Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 10)

"Billige" Konfirmation?

Warum Konfirmanden nicht mehr soviel lernen

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Sollen die Konfirmanden wieder mehr aus der Bibel lernen?
   

"Die jungen Leute lernen heute nichts mehr!" Else Müller ist verärgert. In einigen Wochen wird ihr Enkelsohn Mark konfirmiert, doch einen Psalm kann er immer noch nicht. Ganz zu schweigen von Luthers kleinem Katechismus. Den hat Else Müller vor 56 Jahren wochenlang gepaukt. Galt es doch die Konfirmandenprüfung vor versammelter Gemeinde zu bestehen. Und da wollte sie sich nicht blamieren. Mit Schaudern erinnert sich Else Müller an diesen Tag. Nein, schön war er nicht. Aber wie stolz war sie, als sie die Prüfung bestanden hatte und zur Konfirmation zugelassen war. Richtig als vollwertiges Mitglied der Gemeinde fühlte sie sich da. "Ich habe konfirmiert", sagt sie - ich habe meinen Glauben bekräftigt. Natürlich war das mit Arbeit verbunden, meint Else Müller. Ihrem Enkel könnte das auch nicht schaden.
Solche Klagen hört Herbert Kolb, seit Anfang 2004 Referent für Konfirmandenarbeit und Gemeindepädagogik im Religionspädagogischen Zentrum Heilsbronn, nicht selten. Gerade ältere Menschen, die vor fünfzig oder mehr Jahren konfirmiert worden sind, beobachten mit Skepsis neuere Entwicklungen in der Konfirmandenarbeit. Kolb kann das nachvollziehen, hat sich doch das Verständnis von Konfirmation in den letzten Jahrzehnten stark verändert. "Heute werden die Jugendlichen konfirmiert - damals hat man selbst konfirmiert und das ,Ja' zu Gott, das in der Taufe ausgesprochen wurde, bestätigt. Da gehörte Wissen dazu." Die Jugendlichen mussten etwas lernen, wurden geprüft und haben damit auch etwas erworben: die Zulassung zum Abendmahl und die vollgültige Mitgliedschaft in der Kirche.

Stärkung für das Leben

Ein solches Verständnis von Konfirmation jedoch hält Herbert Kolb für theologisch problematisch: "Dieses Modell war nur ein Notbehelf. Es steht in der Gefahr, die Taufe abzuwerten. Denn schon die Taufe macht Menschen zu vollen Kirchenmitgliedern, nicht erst ihr eigenes Ja zu Gott." Heute wird die Konfirmation viel eher als ein Ereignis gesehen, das Gott an den Konfirmanden geschehen lässt: "Das Kind wird in seinem Glauben bestärkt. Das meint durchaus auch: Es wird stark gemacht für die Herausforderungen, die ihm in der Welt begegnen. Und die sind heute ganz anders als vor 50 Jahren." So soll die "Konfirmandenarbeit" - denn nicht alles in der Konfirmandenzeit ist ja "Unterricht" - stark an den Bedürfnissen und Fragen der Konfirmandinnen und Konfirmanden ausgerichtet werden. Kolb sieht sie als vollwertige Christen, die bereits ihre Erfahrungen mit Gott mitbringen. Ihr Glaube, aber auch ihre Fragen und Zweifel sollen in der Konfirmandenzeit zu Wort kommen. "Die Konfis sind doch kein gottfreier Raum. Wenn Gott Gott ist, dann hat er auch schon eine Geschichte mit ihnen", ist sich Kolb sicher. Dabei kommt den Pfarrern und ihren Helfern oft eine Hebammenfunktion zu. "Es ist Aufgabe der Unterrichtenden, auszudrücken, was in den Jugendlichen bereits angelegt ist", meint Kolb. Er erzählt von einer Hauptschülerin, die ihren Konfirmationsspruch - "Meine Seele hängt an Dir, Du hältst mich in deiner rechten Hand" - kreativ gestalten sollte. Darauf hingewiesen, dass mit Seele sie selbst gemeint sei, klebte sie einen Halbedelstein in eine ausgeschnittene offene Hand. "Sie konnte es vielleicht mit ihrem Verstand nicht sagen - aber sie hat es ganz tief begriffen", urteilt Kolb. "Wir haben sie darin bestärkt."

