Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 6)

Glaubensbekenntnis sichtbar gemacht

Das Kruzifix im Haus ist mehr als nur christliches Brauchtum

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Das Kruzifix in einer Gaststube in Schweinsdorf bei Rothenburg - ein Glaubenszeugnis der evangelischen Wirtsleute. Foto: Thiede
   

"Auf unser Kruzifix werden wir immer wieder angesprochen. Vor allem, seit wir hier in Mitteldeutschland leben. Wer zu uns ins Haus kommt, kann sehen, dass wir eine christliche Familie sind. Das ist hier eher selten. Aber es wird respektiert, und gelegentlich kommt es zu einer Unterhaltung über Glauben und Kirche." Dies erzählt die ältere Frau dem Besucher eher beiläufig, eben weil sein Blick auch auf das Kreuz im Flur gefallen ist. Die Christusfigur ist eine schöne Oberammergauer Schnitzarbeit. Doch nicht als Kunstgegenstand fällt sie hier auf, sondern als bildhaftes Glaubensbekenntnis.

Das Kruzifix galt auch früher schon als Hinweis auf die Konfession der Hausbewohner. In den Bauernstuben katholischer Gegenden, vor allem in Süddeutschland und Österreich, hatte es seinen festen Platz. "Herrgottswinkel" heißt die Ecke, wo das Kreuz hängt. Die geweihten Palmkätzchen gehören dazu und oft auch ein buntes Marienbild. Der geschnitzte "Herrgott" schaut auf die Familie herunter, wenn sie vor der Mahlzeit das Tischgebet spricht und sich bekreuzigt.

Auch ohne Herrgottswinkel

Solche Frömmigkeit war und ist gewiss eine gewohnheitsmäßige Übung. Aber wer sie als bloßes Brauchtum abtut, zeigt wenig Verständnis für die sichtbaren und merkbaren Zeichen des Glaubens. Sie haben eine große Rolle gespielt, als sich die katholische Kirche nach dem großen Einschnitt der Reformation auf ihre inneren Werte besann. Die biblische Geschichte, vor allem das Leiden, Sterben und Auferstehen Christi, soll den Gläubigen jeden Tag vor Augen stehen. Deshalb wird der ans Kreuz genagelte Gottessohn, der "crucifixus", bildhaft dargestellt.
Viele katholische Familien haben ein Kruzifix in der Wohnung hängen, auch wenn es keinen Herrgottswinkel mehr gibt. Nach wie vor pflegen Schnitzer im Alpenland die alte Art der Darstellung. Aber es gibt Kruzifixe auch in neuen künstlerischen Formen und aus anderen Werkstoffen. Vor allem die Läden der Klöster bieten eine große Auswahl. "Zur Zeit werden gerne Darstellungen aus Glas gekauft", erfahren wir in der Buchhandlung der Benediktinerabtei Münsterschwarzach. Dort gibt es auch schöne Kruzifixe aus der eigenen Goldschmiedewerkstatt. Oft lassen die Käufer das Kreuz in der Heimatgemeinde noch weihen. "Wir gehen dazu in die Sakristei", berichtet ein katholischer Pfarrer. "Die Leute wünschen, ihr Kruzifix möge dem Haus und der Familie Segen bringen. Wir reden dann darüber, dass Gott den Glauben an den Gekreuzigten segnet."

