Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 5)

Heilsames Lachen

Klink-Clowns bringen Spaß ins Seniorenheim

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Die Klinikclowns Christine Weber und Benedikt Anzeneder.
   

Leises Stimmengewirr. Im Saal des Rothenburger Bürgerheims ist Cafeteriabetrieb. Zwei Frauen starren unbeteiligt in die Luft, ein Mann sitzt im Rollstuhl in der Ecke. Am Tisch vor dem Fenster unterhalten sich drei ältere Damen. Plötzlich verstummt das Gemurmel. Neben einem Herren in Pluderhose und Wams stakst eine hochgewachsene Dame herein. Ihre Strumpfhosen und das kleine Handtäschchen sind schreiend grün. Das knappe, geblümte Hängekleid lässt ihre Beine überlang erscheinen. Beide haben sie rotgeschminkte Nasen. "Schön seht ihr aus!" sagt eine Frau.
Alle zwei Wochen ist "Clownsvisite". Da kommen Christine Weber (Nürnberg) alias Adele Spätzle und Benedikt Anzeneder (Erlangen) alias Clown Bruno Schäufele nach Rothenburg, um mit Späßen und Geschichten, mit Zuwendung und Musik die Menschen im Altenheim aufzuheitern. Sie sind zwei von dreißig Mitarbeitern des bayerischen Vereins "Klinikclowns", die kranke Kinder und Senioren zum Lachen bringen.

Improvisation ist alles

Ein festes Programm gibt es nicht, wohl aber ein Repertoire an Liedern und Geschichten. "Das meiste ist improvisiert", erzählt Anzeneder. Die beiden Clowns greifen Kommentare der Zuhörer auf und werfen sich gegenseitig Stichworte zu. Und lachen selbst über die Schlagfertigkeit des anderen. Dazwischen Pantomime-Einlagen: Aneinander vorbei zu kommen wird zum schier unlösbaren Problem. In ihren Pantöffelchen macht Adele einen Schritt nach vorn, doch just in dem Moment ist Bruno auf die gleiche Idee gekommen. Fast stoßen sie zusammen. Adele weicht aus - und liegt wild gestikulierend in Brunos Armen. Mit höchster Konzentration versuchen es die beiden noch einmal. Diesmal gelingt es. Beide strahlen. Und fallen fast über die eigenen Beine.Die Idee der Klinikclowns stammt aus Amerika. Mitte der Achtziger Jahre gingen dort die ersten Clowns auf Kinderstationen, um den oft schwerkranken Kindern die Zeit im Krankenhaus zu erleichtern. Wenigstens für ein paar Stunden in der Woche, so die Vorstellung, sollen Kinder und Eltern durch Lachen dem bedrückenden und für die Kindern manchmal beängstigenden Krankenhausalltag entfliehen. Seit den 90er Jahren hat der Gedanke auch in ganz Deutschland Nachahmer gefunden. Sie heißen Rote Nasen, Doktor Clown oder eben Klinik-Clowns. Der Verein, der 1998 in Freising gegründet wurde, ist in 20 Einrichtungen Bayerns unterwegs.

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Adele unterhält eine Seniorin. Fotos: lü
   
Ihre Dienste werden von den Kliniken gerne in Anspruch genommen. Laut wissenschaftlicher Erkenntnis ist Lachen in mehrfacher Hinsicht heilsam. Wenn die Menschen lachen, so entlastet das nicht nur emotional, es stärkt auch das Immunsystem, ist schmerzlindernd und kräftigt Herz und Kreislauf. Zudem wird. Die Phantasie und die Kommunikationsfreudigkeit der Kinder angeregt. Das sagt die Wissenschaft. Die Eltern kranker Kinder erleben es hautnah auf der Station. Wenn die bunten Gestalten in den weißen Ärztekiteln in die Zimmer stolpern, vergessen die Kinder eine Zeit lang, wo sie sind. Was sind diese Kerle auch ungeschickt! Alles muss man ihnen erklären. Feige sind sie und haben mehr Angst vor Spritzen als die Kinder. Sie untersuchen umständlich Ärzte und Eltern. Und stellen sich dabei so komisch an, dass man einfach lachen muss. "Bei Kindern kann man viel mehr der Clown sein!" Auch Benedikt Anzeneder und Christine Weber gehen auf Visite in Kinderkrankenhäuser. Die Rollen dort sind klar verteilt: Die Kinder dirigieren, und die Clowns sind die Dummen. "Darüber lachen sich Kinder kaputt", erzählt Weber. Bei den Senioren geht es viel leiser und langsamer zu. "Wir sind hier eher poetische Musikanten". Weniger Klamauk und mehr Berührung und Liedgut ist hier gefragt. "Manchmal fällt mir mein Name nicht mehr ein, aber an alte Melodien er-innere ich mich!" meint Adele locker zu einer der apathischen Frauen - und drückt damit das aus, was viele demenzkranke Menschen erleben. Während Bruno in die Saiten seiner Laute greift, singt und summt der Saal das Lied von den Königskindern mit. Die Frau schweigt. Doch ihre Augen verfolgen jeden Schritt der Clowns.

Klinikclowns sind Unterhalter und Seelsorger in einem. Sie sind Experten auf ihrem Gebiet - freiberufliche Musiker, Pantomimekünstler oder ausgebildete Clowns. Für das sensible Umfeld der Klinik werden sie in monatlicher Fortbildung und Supervision geschult. Denn bei aller Leichtigkeit und Spontaneität - Professionalität wird hier groß geschrieben. Manchmal kommen die Clowns mit ihren Späßen und Liedern näher an Kinder und alte Menschen heran als Ärzte, Pfleger und Angehörige. Mit kindlicher Offenheit sprechen sie aus, wovor Erwachsene sich oft drücken - und spielen sich damit in die Herzen der Patienten. So ist es auch natürlich, wenn sich Bruno einen Stuhl schnappt und mit einer Seniorin ein "Rollstuhlrennen" fährt - bei ihm gelten keine Tabus.

