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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 43)

"Die Grundstimmung ist weiter fröhlich"

Landesbischof Johannes Friedrich zieht Bilanz nach einem Jahr

Thema 43

Seit einem Jahr ist Dr. Johannes Friedrich als Bischof der bayerischen Landeskirche im Dienst. Im Gespräch mit Sonntagsblatt-Chefredakteur Günter Saalfrank zog der 51-jährige Theologe jetzt eine erste Bilanz seiner Amtszeit.

Sonntagsblatt: Herr Landesbischof, vor Ihrem Amtsantritt haben Sie von einer fröhlichen Grundstimmung im Blick auf die neue Aufgabe gesprochen. Wie geht es Ihnen jetzt nach einem Jahr?
Friedrich: Die fröhliche Grundstimmung ist erhalten geblieben. Sie war in manchen Punkten sicher gefährdet. Aber sie hat sich - Gott sei Dank - immer wieder durchsetzen können. Gestärkt wurde sie vor allem durch die Besuche in den Gemeinden.
Sonntagsblatt: Sie waren nicht einmal 100 Tage im Amt als Sie die Münchner Finanzaffäre erreichte, die Schlamperei und Misswirtschaft im Kirchengemeindeamt München. Sie haben sich für personelle und strukturelle Konsequenzen sowie für stärkere Kontrolle ausgesprochen. Was sagen Sie im Rückblick zu Stimmen, es sei überreagiert worden, weil München nur einen Einzelfall darstelle?
Friedrich: München ist sicher ein Einzelfall. Die anderen Kirchengemeindeämter und Verwaltungsstellen arbeiten sehr ordentlich. Dennoch müssen die Strukturen so sein, dass dies nicht vorkommt. Einmal ist schon zu viel. Deshalb sehe ich an keiner Stelle eine Überreaktion. Es gab auch keine sensationell neuen Regelungen. Sondern es wurde nur sichergestellt, dass die bestehenden Vorschriften in Zukunft beachtet und kontrolliert werden.

Keine Neuregelungen

Sonntagsblatt: Aber hat sich nicht das Bild der Dekanin und des Dekans geändert? Manche klagen darüber, dass sie jetzt mehr Aufsicht und Kontrolle wahrnehmen müssten und dass es hierarchischer zugeht.
Friedrich: Das war schon immer die Pflicht einer jeden Dekanin und eines jeden Dekans. Das hat vielleicht nicht jeder so gesehen. Es gibt gerade auch in kleineren Dekanaten Dekane, die ihr ganzes Amt stärker von der Gemeinde und vom Pfarramt her bestimmt sehen. Bei einem Kreis von knapp zehn Kolleginnen und Kollegen im Pfarrkapitel kennt der Dekan diese ohnehin gut genug. Das ändert aber nichts daran, dass der Dekan als Vorgesetzter Kontrolle und Aufsicht wahrzunehmen hat.
Wer sagt, Dienstaufsicht sei etwas Negatives, überblickt nicht, welche Verantwortung eine Pfarrerin oder ein Pfarrer heutzutage haben. In Gemeinden sind manchmal Haushalte in Millionenhöhe zu verwalten. Zudem gibt es soviel Mitarbeitende in der Kirche wie noch nie zuvor. Die Fragen von Leitung und Dienstaufsicht müssen deshalb eine stärkere Rolle spielen als früher.
Sonntagsblatt: Auf zum Teil heftige Kritik stieß Ihr Verhalten beim Besuch der Würzburger Synagoge, wo Sie Ihr Amtskreuz verbargen. Ihnen wurde sogar vorgeworfen, "den Herrn Jesus verleugnet zu haben". Haben Sie diese heftigen Reaktionen überrascht und können Sie sie verstehen?
Friedrich: Sie haben mich sehr überrascht und ich kann sie in ihrer Heftigkeit nicht verstehen. Mich hat der Vorwurf gekränkt, ich hätte den Herrn Jesus Christus verraten. Vor allem deshalb, weil ich als Bischof über das Verhältnis zu anderen Religionen stets deutlich gesagt habe, dass es nach christlichem Glauben nur einen Heilsweg gibt. Und das ist Jesus Christus. Beim offiziellen Besuch der jüdischen Gemeinde habe ich das Amtskreuz getragen. Nach Ende des offiziellen Programms schaute ich noch kurz - als private Geste - in die Synagoge. Ich hielt es aufgrund meiner Erfahrungen als Propst in Jerusalem für ein Zeichen der Höflichkeit und der Freundlichkeit, das Kreuz nicht offen zu tragen. Es war kein Zeitpunkt, wo ein Bekenntnis abzulegen war.
Sonntagsblatt: Stichwort Bekenntnis. Durch die jüngsten Äußerungen aus Rom wie die Erklärung "Dominus Iesus" gingen die Wogen in den evangelischen Gemeinden hoch. Was sagen Sie denn zu Stimmen, Protestanten müssten mehr Klartext reden und deutlicher Profil zeigen?
Friedrich: Zum evangelisch-lutherischen Profil gehört es auch, die Ökumene voranzutreiben. Der falsche Weg wäre, nun mit gleicher Münze zurück zu zahlen. Ökumenisch ist vielmehr, den katholischen Gesprächspartnern deutlich zu machen, dass wir Evangelischen uns mit Aussagen wie in "Dominus Iesus" und dem Stil solcher Äußerungen gekränkt fühlen müssen. Das ist auch bei der kürzlich stattgefundenen Zusammenkunft mit der Freisinger Bischofskonferenz deutlich gesagt worden. Die bayerischen katholischen Bischöfe haben die Kränkung auch bedauert. Sinnvoll weitergehen kann es nur, wenn beide Seiten offen und deutlich die eigene Position benennen, aber in einer verbindlichen Art. Ökumenische Gespräche sind dazu da, sich über gegensätzliche Auffassungen auszutauschen und sich nicht nur Freundlichkeiten zu sagen. Als Lutheraner haben wir immer ausreichend unser Profil gezeigt - auch bei der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre.

