Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 12)

Hoffnung im Untergang

Wie sie vor 60 Jahren Ostern feierten

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Unser Bild ist als Originalzeichnung 1945 in Würzburg entstanden. Es zeigt die Ruinen der Schottenkirche und des Pfarrhauses von Deutschhaus. Foto: Archiv
   

Osterzeit 1945 – unvergesslich für alle, die sie erlebt und überlebt haben. Das Dritte Reich und mit ihm Deutschland standen vor dem Untergang. Städte, Industrieanlagen und Verkehrswege waren zerbombt. Noch immer befanden sich Hunderttausende Menschen auf der Flucht nach Westen, in Trecks oder auf überfüllten Schiffen. Häftlinge aus Konzentrationslagern wurden auf Todesmärsche getrieben. Im März hatten amerikanische und englische Armeen den Rhein überschritten. Sowjetische Truppen rüsteten sich an der Oder zum Angriff auf Berlin. Dort rechnete Adolf Hitler mit einer Wende des längst verlorenen Krieges. In seinem Bunker hatte er jeden Sinn für die Wirklichkeit verloren. Er befahl nach wie vor Menschen für ihn zu sterben. Und er ließ alle töten, die den sinnlosen Kampf aufgaben oder auch nur Zweifel am Endsieg äußerten.
Karfreitag stand am 30. März auf dem Kalender und Ostern am 1. April. Die Feiertage wurden lebensnah erfahren wie nie zuvor. Wo die Kirchen noch nicht zerstört waren, sammelten sich die Menschen zu den Gottesdiensten, trotz der Gefahrenlage. So war im bayerischen Kirchlichen Amtsblatt angeordnet, dass bei Luftalarm „nach Ertönen des Warnsignals der Gottesdienst oder andere kirchliche Handlungen bald möglichst in würdiger Form mit einem kurzen Wort, Gebet und Segen abgeschlossen werden“. Die sich in den Kirchen einfanden, waren Frauen, Kinder und ältere Männer. Viele hatten schwere Erfahrungen hinter sich, oft den Verlust von Angehörigen, Heim, Hab und Gut. Im Gotteshaus erwarteten sie eine Botschaft, deren Hoffnung mit den verlogenen Durchhalteparolen der Führung nichts zu tun hatte.

Der Tod ist nicht mehr gewiss

Die Predigten, die in einer unterfränkischen Dorfkirche an Karfreitag und Ostern gehalten wurden, sind im Manuskript noch vorhanden. In der Karfreitagsansprache heißt es: „Es liegt eine Gefahr darin, dass wir die Passion Christi vor lauter Kriegslärm nicht beachten. Doch gerade aus dem Leiden Christi können wir viel Kraft schöpfen für unser Leiden. Jesu Tod war Opfertod. Im Krieg haben wir Verständnis für das, was Opfertod ist. Doch menschlicher Opfertod hat Grenzen. Jesus aber starb für alle Welt und gab sein Leben zur Erlösung. Das ist unser Trost im Leben und im Tod. Wir wollen aufschauen und sein Opfer im Glauben ergreifen.“
Die Osterpredigt geht von der gegenwärtigen Situation aus: „Nichts ist ungewisser als die Zukunft, zumal in Zeiten, wie wir sie jetzt erleben. Das einzig Gewisse ist der Tod. Die Welt sucht das dadurch zu verharmlosen, dass sie behauptet, mit dem Tod sei alles aus. Unser Bibelwort (aus 1. Korinther 15) sagt: Es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben, danach aber das Gericht. Der Stachel des Todes ist die Sünde. Nur eines macht diesen Stachel stumpf: das Verdienst Christi. Sein Kreuz hat uns Frieden gebracht und den Tod entmächtigt. Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Darum hat der Tod keine Macht über die Menschen, die Christi Eigentum sind. Wie wertvoll ist das heute! Wir wollen uns nicht fürchten. Halten wir den Osterglauben fest!“
Solche einfachen Sätze, die schlichte Weitergabe der biblischen Botschaft, haben den Menschen damals geholfen. Auch dort, wo der Lärm des Krieges die Feier des Gottesdienstes zu übertönen schien. Der Dichter und Pfarrer Albrecht Goes hat als Feldgeistlicher eine deutsche Division in Ungarn auf dem Rückzug begleitet. Am Karfreitag wird er aufgefordert, einen Feldgottesdienst zu halten. „Die Truppe ist angetreten wie einst zur Vereidigung, im offenen Rechteck. Groß und hell das Birkenkreuz. Vor mir ein breiter Tisch, weiß gedeckt. So decken sie zur Stunde in meiner schwäbischen Dorfkirche den Altar. Mein Platz ist hier bei den Soldaten. Wir singen Paul Gerhardts Passionslied. Es stand da wie ein Lebenszeichen, Kriege überstehend, auch diesen: ‚Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir.‘ Was wir da sangen, wussten wir wohl. Dann die Austeilung des Abendmahls, Gruppe an Gruppe war vor den Tisch getreten. Ich reichte die Hostien und den Kelch, sprach die Worte der Sendung.“

