Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 1)

Gottes Wort für jeden Tag

Wie die Jahres- und Monatslosungen entstehen

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Die Fürbitte steht im Mittelpunkt der Jahreslosung 2005: "Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre." (Lukas 22, Vers 32) Foto: epd
   

Kaum jemand weiß, wer die Jahreslosung festsetzt, geschweige denn, wie sie zustande kommt. Ebenso wenig ist bekannt, seit wann es diese Form der Bibellese eigentlich gibt. Viele bringen sie ja in Zusammenhang mit den täglichen Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine und vermuten da ihren Ursprungsort. Aber dem ist nicht so. Ähnlich verhält es sich mit dem jährlichen Bibelleseplan und den Monatssprüchen. Ebenso wie die Jahreslosung sind sie weitgehend bekannt und werden oft genutzt. Sie zählen mittlerweile zu den selbstverständlichen Gegebenheiten des kirchlichen Lebens. Das Rothenburger Sonntagsblatt begab sich auf Spurensuche: Wo liegen die Wurzeln der Losungen?

Zu den Ursprüngen

Rosemarie Micheel kennt die Geschichte genau. Die Pfarrerin ist tätig bei der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Berlin. "Mitte des 19. Jahrhunderts überlegte sich ein Landpfarrer aus Kurhessen, was er seinen Konfirmanden an täglicher Bibellese zumuten könne", erzählt sie. So habe er sich einen Kalender genommen und darin für jeden Tag einen kurzen Bibelabschnitt eingetragen. "Der Kalender war irgendwann zu Ende, aber die Bibel noch längst nicht aufgeteilt", fügt Micheel hinzu. So musste er weitere Kalender bemühen, um sein Vorhaben zu vollenden. 1852 lag ein völlig neuer Bibelleseplan vor.
Die erste Jahreslosung gab Otto Riethmüller (1889 bis 1938), langjähriger Vorsitzender des Burckhardthauses, in Absprache mit dem Reichsverband der Evangelischen Jungmännerbünde, heraus. Den Jugendverbänden ging es darum, das tägliche Bibellesen mit allen Kräften zu fördern. Otto Riethmüller ordnete den Bibelleseplänen damals eine Jahreslosung, ein Monatsthema und ein Monatslied zu. Die erste Jahreslosung gab es dann für das Jahr 1930. Sie lautete: "Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht." (Römer 1,16).
1935 übernahm der Männerdienst der bekennenden Kirche den inzwischen vereinheitlichten Bibelleseplan. 1938 schlossen sich die Methodistische Kirche und die Baptistengemeinden in Deutschland an. Die so entstandene Arbeitsgemeinschaft trug den Namen Textplanausschuss. Aus der Arbeit mit dem Bibelleseplan erwuchsen infolge des politischen Umbruchs 1933 besondere missionarische Aktivitäten. In allen Zeitschriften der am Textplan Beteiligten wurden die Jahreslosung und die Monatssprüche veröffentlicht. Oskar Schnetter, Jugendwart des CVJM in Kassel, entwickelte das Konzept, die Monatssprüche in Plakatform zu drucken und zu verbreiten. Dieser "Gelbe Monatsspruch" - so genannt, weil er auf gelbem Papier gedruckt war - erschien erstmals 1934. Im Laufe des Kirchenkampfes im Dritten Reich erreichte er innerhalb kurzer Zeit eine Auflage von 500.000 Exemplaren. Diese große Verbreitung des "Gelben Monatsspruches" war der NSDAP ein Dorn im Auge. Als Gegenpol kreierte sie den so genannten "Braunen Spruch", dem aber kein Erfolg beschieden war. Des weiteren bemühte die Reichsregierung das "Gesetz zur Abwehr heimtückischer Angriffe gegen Partei und Staat", um das Erscheinen des Plakates mit dem Monatsspruch zu verbieten. Nach dem Zweiten Weltkrieg formierte sich der Textplanausschuss neu. Zu den bisherigen Trägern kamen neue hinzu: die Volksmissionarischen Ämter, die Vereinigung Evangelischer Freikirchen, der Deutsche EC-Verband und der Verband Evangelischer Bibelgesellschaften entsandten ihre Beauftragten. In der katholischen Kirche war im Rahmen der biblisch- liturgischen Erneuerungsbewegung seit Anfang des 20. Jahrhunderts die tägliche Schriftlesung und die Benutzung katholischer Bibellesepläne empfohlen und neben dem täglichen Stundengebet in breiten Kreisen praktiziert worden.
Bis die Jahreslosung und die Monatsprüche für ein Jahr festliegen, sind mehrere Arbeitsschritte erforderlich: Aus dem Bibelleseplan des betreffenden Jahres bzw. der entsprechenden Monate reichen die Mitglieder der "Öku- menischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen" (ÖAB) je zwei Vorschläge für die Jahreslosung und die Monatssprüche beim Textplanbearbeiter der ÖAB ein, verdeutlicht Rosemarie Micheel. Seit 1982 sind als Grundlage für die Textauswahl die zwei kirchlich anerkannten Bibelübersetzungen festgelegt: die revidierte Lutherbibel (1984) und die Einheitsübersetzung (1980).

