Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 3)

Das Tabu der Arbeitslosigkeit brechen

Seelsorgerin ermutigt Gemeinden zur Auseinandersetzung mit dem Thema

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100 und mehr Bewerbungen zu schreiben, zehrt an den Nerven. Die Folge: Scham und das Gefühl, zu versagen. Foto: Wodicka
   

Die erwarteten Massenproteste sind ausgeblieben. Noch im Herbst demons-trierten Tausende gegen Hartz IV. Doch der Start Anfang Januar blieb erstaunlich ruhig. Obwohl 10,8 Prozent der Erwerbsfähigen in Deutschland davon betroffen sind, regt sich erst langsam Protest. Durch die Diskussion um Hartz IV hat sich das Problem der Arbeitslosigkeit wieder stark ins öffentliche Bewusstsein eingeprägt. Eine Chance, meint Pfarrerin Martina Kreis, das Thema auch in Kirchengemeinden stärker aufzugreifen. Seit zweieinhalb Jahren ist sie als Arbeitslosenseel-sorgerin beim Münchner Arbeitslosenzentrum (MALZ) angestellt - eine in Bayern bisher einzigartige Stelle. Sie soll Kirchengemeinden für das Problem der Arbeitslosigkeit sensibilisieren: durch Vortragsangebote, eigens entworfene Gottesdienste zum Thema oder durch die Unterstützung bei der Gründung von Selbsthilfegruppen. Mit ihrem Angebot stieß Kreis zunächst auf ein Desinteresse, das sie überraschte. "Arbeitslosigkeit ist im Moment das Gesellschaftsthema Nummer eins", berichtet sie, "kommt aber in den Gemeinden fast nicht vor." Die meisten seien auf ein Freizeitprogramm ausgerichtet und zeigten nur wenig politisches Engagement. "Vielleicht haben ehrenamtliche Gemeindeglieder auch selbst Angst vor Arbeitslosigkeit und wollen es deshalb verdrängen." Dies fiele leicht, treten doch Betroffene nur selten in den Gemeinden auf. "Arbeitslosigkeit ist ein großes Tabu. Zuzugeben, dass man keine Arbeit hat, ist mit Scham verbunden."

Gefühl des Scheiterns

Martina Kreis weiß, wovon sie spricht. Sie hat selbst das Schicksal der Arbeitslosigkeit erfahren. Als sie vor drei Jahren nach München kam, hatte sie als Angehörige der Westfälischen Landeskirche keine Aussicht auf eine Anstellung als Pfarrerin in Bayern. "Damals hörte ich Sätze wie: ,Man hatte wohl in Westfalen keine Verwendung für Sie?'" Die Jobsuche gestaltete sich schwierig, denn arbeitslose Pfarrer kannte das Arbeitsamt nicht. Dazu kam das Gefühl des Scheiterns: "Ich hatte den Eindruck, mich nicht gut genug präsentiert zu haben, nicht stark genug zu sein", meint Kreis. So geht es vielen, die keine Arbeit finden: "Der Verstand sagt: 'es liegt an der Struktur', aber es bleibt doch ein persönlicher Makel." Der hohe Stellenwert der Arbeit in der Gesellschaft hat nicht zuletzt religiöse Wurzeln. Das "protestantische Arbeitsethos", aus einer falsch verstandenen calvinistischen Vorsehungslehre erwachsen, prägt die Ideale von Arbeit und Pflichterfüllung bis heute: An dem Erfolg der eigenen Arbeit, so die dahinterliegende Ideologie, kann man Gottes Segen erkennen. Umgekehrt heißt das: Wessen Fleiß nicht von Erfolg gekrönt ist, der ist vor Gott nicht angesehen. Kein Wunder also, dass jeder versuchte, so erfolgreich zu arbeiten wie möglich. Liedstrophen wie "Gib, dass ich tu mit Fleiß, was mich zu tun gebühret..." zeigen, wie unmittelbar Werktätigeit zum gottgefälligen Leben gehörte.

