Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 15)

Für eine handlungs- und zukunftsfähige Kirche

Frühjahrssynode in Augsburg beriet über Strukturentscheidungen

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Hinsichtlich der Zukunft der Landeskirche beriet die Landessynode im Oberen Fletz des Augsburger Rathauses über strategische Maßnahmen; ganz rechts im Bild Landesbischof Johannes Friedrich. Foto: th
   

Unter dem Leitbegriff "Kirche vor Ort" warb Landesbischof Johannes Friedrich in seinem Bericht vor der Frühjahrssynode für "eine wesentlich bessere Vernetzung" und "eine deutlich verstärkte Kooperation in allen Bereichen". Dabei unterstrich er eindringlich, dass "Kirche vor Ort" nach seinem Verständnis nicht nur die Ebene der örtlichen Kirchengemeinden einschließt, sondern auch die der übergemeindlichen Dienste und Funktionen wie etwa der Notfall-, der Flughafen- und der Krankenhausseelsorge oder der Bildungsangebote.

Einerseits erinnere ihn - so führte der Bischof aus - die Rede von der "Kirche vor Ort" daran, dass der Geist Jesu Christi "nicht abstrakt über uns schwebt, sondern in unserer konkreten Arbeit vor Ort Gestalt gewinnt". Andererseits verwirkliche sich die Gemeinde Christi nach dem Verständnis unserer Kirchenverfassung ebenso konkret auch in anderen Formen von Gemeinden als den üblichen Ortsgemeinden.

Es handle sich hierbei nicht um konkurrierende, sondern einander sinnvoll ergänzende Gestalten von christlicher Gemeinde. Von daher sei insbesondere die Verbindung von Sonderbeauftragungen mit Gemeindepfarrstellen sinnvoll. Nicht an die Ortsgemeinde gebundene Funktionen hätten ihr gegenüber letztlich dienenden Charakter. Außerdem gebe es, so Friedrich, neben den Einzelgemeinden nach neutestamentlicher Sicht auch die weltweite Gesamtgemeinde; beide seien zwei Seiten derselben Medaille. Insofern gelte es - und zwar gerade für die Synode -, stets die gesamtkirchliche Verantwortung mit im Blick zu behalten.

Leithammel und Basisschafe

Wie es zuvor bereits Synodalpräsidentin Heidi Schülke in ihrer Begrüßungsansprache getan hatte, wies auch der Landesbischof auf die Vielfalt der neutestamentlichen Bilder von "Gemeinde" hin. Schon im festlichen Eröffnungsgottesdienst am Sonntagabend hatte die Augsburger Stadtdekanin Susanne Kasch die Vielfalt und Buntheit in der christlichen Gemeinschaftsbildung dadurch humorvoll zum Ausdruck gebracht, dass sie die Anwesenden als "Oberschafe, Leithammel und Basisschafe" willkommen hieß. In der Aussprache zum Bischofsbericht kritisierten mehrere Synodale, dass nach ihrem Eindruck die Ebene der Ortsgemeinden nicht genügend gewichtet worden sei. Die theologische Zuordnung von übergemeindlicher Arbeit und Kirche am Ort bedürfe weiteren Nachdenkens.

Werner Thiede

Für eine handlungs- und zukunftsfähige Kirche

Vor einigen Wochen hatte Bill Hybels den 11.000 Teilnehmern des Leiter-Kongresses von "Willow Creek" in Stuttgart zugerufen: "Was könnte geschehen in Deutschland, wenn all die Leiter, Pastoren und Prediger wirklich auf den Heiligen Geist hören würden?" Aus diesem spirituellen Impuls lässt sich ein Stück Arroganz heraushören, denn jener Leiter der größten Gemeinde Nordamerikas kann nicht annähernd beurteilen, wie viele Kirchenleiter hierzulande "wirklich auf den Heiligen Geist hören". Aber richtig war sein Hinweis darauf, dass die Frage der Zukunft der Kirche entscheidend mit den Gaben des Heiligen Geistes zusammenhängt - und insofern damit, ob der Geist "gedämpft" wird oder nicht (1. Thessalonicher 5,19).

