Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 17)

Zigeuner im Weltall?
 EXTRA: Zigeuner im Weltall?
Der Mensch unterm riesigen Himmelszelt


Das Leben ins Gebet nehmen

Beten und Arbeiten gehören zusammen

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Beten und arbeiten sollen ineinander fließen.
   

Schon uralt und ursprünglich an Mönche gerichtet ist der Rat "ora et labora" - bete und arbeite. Und doch hat dieser Rat bis heute nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil. Pater Anselm Grün OSB meint, so sollte jeder Christ leben. Denn "ora et labora" bedeutet nichts anderes, als dass beten und arbeiten zusammen gehören. "Dabei steht das Gebet an erster Stelle und ist die Quelle, aus der heraus ich arbeite." Anselm Grün ist Benediktinerpater im un-terfränkischen Münsterschwarzach. Der älteste katholische Orden ist benannt nach seinem Gründer, dem heiligen Benedikt von Nursia (ca. 480 bis 547). Eben dieser Benedikt nahm "ora et labora" als Leitspruch für seine Ordensleute. Und übrigens geht auf jenen Benedikt auch der Name des neu gewählten Papstes Benedikt XVI. zurück.

Fortschrittliche Gedanken

"Das war damals ziemlich ungewöhnlich", sagt Schwester Katharina Klara Schridde von der Communität Casteller Ring. "Zur Zeit Benedikts war es für die ,besseren Leute' undenkbar zu arbeiten. Dafür hatten sie ja Sklaven und Bedienstete. Die Arbeiter wiederum hatten keine Zeit zu beten." Benedikt wollte, dass seine Mönche sich dem Gebet widmen. "Doch zwischen den Gebetszeiten sollten sie die Zeit sinnvoll nutzen und etwas arbeiten", sagt die evangelische Ordensfrau. Geist und Leib wurden damals strikt getrennt. Benedikt hat seine Mönche mit dieser Regel vor dem "Müßiggang der Seele" bewahren wollen. "Also davor, dass sie depressiv werden", sagt Schwester Katharina. "Depression stellt sich ein, wenn das Maß nicht stimmt. Das Leben soll in einem ausgewogenen Maß zwischen beten, arbeiten und schlafen gelebt werden." Dass der heilige Benedikt richtig liegt, zeigt sich auch heute. "Arbeitet jemand zu viel, besteht die Gefahr einer Erschöpfungsdepression. Arbeitet jemand zu wenig, kann er depressiv werden oder einer Sucht verfallen." Schwester Katharina spricht aus Erfahrung. In der geistlichen Begleitung junger Erwachsener, die auf den Schwanberg kommen, geht es oft um solche und ähnliche Probleme. "An der Arbeitslosigkeit kann man so leicht nichts ändern. Aber es ist wichtig, dass jemand seine Zeit einfach sinnvoll füllt. Es muss ja nicht bezahlte Arbeit sein", sagt sie. Sie rät arbeitslosen Menschen zu überlegen, was sie tun können, auch wenn die Grenzen von außen eng gesteckt sind. "Für die Seele ist es einfach wichtig, dass ein Mensch seine Lebenszeit sinnvoll verbringt." Auch die Schwestern der Communität Casteller Ring leben nach der Regel "ora et labora". Die Stundengebete - auf dem Schwanberg gibt es vier Gebetszeiten - sind das Herzstück des Klosterlebens. "Der erste Beruf der Ordensleute ist das Gebet. Die Arbeitszeit richtet sich nach den Gebetszeiten."
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Jede Arbeit ist wertvoll, es kommt auf die innere Haltung an. Fotos: Wodicka
   

Arbeiten im Dienst Gottes

Wesentlich bei der Arbeit ist sich bewusst zu machen, "dass ich im Dienst Gottes stehe", so Anselm Grün. Für ihn bedeutet "ora et labora" das Ineinanderfließen von Gebet und Arbeit. "In der Arbeit lebe ich meine Gottesbeziehung. Die Arbeit ist ein Test, ob mein Gebet stimmt." Das Gebet gebe der Arbeit eine andere Qualität - der betende Mensch muss sich in der Arbeit nicht selbst beweisen, sondern steht im Dienst Gottes. "Ganz wichtig ist, dass das Gebet kein religiöser Narzismus ist, kein Kreisen um sich selbst. Sondern Beten bedeutet Hingabe an Gott", so Grün.

Verschiedene Gebete

Dabei wird deutlich, dass Gebet nicht gleich Gebet ist. Es gibt verschiedene Arten zu beten. Zum Beispiel kann man vorgeformte Gebete sprechen oder Psalmen lesen. Vor Gott kann man aber auch einfach "drauf los reden", was einem in den Sinn kommt. Anselm Grün empfiehlt, sich hinzusetzen, ruhig zu werden und in sich hineinzuhören "und das, was dann hochkommt, zulassen und Gott hinhalten". Hilfreich dabei sind Rituale, wie zum Beispiel den Tag mit einer solchen Gebetszeit zu beginnen und eventuell auch abzuschließen. "Leider ist das Beten in unseren Kirche zu sehr in den Hintergrund getreten", sagt der Benediktinerpater. "Viele Menschen müssen beten erst wieder lernen und einüben." Wünschenswert wären dementsprechende spirituelle Angebote der Kirche. "Manche Menschen spüren Gott nicht, weil sie sich selbst nicht spüren." Das Gebet ermöglicht die Begegnung mit sich selbst und mit Gott. Und noch etwas betont Anselm Grün: "Das Gebet ist keine Pflicht gegenüber Gott, sondern etwas, das mir nutzt."
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Keine lästige Pflicht

