Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 9)

Freude kann vollkommen werden

Menschen bezeugen die froh machende Kraft Christi

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Franz von Assisi - ein leuchtendes Beispiel für vollkommene Freude! Hier eine Abbildung aus Körnern und Früchten in einer Kirche in Otterswang. Foto: epd
   

Der Sonntag Laetare liegt mitten in der Passionszeit. Freud und Leid - ganz eng können sie ineinandergreifen! Sogar vollkommene Freude und Schmerz schließen einander keineswegs aus. Das ist eine biblische Gipfelaussage - und eine zentrale kreuzestheologische Erkenntnis. Jesus selbst zielt in seinen Abschiedsreden darauf, dass "meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde" (Johannes 15,11).
Immerhin heißt es dort, die Freude der Glaubenden solle vollkommen werden. Es wird also nicht gesagt oder gar gefordert, dass Christen schon immer in vollkommener Freude leben sollten. Aber das Ziel ist doch vor Augen! Und zwar nicht nur mit dem Blick aufs künftige Jenseits, wo uns einst das direkte Anschauen Gottes beseligen soll. Sondern sehr wohl schon im Blick auf diesseitige Lebenszeit gilt: "Eure Freude soll vollkommen werden!"
Der Einwand mag sich aufdrängen: "Das ist doch einfach unrealistisch!" Aber kein Geringerer als Jesus selbst spricht dies als mögliche Realität, als von ihm verheißene Glaubenserfahrung an. Ich will das auf zweierlei Weise näher beleuchten: durch Erklären des Zusammenhangs - und durch konkrete Beispiele von Menschen aus der Geschichte des Christentums.

Jenseits aller Gefahr

Das zitierte Wort Jesu handelt zunächst einmal von seiner eigenen Freude. Nichts anderes als deren Spiegelung soll und kann die vollkommene Freude in den Herzen seiner Anhänger sein. Freude die Fülle ist denkbar nur so, dass die Freude Jesu in denen bleibt, die mit ihm verbunden sind. Zu finden ist wirklich vollkommene Freude demnach keinesfalls in uns selber. Allein die Beziehung zu Christus macht sie möglich und wirklich.
Durch den Menschen Jesus von Nazareth erlangen wir Einblick in das Herz Gottes, in seine vollkommene Liebe zu uns. Und das bedeutet einen Einblick in seine eigene Freude - nämlich in die vollkommene Freude des Schöpfers und Vollenders. Diese göttliche Freude wäre unvollkommen, würde sie nicht auf die Vollkommenheit unserer Freude zielen - letztlich auf die Vollendung der Schöpfung schlechthin! Bislang ist die Welt noch voller Unvollkommenheit und Leid. Doch durch Jesus, insbesondere durch seinen Kreuzestod, ist offenbar geworden, dass alle Unvollkommenheit, alles Leiden nicht trennen kann von der Liebe Gottes. Dass Jesus die Worte von seiner und unserer vollkommenen Freude im Vorfeld seines Gangs ans Kreuz spricht, ist dafür die eindrücklichste Illustration.
Das gerade macht die göttliche, vollkommene Freude aus, dass sie durch nichts, aber auch gar nichts zu besiegen ist. Sie ist so unsterblich wie die Liebe Gottes, aus der sie sich speist. Darum kann sie in der Tiefe durchaus neben unserer Traurigkeit oder Bedrückung bestehen. Es ist wie bei einem Schiff, das selbst im größten Sturm nicht untergeht. Christen dürfen sich geborgen wissen im Ewigen - jenseits aller Gefahr. Wenn das kein Grund zu voller Freude ist!