Wenn nun die Landessynode unter dem Stichwort "Kirche vor Ort" nach einer "handlungs- und zukunftsfähigen Kirche" fragt und dabei - so das Impulspapier des Landessynodalausschusses - "mit Gottes Auftrag nahe bei den Menschen" sein will, dann werfen diese Formulierungen Rückfragen auf.

Handlungs- und Zukunfts-fähigkeit - das klingt nach Können, erworbener Geschicklichkeit, kann allerdings auch Befähigung, Begabung meinen. In dieser Hinsicht weiß das Impulspapier immerhin, "dass die Zukunft der Kirche letztlich in den Verheißungen Gottes begründet ist"; ihnen gelte es "möglichst Räume" zu öffnen.

Freilich - schon das tun zu können, bedarf im Grunde der Befähigung durch den Heiligen Geist. Zukunft hat Kirche nur in dem Maße, in dem sie sich von diesem Geist lenken und erhellen lässt. Dass die synodalen Strategie- und Strukturentscheidungen in Augsburg unter dem Stichwort "Kirche vor Ort" stehen, ist so gesehen ein ermutigendes Zeichen. Denn Kirche ist im Kern "vor Ort", oder sie ist nicht Kirche.

Der große Schweizer Theologe Karl Barth hat diesen Sachverhalt in seiner "Kirchlichen Dogmatik" (IV/1, Seite 751) treffend formuliert: Die Existenz eines die Einigkeit der lokal getrennten Gemeinden fördernden und erhaltenden Institutes sei nicht unmöglich, biete aber jedenfalls keinen integrierenden Bestandteil des Wesens der Kirche. "Existiert doch die eine Kirche weder in einer ideellen noch in einer organisierten oder organisierenden ‚Gesamtkirche', zu der dann die einzelnen Gemeinden im Verhältnis von Teilkirchen ständen (wie Zahlen einer Summe oder wie die Töne in einem Akkord!), sondern in ihrer Ganzheit je in jeder einzelnen Gemeinde." Dieses Kirchenverständnis schließt übergemeindliche Dienste übrigens keineswegs aus.

Was "Kirche vor Ort" näherhin heißt, darüber will die Synode einen Dialog eröffnen und auf den Frühjahrssynoden 2006 und 2007 fortführen. Eingeladen zur Teilnahme an diesem Denkprozess sind dem Impulspapier zufolge "die Gremien, insbesondere in Dekanatsbezirken, Kirchengemeinden, Diensten und Einrichtungen, aber auch Gruppen interessierter Kirchenmitglieder". Vielleicht sollte diese Einladung noch umfassender formuliert sein. Zudem sollte Kirche nicht nur "nahe bei den Menschen" sein wollen, sondern ganz bewusst davon ausgehen, dass sie im Kern selber eine - freilich beauftragte - Versammlung von Menschen ist. "Kirche vor Ort" - das ist nicht nur Frage, sondern Antwort.

th

 

 


 

Sehnsucht nach der frühlingshaften Heimat

Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen, und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.
Johannes 1.6, 16.20-22

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Wenn ich früh aufstehe und etwas Schönes vor mir liegt, beginnt mein Tag gleich anders. Ich bin beflügelt, freue mich auf das, was kommt. Wenn aber etwas Belastendes vor mir liegt, bestimmt das schon oft die Stunden vorher. Ich denke darüber nach, wie ich damit fertig werden könnte. Und besonders schlimm ist es für Trauernde. Manche stehen schon früh auf mit dem Gefühl der Leere. Wo-für soll ich mich anziehen und kochen und dasein? Wer wartet schon auf mich? War das alles? Ja, was wir erwarten, wozu wir erwartet werden, was vor uns liegt, bestimmt unsere gegenwärtigen Gefühle und Gedanken. Jesus malt seinen Jüngern beim Abschied eine Zukunft vor die Augen: Ihr werdet mich wiedersehen, vollkommene Freude wird da sein, die euch niemand nehmen kann. Eure Traurigkeit hat nicht das letzte Wort, sie wird verwandelt.

