Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 7)

Immanuel Kant
 EXTRA: Wiedergeburt als Revolution?
Wie Immanuel Kant den biblischen Begriff umdeutete


Wenn von einem Kind nichts bleibt

Anonyme Grabfelder helfen bei der Trauer

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Das Bild zeigt die Inschrift des Gedenksteines auf dem anonymen Grabfeld in Nürnberg. Im Vordergrund sind - schwach zu erkennen - zwei Fußabdrücke Erwachsener zu erkennen. Oberhalb des Spruches sind Kinderabdrücke zu sehen, dazwischen ein Spalt, der die Trennung durch den Tod verdeutlicht. Foto: Opaterney
   

Es war ein Wunschkind.Das Wunschkind schlechthin. Doch lediglich der Mutterpass und ein paar Ultraschallaufnahmen zeugen noch von seiner Existenz. Katja Klein hatte einen vorzeitigen Blasensprung, musste liegen, schließlich wurde die Ge-burt eingeleitet. Ihr Sohn kam in der 22. Schwangerschaftswoche tot zur Welt. "Ach, das war alles so furchtbar damals", erinnert sich die Nürnbergerin. Es ist nun schon elf Jahre her, und doch ist es manchmal so, als sei es erst gestern gewesen.

Vom Kind verabschiedet

"Wir hatten uns so auf das Kind gefreut", schildert sie. Und dann das. Dazu kamen noch unglückliche Umstände im Krankenhaus und die Tatsache, dass sie nach dem Verlust ihres Sohnes wieder mit zwei schwangeren Frauen im Zimmer lag. "Wenigstens durfte ich meinen toten Sohn sehen und auf dem Arm halten." Eine Hebamme hat ihn ihr gebracht. "So konnte ich mich wenigstens verabschieden." Für sie und ihren Mann sei damals eine Welt zusammen gebrochen. "Mir ging es viele Wochen lang sehr, sehr schlecht."

Als schließlich der Schock verdaut war und sich Katja Klein einigermaßen erholt hatte, kam die Trauer. "Ich habe mich gefragt, was aus meinem Sohn wurde." Sie hat sich erkundigt und zur Antwort bekommen: Er wurde "schicklich entsorgt" und mit Organabfällen auf dem Friedhof beerdigt. "Aber ich wusste nicht wo auf dem Friedhof. Es war schrecklich, dass wir keinen Ort hatten, wo wir mit unserer Trauer hingehen konnten." Katja Klein wälzte Bücher, in denen es um Trauer ging, um Tod- und Fehlgeburten. Dabei stieß sie auf die Initiative Regenbogen "Glücklose Schwangerschaft" e.V. Der Verein bietet Menschen Hilfe an, die ein Kind während oder kurz nach der Schwangerschaft verloren haben - sei es durch Fehl-, Tod- oder Frühgeburt. "Mir hat es sehr geholfen, mich mit Frauen und Männern zu unterhalten, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben", sagt Katja Klein, die inzwischen zwei gesunde Töchter hat.

Im Lauf der Zeit entstand in ihr das Bedürfnis, anderen Frauen zu helfen, die in eine solche Situation geraten sind. Vor allem wünschte sie sich, dass diese kleinen Kinder nicht einfach "schicklich entsorgt werden", wie es im Gesetz heißt, sondern auch beerdigt werden können - an einem Ort, wo die Eltern jederzeit hin können. Kinder, die tot zur Welt kommen und weniger als 500 Gramm wiegen, gelten nach dem Gesetz nicht als Leiche und müssen daher nicht beerdigt werden. "Aber für die Eltern macht es nun mal keinen Unterschied, wieviel das Kind gewogen hat - sie haben ihr Kind verloren."

