Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 11)

Das Grabtuch ist echt

Auch evangelische Christen sollten das Turiner Linnen achten

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Das Antlitz des dornengekrönten Gekreuzigten, wie es sich - im Fotonegativ - auf dem Turiner Grabtuch abzeichnet. Foto: KNA-Bild
   

Historiker nehmen an, dass Jesus von Nazareth am Tag vor dem Passahfest des Jahres 30 vor den Toren Jerusalems gekreuzigt worden ist. Bei den Quellen hierfür, den neutestamentlichen Evangelien, handelt es sich um die am besten erforschten Schriftstücke der Antike. Und diese Quellen erwähnen mehrfach das Leintuch, in das Jesu Leichnam gewickelt worden ist (Lukas 23, 53; Johannes 19, 40).
Dass jenes Linnen identisch sei mit dem berühmten in Turin aufbewahrten Grabtuch, ist lange Zeit umstritten gewesen. Doch mittlerweile können die entscheidenden Gegenargumente als ausgehebelt gelten. Was bleibt, ist ein höchst eindrucksvolles Zeugnis, dessen geradezu fotografischer Abdruck eindeutig einen Gekreuzigten mit Seitenwunde und Dornenkrone zeigt.
Im Zusammenhang mit dem völlig außergewöhnlichen Umstand, dass das Grabtuch aufbewahrt worden ist, liegt auf der Hand, dass es der Gestalt des gekreuzigten Messias zuzuweisen ist, von dessen Tod und Auferstehung die Evangelien erzählen. Gekreuzigte gab es damals zu Tausenden, nicht aber solche, die mit Dornenkrone und Seitenwunde zu der überlieferten Geschichte passen würden. Diese eindeutige Identität in Frage zu stellen, hieße schlicht, einem klaren Befund verkrampft auszuweichen.

Pro und Contra

Wissenschaftliches Interesse hatte das Turiner Linnen auf sich gezogen, seit der Amateurfotograf Secondo Pia 1898 erstmals das Leintuch abgelichtet hatte: Das Negativ zeigte viel deutlicher als das gelblich-blasse Original den Doppel-Abdruck eines 1,81 Meter großen, bärtigen Mannes mit Ehrfurcht gebietendem Antlitz. Im Laufe der Jahrzehnte fanden sich immer mehr Indizien für die Echtheit des Tuches und damit gegen die Fälschungsthese. Das Buch "Und das Grabtuch ist doch echt" aus der Feder der Historikerin und Archäologin Maria Grazia Siliato (1998) listet die Argumente gründlich auf. Hervorzuheben sind neben computergestützten Untersuchungen der NASA, die zeigten, dass wirklich ein Mensch in das Tuch eingewickelt war, die Ergebnisse des Züricher Kriminalisten Max Frei (1973) und des Jerusalemer Botanikers Avinoam Danin (1999): Ihnen zufolge lassen seltene Blütenstaubkörner auf dem Grabtuch grob auf die Zeit und die Gegend der Ereignisse von Golga-tha schließen. Erstaunlich sind nicht zuletzt leichte, fragmentarische Abdruckspuren einer römischen Kupfermünze, die in dieser Art nur von Pontius Pilatus geprägt worden war.
Solche und andere Indizien galten plötzlich nichts mehr, als 1988 eine gemeinsame Untersuchung durch drei Labore in Zürich, Oxford und Tucson/Arizona eine ernüchternde Datierung erbrachte: Auf Grund der Verfallszeit von Radiokarbon, das in allen organischen Stoffen vorkommt, musste das Gewebe aus der Zeit zwischen 1280 und 1340 stammen, also eine mittelalterliche Fälschung sein. Dieses Resultat ging damals um die Welt, ließ aber etliche Forscher angesichts der übrigen so beeindruckenden Indizien - etwa die im Mittelalter undenkbaren Faktoren der Nacktheit der Darstellung Jesu und der korrekt an den Handwurzeln statt im Handteller sichtbaren Nägelmale - nicht zur Ruhe kommen.