Freude über aller Sorge

Dass dies keine bloß abstrakten Ausführungen sind, belegt das Beispiel des Franz von Assisi, der von 1181 bis 1226 nach Christus lebte. Er hatte das Kreuz Jesu so verinnerlicht, dass sich die Wundmale des Gekreuzigten an seinem Körper zeigten. Gerade dieser Mann war und ist autorisiert, Auskunft über die vollkommene Freude zu geben.
Einst wanderte Franz im Winter mit dem Glaubensbruder Leo zu einer kleinen Kirche bei Assisi, wo er erwartet wurde. Die beiden Wanderer froren bitterlich. Da sagte Franziskus plötzlich: "Bruder Leo, auch wenn die Mitbrüder allenthalben ein leuchtendes Beispiel des heiligen Lebens geben und viele Menschen erbauen, so merke wohl und schreibe es sorgfältig auf, dass darin nicht die vollkommene Freude liegt!" Nach einer Weile begann Franziskus erneut: "Auch wenn die Brüder die Blinden sehend machen und die Krüppel gerade, wenn sie Teufel austreiben und Tote aufwecken, so merke wohl und schreibe es sorgfältig auf, dass darin nicht die vollkommene Freude liegt!" Nach einem weiteren Wegstück bekam der Mitwandernde zu hören: "Ach Leo, wenn die Brüder alle Sprachen verstehen und alle Wissenschaften und Schriften, wenn sie die Zukunft vorhersagen und in die Geheimnisse des Herzens einzudringen vermögen, so merke wohl und schreibe es sorgfältig auf, dass darin nicht die vollkommene Freude liegt!"
Da rief Leo: "So sag mir dann doch endlich in Gottes Namen, worin die vollkommene Freude liegt!" Franz zögerte nicht mit der Auskunft: "Wenn wir, durchnässt vom Regen und steif vor Kälte, in der kleinen Kirche ankommen, schmutzig und von Hunger gepeinigt, und an die Tür klopfen, und der Pförtner schaut missmutig heraus, erkennt uns nicht, hält uns für Landstreicher, macht die Tür zu und lässt uns draußen stehen in Schnee und Regen, und wir ertragen dies freundlich und ohne Murren, dann - Bruder Leo, schreibe es auf! - liegt darin die vollkommene Freude!"
Wohl gemerkt: Nicht im schmerzlichen Leiden an sich liegt hier die Freude, sondern darin, dies ohne Murren ertragen zu können. So konkret will diese Freude werden.

Freude des Geistes

Schon der im Gefängnis leidende Apostel Paulus hatte seine Mitchristen aufgemuntert: "Freut euch! Und abermals sage ich: Freut euch!" (Philipper 4,4). Der protestantische Schriftsteller Sören Kierkegaard, dessen 150. Todestag heuer zu gedenken sein wird, hat die vollkommene Freude einmal mit folgenden Worten ausgedrückt: "Ich besitze doch eine Freude, die ebenso hoch über aller Sorge ist die wie der Himmel über der Erde!" Und der französische Naturwissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin, dessen 50. Todestag heuer sein wird, notierte: "Freude, Freude, Freude des Geistes und Weitwerden des Herzens... So kann ich fortan leben und arbeiten, ohne aus Dir hinauszugehen, voll und ganz beseligt. Du, Jesus, bist die Zusammenfassung und der Gipfel jeder menschlichen und kosmischen Vollkommenheit." Jeder Christenmensch besitzt Zugang zu dieser Freude, darf sich ihrer im Vertrauen auf den Auferstandenen wie eines Goldschatzes bedienen. Niemand kann die vollkommene Freude produzieren; sie stellt sich aber dort ein, wo der Anlass für sie erkannt wird.

Werner Thiede

 

 


 

Wunder des Lebens

"Wie lieb sind mir deine Wohnungen Herr Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar. Wohl denen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln! Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen. Sie gehen von einer Kraft zur anderen und schauen den wahren Gott in Zion. Herr, Gott, höre mein Gebet; vernimm es, Gott Jakobs!"
Psalm 84, 1-3 + 6-9

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Bergwelten und Gipfel können ein Symbol für Gottes Wirken und seine Schöpferkraft sein. Foto: Wodicka
   