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Auf dem Foto ist das anonyme Grabfeld in Bad Windsheim abgebildet. Das Grabfeld besteht seit Oktober letzten Jahres. Foto: Hadlich
   

Also hat sich Katja Klein auf die Socken gemacht und viele Hebel in Bewegung gesetzt. Mit Erfolg: Seit 1999 gibt es auf dem Nürnberger Südfriedhof ein anonymes Grabfeld. "Dort werden die tot- und fehlgeborenen Kinder beerdigt", sagt die Krankenschwester. Eltern sind in Nürnberg nicht bei der Beerdigung dabei. Das ist auf jedem Friedhof anders geregelt. "Manche Eltern sind schon aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, so kurz nach dem Verlust eines Kindes an einer Trauerfeier teilzunehmen." Aber es sei den meisten eine große Hilfe, wenn sie später wissen, wo ihr Kind begraben wurde, und wenn sie einen Platz zum Trauern haben. Die Eltern können nachvollziehen, wo ihr Kind liegt, auch wenn sie nicht dabei waren. Das Nürnberger Grabfeld war eines der ersten, die eröffnet wurden. Inzwischen gibt es viele in Deutschland. Im Oktober wurde ein solches Grabfeld auch in Bad Windsheim eröffnet. Dort war es die Friedhofsverwalterin, die dafür gesorgt hat, dass auch Bad Windsheim betroffenen Eltern diese Möglichkeit bieten kann. "Ich habe auf einem Seminar gehört, dass gerade Totgeborene schicklich entsorgt werden", sagt Susanne Thürauf. "Das hat mich als Frau und Mutter sehr berührt." Sie hat nicht lange überlegt, sondern gleich gehandelt. "Es war prima - Frauenärzte, Hebammen und Pfarrer haben die Idee unterstützt und wir haben viel Hilfe erfahren." Sowohl die Stadt als auch Kirchengemeinden, Vereine und Handwerksbetriebe haben ihren Betrag dazu geleistet, dass das Grabfeld im letzten Oktober eröffnet werden konnte. "Inzwischen hatten wir auch schon zwei Beerdingungen", sagt die Friedhofsverwalterin. "Das zeigt, dass der Bedarf da ist."

Unvergessen

Übrigens hatte das Engagement für ein anonymes Grabfeld für Katja Klein einen positiven Nebeneffekt: Sie hat nach Jahren erfahren, wo in etwa die Asche ihres Sohnes beerdigt ist. Auch wenn er das Licht der Welt nicht erblickt hat - seine Eltern haben ihn nie vergessen; und demnächst, wenn sein Geburtstag ist, wird Katja Klein eine Blume niederlegen - am Rand des Rasenstückes, wo er beerdigt wurde.

Karin Ilgenfritz

Weitere Informationen und eine Auflistung von Grabfeldern gibt es im Internet unter www.initiative-regenbogen.de oder unter Telefon 0911/6410543.

Definitionen

Als Fehlgeburt (Abort) werden tot geborene Babys bezeichnet, die weniger als 500 Gramm wiegen. Sie können auf Wunsch der Eltern bestattet werden, auch wenn es keine entsprechenden Gesetze, sondern nur Empfehlungen der zuständigen Gremien gibt.
Unter einer Totgeburt versteht man die Geburt eines im Mutterleib oder während der Geburt verstorbenen Kindes über 500 Gramm. Das Baby wird standesamtlich registriert, unterliegt jedoch bis zu einem Gewicht von 1000 Gramm nicht grundsätzlich der Bestattungspflicht. Es ist jedoch möglich, die totgeborenen Kinder unter 1000 Gramm zu bestatten. Eine Frühgeburt ist eine Lebendgeburt unter 2.500 Gramm bis zur 37. Schwangerschaftswoche.
Kil

 

 


 

Der lange Weg zum Ostermorgen

Es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.

Matthäus 12, 39b -40

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Die Passionszeit lädt dazu ein, sich auf den Weg zu machen: heraus aus der Finsternis hin zum erhellenden Ostermorgen. Foto: Wodicka
   

Schriftgelehrte kommen zu Jesus. Sie wollen ein Zeichen von ihm, ein Wunder, einen Beweis dafür, dass er der Sohn Gottes ist. Schon viele sind gekommen, wollten ähnliche Zeichen und Wunder. Eigentlich ist das nichts Ungewöhnliches für Jesus. Und Jesus gibt ihnen tatsächlich ein Zeichen - aber eines, das sie sicherlich nicht erwartet haben: Das Zeichen des Jona, des Mannes, der drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, ehe er wieder errettet wurde.