Historisches Dokument

Vor einigen Monaten datierte nun der pensionierte Chemiker Raymond Rogers vom Los Alamos Scientific Laboratory in New Mexiko das Linnen neu auf ein Alter zwischen 1300 und 3000 Jahren. Das gelang ihm durch Ermittlung des Anteils von Vanillin, das beim Zersetzen des Holzstoffes Lignin entsteht. Die Ergebnisse der dreifachen Analyse von 1988 erklärte der Thermophysiker schlüssig damit, dass das damals untersuchte Randgewebe von einem später eingenähten Flicken stammte. Seither sind die zahlreichen Argumente für die Echtheit des Grabtuches wieder voll in Kraft gesetzt.
Weil das Turiner Linnen von römisch-katholischer Seite als Reliquie, ja gewissermaßen als "Mutter aller Reliquien" verehrt wird, haben Protestanten ihm gegenüber intuitiv Vorbehalte. Doch hier gilt es zu unterscheiden zwischen der religiösen Ausdeutung des Stückes durch eine bestimmte konfessionelle Tradition einerseits und seiner historischen Relevanz andererseits. Gerade protestantische Theologie, die seit den Zeiten der Aufklärung die Erforschung der geschichtlichen Dimension der Evangelienberichte besonders vorangetrieben und schon immer die Gestalt des Gekreuzigten spirituell ins Zentrum gerückt hatte, sollte das Linnen nicht länger ignorieren.

Gewiss - ein Beweis für die Wahrheit des christlichen Glaubens an die Heilsbedeutung des Todes Jesu ist mit der offenkundigen Echtheit des Grabtuchs nicht gegeben. Doch bewiesen ist damit immerhin, dass die Sache mit dem Kreuzestod Jesu nicht das verhältnismäßig späte Fantasieprodukt einer mythenbildenden Gemeinde war. So hatte das 1909 Arthur Drews in seinem Buch "Die Christusmythe" behauptet, und entsprechende Vorstellungen haben sich populär bis in unsere Zeit durchgehalten. Ohne historischen Wahrheitsanspruch aber wäre die christliche Heilslehre hinfällig.
Wichtig und spirituell hilfreich ist zudem die Anschaulichkeit der Passion Christi, die das Grabtuch in originaler Weise und damit noch viel mehr unterstreicht als der Aufsehen erregende Spielfilm über sie, den der Katholik Mel Gibson voriges Jahr in die Kinos brachte.

Das Linnen und Ostern

Eine spekulative Glaubens- und Deutungsfrage bleibt es, ob vielleicht der merkwürdige Abdruck auf dem Tuch etwas mit dem geheimnisvollen Geschehen der Auferstehung zu tun hat. Denn bis heute ist nicht hinreichend erklärbar, wie das "Bild" zustande gekommen ist: Sollte das irgendwie mit der energetischen Umwandlung in dem ja völlig unvergleichlichen Vorgang der Auferweckung des Toten zusammengehangen haben? Anhänger dieser Ansicht müssen sich im Klaren sein, dass das keine "wissenschaftliche" Argumentation darstellt; aber ein religiöses Denkmodell ist es durchaus. Und für die Geschichtlichkeit der Auferweckung und des leeren Grabes ist die Aufbewahrung des auch in der Ostergeschichte erwähnten Grabtuchs (Lukas 24,12, Johannes 20,5-6) allemal ein Indiz, wenngleich kein Beweis.
Die neuzeitlich aufgekommene Theorie vom Scheintod Jesu jedenfalls wird durch die erfolgte Aufbewahrung des Grabtuchs nicht eben glaubhafter - und auch nicht die in den letzten Jahren von Peter de Rosa und anderen vertretene These, Jesu Leichnam sei auf der Jerusalemer Müllkippe geendet. Doch stellen derlei Behauptungen allemal Deutungsalternativen dar, die unterstreichen: Die neutestamentliche Botschaft vom auferweckten Gekreuzigten bleibt nach wie vor Glaubenssache. Dass der christliche Glaube im Zentrum mit dem Turiner Linnen geschichtlich mehr denn je gestützt erscheint, ist dabei sein Schaden nicht. Denn dass in Jesus Gott in konkreter Geschichtlichkeit zu uns Menschen gekommen ist, diese Überzeugung ist und bleibt theologisch von höchster Relevanz.