Protestantisch: Kreuz im Lied

In evangelischen Häusern hat das Kruzifix eigentlich keine so althergebrachte Tradition. Sichtbares Zeichen der hier gepflegten Frömmigkeit war seit jeher die Lutherbibel. Sie wurde oft von Generation auf Generation vererbt und fleißig gelesen. Zusammen mit dem Gesangbuch und einem Predigt- oder Andachtsband hatte sie ihren Platz auf dem Wandbrett. Das Fehlen des Kruzifixes bei den Protestanten mag erstaunen. Stand doch im Mittelpunkt der Reformationspredigt die Botschaft vom rettenden Kreuz Christi. Sie findet sich auch auf den seinerzeit gemalten Altarbildern. Und das berühmte Sockelbild Lukas Cranachs in der Wittenberger Stadtkirche zeigt Martin Luther, wie er von der Kanzel aus auf das Kruzifix hinweist.
Doch es gab auch eine Scheu vor allzu handgreiflichen Darstellungen. Die Erinnerung an den mittelalterlichen Heiligenkult mag da mitgespielt haben, oft vielleicht auch eine enge Auslegung des ersten Gebots: "Du sollst dir kein Bildnis machen." Das Leiden Christi fand seine volkstümlicheVergegenwärtigung im Lied. Paul Gerhardts "O Haupt voll Blut und Wunden" war nahezu allen evangelischen Gläubigen wortwörtlich vertraut und begleitete sie bis in den Tod hinein. Und in den "Passionen" von Schütz, Bach und anderen Komponisten wirkt die Macht der Musik auf die Seele. Von dem Grafen Nikolaus von Zinzendorf wird allerdings berichtet, dass er als junger Mann just beim Anblick eines "katholischen" Christusbildes in der Düsseldorfer Galerie fürs Leben beeindruckt wurde. Unter dem Gemälde standen auf Lateinisch die beiden Sätze: "Ich habe das alles für dich gelitten, du aber, was hast du für mich getan?"

Jugendliche tragen Kreuz

Was in der bäuerlichen und bürgerlichen Wohnung nicht üblich war, fand in der Studierstube der Geistlichen einen Platz. An der Wand oder auf dem Schreibtisch erinnerte ein Kruzifix daran, dass die Predigt vom Gekreuzigten dem Pfarrer aufgetragen ist. Oft war es das Geschenk zu einem feierlichen Anlass gewesen, etwa der Ordination. Immer wieder regt es zur Meditation an: Wie Jesus alles menschliche Leid miterleidet und vor Gott trägt. Wie Menschen schuldig werden und wie sie von ihrer Schuld befreit werden können. Was es heißt, von Gott verlassen zu sein und doch das Vertrauen auf ihn nicht verlieren zu müssen. Dass der Weg Jesu Vorbild und Ansporn für den Glaubenden sein kann. So wie Zinzendorf sich gefragt wusste: "Was tust du für mich?" Inzwischen haben viele evangelische Christen erfahren, was ein Kreuz für sie bedeutet. Jugendliche erhalten es bei der Konfirmation zusammen mit dem Gedenkspruch, und manche hängen es in ihrem Zimmer auf. Wenn der Schein nicht trügt, sieht man auch wieder vermehrt junge Leute mit einem Kreuz um den Hals. Der bekannte Streit, ob in Klassenzimmern Kruzifixe hängen dürfen, hat dem Kreuzesglauben kaum geschadet.

Ein viel beschäftigter Mann mittleren Alters sagte mir: "Ich habe ein Kruzifix in einer ruhigen Ecke meiner Wohnung. Davor steht ein Pult mit der Bibel darauf. Das ist ein Platz, wo ich stille werde, wo mir Gottes Wort begegnet und ich beten kann. Sie glauben gar nicht, wieviel Kraft das gibt."

Christoph Schmerl

 

 


 

Tatort Bibel oder: Wie geschieht Gerechtigkeit?

Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von den Früchten der Bäume im Garten? Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon, rührts auch nicht an, dass ihr nicht sterbt. Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet mitnichten des Todes sterben; sondern Gott weiß, dass, welches Tages ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

1. Mose 3,1-5

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Schenkte Gott den Menschen die Fähigkeit, Gutes und Böses zu erkennen? Foto: Wodicka
   