Wer in Kontakt mit sich und Gott sei, arbeite auch anders. "Klar hängt die Lust an der Arbeit auch von deren Sinn ab. Und doch sollte man Arbeit nicht als lästige Pflicht sehen." Wer nicht aus der Quelle des Gebets heraus arbeitet, sondern aus Ehrgeiz, ist schnell erschöpft. Anselm Grün sieht in der Arbeit drei verschiedene Bedeutungen: Zum einen verdienen sich Menschen damit ihren Lebensunterhalt. "Dass das manchmal nicht einfach ist, ist schon in der Bibel zu lesen. Da heißt es, dass wir arbeiten werden im Schweiße unseres Angesichts." Gleichzeitig bedeutet es auch Freiheit und Unabhängigkeit, wenn jemand für seinen Lebensunterhalt sorgt. "Das spielte und spielt bei den Mönchen eine wichtige Rolle." Ein zweiter Aspekt der Arbeit ist der Dienst am Menschen. "Drittens hat Arbeit auch eine spi- rituelle Dimension. Christen stehen damit in der Welt, müssen sich alltäglichen Problemen stellen. Frömmigkeit soll keine Flucht vor der Realität sein." Es ist auch eine Gnade, arbeiten zu können.

Karin Ilgenfritz

 

 


 

Unverschämt drängeln - Gott erfüllt unser Bitten

Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern: "Stellt euch vor, einer von euch geht mitten in der Nacht zu seinem Freund und bittet ihn: Lieber Freund, leih mir doch drei Brote! Ich habe gerade Besuch von auswärts bekommen und kann ihm nichts anbieten. Würde da der Freund im Haus wohl rufen: Lass mich in Ruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder liegen bei mir im Bett. Ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben? Ich sage euch, wenn er auch nicht gerade aus Freundschaft aufsteht und es ihm gibt, so wird er es doch wegen der Unverschämtheit jenes Menschen tun und ihm alles geben, was er braucht.
Lukas 11, 5-8

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Wir bekommen nicht alles, um was wir bitten. Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen. Und eine lautet: Der Vater wird's richten! Foto: Klenner
   

Diese Haltung! "Frechheit siegt", denke ich mir. Welche Körperhaltung, welche Gestik der "unverschämt Bittende" wohl hat, den Jesus uns vorstellt? Gebet braucht Haltung! Vielleicht unverschämte Haltung? Zumindest braucht unser Glaube und unser Beten einen körperlichen Ausdruck. Kein Kopf kann alles leisten. Beine und Arme können dem Kopf helfen.

In gewisser Weise "arbeiten" wir mit Händen und Füßen, wenn wir beten. Was also ist schlimm am Kreuzzeichen, mit dem ich mich an Leid und Schmerz, an einen "sympathischen", sprich "mitleidenden" Jesus Christus erinnere? Was könnte verwerflich daran sein, wenn ich mich beim Betreten einer Kirche schweigend Richtung des Altars verbeuge? Was hindert Protestanten daran, vor Gott und den Menschen mit Leib und Seele unverschämt zu drängeln? Freunde lassen Frechheit siegen! - "Bittet, so wird euch gegeben!"

Jetzt wäre es an der Zeit: Am 1. Mai, dem "internationalen Kampftag der Arbeit", Haltung annehmen und unverschämt um Arbeit für alle drängeln. Und wenn schon nicht für alle, dann wenigstens für die, die arbeiten wollen und nicht arbeiten können. Unverschämt drängeln, dass Politiker und Gewerkschafter Fantasien für mehr Arbeitsplätze entwickeln. Haltung denen schenken, die um ihren Wert fürchten, die Angst haben, nicht mehr gebraucht zu werden. Unverschämt drängeln hilft - denn Gott wird unsere Bitten erfüllen. Sollten Sie mit dieser Behauptung zufrieden sein, können Sie den nächsten Absatz einfach überspringen...

...Ehrlich gesagt, zweifle ich, ob Gott tatsächlich alle unsere Bitten erfüllt. Da kann ich noch so drängeln, mit Händen und Füßen meinem Flehen Nachdruck verleihen, nichts hat sich getan. Wir bekommen nicht alles, um was wir bitten. Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen. Und eine lautet: Der Vater wird's richten! Vielleicht nicht heute und nicht morgen. Aber bestimmt, wenn sein Reich kommt...

...So, da sind wir wieder. Nehmen Sie bitte Haltung an! Wir wollen zum Schluss gemeinsam das "Vater unser" beten und uns dabei von den Worten des amerikanisch-französischen Schriftstellers Julien Green bewegen lassen: "Das Vaterunser. Überlegt einmal genau: Wenn ihr es betet und zugleich wirklich daran denkt, dann müsst ihr verrückt werden vor Glück." Protestantisch frech würde ja auch schon reichen...

Pfarrer Thomas Klenner, Schierling

Gebet: Lobet ihr Völker, unsern Gott, lasst seinen Ruhm weit erschallen, der unsere Seelen am Leben erhält und lässt unsere Füße nicht gleiten (Psalm 66, 8+9).

Lied 133: Zieh ein zu deinen Toren, sei meines Herzens Gast.

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