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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 48)

"Viel denken darf man bei unserer Arbeit nicht"

Zwei Totengräber berichten über ihre Tätigkeit

Thema 48

"Es ist nicht gerade ein hochfeiner Job, das macht nicht jeder", sagt Ernst Kretschmer aus Humprechtsau (Dekanat Bad Windsheim) über seine Arbeit als Totengräber. Der Landwirt hebt mit einem Kollegen zusammen in über zehn Ortschaften die Gräber aus. Der Bestatter, der für die Gegend zuständig ist, gibt den beiden Männern Bescheid und "dann rücken wir an".

Burschen als Totengräber

Mit der Aufgabe angefangen hat der heute 48-Jährige als er noch zur Schule ging. "Da gab es im Dorf keinen Totengräber mehr und so mussten wir als junge Burschen eben 'ran." Weil sie sich abgewechselten kamen sie nur selten dran. "Manchmal gab es in unserem 80-Seelen Dorf ein ganzes Jahr lang keine Beerdigung."
Seit fast 20 Jahren ist Kretschmer nun nicht nur gelegentlich als Totengräber unterwegs. Mit seinem Kollegen ist er für verschie- denen Friedhöfe zuständig. Heute kommt er im Schnitt vielleicht auf eine Beerdigung in der Woche, "aber das kann man nicht so genau sagen, das ist sehr unterschiedlich."
Als Landwirt kann er sich die Zeit einteilen. So ist es ihm möglich jederzeit zur Stelle zu sein, wenn seine Dienste gebraucht werden. Bei seiner Arbeit auf dem Friedhof, denkt er nicht daran, wer demnächst hier zur letzten Ruhe gebettet wird. "Wenn einem dabei recht viel durch den Kopf geht, kann man diese Arbeit nicht machen." Auch, wenn Kretschmer den Menschen gekannt hat, der beerdigt wird, versucht er nicht viel zu sinieren. Grab ausheben und Beerdigung trenne er voneinander.
"Am besten ist es, man denkt gar nichts und macht einfach seine Arbeit." Eigentlich kein Wunder, dass sich niemand um den Job reißt. Die meisten Menschen werden es den Totengräbern wohl gönnen, dass diese Tätigkeit relativ gut bezahlt ist, zumal sie bei Wind und Wetter erledigt werden muss. In der Regel muss eine Grube 1,80 Meter tief sein. Bei einem Tiefengrab, wo auf den ersten Sarg später noch ein zweiter kommt, sind es sogar 2,20 Meter. Das Ausheben kann manchmal sehr mühsam sein. "Manchmal trifft man auf sehr felsigen Untergrund, das erschwert die Arbeit natürlich", erklärt Kretschmer. Insgesamt gilt es sehr sauber zu arbeiten, denn wenn es nicht gerade ein neu angelegter Friedhof ist, stößt man beim Graben auf die sterblichen Überreste eines Menschen, manchmal auch auf den Sarg. "Was man da so findet muss alles unten drin bleiben."
Zwei bis vier Stunden brauchen die Humprechtsauer Totengräber bis sie ein Grab ausgehoben hat. In der Regel arbeiten die beiden mit einem kleinen Bagger. Ganz anders der Kollege Paul Stein aus dem Nachbardorf Herbolzhofen (Dekanat Uffenheim). Er arbeitet im Schweiße seines Angesichts mit Spaten. Vier bis zehn Stunden braucht er, bis ein Grab ausgehoben ist. "Manchmal, wenn es ganz hart geht, ruf ich den Ernst an und der kommt dann mit dem Bagger", schildert er.

Familientradition

"Bei uns ist das schon fast eine Familientradition", berichtet der 65-jährige Stein. Schon der Opa war Totengräber. Sein Vater wurde im Krieg nicht eingezogen und musste diese Arbeit im Dorf übernehmen, weil es außer ihm kaum einen Mann gab, der dafür in Frage kam. "Und als mein Vater nicht mehr konnte, habe ich es übernommen." Das war vor über 40 Jahren. "Mir war die Arbeit nicht fremd, ich habe sonst schon immer meinem Vater geholfen."
Nur die Tradition des Leichenbittens wollte Stein nicht weiterführen. Damals musste noch der Totengräber von Haus zu Haus gehen und mit einem Vers die Bewohner darum bitten, dass sie dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen. So erfuhren die Leute in Herbolzheim davon, dass jemand gestorben war. "Heute liest man das ja in der Zeitung." Seit rund 20 Jahren ist er für neun Ortschaften zuständig. "Über den Daumen gepeilt dürften es etwa 25 Gruben sein, die ich im Jahr grabe", überlegt er.

