Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 8)

"Lasst uns Licht sein"

Weltgebetstag aus Polen - einem Land im Umbruch

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Die beiden Polinnen Kornelia Pilch (links) und Aldona Karska (rechts) erzählen aus ihrem Leben und berichten über das Leben in Polen allgemein. Foto: Mattern
   

Es war ein schwerer Weg und auf den erreichten Kompromiss sind die Frauen des Ökumenischen Rates in Warschau stolz: Neun Kirchen in Polen stimmten der Liturgie und der Gestaltung des Gottesdienstes für den Weltgebetstag zu. Natürlich haben in diesem Land nicht alle Kirchen gleiches Gewicht. Wenn in Polen allgemein von "der Kirche" die Rede ist, ist die römisch-katholische Kirche gemeint. ´
Von Seiten der katholischen Kirche wurde Kritik geäußert, dass der Gottesdienst am vierten März von einer Frau gehalten wird, berichtet Kornelia Pilch, eine junge Theologin. Es wurde letztlich toleriert, da der Hauptgottesdienst in einem Kirchengebäude der Evangelisch-Augsburgischen Kirche stattfindet. Frauen als Pfarrerinnen sind dort, auch bei den polnischen Lutheranern bis jetzt nicht zugelassen. Aldona Karska, die auch an den Vorbereitungen der Liturgie teilnahm, erklärt: "In der Debatte um Frauen-Ordination wird von kirchlicher Seite argumentiert, dass es nicht notwendig sei."

Viel Selbstständigkeit

Stimmt also das verbreitete Bild, das in vielen Köpfen herumspukt? Polen - konservativ, rückschrittlich, von patriarchalischer Ordnung geprägt? Schließlich ist in der älteren Generation der Handkuss noch verbreitet. Doch andererseits gibt es in keinem anderen Land Europas so viele Unternehmerinnen wie in Polen. "Frauen habe es schwerer innerhalb von Firmen aufzusteigen - als Alternative bleibt oft nur die Selbstständigkeit, damit sich das eigene Wissen und Können bezahlt macht", erklärt Kornelia Pilch.
In der Zeit nach der Wende stieg die Arbeitslosigkeit, darunter waren mehr Frauen als Männer betroffen. Viele Frauen suchten einen Ausweg aus ihrer Misere in der Selbstständigkeit. Zur Zeit hält sich die Arbeitslosigkeit bei 18 Prozent. Vergleichbare Länder wie Tschechien mit neun Prozent oder Ungarn mit sechs Prozent stehen da weit besser da. Die strukturschwachen ländlichen Gebiete im Osten des Landes gehören zu den ärmsten Regionen in der Europäischen Union (EU).

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Der Weltgebetstag der Frauen (WGT) ist die größte ökumenische Basisbewegung von Frauen. Er wird jedes Jahr am ersten Freitag im März in über 170 Ländern der Erde begangen. In unzähligen Gemeinden finden ökumenische Gottesdienste statt - in der Regel vorbereitet und durchgeführt von einem Frauenteam vor Ort. Die Liturgie wird jedes Jahr von Frauen eines anderen Landes verfasst. In diesem Jahr ist Polen an der Reihe. Die Frauen des Polnischen Weltgebetstagskomitees wählten das Thema "Lasst uns Licht sein". Bei allem Geschichtsbewusstsein war es ihnen vor allem ein Anliegen, die gegenwärtige Situation Polens zu beschreiben, ihre Ängste und Hoffnungen für die Zukunft zum Ausdruck zu bringen und Fähigkeiten und Verantwortung von Frauen zur Gestaltung der Zukunft zu benennen.
   

Blühende Metropole

Warschau hingegen ist eine blühende Metropole. Die Stadt ist geprägt von grauen Nachkriegsbauten, im Zentrum dominieren stahlblaue Bürotürme, die in den letzten 15 Jahren gebaut wurden. In den 90ern wa-ren die Zwischenräume der aufsteigenden Glasbauten noch mit Buden und Basaren gefüllt. Diese frühkapitalistischen Auswüchse hat die Stadt mittlerweile an den Rand gedrängt. Die sozialen Probleme lassen sich in Polen allerdings nicht wirklich ausblenden - der Staat ist hoch verschuldet. Vor allem die Gesundheitsversorgung leidet darunter, die auf dem Papier eine kostenlose ist. In der Realität bezahlen die Patienten unter der Hand, um ihre Behandlung zu verbessern oder überhaupt zu gewährleisten.
Darum verwundert es nicht, dass der renommierte Herzchirurg Zbigniew Religa als der bislang erfolgreichste Kandidat für die Präsidentschaftswahlen im Herbst gilt. Er gehört zwar einer unbedeutenden Splitterpartei an. Doch von ihm erhoffen sich viele Polen eine erfolgreiche "Operation" des polnischen Staatswesen.

Geringer Verdienst

Auch Aldona Karska arbeitet als Ärztin in einem staatlichen Krankenhaus im Warschauer Onkologie-Zentrum. Die Bezahlung ist schlecht. Da aber ihr Mann auch arbeitet, reicht es. Wollte sie richtig gut verdienen, müsste sei eine private Praxis eröffnen und viel arbeiten, doch freie Zeit ist ihr wichtiger. In Polen gibt es viele Ärztinnen, Rechtsanwältinnen, Richterinnen und vor allem Lehrerinnen. Eine Folge des Sozialismus: Zum einen gab es die offizielle Gleichberechtigung, was in den 50er Jahren auch zum Beruf Stahlarbeiterin führte. Zum anderen galten diese Berufe nach dem Krieg als "burgeois", sie wurden darum schlecht bezahlt. Auch heute noch ist vor allem der Lehrerberuf mit etwa 250 Euro monatlich am schlechtesten vergütet.