Werner Thiede

 

 


 

Liebe fragt nicht nach Rendite

...da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und köstlichem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt...
Markus 14,3-9

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In vielen Kirchen rund um die Welt ist das Salben - etwa mit Öl - liturgischer Brauch. Foto: KNA-Bild
   

Als Jesus mit seinen Jüngern bei Simon in Bethanien zu Gast ist, kommt eine Frau ins Zimmer. Sie tritt hinter Jesus, zerbricht ein Alabastergefäß mit kostbarem Nardenöl und salbt sein Haupt. In den Augen einiger ist dies pure Verschwendung. Mit einer solchen Reaktion musste die Frau rechnen. Aber sie lässt sich nicht beirren. Sie spricht kein Wort. Doch es gibt ja nicht nur die Sprache der Worte. Diese namenlose Frau setzt ein Zeichen ihrer Liebe zu Christus. Sie beeindruckt uns durch ihr stilles, konsequentes und überzeugendes Handeln. Sie hat wohl geahnt, was Jesus bestätigt: Sie salbt das Haupt eines Todgeweihten. Liebe verträgt sich nicht mit Geiz. Liebe darf, wenn sie wirkliche Liebe ist, von Zeit zu Zeit verschwenderisch sein. Wer einen Menschen liebt, hat für ihn sehr viel übrig. Er wird nicht jeden Euro zweimal umdrehen, bevor er ihn ausgibt für ein gemeinsames Essen oder für ein Geschenk. Und er wird erst recht großzügig sein, wenn er weiß: Ich werde den geliebten Menschen bald verlieren.

Jesus lobt nicht den Realitätssinn der Jünger, sondern den Strom der Liebe und des Dankes, der von der Frau ausgeht. Er schützt sie. Er nimmt ihr Geschenk an. "Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; aber mich habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auchdas sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat."

Rentiert, rechnet, lohnt sich das? Kommt dabei etwas heraus? Steht der Investition ein Gewinn gegenüber? Wir haben es uns angewöhnt, viel zu oft nur nach dem Nutzen zu fragen. Auch Menschen beurteilen wir manchmal nach dem, was sie "bringen". Diese Haltung sollten wir gerade in der Passionszeit und auf dem Hintergrund dieser Geschichte überprüfen. Jesus freut sich über die Großzügigkeit einer Frau und verteidigt ihre überschwängliche Liebe gegen den Vorwurf der Verschwendung. "Noch ein Jahr, zwei Jahre höchstens", hatte der Arzt zur Frau eines schwerkranken Mannes gesagt. Und sie überlegt: "Es geht ihm noch verhältnismäßig gut. Eine Traumreise mit mir hat er sich immer gewünscht. Wir werden Gespartes einbringen. Was es kostet, ist jetzt ganz unwichtig. Er soll sich freuen und wir wollen die geschenkte Zeit gemeinsam genießen."

Die Salbung Jesu durch die unbekannte Frau ist ein letztes Zeichen der Zuneigung und Huldigung. Sie hat begriffen, dass uns in Jesus die Liebe des himmlischen Vaters begegnet, die nach einer Antwort verlangt. Sollten wir uns von ihrem Beispiel nicht anstecken lassen? Wenn Menschen von den Früchten ihrer Arbeit an andere weiterschenken, legen sie Zeugnis von der Liebe Gottes ab, die sie am eigenen Leibe erfahren haben.

Helmut Völkel, Regionalbischof im Kirchenkreis, Ansbach-Würzburg

Gebet: Liebe, die du Kraft und Leben, Licht und Wahrheit, Geist und Wort, Liebe, die sich ganz ergeben mir zum Heil und Seelenhort: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich. Amen.

Lied 87: Du großer Schmerzensmann

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