Kommende Herrlichkeit

Der Arzt Hans Graf von Lehndorf berichtete in seinem „Ostpreußischen Tagebuch“ aus dem eingeschlossenen Königsberg: „1. April, Ostersonntag. Die Worte der Auferstehung Jesu nach Johannes bilden den Mittelpunkt eines Gottesdienstes, den wir im Operationsraum hatten. Sogar ein leidlicher Gesang kommt zustande, obgleich die wenigsten aus unserer Umgebung noch an geistliche Lieder gewöhnt zu sein scheinen.“ Damals schrieb aus den Kämpfen um Danzig ein junger Offizier in seinem letzten Brief an die Eltern: „Ich bin Euch dankbar, dass Ihr mich im Glauben erzogen habt. Der Himmel ist zur Zeit düster, aber ich bin wohlgemut. Ich möchte, dass auch Ihr die freudige Zuversicht habt, dass die Leiden dieser Zeit der kommenden Herrlichkeit nicht wert sind.“
Welche Kraft der Glaube an die Auferstehung einem Menschen verleiht, wird besonders im Blick auf Dietrich Bonhoeffer deutlich. Er war im Februar aus seinem Berliner Gefängnis ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht worden. Wie er dort in seiner Zelle das Osterfest feierte, ist nicht bekannt. Die amerikanischen Truppen waren nicht mehr weit entfernt, eine Befreiung schien möglich. Doch am Dienstag, den 3. April wurde er mit einigen Mithäftlingen auf einem Lastwagen in Richtung Süden transportiert. Nach tagelanger Fahrt brachte man die Gefangenen in der Schule von Schönberg bei Zwiesel unter. Am Weißen Sonntag baten sie Bonhoeffer um eine Andacht. Er legte seinen Kameraden die Tageslosung aus: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Chrisus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Christi von den Toten“ (1. Petrus 1, 3). Kurz danach wurde Bonhoeffer ins Konzentrationslager Flossenbürg gebracht und am Morgen des folgenden Tages hingerichtet. Über das Ende schrieb später der Lagerarzt: „Ich sah Pastor Bonhoeffer in innigem Gebet knieen. Die hingebungsvolle und erhörungsgewisse Art des Gebets dieses außerordentlich sympathischen Mannes hat mich auf das Tiefste erschüttert.“
Christliche Hoffnung mitten im Untergang – so lassen sich die Erfahrungen von gläubigen Menschen um Ostern 1945 beschreiben. Auch von ihnen darf berichtet werden, wenn gegenwärtig die Erinnerung an die Ereignisse vor 60 Jahren lebendig wird.

Christoph Schmerl

 

 


 

Sieger über Tod und Hölle

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„Hadesgang Christi“ - Ikone aus Westrussland um 1720-50 (54x46 cm). Für Angehörige der orthodoxen Christenheit ist die Ikone, die die Höllenfahrt Christi zeigt, die wichtigste Osterikone. Foto: Galerie Eisenlauer
   

„Christus soll durch sein Sterben und Leiden die Sünde der ganzen Welt tragen und von Gottes Zorn, dem Tod, Hölle und Teufel gnädig erlösen und durch sein Auferstehen Gerechtigkeit, Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit und alles, was Adam und Eva im Paradies verloren haben, wiederbringen.“

Martin Luther

 

 

 

 

 

 

 

Ostern stellt die ganze Welt auf den Kopf

Als aber der Sabbat um war und der erste Tag der Woche aufbrach kam Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu besehen. Und siehe es geschah ein großes Erdbeben, denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein ab, und setzte sich darauf. Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Kleid weiß wie Schnee. Die Hüter aber erschraken vor Furcht und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel hob an und sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat.
Matthäus 28,1-6