Den Psalter verstehen wir am besten etwa so wie unser Kirchengesangbuch. Ein Lebensbegleiter, der uns im Glauben unterweisen kann, der aber auch dem, was wir fühlen und zum Ausdruck bringen möchten in Lob, Klage, Bitte oder Dank, Stimme verleiht und uns damit weiterbringt auf Gott hin. Er zeigt sich uns dabei als ein wahres Schatzkästlein, der Psalter. Bei den Lesungen zum Sonntag Laetare, der zur Freude aufruft und deshalb früher auch "Klein-Ostern" genannt wurde, stoßen wir auf solche Worte aus dem 84. Psalm. Wir spüren die Sehnsucht des alttestamentlichen Sängers nach dem Ort der Gegenwart Gottes. Dabei wird es damals nicht so viel anders gewesen sein als heute. Nicht der Tempel oder ein Dom oder ein Kirchengebäude als in sich heilige Stätte ist der Gegenstand der Liebe oder des Glücks, sondern der lebendige Gott selbst, den wir am Werk sehen in dieser Welt. Die heilige Stätte in ihrer Schönheit oder Pracht kann immer nur Hinweis oder Symbol für Gottes Wirken sein, genauso wie die Gipfel eines Berges, ein tiefblauer See oder ein tröstendes und lösendes Wort.

"Wie lieb sind mir deine Wohnungen Herr Zebaoth. Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln." Für diese Menschen verwandelt sich das Sehen dieser Welt. Sie dürfen hier schon einen Blick durch das Auge Gottes tun. "Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen." Bei näheren Hinsehen erschließen sich uns die Worte rasch. Es gleicht doch einem dürren Tal, wenn wir uns die Welt durch die Weisheit beschreiben lassen, die aus uns selbst kommt, oder aus Kommentaren in den Medien. In diese Welt will man dann aus Verantwortungsbewusstsein keine Kinder mehr hineinsetzen, oder man ist froh, dass man schon so alt ist.

Ich werde nie ein Erlebnis mit meinem ältesten Sohn vergessen, als er gerade mal vier Jahre zählte. Vor einer alten Jagdhütte, die wir einmal in den Ferien gemietet hatten, zeigte mein Sohn plötzlich auf den Boden. "Papa, schau mal!" Ein riesengroßer schwarzer Käfer krabbelte gerade behäbig aus der offenen Haustür. Ekliges Vieh, war mein erster Gedanke, aber mein Sohn war offensichtlich beeindruckt und staunte. Er beugte sich hinunter und sein Gesicht strahlte. Dann beugte ich mich auch hinunter, und es war ganz eigenartig: Bei genauerem Hinsehen verwandelte sich der schwarze Käfer langsam in ein Wunderwerk der Schöpfung. Seine Glieder, der Glanz der Flügel ... "Ist der nicht schön!" höre ich mich zu meinem Sohn sagen, und der nickte eifrig. Ganz vorsichtig habe ich ihn angefasst und ein Stückchen weggetragen, tatsächlich aus dem Grund, dass keiner ihn zertreten konnte. Eine liebliche Wohnung Gottes, diese alte Jagdhütte, wo mir ein Engel die Augen aufgetan hat für die wunderbare Schöpfung Gottes. Und wenn ich heute Astro-nomen, Physiker oder Biologen höre, wie unwahrscheinlich es doch eigentlich ist, dass auf unserem Planeten Leben entstanden ist, dass es dem Sternenstaub abgetrotzt ist, und andersherum, für wie selbstverständlich wir es normalerweise nehmen, dass wir da sind auf dieser Welt und uns höchstens beschweren, wenn etwas nicht so ist, wie wir es möchten, dann muss ich mir eigentlich etwas ganz anderes denken: Dieses Leben, das es so gibt auf dieser Erde in seiner ganzen Vielfalt - welch ein Wunder! Welche Macht hast du Gott, dass du es dem Universum abtrotzen konntest!

Und ich freue mich, dass ich da sein darf und ein wenig zuschauen darf bei dem Wunder, das du tust, unser Gott. "Mein Leib und meine Seele freuen sich in dem lebendigen Gott." Herr Gott, höre mein Gebet: Öffne unsere Augen und Ohren für deine wunderbare Wirklichkeit, mehr und mehr, bei all dem, was wir fühlen, denken und tun.

Pfarrer Herbert Sörgel, Flossenbürg

Gebet: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt von Dir, Gott, der Du Himmel und Erde gemacht hast. Guter Gott, ich bitte Dich, behüte mich vor allem Übel, behüte meine Seele. Amen.

Lied 98: Korn, das in die Erde

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