Im Herbst 1884 war die Geburtsstunde einer der ältesten evangelischen Kirchenzeitungen Deutschlands.
Pfarrer Adolf Caselmann aus Heuberg im Ries gab das "Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern" heraus. Am 7.September erschien eine Probenummer, am 3.Oktober die erste offizielle Ausgabe. Mit der Wochenzeitung wollte der Theologe eine "Kanzel" für die christliche Botschaft außerhalb der Kirchenmauern schaffen.

"Und nun geh' hinaus auf die Wanderschaft, mein liebes Sonntagsblatt, und Gott gebe dir Gnade zu deiner Reise", schrieb Caselmann in einem Geleitwort.
Für ihn war die neue Publikation "nicht nur ein christliches Erbauungs- und Unterhaltungsblatt, sondern das Gemeindeblatt unserer evangelisch-lutherischen Landeskirche", das die Zusammengehörigkeit und Einheit unter den Protestanten fördern sollte.
42 Jahre prägte er das Sonntagsblatt: Von 1921 bis 1963 hatte er die Redaktionsleitung inne. Eine schwierige Aufgabe gerade während des Dritten Reiches. Das Sonntagsblatt wurde von den Nazis gerügt, beschlagnahmt und eingezogen. Im Sommer 1941 musste die christliche Wochenzeitung auf Anweisung des NS-Staates ihr Erscheinen einstellen. "Papiermangel" lautete die offizielle Begründung damals.

Nach achtjährigem Schweigen konnte das Sonntagsblatt Anfang Oktober 1949 wieder erscheinen. Nach Kriegsende hatte die Zeitung nicht gleich eine Druckerlaubnis erhalten. Auch deshalb, weil die evangelische Landeskirche seit Herbst 1945 ein eigenes Sonntagsblatt herausgab. Erst als 1949 eine allgemeine Druckerlaubnis erteilt wurde, kam das Rothenburger Sonntagsblatt - wie es im Volksmund genannt wird - wieder auf den Markt.
Das Konzept kam an: Die Zahl der Abonnenten stieg von 10.000 im Jahr 1884 auf fast 50.000 bis zur Jahrhundertwende. Dem Wirken Caselmanns bereitete 1889 ein unheilbares Leiden ein Ende. Unter seinen Nachfolgern war Kirchenrat Wilhelm Sebastian Schmerl am längsten aktiv.
Für die Verleger war es ein Risiko, weil sie teilweise noch einmal von vorne beginnen mussten. So war das gesamte Verteilsystem in Bayern neu aufzubauen. Viele frühere Leserinnen und Leser freuten sich, dass "ihr" Sonntagsblatt mit dem vertrauten Titelkopf wieder gedruckt wurde. Im Laufe der Zeit erreichte es immer mehr Menschen. Die Auflage stieg von 17.000 Exemplaren im Jahr 1949 auf über 50.000 im Jahr 1954.

1984 feierte die christliche Wochenzeitung, die seit ihrer Gründung im Verlag J.P.Peter in Rothenburg herausgegeben wird, ihr 100-jähriges Bestehen.

Das Sonntagsblatt gilt heute als Ausnahmeerscheinung unter den evangelischen Kirchenzeitungen in der Bundesrepublik. Zum einen wegen des Titelkopfes und der Andacht auf ersten Seite, zum anderen wegen der treuen Leserschaft und des unverwechselbaren Profils. Das Sonntagsblatt versteht sich auch weiterhin als "Kanzel" für das Evangelium und gibt Hilfe und Orientierung in Glaubens- und Lebensfragen. Mit seinen 35.000 verkauften Exemplaren zählt es zu den protestantischen Wochenzeitungen Deutschlands mit der stabilsten Auflage.
In diesem modernen Verlagsgebäude vor den Toren Rothenburgs erscheint das Sonntagsblatt heute.
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