Vorschläge werden geprüft

Der Textplanbearbeiter sammelt die Spruchvorschläge und prüft, ob sie den von der ÖAB festgelegten Kriterien entsprechen: Die Vorschläge dürfen nicht in den letzten zehn Jahren als Jahreslosung oder Monatsspruch verwendet worden sein und nicht zu den Wochensprüchen gehören. Nach dieser Prüfung stellt er eine Vorschlagsliste zusammen. Das geschieht meist im Spätherbst. Im Februar des darauf folgenden Jahres findet die Mitgliederversammlung der ÖAB statt. Zu diesem Treffen entsenden die Mitglieder ihre Vertreter. Weiter werden drei bis vier gewählte Berater sowie vier JugendvertreterInnen eingeladen. Sie alle haben zuvor die Liste der Spruchvorschläge sowie den Entwurf des zu verabschiedenden Bibelleseplanes erhalten. Auf diesem Treffen werden die Spruchvorschläge in vier Gruppen besprochen. Nach eingehender Diskussion muss jede Gruppe zwei Vorschläge für die Jahreslosung und die jeweiligen Monate haben.

Acht Sprüche zur Auswahl

Für die Wahl zur Jahreslosung stehen dem Plenum also maximal acht Sprüche zur Auswahl. "Erfahrungsgemäß sind aber oft zwei bis drei Vorschläge der Gruppen identisch", sagt Pfarrerin Micheel. Diese Vorschläge werden gründlich diskutiert, ihr Für und Wider abgewogen. Nach diesem Prozess werden zwei Sprüche zur Wahl als Jahreslosung gestellt. Erhält ein Spruch die absolute Mehrheit, so ist er die Jahreslosung. Nach der Wahl und der Bekanntgabe der Jahreslosung wird nach einer kurzen Zeit der Besinnung ein Dankgebet gesprochen.
Die Jahreslosung und die Monatssprüche werden drei Jahre im voraus gewählt: 2003 wurden Jahreslosung und Monatssprüche für 2006 festgelegt. Die ÖAB erstellt jährlich einen Plan, der jeweils einen Bibelabschnitt für jeden Tag des Jahres als Lesung anbietet. Er führt in einem Turnus von vier Jahren durch das ganze Neue Testament und innerhalb von acht Jahren durch das Alte Testament. Für die Altersgruppe der Neun- bis 13-Jährigen und für alle, die einen ersten Einstieg in regelmäßiges Bibellesen suchen, wurde übrigens ein "Leseplan zur Einführung ins Bibellesen" entwickelt.
Wie sich Pfarrerin Rosemarie Micheel den großen Erfolg der Losungen erklärt? "Die regelmäßige Lektüre der Bibel hat schon unzähligen Menschen geholfen, ihr Glaubens- und Lebensfundament zu festigen", ist sie überzeugt. Umfang und Vielfalt der biblischen Bücher würden aber manch ungeübten Leser überfordern. Die Losungen seien hier eine Art "Appetitanreger", einmal die ganze Bibelstelle nachzuschlagen.

Günter Kusch

 

 


 

Die verändernde Kraft des Himmelreichs

Als nun Jesus hörte, dass Johannes gefangengesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Matthäus 4, 12.17

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Immer wieder umzukehren und das Gute, das wir erfahren haben weiterzugeben - dazu macht uns Jesus Mut. Foto: epd

An das Datum kann sich der Frührentner noch gut erinnern: Vor genau 13 Jahren hat er das Rauchen aufgegeben. Er war 42 und rauchte wie ein Schlot. Plötzlich: Stechende Schmerzen in der Brust, ein böser Husten monatelang. Niemals wird er den Blick des Arztes vergessen, das bange Warten und die Erleichterung: Keine Gefahr. Als Warnruf sieht er das Erlebnis heute. Er sagt: "Damals erfuhr ich, wie groß meine Angst vor dem Tod ist." Da änderte er sein Leben. Was veranlasst Menschen dazu, Weichen in ihrem Leben neu zu stellen? Oft sind es beängstigende Gedanken: Ich höre etwas über Lebensmittelchemie und steige auf Biokost um. Ich werde Zeugin eines Unfalls und beschließe, langsamer zu fahren. Manchmal hält das eine Woche, manchmal ein Leben lang.