Ökumenisches Abendmahl

Sonntagsblatt: Zur Frage des ökumenischen Abendmahls. Inwieweit ist dies nun durch die jüngsten Äußerungen aus Rom in weite Ferne gerückt?
Friedrich: Es ist nicht weiter in die Ferne gerückt als es vor der Erklärung aus Rom war. Ich habe schon seit langer Zeit deutlich gesagt, nicht zu viel Hoffnung zu haben, dass ein gemeinsames Abendmahl bereits beim ökumenischen Kirchentag 2003 möglich sein wird.
Sonntagsblatt: Der ökumenische Kirchentag wäre doch ein idealer Termin für das gemeinsame Abendmahl.
Friedrich: Ich würde mich sehr freuen, wenn dies möglich wäre. Aber die deutschen Bischöfe können es nicht alleine ohne Rom entscheiden. Und der Vatikan kann es erst genehmigen, wenn es für die ganze Weltkirche Geltung haben kann. Ich hoffe, dass durch die Auseinandersetzung über die Erklärung "Dominus Iesus" die ökumenischen Gespräche in Deutschland mit größerer Intensität weitergeführt werden als vorher und es zu einem Ergebnis kommt in den Fragen des kirchlichen Amtes und des Abendmahles. Meine Hoffnung ist, dass dies noch während meiner Amtszeit in den nächsten elf Jahren der Fall ist.
Sonntagsblatt: Sie hatten sich für das erste Amtsjahr vorgenommen, Gemeinden vor allem auf dem Land zu besuchen. Was ist Ihnen dabei besonders aufgefallen?
Friedrich: Ich habe gemerkt, dass vieles auf dem Land ganz anders ist als in der Stadt. Zum Beispiel, wie intensiv Bewohner täglich und natürlich sonntäglich mit ihrer Kirche zu tun haben. Oder das enge und positive Miteinander von politischer Gemeinde und Kirchengemeinde. Viele Gemeinderäte sind Kirchenvorsteher und umgekehrt Das hat mich sehr beeindruckt. Auf dem Land liegen viele positive Entwicklungschancen für unsere Kirche. Auf der anderen Seite lernte ich auch die Probleme der Landgemeinden und Landpfarrer kennen.
Sonntagsblatt: Ein Problem ist der Abbau von Pfarrstellen. Werden hier in Zukunft noch weitere reduziert?
Friedrich: Als Landeskirche müssen wir auch kurzfristig dort neue Pfarrstellen errichten, wo - wie im Dekanat Fürth - die Zahl der Gemeindeglieder deutlich steigt. Insgesamt kann aber die Zahl der Pfarrstellen in Bayern aus finanziellen Gründen nicht weiter erhöht werden. Das heißt, es muss an anderen Stellen theologisches Personal abgebaut werden, zum Beispiel in Städten wie Nürnberg. Ob und inwieweit noch einmal Stellen auf dem Land reduziert werden müssen, kann ich momentan nicht überblicken. Ich merke aber, wie schwierig es ist, eine halbe Stelle auf dem Land zu besetzen. Die Kürzung von einer ganzen auf eine halbe Stelle ist in der Stadt viel eher möglich als auf dem Land.