Adam und Eva, Gott und die Schlange - das ist die erste Kriminalgeschichte der Menschheit. Es geht um Verbrechen, um Leben und Tod, fast wie im richtigen Leben. Und eben darum geht es letztlich: um das richtige, das wahre Leben und ob es möglich, heute noch möglich ist.
Adam und Eva, so beginnt der Krimi des Lebens, haben alles, was Menschen brauchen: ein gutes Leben, das Leben als Gut und alle Güter des Lebens, behütet durch einen guten Gott. Dann passiert, was nicht hätte passieren dürfen: der Biss in den Apfel, die Übertretung des Gebots. Des Todes schuldig, wer sich an Gaben des Lebens vergeht.
So einfach ist das nicht, sagen die Verteidiger der Menschheit, die in Herz, Kopf und Seele eines jeden Menschenkindes sitzen. War nicht bereits das Gebot, vom Baum der Erkenntnis nicht zu essen, eine Einschränkung der Freiheit und damit eine Begrenzung des Guten? Hatte das Gebot nicht den Sinn, das Herrschaftswissen Gottes eifersüchtig zu schützen? Und wenn Gott ein gütiger gewesen wäre, ausgestattet mit einem allumfassenden Wissen, warum hat er dann keinen Zaun um den Baum gemacht, dafür aber die falsche Schlange geschaffen? Angemessene Verbrechensprävention ist Aufgabe des Gesetzgebers, sonst macht er sich mitschuldig. Der Wurm, der das Gute annagt und auffrisst, war schon zuvor in der Geschichte. Jeder Winkeladvokat würde in jedem Strafprozess dieser Welt mit diesen Argumenten seine Mandaten verteidigen können. Also: Freispruch für Adam und Eva.
Beides wäre einfach: Tod für Kapitalverbrechen, und das mit Gottes Billigung (immerhin wird das bis heute praktiziert, nicht bei den Unzivilisierten, sondern unter anderem in Amerika, dem Hort der Zivilisation). Oder Freispruch: Auf dem Verschiebebahnhof der Schuld die Schuld von Adam zu Eva, von Eva zur Schlange, von der Schlange auf Gott zu schieben. Fertig. Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn offen bleibt, wie damit umzugehen ist, mit der Ungerechtigkeit und den tausend Unzulänglichkeiten des Lebens - vomschmerzvollen Kinderkriegen über große und kleine Kriege und Katastrophen bis hin zum Finale: dem eigenen Tod. Über ein Vergehen urteilen, das ist einfach, mit ihm und den Folgen leben, etwas anderes, unendlich Schweres. Und hier, genau hier entfaltet der Ur-Krimi seine Kraft. Er erinnert an den guten Anfang, den Anfang des Guten. "Paradies" - das ist die Erinnerung, dass es das Gute gab, dass im Inneren der Welt, der Schöpfung Gottes, das Gute noch da ist. Lasst Euch nicht verwirren durch falsche Schlangen und Propheten des Unheils, die mit jeder Schadens-Meldung sich bestätigt sehen und dabei trostlos im Elend erstarren. Das Gute gab es und es gibt sich weiter. Aber auch das andere ist wahr: dass es einen Wurm gibt, der die Güter des Lebens anfrisst und zerstört, einen Wurm, gemacht aus Lebens-Gier und Todes-Angst, zu kurz zu kommen. Tut nicht so, als ob es den bei Euch nicht gäbe, Menschenkinder! Sonst frisst er euch am Ende ganz und gar.
Und eine letzte Botschaft hat der Ur-Krimi: auch in einer Welt, die ist, wie sie ist, geht das Leben weiter. Das Gute ist begrenzt, das tut weh. Aber in den Grenzen, da steckt die Chance, Gutes zu entdecken. Woher wir das wissen? Immerhin haben wir Menschen die Fähigkeit, Gutes und Böses zu erkennen, oder nicht? Manche sagen: die Todesstrafe für eine missglückte Schöpfung wurde zur Bewährung ausgesetzt für Menschen, die Besserung geloben. Die Bibel fällt ein anderes "Ur-Teil", eine Verheißung: Die Menschheit ist begnadigt, um die Güte des Lebens zu entdecken, zu erkennen und weiterzugeben. Worauf warten? Fangen wir damit an.

Hans Jürgen Luibl, Erlangen

Gebet: Am Anfang sprach Gott: es werde Licht! So können wir das Gute sehen. Herr unser Gott, sprich: Es werde Gerechtigkeit! So können wir das Gute tun. Amen.

Lied 362: Ein feste Burg ist unser Gott.

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