Darauf gehen wir bis heute zu. Das liegt vor uns. Was wäre, wenn diese Aussicht wirklich das Leben der Christen bestimmt hätte und bestimmen würde? Ich stelle es mir vor: Wieviel weniger Angst hätten Kirchenführer anderen mit Gott gemacht, ihn als Zeigefinger benutzt. Wieviel weniger Sorgen um Kleinigkeiten würden mich heute in Beschlag nehmen und total besetzen.Wieviel weniger Resignation und Ohnmacht wäre in den Gedanken und Gefühlen zu Hause nach dem Motto: Es hat ja doch keinen Sinn. Wieviel weniger Größenwahnsinn würde wuchern nach dem Motto: Auf Erden müssten vollkommene Taten vollbracht und vollkommene Freuden frei Haus geliefert werden.

Ich wünschte mir, die Vorfreude darauf, Jesus wiederzusehen, würde unsre Alltagsgeschäfte durchziehen, würde Ahnungen von alles übersteigender Freude in uns freisetzen, damit wir sehnsüchtig leben wie Zugvögel. Der Mystiker und Priester Ernesto Cardenal findet dafür Worte: "Unser Sein ist entworfen, um Gott zu lieben, um ihn zu genießen. Wie die Makrele entworfen wurde zum Schwimmen und die Möwe zum Fliegen. Obwohl wir Gott nie gesehen haben, sind wir wie Zugvögel, die an einem fremden Ort geboren sind und doch eine geheimnisvolle Unruhe empfinden, wenn der Winter naht, eine Sehnsucht nach der frühlingshaften Heimat, die sie nie gesehen und zu der sie aufbrechen, ohne zu wissen wohin." Wir sind auf Gott hin geschaffen, zum Wiedersehen bestimmt. Wenn wir doch aufbrechen würden mit dieser Hoffnung im Gepäck!

Wir Christen würden nicht zu Schwärmern werden, die glauben, das Leben ließe sich ohne Mühen und Schmerzen, ohne Einsatz und Wartezeiten meistern, als wären das unlebenswerte Zustände, als hätten wir ein Recht darauf, ganz schnell zum Glück zu kommen. Nein, wir wären vielmehr wie Goldmarie im Märchen von Frau Holle: Wir fallen in die Tiefe des Lebens und machen uns auf den Weg, sehen was zu tun ist, wer nach uns ruft und uns braucht. Wir wären geduldig im Anpacken, auch wenn manche Arbeit sich hinzieht, wir wären uns nicht zu Schade für "niedere Dienste" und würden die Hoffnung nie aufgeben. Denn das ist der größte Luxus, wie die Theologin Dorothee Sölle sagt, sich der Hoffnungslosigkeit hinzugeben. Das können wir uns nicht leisten. Darum wünsche ich uns allen Durst nach Gott, dass wir erken-nen: Reich macht uns nicht, was wir haben, sondern wonach wir uns sehnen.

"Ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich freuen ohne Ende" - diese Stimme Jesu möge mich bestimmen - jetzt.

Pfarrerin Dr. Thea Vogt, Neusitz und Schweinsdorf

Gebet: Jesus, locke uns über uns hinaus und weite unseren Horizont. Wir lassen uns so oft einengen und beengen in unserer Sehnsucht, so kleinlich und klein machen in unserer Hoffnung. Jesus, mach unsre Gangart schwungvoll, so als könnte uns nichts aufhalten in der Freude an dir. Amen.

Lied 396: Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier.

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