Falsche Toleranz

Sonntagsblatt: Beim Besuch des Missionswerkes in Neuendettelsau haben Sie vor falscher religiöser Toleranz gewarnt und gesagt, für Christen gibt es keinen anderen Erlöser als Jesus Christus. Was hat denn eine Rolle gespielt, so klar und unmissverständlich theologisch Position zu beziehen?
Friedrich: Für das Gespräch mit anderen Religionen ist eine laisser-faire-Haltung nicht förderlich. Dialog und Toleranz bedeuten nicht, zu sagen, dass jeder Mensch und jede Religion den eigenen Weg zum Heil hat. Das ist eine Vergleichgültigung des Glaubens, die letztlich zu einer Verweltlichung führt. Für den Dialog ist es wichtig, deutlich zu machen: Ich glaube als Christ, dass Jesus Christus für alle Menschen der allein gültige Heilsweg ist. Zum christlichen Glauben gehört Toleranz unbedingt hinzu. Was aber nicht heißt, einen anderen Glauben als Heilsweg anzuerkennen.
Sonntagsblatt: Bei Besuchen haben Sie immer wieder theologisch Position bezogen. Welche Akzente wollten Sie da setzen?
Friedrich: Ein wichtiges theologisches Thema ist das Verständnis von Kirche, vor allem das Verhältnis von Laien und Theologen. Ich wollte das Selbstverständnis von Ehrenamtlichen stärken und ihnen deutlich machen, dass die Kirche nicht allein von Pfarrerinnen und Pfarrern geleitet wird, sondern auch von Kirchenvorständen auf Gemeindeebene und Synodalen auf Landesebene.
Sonntagsblatt: Worin sehen Sie denn Ihre vordringliche Aufgabe als Bischof?
Friedrich: Die besondere Aufgabe sehe ich im Amt der Einheit. Oberstes Ziel ist für mich, darauf zu achten, dass das Miteinander der kirchenleitenden Organe ein produktives und konstruktives ist. Das heißt nicht, nicht über Sachfragen zu streiten. Am Ende muss aber ein Ergebnis herauskommen, das möglichst alle mittragen können zum Wohl unserer Kirche und der Menschen in ihr. Diese Aufgabe ist durch Reden, Predigen und Gespräch mit den Menschen zu erreichen. Sonntagsblatt: Wie steht es mit dem Amt der Einheit im Blick auf die verschiedenen theologischen Strömungen?
Friedrich: Es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alle, die im Rahmen von Schrift und Bekennt-nis ganz unterschiedliche Positionen vertreten, gehört werden und in geeigneter Weise in unserer Kirche und ihren Organen vorkommen.
Sonntagsblatt: Was zählte für Sie im ersten Amtsjahr zu den ermutigenden Erfahrungen, die Sie zuversichtlich in die Zukunft blicken lassen?
Friedrich: Das fruchtbare Leben, das ich an der Basis unserer Kirche merke. Weit über 90 Prozent unserer Gemeinden und unserer Hauptamtlichen arbeiten hervorragend. Die Besuche in den Gemeinden waren sehr aufbauend für mich. Die Menschen haben sich sehr gefreut, dass der Bischof zu Ihnen kommt. Ermutigend finde ich auch, dass Frauen auch in leitenden Ämtern unserer Kirche immer stärker mitarbeiten. Das Klima in den Gremien wird dadurch positiv beeinflusst. Ich halte viel von der Kompetenz von Frauen.