Wenn Jugendliche Ausgangs- und Zielpunkt der Konfirmandenarbeit sind, dann hat das auch Auswirkungen auf die Inhalte und die Art ihrer Vermittlung. So treten neben Inhalte wie Gott, Jesus Christus und die Zehn Gebote andere Themen wie etwa Freundschaft und Sexualität. Und an die Stelle der Wissensvemittlung tritt die eigene Erfahrung. "Früher", erklärt Kolb, "ging man davon aus, dass die Jugendlichen bis zur Konfirmation lernen, was man als Christ braucht. Heute hat man erkannt, dass Christsein ein lebenslanges Lernen ist." Die Konfirmation ist also nicht der Endpunkt, sondern eine mutmachende Station im Lernen als Christen.
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Oder ist das gemeinsame Erleben des Glaubens (hier beim Bemalen der Konfirmationskreuze) wichtiger? - An dieser Frage scheiden sich die Geister. Fotos: mn
   

Kirchliches Mindestwissen

Gewisse gemeinsame Glaubensinhalte hält auch Kolb für nötig. So unterstützt er den Mindestlernstoff für Konfirmanden, der in den Rahmenrichtlinien der Landeskirche für Konfirmandenarbeit festgelegt ist: Glaubensbekenntnis, Vaterunser, Taufbefehl, die Einsetzungsworte und ein bis drei Psalmen. Gleichzeitig hält er es aber für falsch, die Beherrschung dieser Texte zur Vor-aussetzung der Konfirmation zu machen. "Es kann nicht sein, dass die Jugendlichen erst etwas leisten müssen, um Gottes Segen zugesprochen zu bekommen. Ich meine, es sollten alle konfirmiert werden, unabhängig von einer Vorleistung im Glauben. Das wäre im Sinne Jesu." Die Maßstäbe der Kirche seien zu sehr an den Gymnasiasten orientiert, meint Kolb. Wichtiger, als die Texte im Gottesdienst zu wissen, ist es für ihn, die Erfahrung, die in den Formen im Gottesdienst bewahrt sind, für die persönliche Frömmigkeit der Jugendlichen erlebbar zu machen.

Keine eiserne Ration?

Für seine Ansichten erntet Kolb nicht nur Zustimmung. An der Frage nach dem Auswendiglernen im Konfirmandenunterricht scheiden sich die Geister. Nicht nur die ältere Generation, auch jüngere Pfarrer fordern wieder mehr Wissensvermittlung. Sie geben zu bedenken, dass christlicher Glaube inhaltsbezogen ist, und sehen einen beträchtlichen Traditionsabbruch zwischen den Generationen. Mit Lernstoffen wie Glaubensbekenntnis und Katechismus wollen sie nicht zuletzt Argumentationshilfe für den Glauben geben. Und die Konfirmanden sollen mit Gesangbuchlied und Psalmen zugerüstet werden - auch für Notzeiten, in denen sie nichts nachlesen können. Demgegenüber meint Herbert Kolb etwas skeptisch: "Dass man sich eine eiserne Ration ansammelt, auf die man in Notzeiten zurückgreifen kann, funktioniert nicht so einfach. Was nicht gebraucht wird, geht verloren." Ältere Kirchenmitglieder wie Else Müller hätten die gelernten Text eingeübt. "Aber nur diejenien, die sich zu Kirche halten." Schon bei den Menschen, die heute Silberne Konfirmation feiern, zeige sich, dass nicht auswendig gelernte Glaubenssätze, sondern das "Drum und Dran" prägend war: die Person des Pfarrers, die Gemeinschaft oder die Freizeiten. Darum ist es Kolb wichtig, den Jugendlichen zu vermitteln: "Ihr dürft mit euren Fragen kommen." Das, so meint er, sei in der Vergangenheit oft zu kurz gekommen. "In der Pubertät ändert sich das Gottesbild", erklärt Kolb. "Dabei muss man die Jugendlichen begleiten. Sonst wird Gott wie ein Märchen abgelegt."

