.
Für die 17-jährige Judith Orth aus Rothenburg ist es der zweite Kirchentag und sie kennt sich bereits gut aus. „Mein absolutes Highlight war das Konzert von den Wise Guys“, meint sie und erklärt: „Die machen ganz tolle Musik, alles a capella.“ Begeistert ist Judith auch von Margot Käßmann, Landesbischöfin der gastgebenden Hannoverschen Landeskirche. „Ich finde die Frau gut, sie nimmt sich kein Blatt vor den Mund.“ Erlebt hat sie Käßmann bei der Veranstaltung „Wozu Gemeinde – Kirche der Zukunft“. Judith kritisiert allerdings, dass in manchen Veranstaltungen „so geredet wird, dass ich vieles nicht verstehe. Müssen die denn immer so viele Fremdwörter und Fachausdrücke verwenden?“ Käßmann hebe sich davon deutlich ab. Und auch Joschka Fischer hat es der jungen Frau angetan: „Er hat einfach offen alles angesprochen und war überzeugend wie immer“, meint sie.

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Vor allem Kinder und Jugendliche haben ihren Spaß mit dem kühlen Nass. Hier tummeln sie sich – ohne Badekleidung – auf einer Brunnenanlage auf dem Messegelände. Bei über dreißig Grad trocknet die Kleidung schnell wieder. Foto: kil
   

Politisches Interesse

Judith ist eine von vielen Jugendlichen, die sich für politische Themen interessieren. Der Kirchentag in Hannover ist nach der Einschätzung der Verantwortlichen auch wieder politischer als der Ökumenische Kirchentag vor zwei Jahren in Berlin. „Ich finde das auch gut so“, sagt Johanna Haberer, Professorin an der Universität Erlangen-Nürnberg. „Gerade nach dem gefühlvollen Rummel um den verstorbenen Papstes und die Neuwahl wird es Zeit, sich wieder politischen Themen zuzuwenden.“ Außerdem sei das Motto des Kirchentages „Wenn dein Kind dich morgen fragt“ ein äußerst politisches. „Denn dabei geht es um die Lebenswelt der Kinder und das ist die Gesellschaft von morgen.“
Ein den Kirchentag bestimmendes Thema gibt es allerdings nicht. Das erlebt auch der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich so. „Klimaschutz und Globalisierung sind Themen, aber nicht die bestimmenden schlechthin“, meint er. Auch Spiritualität sei gefragt. Besonders gut findet er, dass es erstmals ein eigenes Zentrum für Kinder gibt. „Damit ist es auch für Familien einfacher, den Kirchentag zu besuchen.“ – Vielleicht mit ein Grund, dass der Kirchentag mit 105.000 Dauerteilnehmern alle bisherigen evangelischen Kirchentage in den Schatten stellt. „Für mich steht bei diesem Kirchentag das Feiern im Vordergrund.“
Ganz ähnlich geht es seiner Kollegin, Landesbischöfin Margot Käßmann. Für sie sei der Kirchentag ein Fest des Glaubens und „wie Weihnachten bei 30 Grad“.

Karin Ilgenfritz

Der Kirchentag in Zahlen

Der 30. Deutsche Evangelische Kirchentag in Hannover hat in diesem Jahr nach Angaben der Veranstalter rund 400.000 Menschen in seinen Bann gezogen. Rund 105.000 von ihnen waren fest für die fünf Tage angemeldet, davon knapp sechzig Prozent weiblich.
Zu den Dauerteilnehmerinnen und -teilnehmern gehören rund 48.000 Mitwirkende. Die Teilnehmer konnten aus rund 3.000 Veranstaltungen an 814 Orten wählen. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer betrug 36 Jahre. Am stärksten vertreten waren die Altersgruppen der 12- bis 17-Jährigen (19,4 Prozent) und die 40- bis 49-Jährigen (17,2 Prozent). Nicht alle Dauerbesucher waren evangelisch, acht Prozent waren katholisch, 3,7 Prozent gehörten anderen Konfessionen an.
56.000 Papphocker sorgten in für ausreichend Sitzgelegenheiten, insgesamt 143.364 Frühstücke wurden in den Gemeinschaftsquartieren verteilt, knapp tausend Menschen mit einer Behinderung kamen nach Hannover und rund 1.500 Journalisten berichteten über den Kirchentag, der 13,3 Millionen Euro gekostet hat.
Der nächste Evangelische Kirchentag findet 2007 in Köln statt, danach treffen sich die Protestanten vermutlich 2009 in Bremen. Im Jahr 2010 wird es wieder einen ökumenischen Kirchentag geben, dann in München.
kil

 

 


 

Gottes Einladungen annehmen

Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu laden; doch sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er seine Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet, und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten sie und töteten sie
Matthäus 22, 1-6