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Wie hängen Arbeit und Menschenwürde zusammen? Das Transparent der Demonstranten im September 2004 äußert eine Frage, die gerade in der Kirche immer neu gestellt wird. Foto: epd
   
Heute wird der Zusammenhang zwischen Erwerb und Segen zwar nicht mehr so hergestellt, die Folgen sind noch deutlich spürbar. So haftet einerseits der Arbeitslosigkeit etwas Schicksalhaftes an, andererseits wird der Mensch für sein Scheitern indirekt verantwortlich gemacht. "Du bemühst dich einfach nicht genug!", dieser Vorwurf steht oft im Raum und erhöht den Druck auf die Betroffenen. Ein Problem, vor dem auch das Arbeitslosenzentrum in München steht. "Es ist eine Gratwanderung. Einerseits hören Betroffene im Bewerbungstraining: Tu etwas! Präsentier dich! Andererseits gibt es einfach keine Jobs", so Kreis. Was macht den Wert des Menschen aus? Angesichts der Arbeitslosigkeit stellt sich die Frage neu. "Wir definieren uns komplett über unseren Beruf", erklärt Martina Kreis. "Wenn man Menschen kennenlernt, ist doch meist die zweite Frage: ,Was machst du beruflich?'" Das ist mit ein Grund dafür, dass Menschen, die lange ohne Arbeit sind, immer stärker in Isolation geraten. Freunde ziehen sich zurück, für Partner ist die Situa-tion nur schwer auszuhalten.

Aber: "Der Mensch ist mehr als seine Arbeit!" Davon ist Martina Kreis überzeugt. Das bestätigt die Bibel: im Schöpfungsbericht, der Arbeit als notwendiges Übel darstellt und in Texten, die von der Würde des Menschen sprechen, die daraus erwächst, dass er zum Ebenbild Gottes geschaffen ist. Dieser Würde entspricht es nicht, dass Betroffene ihre Arbeitslosigkeit versteckt leben. "Die Räume, in dem sich arbeitslose Menschen bewegen, werden ganz eng", beschreibt Martina Kreis das Problem. Sie sieht es als Aufgabe der Kirchengemeinden an, das biblische Wort "du stellst meine Füße auf weiten Raum" auch für Erwerbslose erlebbar werden zu lassen. "Gemeinden sollten Problem auf den Tisch bringen, und nicht tabuisieren."

Mittlerweile zeigt die Arbeit der Pfarrerin erste Früchte: Kirchenvorstände wenden sich an Martina Kreis, weil sie aktiv etwas für arbeitslose Menschen tun wollen. Mit einer von hoher Arbeitslosigkeit betroffenen Kirchengemeinde hat sie eine ganze Projektreihe gestartet. "Hinterher erfuhr ich vom Gemeindepfarrer, dass zu den Veranstaltungen Menschen kamen, die er noch nie gesehen hatte." Der Weg aus dem Tabu geht nur in kleinen Schritten - das hat Martina Kreis in den letzten zwei Jahren erfahren. Sie kann nur Angebote machen, es bleibt aber offen, ob die Betroffenen den Schritt aus der Anonymität in die Gemeinden wagen.

Arbeitslosigkeit aushalten

"Genauso geht es mir auch", hört die Pfarrerin manchmal, wenn sie aus der eigenen Erfahrung erzählt. "Aber ich könnte das nie so sagen." Ganz selten suchen Arbeitslose mit ihr das Gespräch. Die Frage nach dem Glauben spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. "Natürlich hilft das Gefühl, von Gott gehalten zu sein. Aber es braucht auch Menschen, die einen unterstützen, die dableiben und die Arbeitslosigkeit mit aushalten." Da, so Martina Kreis, sind Kirchengemeinden gefordert.

Anne Lüters

 

 


 

Heilige Wohnungen in der Stadt Gottes

Gelobt sei der Herr; denn er hat seine wunderbare Güte mir erwiesen in einer festen Stadt.