Anne Lüters

 

 


 

Gott schafft Gerechtigkeit

Herr, schaffe mir Recht und führe meine Sache... Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Trost ist.
Psalm 43,1-5

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In vielen Psalmen spürt man, wie der Beter weiter geführt wird: Von der Klage zur Hoffnung. Foto: epd
   

"Wir verhelfen Ihnen zu Ihrem guten Recht." So etwas höre ich gerne, auch wenn es nur der Werbespruch einer Versicherung ist. Mein Recht ist mir wichtig, ob es um eine Anschuldigung geht, um eine Beleidigung, um den Anspruch auf eine Leistung oder Entschädigung. Mein gutes Recht - es fällt mir schwer da-rauf zu verzichten. SchIießlich lebe ich in einer Zeit, in der viel geklagt, an- und eingeklagt wird. In einer Zeit der Ansprüche, der Ungeduld und der schnell zu erfüllenden Wünsche. Da möchte ich nicht zu kurz kommen. Da möchte auch ich haben, was mir zusteht. Mein gutes Recht - Gott bleibt da zunächst aus dem Spiel. Das Recht ist eine weltliche Angelegenheit. Bei Gott wird erst geklagt, wenn nirgendwo Recht zu bekommen ist. Und Gott wird angeklagt, wenn niemand schuld sein kann oder ein schlimmes Ereignis über alles Maß geht.

Der erste Beter unseres Psalms bringt Gott früher ins Spiel. Es geht um sein ganz persönliches Schicksal. Er muss ferne von Jerusalem und dem Tempel leben. Böse Menschen feinden ihn an. Er befürchtet zu unterliegen, obwohl das Recht auf seiner Seite ist. Doch was ihm am meisten zu schaffen macht, ist das Gefühl, auch von Gott verlassen zu sein. In dieser Lage bittet er: "Herr, schaffe mir Recht und führe meine Sache." Wenn ich den Psalm ganz durchlese, und den vorhergehenden noch dazu, wird mir klar: Hier geht es nicht nur um den guten Ausgang eines weltlichen Rechtshandels und eine Portion göttlicher Hilfe. Der Beter sehnt sich danach, dass Gott sich zum Herrn des Verfahrens macht und seine Gerechtigkeit durchsetzt. Sie hat mit weltlichen Gesetzen und Urteilen wenig zu tun. Sie zeigt sich in der Nähe Gottes zu einem Menschen. Wenn der Beter solche Nähe erfahren darf, wird für ihn alles gut.

Das Gebet ist der erste und wichtigste Schritt auf diesem Weg. Der Psalm lässt spüren, wie der Beter weiter geführt wird: von der Klage zur Hoffnung. Vom Wunsch, gegen die Feinde Recht zu bekommen, zur Gewissheit: Gott wird es recht mit mir machen. Ich werde bald allen Grund haben, ihm zu danken. Die Kirche hat unseren Psalm mit Jesus in Verbindung gebracht, als sie einem Sonntag in der Passionszeit den Namen "Judika" gab. "Herr, schaffe mir Recht" - im Blick auf die Anklagen der Feinde, das Urteil eines ungerechten Richters, die Grausamkeit der Kreuzesstrafe. Und auch auf die Frage "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Im Hinsehen auf Jesus wird die Hoffnung des Psalmes besiegelt: Wer sich auf Gott verlässt, den lässt Gott nicht fallen.

Das gilt auch für schwere Erfahrungen in meinem Leben. Ich muss sie nicht bei anderen Menschen einklagen oder mich von ihnen überwältigen lassen. Immer kann ich sie vertrauensvoll an Gott heranbringen. Und dann bekommen sie einen anderen Stellenwert. Auch die Enttäuschungen durch Menschen. Eine Anfeindung, die mir zu schaffen macht. Ein gutes Recht, das mir genommen wurde. Vor Gott gebracht verliert das alles an Gewicht. Ich darf hoffen und gewiss sein: Er führt meine Sache zu einem guten Ende.

Christoph Schmerl, Dekan i.R., Weimar

Gebet: Guter Gott, du kennst mich, wo ich stark und wo ich verletzlich bin. Du weißt, wie mich ein böses Wort trifft, eine Feindschaft belastet und wie ein Unrecht mir zu schaffen macht. Zeige mir, dass deine Gerechtigkeit mehr wiegt als solche Erfahrungen. Lass mich auf Jesus schauen und dabei einen neuen Horizont finden. Gib mir die Gewissheit, dass du mir nahe bist und es mit meinem Leben recht machst. Amen.

Lied 374: Ich steh in meines Herren Hand.

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