Nicht immer einfach

"Manchmal geht es mir schon unter die Haut", erzählt der frühere Landwirt. Ähnlich wie Ernst Kretschmer versucht auch er beim Grab ausheben nicht viel über die Sache nachzudenken. "Aber manchmal, wenn ich den Toten gekannt habe, gelingt mir das nicht so gut." Am schwersten sei es, wenn ein Mensch ganz plötzlich und unverhofft gestorben ist wie zum Beispiel bei einem Unfall. "Wenn ich dann so vor mich hinschaffe, geht mir schon einiges durch den Kopf."
Doch Stein ist schon seit über 40 Jahren als Totengräber im Dienst. Ans Aufhören denkt er trotz der körperlich anstrengenden Arbeit noch lange nicht. "Ich mach' das so lange es geht." Kein Wunder, dass er durch seine Arbeit ein anderes Verhältnis zum Tod hat als die meisten anderen Menschen. "Man denkt auch immer wieder mal an den eigenen Tod", meint der rüstige 65-Jährige und fügt hinzu: "Also, wissen Sie", meint er "für mich gehört der Tod zum Leben."

Karin Ilgenfritz
Foto: kil


Hoffnung wagt den Sprung

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.
Jesaja 65, 17

Andacht 48 "In den schlimmsten Zeiten der Gefangenschaft hat mich das Lied Jerusalem, du hochgebaute Stadt aufrecht erhalten. Ich hatte damals unendliche Sehnsucht nach meiner Familie, aber genauso nach einer himmlischen Heimat. Ich denke, diese doppelte Sehnsucht gab mir die Kraft zum Überleben." Das berichtete ein Mann, der fünf Jahre als Kriegsgefangener in Russland war.

Solche Geschichten klingen heute fremd. Von der großen christlichen Hoffnung ist nur noch selten die Rede. Das liegt sicher an der Umgebung. Viele Menschen kennen kein Paradies, das über beruflichen Erfolg und persönliches Glück hinaus reicht. Sie wollen auf dem Boden der Wirklichkeit stehen. Diese Wirklichkeit ist geprägt und bewegt vom menschlichen Fortschritt. Vieles gehört dazu, was sich frühere Zeiten von Gott erwarteten. Auch die neue Welt, die am Ende des Jesaja-Buches in den Blick kommt: Kinder müssen nicht mehr sterben. Die Jahre des hohen Alters werden lohnend und erfüllt sein. Niemand soll vergeblich arbeiten. Heute ist die Menschheit sicher, dass ihr dies alles bald gelingen kann.

So viele Ähnlichkeiten zwischen der Hoffnung einst und ihrer nahe liegenden Erfüllung heute! Es liegt wohl daran, dass die vom Propheten verheißene Neue Welt ein irdisches Jerusalem ist. Gottes Volk erhoffte es sich nach den schlimmen Erfahrungen in seiner Geschichte, nach dem Abfall von Gott und der darauf folgenden Strafe. Im Neuen Testament ist das anders. Dort kommt ein himmlisches Jerusalem in den Blick. Diese neue Welt lässt sich mit keinem Fortschritt vergleichen oder erreichen. In der Offenbarung spricht der erhöhte Christus: "Siehe, ich mache alles neu." Gott wird mit den Menschen zusammen sein und "abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein." Das ist nicht das Bild einer besseren Zeit, in der die Leute lange und erfüllt leben und einen sanften Tod sterben. In der Ewigkeit sind die Zeit und der Tod aufgehoben. Menschen werden in ein Leben mit Gott hinein genommen und das bringt ihnen die Erfüllung. Die große christliche Hoffnung - ist sie nicht zu groß? Sie zielt auf eine Welt, die weit weg ist von allem, was Menschen erfahren und sich vorstellen können. Ist sie eine Illusion? Diese Einwände werden gemacht, aber stimmen sie? Nimmt nicht gerade die christliche Hoffnung die Wirklichkeit ernst? Sie schiebt das Schlimme in der Welt, das Schwere im Leben nicht bei Seite. Matthias Claudius beschrieb das so: "Der Mensch lebt und bestehet nur eine kurze Zeit und alle Welt vergehet mit ihrer Herrlichkeit."

Für ihn galt aber auch:
"Es ist nur einer ewig und an allen Enden und wir in seinen Händen." Zwischen den beiden Sätzen liegt ein Sprung, der mutige Sprung, den der Glaube macht. Er gibt alles in Gottes Hände: Die Ungereimtheiten dieser Welt, Gewalt und Unterdrückung, Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Das menschliche Elend und das Leiden der Kreatur. Unser eigenes Schicksal und das Ergehen derer, die wir lieben.

Auch das Geschick der Menschen, denen wir verbunden waren und es über den Tod hinaus bleiben wollen. Der Sprung, den die christliche Hoffnung macht, ist ein Wagnis. Aber das gehört zum Glauben, der mit Christus verbunden sein will. Er vertraut ihm auch hier.

Dekan Christoph Schmerl,
Kitzingen

Wir beten:
Herr, öffne uns den Blick auf deine Ewigkeit. Gib uns den Mut zu einer Hoffnung, die alle Grenzen überschreitet. Lass uns stark sein im Vertrauen auf dich, in der Verantwortung für die Welt und in der Liebe zu unseren Nächsten. Amen.

Lied 150: Jerusalem, du hochgebaute Stadt.

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