(Psalm 31, 22)

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Eine feste Stadt - mit wuchtigen Stadtmauern wie Rothenburg, Dinkelsbühl oder Nördlingen, solche Städte konnten Schutz und Sicherheit bieten. Als freie Reichsstädte waren sie unabhängig von der Willkür irgendwelcher Machthaber. So strahlten sie Frieden und Geborgenheit aus. Mit den machtvollen Kirchenbauten gaben die Bewohner zu erkennen, wem sie ihr Wohler-gehen verdankten: "Gelobt sei der Herr für seine wunderbare Güte."

Die Stadt als Zeichen der Güte Gottes? So einfach ist das nicht. In Notzeiten zeichnet sich ein völlig anderes Bild ab, etwa in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Da konzentrierten sich die Bombenangriffe besonders auf die Städte und ließen sie in Schutt und Asche versinken. Namen wie Würzburg, Dresden oder Kassel stehen für verheerende Zerstörungen. In den Trümmern fanden unzählige Menschen den Tod.

Die Erfahrung, dass sich in einer Stadt auch die Not vervielfacht, blieb nicht auf Kriegszeiten beschränkt. Bei der schrecklichen Erdbebenflut vor vier Wochen war die Zahl der Opfer in den Städten an der Küste von Sri Lanka und Indonesien am höchsten. Von "wunderbarer Güte in einer festen Stadt" konnte nur in Ausnahmefällen die Rede sein, wenn einzelne wie durch ein Wunder mit dem Leben davonkamen. Ansonsten wurde der Psalmdichter Lügen gestraft: Die feste Stadt erwies sich als Falle, aus der es kein Entkommen gab.

Tatsächlich wird man das Psalmwort besser verstehen, wenn man genauer auf den Wortsinn achtet: Mit der "festen Stadt" der Luther-Bibel ist eigentlich die "eingeengte Stadt" gemeint. Menschen, die auf dem Land leben, empfinden die Städte oft so: Voller Lärm, Stress und Enge, wo man auf Dauer nicht leben möchte. So gesehen ist die Stadt nicht ein Abbild für Gottes Schutz und Güte, wohl aber ein Ort, an dem Gottes Schutz und Güte besonders gebraucht wird. In der "Zeit der Bedrängnis", so die Einheitsübersetzung, "als ich im Dreck lag", so Arnold Stadler in seiner Psalmenübersetzung, "in der eingeengten Stadt", so Martin Bubers Bibelübertragung, da muss, da wird Gott sich als gütig erweisen.

Immer dann, wenn Menschen diese Güte Gottes spüren, und sei es in der Enge einer Stadt, dann bekommen sie einen Vorgeschmack der neuen "Stadt Gottes, wo die heiligen Wohnungen des Höchsten sind", wie es im 46. Psalm heißt, dann fällt auf sie der Glanz des himmlischen Jerusalem, wo "der Tod nicht mehr sein wird noch Leid noch Geschrei noch Schmerz", wie es im 21. Kapitel der Johannesoffenbarung beschrieben wird. Diese neue Stadt Gottes ist vorerst ein Gegenstand der Hoffnung. Sie muss durch Stadtmauern nicht geschützt werden, sie kann weder durch Bomben zerstört noch von einer Todesflut verwüstet werden. Gott hat das Fundament seiner Stadt so gelegt: Er ist in Gestalt seines Sohnes auf die Erde gekommen, hat die Not und Schuld auf sich geladen und ans Kreuz getragen. So hat er in die Dunkelheit den Glanz der Liebe gebracht. Wer das begriffen hat und sein Leben darauf aufbaut, der kann in das Lob mit einstimmen: "Gelobt sei der Herr; denn er hat seine wunderbare Güte mir erwiesen in einer festen Stadt." Darauf hoffen wir.

Martin Bogdahn, Oberkirchenrat i.R., München

Gebet: Gelobt seist du, Herr, für deine Güte, die wir in Stadt und Land erleben dürfen. Gelobt seist du, Herr, für deine Güte, auf die wir in der Not hoffen können. Gelobt seist du, Herr, für deine Güte, die wir dereinst, im himmlischen Jerusalem, schauen werden. Amen.

Lied 609: Wie groß ist des Allmächt'gen Güte.

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