Jona. Gott hatte ihm einen Auftrag gegeben, und er will ihn nicht erfüllen. Anstatt nach Ninive zu gehen, besteigt er ein Schiff, das ihn nach Tarsis führen soll. Er will sich vor seiner Aufgabe drücken, sich ihr nicht stellen. Er will Gott und seinem Einfluss entkommen. Ein Sturm kommt, man wirft ihn über Bord, damit sich das Unwetter wieder beruhigt. Und da sitzt er nun, um ihn herum ist alles dunkel und finster. Jona hat Angst. Unzählige Gedanken schwirren ihm im Kopf herum: "Werde ich hier heraus kommen? Ich bin vor meiner Aufgabe, vor Gott, geflohen, wollte mich drücken, und nun dies. Ich sitze hier und warte, habe Angst. Wie wird es weitergehen, werde ich gerettet werden, werde ich irgendwann wieder das Sonnenlicht sehen oder nicht?" So stelle ich mir den armen Jona vor: als jungen Mann im dunklen Bauch des großen Fisches. Verzweifelt und ängstlich kauernd, betend, Gott suchend.

Nach drei Tagen kommt Rettung. Der Fisch spuckt Jona am Ufer aus, und er geht nach Ninive, seinen Auftrag zu erfüllen. Nun ist er bereit, hat sich verändert, ist von seinem ursprünglichem Vorhaben abgerückt und kommt über Umwege doch noch ans Ziel. Zu Anfang wollte Jona es sich einfach machen. Der Auftrag erschien ihm zu schwer. Die Aufgabe scheinbar unerfüllbar. Jona wollte sein Leben nicht verändern, verändern lassen. Und: Wer möchte das schon?

Jede und jeder entwickelt im Leben eigene Gewohnheiten und seine eigenen Überzeugungen. So war es bisher, und so soll es auch bleiben. Das Neue, Herausforderungen, Veränderungen sind dann nur störend und verwirrend. Das Eindeutige und Klare geht im Leben verloren - und auch die scheinbare Sicherheit, die damit einher geht. Auf gar keinen Fall etwas Neues. Wer weiß, was danach kommt?

Wer genauer hinschaut, merkt schnell, dass vieles, was uns auf den ersten Blick so eindeutig erscheint, eigentlich ganz uneindeutig ist, überhaupt nicht so sicher, wie man es sich wünscht. Da lebt man viele Jahre verheiratet zusammen, aus Gewohnheit. Tag aus, Tag ein. Alles scheint in Ordnung. Doch dann zerbricht plötzlich alles, von einem Moment auf den anderen zerbricht eine Welt. Und plötzlich merkt man: Schon lange hat man nicht mehr miteinander gesprochen, über Wichtiges geredet, war keine Nähe mehr da. Die Sicherheit war nur eine scheinbare Ruhe, die vor dem Sturm. Aus heiterem Himmel und eigentlich doch nicht überraschend. Scheinbare Sicherheit. Die Vielfalt unseres Lebens regt an und verunsichert zugleich. Deshalb brauchen wir Zeiten und Zeichen. Wir brauchen das Zeichen des Jona, um einmal über uns nachdenken zu können. Das Leben einmal in seiner Vielfalt wahrzunehmen, anstatt an Festgefahrenen festzuhalten. Das ist der Sinn der Passionszeit als Bußzeit oder Umkehrzeit. Sie schenkt uns Zeit zum Hören und Nachdenken, Zeit für Veränderungen auf dem langen Weg zum Kreuz, auf dem langen Weg zu Ostern. Nutzen wir diese Zeit und gehen dann den Weg, den Weg Jonas in die Welt, den Weg heraus aus der Finsternis ans Licht, den Weg zum Ostermorgen.

Nils-Olaf Pülschen, Pfarrer in Oberasbach

Gebet: Guter Gott, lass uns nicht starr werden in unseren Gewohnheiten, sondern öffne uns für Veränderungen und schenke uns ein Augenmerk für die Zeichen, die du uns gibst, damit wir dich und uns erkennen. Amen.

Lied 592: Du schenkst uns Zeit, einander zu begegnen.

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