Leise Töne sind angesagt, wenn es einem Bewohner schlecht geht. Dann kommt Daisy zum Einsatz - eine sonnengelbe Ente, die streichelt und die Hände massiert. Und die auch einmal versucht, mit den dunklen Gedanken wegzufliegen. "Manchmal würde ich die Leute gerne segnen", meint der katholische Theologe Anzeneder. Es bleibt bei der freundlichen Berührung. Da kann es geschehen, dass sich verkrampfte Züge entspannen und ein Lächeln erscheint. Seit einem dreiviertel Jahr kommen die beiden Clowns nun nach Rothenburg - sie sind ein fester Bestandteil im Heimalltag. Beschäftigungstherapeutin Irmgard Fischer hatte die Kinikclowns bei einer Fortbildung kennengelernt und den Clownsbesuch angeregt. Nach einem Vorstellungsbesuch begann die Suche nach Unterstützern. Denn eine Clownsvisite kostet 300 Euro. "Das ist nicht drin im normalen Etat", so Fischer. "Wir sind dringend auf kontinuierliche Spenden angewiesen." Dass die beiden ihren Preis wert sind, davon ist sie überzeugt. "Schwer pflegebedürftige Menschen lachen wieder, andere singen bei den Liedern mit". Was demenzkranke Menschen als schönen Augenblick erleben, ist für andere eine Erinnerung, von der sie noch lange zehren.

Anne Lüters

 

 


 

Stopp: das Wesentliche im Auge behalten!

Als sie aber weiter zogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Lukas 10, 38-41

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Ampelpausen nutzen: An wen habe ich schon lange nicht mehr gedacht? Vielleicht merkt er, merkt sie, dass ich gerade an ihn oder an sie denke. Foto: Wodicka
   

Sind Sie auch der Marta-Typ? Oder eher wie Maria? Ich muss gestehen: Ich bin ganz eine Marta. Kein Gemeindefest, bei dem ich nicht Würstchen grille oder Bier ausschenke, Bierbänke schleppe oder beim Abspülen helfe. Und auch beim Abbauen am Schluss, bei dem sich manche so gerne davonschleichen - mit mir kann man rechnen. Aus diesem Grund muss ich hier einen deutlichen Protest anbringen: keine kirchliche Arbeit ohne Martas. Kein Gemeindefest, kein Seniorenkreis, kein Kirchenschmuck, wenn nicht wir Martas alles das immer richten, planen, herbeischaffen, organisieren, realisieren würden.

Wieso kommen wir jetzt so schlecht weg bei dieser Bibelstelle? Wenn es nur Marias gäbe, nur Leute, die sich an den gedeckten Tisch setzen - wer macht denn dann die Arbeit? Ich möchte die Antwort von Jesus mir noch einmal genau ansehen: "Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe." Zweimal nennt er ihren Namen - fast schon zärtlich. Und dann würdigt er das, was sie tut: "Du hast viel Sorge und Mühe" - aber da schwingt schon etwas mit: Kann es sein, Marta, dass du vor lauter Sorge und Mühe das Wesentliche aus den Augen verloren hast? Nämlich dass du einen Gast hast, der gekommen ist, um dich und deine Schwester zu besuchen, weil er dich und deine Schwester gern hat? Und nicht, weil er versorgt werden muss? Der sich freut, wenn er mit dir zusammen ist und nicht dich dauernd stöhnend im Haushalt wirtschaften sehen möchte? Ich höre aus seinen Worten: Lass dich doch entlasten, lass dich entlasten von deiner Angst, alle Arbeit hängt an dir, ja sogar der Erfolg hängt an dir. Lass dir das Gefühl nehmen, Gott sei untätig - vielmehr: gib ihm doch endlich mal eine Chance, dass er auch etwas für dich tut.

Ich ahne, dass das schwer wird. Ich sehe mich schon am nächsten Gemeindefest auf einer Bierbank sitzen und hin und her rutschen, weil etwas nicht klappt oder es dort brennt. Nein, ich denke, da kann ich nicht anders als mithelfen. Aber vielleicht kann ich mit kleinen Übungen anfangen, aus meinen Marta-Sorgen auszubrechen: Wenn ich im Supermarkt wieder in der falschen Schlange stehe, in der es wieder mal endlos langsam vorangeht, will ich nicht denken: "Oh Gott, macht doch endlich mal zu, ich muss heute noch so viel erledigen", sondern ich will denken: "Ich habe Zeit geschenkt bekommen - habe ich eigentlich schon mal den Menschen vor oder hinter mir freundlich angelächelt?" Wenn ich wieder mal eine rote Ampel nach der anderen in der Stadt habe, will ich mich nicht ärgern, sondern jede Ampelpause nutzen: An welchen Freund, an welche Freundin habe ich schon lange nicht mehr gedacht? Vielleicht merkt er, merkt sie, dass ich gerade an ihn, an sie denke. Aus einer Marta wird sicher keine Maria - aber vielleicht kann jede Marta auch einiges von Maria in sich entdecken.

Pfarrer Uwe Koß, Hannover

Gebet: Gott, Du schenkst uns Zeit - Zeit für uns und andere. Gib, dass wir sie gebrauchen können, dass sie deinen Rhythmus bekommt. Gib, dass wir uns entlasten lassen, entlasten von Sorgen und Verantwortung, und auf dich ganz vertrauen können. Amen.

Lied 589: Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt.

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