Evangelische Minderheit

Wegen ihrer evangelischen Konfession, der in Polen nur etwa 80.000 Menschen (0,2 Prozent der Bevölkerung) angehören, haben Kornelia Pilch und Aldona Karska keine Probleme mit ihrer Umwelt. Sie wuchsen in Familien auf, die den evangelischen Glauben nie versteckt hatten. Dies ist nicht selbstverständlich in einem Land, in dem das Katholische lange Zeit als eine Art nationales Bollwerk verstanden wurde - vor allem gegen die protestantischen Preußen und die orthodoxen Russen gerichtet. So gibt es in Warschau durchaus protestantische Familien, die ihren Glauben "versteckt" leben, die am Sonntag auch den Wohnblock verlassen, sich aber nicht in der nächstliegende katholischen Kirche einfinden, worüber sich die Nachbarn im Wohnblock wundern. Mehr offene Diskussion innerhalb der Kirchen in Polen wünschen sich darum die beiden Frauen. Der Weltgebetstag könnte ein Anstoß sein.

Jens Mattern

 

 


 

Weitergeben kann, wer sich beschenkt weiß

Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein.
Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Markus 12,41-44

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Freigiebigkeit hat auch etwas mit innerer Freiheit und Freude zu tun. Foto: epd
   

Das ist eine kurze und schon beim ersten Hinhören verständliche Geschichte. Der Ausdruck, dass jemand zu einer Sache auch "sein Scherflein beigesteuert" habe, ist sprichwörtlich geworden. Martin Luther stand bei seiner Bibelübersetzung immer vor der Frage, wie er fremde und unbekannte Maßeinheiten aus der biblischen Welt für seine Zuhörer verständlich machen könnte. Ein Scherf, das war die bis zum 15. Jahrhundert gebräuchliche Bezeichnung eines halben Pfennigs. Diese Bezeichnung wählte er, weil im griechischen Text auch die kleinste jüdische Kupfermünze so genannt wird.
Es kommt nicht auf die Höhe der Spende an. Das ist die einsichtige Botschaft dieser Erzählung: Es kommt vielmehr an auf die Freude, mit der man gibt, und darauf, ob die Gabe je nach den persönlichen Verhältnissen viel oder wenig ausmacht. Jesus sagt: Die Witwe hat mit ihrer winzigen Gabe mehr gegeben als die anderen. Die Gabe der Witwe ist aber vor allem deshalb viel größer als all die Gaben der Reichen, weil sie ihre ganze Habe hergibt, alles, wovon sie lebt.
Jesus erklärt seinen Hörern an dieser Stelle die Begründung aller Liebestätigkeit: Nächstenliebe ist nicht so etwas wie eine moralische Pflicht, sie ist auch nicht die Tat eines Mitleidens allein, also die Tat der Barmherzigkeit.
Jesus geht tiefer: Er begreift den Menschen als einen Beschenkten. Jesus sagt: Vor Gott und für Gott sind wir alle nur Nehmende, Empfangende. "Geben ist seliger denn Nehmen" - das gilt für andere Bereiche. Denn hier ist Nehmen seliger denn Geben! Jesus deckt auf, dass wir allemal und zu allererst Beschenkte sind, zutiefst angewiesen auf das, was wir als Beschenkte empfangen. Ich kann dies für mein Leben sehr leicht nachvollziehen: Vermag auch nur einer zu leben ohne Liebe? Und die wird mir doch geschenkt! Können die Kinder leben ohne die Liebe der Eltern, die Ehepartner ohne die Liebe des anderen? Und: Habe ich das immer alles auch verdient, mir erarbeitet, wenn mich da einer freundlich anschaut, wenn mir einer hilft, wenn mich gar jemand liebt?
So ist der Mensch eben nicht nur der Reiche, der von seinem Überfluss abgibt. Zu allererst ist er doch wie eine arme Witwe: angewiesen auf die Liebe anderer, die ihr das Lebensnötige sichern. Und damit ist er zugleich auf Gott angewiesen, der uns seine Liebe geschenkt hat.
Jesus lädt ein, Gott zu entdecken hinter all dem, was uns das Leben ermöglicht. Den Gott, der will, dass Liebe geschieht. Der Evangelist Markus lässt nach seinen Tempelerzählungen die Passionsgeschichte beginnen. So erscheint das Opfer der Witwe als ein Zeichen dafür, dass sie als eine, die Liebe weitergibt, aus dieser Liebe Gottes lebt. Der Glaube der Witwe sieht das Leben in Gott begründet. Sie kann alles hingeben, weil sie Gott zutraut, dass er sie wohl zu versorgen weiß. An ihrem Verhalten macht Jesus sichtbar, was es für Menschen sind, die er sucht.

Pfarrer Burkhard Stark, Weihenzell

Gebet: Herr, unser Gott, alles, was wir haben, kommt von dir. Alles, was wir sind, verdanken wir dir. Wir danken dir dafür. Und wir bitten dich: Hilf, dass wir nicht nur an uns denken. Herr, wir sind Beschenkte; lass uns von dem, was wir haben an Glaube, Hoffnung und Liebe, an andere weitergeben. Amen.

Lied 414: Lass mich, o Herr, in allen Dingen

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