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m Kruzifix der Gemeinde Bubenreuth (Erlangen) ist die Himmelfahrt Christi angedeutet. Foto: gük
   

Die Osterbotschaft stellt die Welt auf den Kopf. Nichts ist, wie es sein sollte. Im Bericht des Matthäus erscheint alles verdreht. Der Engel ist nicht im Himmel, sondern kommt auf die Erde. Die Wächter sollten wachen, sitzen aber wie versteinert und ohne Reaktion am Grab. Das Grab ist nicht geschlossen, sondern geöffnet. Der Tote ist nicht im Grab, sondern er ist auferstanden.
Maria Magdalena und Maria, die beiden Frauen, die Jesu Grab zuerst besuchen, sind die Ersten, die das Unvorstellbare erleben. Sie sehen den Engel, der spricht: Fürchtet euch nicht. Ich weiß, dass ihr Jesus den Gekreuzigten sucht. Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Wir wissen aus unserem Umgang mit dem Sterben, was für ein schmerzhafter Prozess das ist, den Tod eines Menschen zu begreifen. Manchmal dauert es Jahre und Jahrzehnte, bis wir die Trennung überwunden haben. Wir fühlen und leiden mit den Angehörigen der Opfer der Tsunami-Katastrophe, die verletzt, getötet oder zum Teil bis heute vermisst sind.
Am Karfreitag wurde Jesus getötet. Derjenige, der versprochen hatte, das Leben zu sein, derjenige, der uns Heil, Erlösung und Seligkeit angekündigt hat. Er ist selbst elend am Kreuz gestorben, er ist diesem Tod nicht ausgewichen, sondern hat ihn in Angst und Schmerz angenommen und ist im Tod Mensch geblieben. Dennoch, dieser Jesus hat durch seinen Tod die Last der Welt auf sich genommen. Für uns hat er das Schlimmste durchstanden. Für uns ist er diesen schrecklichen Tod gestorben und hat für uns gebürgt.
Das ist es, was wir begreifen und glauben können, wie die Frauen am Grab. Dieser Tod ist der Sieg, nicht die Niederlage, er ist die Freude, nicht die Trauer. So können die Frauen in Freude weiter gehen, um den Jüngern das Erlebte zu berichten. Sie haben gespürt und erkannt: Dieser Tod bedeutet nicht Trauer und Tränen, sondern Freude und Hoffnung, die weitergetragen muss.
Der Jünger Thomas, der seine Finger in die Wunden Jesu legen darf und zu dem Jesus sagt: Sei nicht ungläubig, sondern gläubig – dieser Thomas hat schlagartig begriffen: Es ist ein für alle Mal abgerechnet, das Schlimmste ist ein für alle Mal durchgestanden. Gott selbst hat es für uns durchgestanden. Ebenso haben die beiden Frauen am Grab gesehen: Es ist Unglaubliches geschehen. Das Grab ist leer, und der Engel im gleißenden Licht spricht: Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.
Der Engel lädt uns dazu ein, nicht erst auf die Erfahrung des Thomas zu warten. Er fordert uns auf, die Sache des Glaubens nicht vor uns her zu schieben, sondern jetzt, gleich, die Hoffnung auf die Auferstehung in uns keimen zu lassen und Glauben zu wagen. Das ist Ostern. Die Auferstehung, Ostern – das ist nur vom Gekreuzigten her zu begreifen. Umgekehrt kann man den Gekreuzigten nur von Ostern her verstehen. Beides steht in unmittelbarem Zusammenhang. Wir sind eingeladen, dem Bekenntnis zu Kreuz und Auferstehung Christi unser Leben neu zu verschreiben; uns zu erinnern, dass wir Getaufte sind und schon immer zur Gemeinschaft Jesu gehören; um dann, wie die Frauen, hinzugehen und die Nachricht weiter zu geben: Fürchtet euch nicht, er ist auferstanden!

Herta Küßwetter
Synodalin aus Ehingen

Gebet: Treuer Gott, durch Jesus hast du uns die Hoffnung auf die Auferstehung gegeben. Du hast uns deine Allmacht gezeigt, die über den Tod hinausgeht. Lass Du uns in dieser Freude und Hoffnung Ostern feiern und unser Leben im Blick auf die Auferstehung führen.

Lied 103: Gelobt sei Gott

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