Die Botschaft des Täufers war so ein Warnruf. In dunklen Farben malte er den Menschen ihre Zukunft aus. Er verhieß ihnen den Zorn Gottes, wenn sie nicht ihr Leben änderten. "Kehrt um, denn das Himmelreich ist nah!" Wie drohend das klang! Und die Botschaft wirkte: Scharenweise strömten die Menschen zu ihm und ließen sich taufen. Auch Jesus, so erzählt die Bibel, gehörte zu den Zuhörern des Täufers. Ja, vielleicht war er mehr als nur das: Denn als Johannes gefangen wird, da tritt Jesus zunächst in seine Fußstapfen. Mit denselben Worten ruft er zur Umkehr. Wie ein Schüler, der seinen Lehrer beerbt.

Und doch prägt Jesus die Worte ganz neu. "Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen" - bei Jesus verliert das seinen Schrecken. Menschen, die ihm begegnen, spüren: In ihm ist Gott ganz nah. Das Himmelreich steht uns nicht drohend bevor, es ist mit Jesus schon mitten unter uns. "Geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch", sagt Petrus bei der ersten Begegnung mit Jesus. Ein solches Erschauern über die Größe Gottes wünsche ich mir heute verstärkt. Und das Gefühl: Wenn jemand von solcher Güte meine Nähe sucht, dann muss ich mich ändern. Manchen Menschen um Jesus gelingt das und sie wachsen über sich hinaus: Petrus verlässt von einem Tag auf den anderen die Netze und folgt Jesus. Eine reiche Frau überwindet ihren Stolz und gießt kostbares Öl über Jesus aus. Beide handeln nicht aus Angst, sondern weil sie spüren: Mitten unter uns ist Gottes Reich. Das verändert sie.

Die junge Frau wird den Moment nie vergessen. "Brauchst du Geld"? hatte eine Kollegin sie gefragt. Sie erschrak. Woher konnte die andere das wissen? Dass sie sich hoch verschuldet hatte, dass es hinten und vorn nicht reichte? Peinlich war ihr das schon. Aber die andere lachte, erzählte von eigenen Problemen und schob ihr wie selbstverständlich Geld zu. Ein ganzes Jahr lang griff ihr die Kollegin unaufdringlich unter die Arme, hütete Kinder, nahm Anteil. Irgendwann wurde sie selbst anders, erzählt die junge Frau. Sie wollte ihr Leben besser in den Griff bekommen, um der Freundschaft der Kollegin würdig zu sein. Sie sagt: "Gott hat mir diese Frau geschickt." Seitdem achtet sie selbst mehr auf ihre Kollegen.

Tut Buße! Kehrt um! ruft Jesus den Menschen zu. Wagt es, euch neu zu besinnen und die Weichen eures Lebens neu zu stellen! Nicht aus Angst, sondern weil ihr so viel Gutes von Gott erfahren habt!" Eine solche Umkehr braucht Menschen, die in ihrem Alltag mit Spuren von Gottes Reich rechnen - in aufblitzender Schönheit, in der Musik, in Momenten der Liebe. Es braucht Menschen, die sich aus Sehnsucht nach dem Gottesreich täglich neu auf den Weg machen.
"Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen" - diese Botschaft will ich mitnehmen ins neue Jahr. Ich möchte mich auf die Suche machen nach den vielfältigen Spuren des Himmelreichs in unserer Welt. Und ich möchte mich bewegen lassen durch seine Kraft.

Pfarrerin Anne Lüters, Rothenburg

Gebet: Jesus, wo du unser Leben berührst, können wir Ungeahntes wagen. Wir bitten: Schaffe dir Raum in unseren Herzen. Schärfe unsre Sinne für Spuren deines Reichs. Lass uns nicht müde werden, immer neu zu dir umzukehren. Amen.

Lied 395: Vertraut den neuen Wegen.

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