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Im Matthäusevangelium wird das Reich Gottes mit der Einladung zu einer Hochzeit verglichen. Foto: epd
   

Dieses berühmte Gleichnis von der königlichen Hochzeit greift weit über die Zeit Jesu Christi hinaus. Jesus meinte damals die Menschen seiner Umgebung, die seine Botschaft hörten, aber nicht glaubten. Gott-Vater hat mit seinem Sohn der Welt eine Einladung ausgesprochen, doch die Welt hat dies nicht erkannt, bis auf wenige. Es fällt nicht schwer, dieses Gleichnis auf die kirchliche Wirklichkeit zu übertragen. Wer heute solche Verse liest, braucht nicht lange zu überlegen: jeder von uns kennt wohl getaufte Christen, die nicht zum Gottesdienst kommen und ihren Glauben nicht so ernst nehmen.
Doch bei diesem Gleichnis müssen wir uns trotzdem davor hüten, vorschnell die Moralkeule zu schwingen. Es geht hier nicht nur darum, wie ernst es uns mit dem Gottesdienstbesuch ist. Unser ganzes Leben ist in Frage gestellt. Wie vieles in unserem Leben hindert uns immer wieder daran, Gott die ganze Ehre zu geben. Viele Begründungen für ein buchstäblich Gott-loses Leben klingen einleuchtend: Beruf und Alltag, Arbeit und Familie – das hält tatsächlich genügend Herausforderungen bereit. Vor dem orthodoxen Kloster in Orlat bei Hermannstadt in Siebenbürgen steht ein Kreuz. Es zeigt nicht nur den gequälten leidenden Christus am Kreuz, den die gekreuzigt haben, die diese Einladung Gottes nicht angenommen haben. Die Arme wirken vielmehr geöffnet wie zu einer neuen Einladung. Darunter steht auf Rumänisch geschrieben: „Das habe ich für Euch getan – und was tut Ihr für mich?“

Es ist in unserer Zeit schwer, Menschen zu finden, die etwas für Andere tun. Unsere Sozialdienste sind institutionalisiert. Ihr soziales Gewissen beruhigen viele mit einer Spende. Die Senioren werden in Heime abgeschoben. All das ist typisch für eine Gesellschaft, in der die Menschen scheinbar gar nicht mehr die Zeit haben, sich um den Nächsten zu kümmern, geschweige denn um ihr geistliches Leben.
Zu Pfingsten erlebten wir wieder einmal eine Diskussion über die Feiertage in Deutschland. Die Wirtschaft nutzt die schlechte Lage als Chance, die Abschaffung von Feiertagen zu propagieren. Laut der Aussage führender Wirtschaftsbosse soll dies für Aufschwung sorgen. Für uns als Christen und als Kirche ist diese Diskussion auch eine Anfrage, wie wir unseren Glauben leben. Eine bequem gewordene Christenheit kann leichter zum Ziel unternehmerischer Profitinteressen werden, als eine Christenheit, die zu den Feiertagen in die Kirche strömt. Gleichzeitig sollten wir uns nicht zu schnell mit denen identifizieren, die Gottes Einladung annehmen. Wir gehören als Christen heute schon längst zu einer Gruppe, die in Kabarett und Comedy-Shows veralbert werden darf. Vielleicht sind wir als die bekennenden Christen sogar schon die Knechte, die die Welt verhöhnt, so wie die Eingeladenen im Gleichnis die Knechte des reichen Mannes verhöhnt haben. Damals haben sie die Knechte getötet. Werden nicht christliche Positionen – Einladungen also, aktuelle Fragen auch aus christlicher Sicht zu sehen – heute auch mundtot gemacht?
Doch mit Jammern ist niemand geholfen. Das Jammern über die böse Welt ist auch nicht das Ziel unseres Glaubens. Zu Pfingsten haben wir gesehen, dass die Gegenwart des Heiligen Geistes Menschen verwandelt. Daran glauben wir. Das ist unser Trost. Der Heilige Geist verwandelt uns in solche, die Christi Einladung nicht verachten, sondern annehmen. Das „Kommt, denn es ist alles bereit“ aus der Abendmahlsliturgie gilt.

Jürgen Henkel, Pfarrer in Rumänien und Leiter der Akademie Siebenbürgen

Gebet: Herr, unser Gott, wir wissen, dass uns deine Nähe das Leben schenkt. In Deinem Sohn Jesus Christus hast Du uns eine Zukunft im Glauben verheißen. Schenke uns immer wieder neu die Kraft, diese Verheißung in unserem Leben wirksam werden zu lassen und unser Leben Dir zu weihen. Amen.

Lied: Nun preiset alle

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