Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 14)

Ende einer abwechslungsreichen Ära

Zum Tod von Papst Johannes Paul II.

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Papst Johannes Paul II., aufgebahrt im Vatikan. Foto: KNA
   

Mit dem Tod von Johannes Paul II. ist eine abwechslungsreiche Ära in der römisch-katholischen Kirche und in der ökumenischen Bewegung zu Ende gegangen. Der Pole Karol Wojtyla , der 18. Mai 1920 in Wadowice bei Krakau geboren wurde und am 2. April 2005 in Rom starb, wurde am 16. Oktober 1978 zum Bischof von Rom und Papst der römisch-katholischen Kirche gewählt - ungewöhnlich jung und als erster Nichtitaliener seit 1523. Der Reisepapst und "Papst zum Anfassen" zog stets allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. In Fragen der Sozialethik und der Friedensethik war er all die Jahre über eine der großen moralischen Autoritäten der Völkergemeinschaft.

Papst ohne Berührungsängste

Nach der kurzen Amtszeit (1958-1963) des in allen christlichen Kirchen verehrten Johannes XXIII. und dem epochalen Umbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) mit seinen vielen ökumenischen Öffnungen war es wohl der Wunsch des Kardinalskollegiums, die römisch-katholische Kirche wieder in ruhigere Gewässer zu führen. Dafür stand Paul VI. von 1963 bis 1978 und auch der hochintelligente, sprachenbegabte und zugleich erdnahe, robuste Johannes Paul II.
Der zweifache Doktor Karol Wojtyla, ab 1954 Dozent für Ethik an der katholischen Universität Lublin und ab 1964 Erzbischof von Krakau, blieb immer gegenüber den Beschlüssen des von ihm selbst besuchten Konzils loyal. Er ging nicht hinter dessen Ergebnisse zurück, aber auch nicht darüber hinaus. Das führte auf die Dauer zu Enttäuschungen und Ermüdungserscheinungen unter ökumenisch gesonnenen Christen der verschiedenen Konfessionen.

Der Papst aus Polen hatte keinerlei Berührungsängste. Er ging auf Menschen aller Konfessionen und Religionen zu. Erstmals im Oktober 1986 lud er Vertreter der verschiedenen Religionen zu einem "Weltgebetstag für den Frieden" in Assisi ein. Und er konnte mit Vertretern anderer Kirchen gemeinsam Gottesdienst feiern; das hätte er nicht getan, wenn er ihnen einen echten christlichen Glauben abgesprochen hätte. Es durften aber nur Wortgottesdienste sein.
Das bekamen nicht zuletzt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin zu spüren. Dort wurde die gegenseitige Einladung zur Teilnahme an der Kommunion der jeweils anderen Konfession strikt untersagt, von gemeinsam geleiteten Eucharistiefeiern (Gottesdiensten mit Abendmahl) ganz zu schweigen.

Grenzen der Ökumene

Besonderes Aufsehen erregte "Dominus Iesus", eine Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre vom 6. August 2000. In Abschnitt 17 heißt es: "Die kirchlichen Gemeinschaften, die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben, sind nicht Kirchen im eigentlichen Sinn; die in diesen Gemeinschaften Getauften sind aber durch die Taufe Christus eingegliedert und stehen deshalb in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der Kirche."
Das aber heißt: Eine gemeinsame Eucharistiefeier setzt volle Übereinstimmung im Glauben und damit auch im Kirchenverständnis voraus. Danach gehört zur Vollgestalt der christlichen Kirche die lückenlose Kette der Bischöfe von den Aposteln bis heute. Nur wer von einem in der "apostolischen Sukzession" (Amtsnachfolge) stehenden Bischof zum Priester geweiht ist, kann selbst die Eucharistie gültig vollziehen. Aus offizieller römisch-katholischer Sicht ist somit eine Abendmahlsgemeinschaft mit den reformatorischen Kirchen nicht möglich, so lange sich diese nicht in die apostolische Sukzession eingliedern lassen.
Johannes Paul II. schärfte diese Linie noch einmal in dem apostolischen Schreiben "Mane nobiscum domine" (Bleibe bei uns, Herr) vom 8. Oktober 2004 ein. Hier bekräftigte er den Ausschluss nicht-katholischer Christen von der römisch-katholischen Eucharistiefeier. Er betonte zudem den Unterschied zwischen Priestern und Laien: "Die hierarchische Gemeinschaft gründet auf dem Bewusstsein der verschiedenen Rollen."

Manches war konsensfähig

Ökumenisch gesehen war die Amtszeit von Johannes Paul II. zwiespältig. Es gab nämlich nicht nur diese Schranken und weiterhin den Anspruch der römisch-katholischen Kirche, sie sei die Kirche, wie Christus sie gewollt habe. Es gab auch eine deutliche Betonung der gemeinsamen christlichen Substanz, etwa in der am 31. Oktober 1999 in Augsburg unterzeichneten "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" des Lutherischen Weltbundes und des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen. Manches, was aus Rom kam, war durchaus auch protestantisch konsensfähig, etwa die viel zu wenig beachtete Enzyklika "Fides et ratio" (Glaube und Vernunft) vom 14. September 1998. Diese würdigte die Wahrheitssuche der menschlichen Weisheit und sprach der Philosophie die Funktion einer Brücke zwischen den einzelnen Wissenschaften und dem Glauben zu.

Rastloses Wirken

Johannes Paul II. war eine liebenswürdige Persönlichkeit. Er konnte zuhören, war den Leuten zugewandt, kein abgehobener kirchlicher Bürokrat. Andererseits führte er innerkatholisch ein straffes Regiment. Freiheitlich gesonnene Theologen wie Hans Küng, Eugen Drewermann, Gotthold Hasenhüttl und Bischof Jacques Gaillot wurden gemaßregelt. Die traditionalistische Gemeinschaft "Opus Dei" wurde gefördert. Beim Zölibat gab es keine Lockerung, bei der Frage des Frauenpriestertums keinerlei Bewegung.
Auch in sexualethischer Hinsicht blieb die konservative Linie erhalten, obgleich die meisten Katholiken dem Papst in dieser Hinsicht die Gefolgschaft aufgekündigt hatten. In seinem Schuldbekenntnis "Mea Culpa" vom 12. März 2000 gab Johannes Paul II. die Verfehlungen katholischer Christen durch die Jahrhunderte hindurch zu, nahm aber die römisch-katholische Kirche als solche davon aus.
Bei aller persönlichen Bescheidenheit konnte Johannes Paul II. sich und seine Kirche in der Öffentlichkeit breit präsentieren. Seine vielen pastoralen Reisen in die verschiedensten Länder waren Medienereignisse. Der vor zwölf Jahren an Parkinson Erkrankte war zuletzt zunehmend gebrechlich. Als einen Anteil an den Leiden Jesu verstand er sein nur noch unter Schmerzen mögliches rastloses Wirken. An ihm wurde eindrucksvoll deutlich, dass auch ein alter und kränklicher Mensch Jugendliche für sich einnehmen kann.

Andreas Rössler

 

 


 

Gute Hirten, schlechte Hirten

So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten, darum, ihr Hirten, hört des HERRN Wort! So spricht Gott der HERR: Siehe, aich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.
Hesekiel 34, 8-11

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Hirte mit Schaf - idyllische Figuren im Fürther Stadtpark. Foto: Mirbach
   

Wer das Bild vom Hirten hört, wird wohl erst einmal an Psalm 23 denken. Wir sollten uns aber von jenem Psalm her keinesfalls den Blick auf Hesekiel verstellen lassen. Es gilt zu vermeiden, beim Stichwort "Hirte" gleich das Bild einer bukolischen Idylle mit Herde zu entfalten, wie sie in der europäischen Literatur eine reiche Tradition hat: von den Griechen und Römern über die Schäferliteratur des 16. Jahrhunderts zu den Pegnitzschäfern und ins Rokoko. Im glücklichen Lande Arkadien verschwinden alle Sorgen... Von einem solch friedlichen Bild her glaubt man dann auch die Bibel recht zu verstehen. Der Hirte ist natürlich ein guter Hirte, er ist der Hirte, der sein Leben lässt für die Schafe.
Hesekiel aber hält diesem verkitschten Bild die Realität entgegen. Er weiß, dass jede Münze zwei Seiten hat. Der Hirte ist eben nicht automatisch ein selbstloser Held. Er kann etwa nur auf den eigenen Vorteil bedacht sein, den Schafen gegenüber völlig gleichgültig oder sogar feindlich. Welcher Art der jeweilige Hirt ist, kann das Schaf jederzeit an sich selbst und an den anderen Schafen seiner Herde feststellen. Treten die Hirten selbstlos für die Schafe ein oder machen sie sich auf Kosten der Schafe ein gutes Leben?
Das ist eine Frage, die wir an das Amt in der Kirche, vor allem an die Leitenden in der Kirche stellen müssen. Das ist aber auch eine Frage, die wir an alle Politiker, an alle staatlichen Stellen richten dürfen. Allzu oft verspüren wir Arroganz und Unwillen, unsere Probleme, die Probleme der "Schafe" wahrzunehmen oder gar wirkungsvoll anzupacken. Wenn wir solche Fragen stellen, werden wir endlich der irrigen Meinung abschwören, jeder Hirte beziehungsweise jede Obrigkeit sei von Gott und schon deshalb gut, weil sie Obrigkeit ist. Dem steht die an und für sich selbstverständliche Erkenntnis gegenüber: Es gibt gute Hirten, und es gibt schlechte Hirten.
Wir erkennen aber auch den fundamentalen Gegensatz von menschlichem Tun und Gottes Handeln. Denn selbst der beste menschliche Hirt wird nie vollkommen selbstlos nur das Wohl der ihm anvertrauten Schafe im Blick haben. Selbst der beste Mensch handelt auch aus eigensüchtigen Motiven - gewiss nicht so offen egoistisch wie die Hirten, von denen Hesekiel spricht, aber immer so, dass er selbst nicht zu kurz kommt. Demgegenüber steht das Verhalten Gottes: Wenn er der Hirte ist, kann ich mich voll und ganz auf ihn verlassen, mich sozusagen in ihn hineingeben. Bei ihm bin ich geborgen und sicher vor allen Angriffen. Ich bin aber eben nicht schon deshalb geborgen, weil ich einen Hirten habe, sondern weil der Herr mein Hirte ist. Wenn wir uns das klar gemacht haben, dann können wir auch den wohlbekannten Psalm 23 mit neuer Kraft beten.

Pfarrer Dr. Wolfram Mirbach, Nürnberg

Gebet: Du, Herr, bist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Wenn du mich leitest, gehe ich nicht in die Irre und folge keinen falschen Versprechungen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn ich weiß, dass du zu mir hältst, auch wenn sich Menschen von mir abwenden. Ich werde bleiben in deinem Hause immerdar - nicht weil ich Anspruch hätte, in deinem Haus zu wohnen, sondern weil du mir deine Gegenwart zugesichert hast. Amen.

Lied 593: Weil ich Jesu Schäflein bin

Diese Woche - Archiv - Editorial - Geschichte - Redaktion - Abo-Service - Anzeigen - Evang. Reisedienst - Impressum
© 2000-2005 ROTABENE! Medienhaus