Foto: güs


Leben bereichern - die Sinne beleben

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern hat Lust am Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.
Psalm 1,1-3

Andacht 43 Vor mir meine Bibel, aufgeschlagen der erste Psalm. Im Drumherum eines vollen Schreibtischs ist daneben eine Pressenotiz zu liegen gekommen: Ein angesehener Kirchenmann hat vor der Gefahr einer "Wohlfühlkirche" gewarnt. Vermutlich hätte ich den Satz überlesen, wäre er nicht ausgerechnet in diese Nachbarschaft geraten: "Wohl dem…" beginnt Psalm 1 - und malt im Bild, wie er sich dieses Wohl-Sein unter den Weisungen Gottes vorstellt. Es ist ein Bild, das so rundum zum Wohlfühlen einlädt, so zeitlos Empfindungen anspricht von Gutgehen und Heilsein, dass es jeden Abend in irgendeiner Werbung über den Bildschirm flimmert: Bäume hängen ihr sattes Grün übers Wasser; füllige Früchte wiegen im Wind; Leben strotzt bis in die Wurzeln vor Kraft. Ist Wohlfühlen also wirklich verboten, wenn es um Gott und Glauben, Kirche und Gemeinde und Gottesdienst geht?

Ich fürchte eher diese Gefahr:
Viel zu viele Menschen können nicht glauben, dass Glaube mit wohltuender Lebensqualität zu tun hat. Und schlagen deshalb einen großen Bogen darum. Vorsichtig wäre ich mit dem Urteil, dass sie eben Gottlose und Sünder und Spötter seien. Es könnte sein, sie haben bisher keine anderen Erfahrungen gemacht. Vielleicht ist es nicht gerade eine Stärke von uns Evangelischen, unserem Namen gerecht zu werden: Wer aus einem Evangelium - also einer guten Nachricht - heraus lebt, tut das mit Lust und Laune, mit Freude am bunten Reichtum des von Gott geschenkten Lebens und voll gläubiger Sinnlichkeit. An die 13.000 Frauen und Männer in unserer Landeskirche bekommen an diesem Sonntag einen anspruchsvollen Auftrag: Als Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher gestalten sie mit, wie der Ort "evangelische Gemeinde" aussieht - der Ort, an dem Menschen allein und gemeinsam nach gelingendem, sinnerfülltem, befreitem Leben suchen.
Ich bin überzeugt: Die allermeisten der neuen und der in ihrem Amt bestätigten Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher lassen sich gern beschwingen und ermutigen von dem schönen Bild der Bäume am Wasserlauf:
"Ja, so möchte ich, dass Menschen meine Gemeinde und unseren Glauben erleben: bereichernd für das Leben und belebend für alle Sinne." Und sie werden viel Zeit und Kraft und Einfälle aufbringen, um den äußeren Rahmen und die innere Atmosphäre ihrer Gemeinde auf dieses Ziel hin weiter zu bringen.

Sie werden aber auch - genauso wie Sie, liebe Leserin, lieber Leser, und ich - immer wieder über den einen Psalm-Satz stolpern: "Was er (oder sie) macht, das gerät wohl". Es gibt eine evangelische Nüchternheit. Und die sagt uns: Das ist ein kostbarer Satz, ein Satz des Vertrauens und der Hoffnung; eine Überzeugung, die uns frei macht zum Leben und Handeln. Aber das ist kein Automaten-Satz: Oben Glaube und Gebet rein, unten Erfolg raus. Über Gottes Gesetz zu sinnen Tag und Nacht hat viele Gesichter: Auseinandersetzung und Zweifel, gute Erfahrung und Dankbarkeit, augenblickliche Enttäuschung und Kraft zum langen Atem. Nur die Bäume bleiben grün, die ihre Wurzeln beharrlich ausstrecken zum Lauf des lebenspendenden Wassers - aber: sie bleiben es wirklich.

Pfarrer Raimund Loebermann,
Amt für Gemeindedienst, Nürnberg

Wir beten:
Du, Gott, lass mich im Licht des Tages wie in der Dunkelheit der Nacht nach dir fragen, weil es die Frage nach dem Sinn meines Lebens ist; lass mich an dich glauben, damit ich mich nicht oberflächlich mit den Tatsachen der Welt abfinde; lass mich deine Kraft in allen meinen Wurzeln spüren, damit mein Durst nach sinnvollem Leben gestillt wird.

Lied 295: Wohl denen, die da wandeln.

Foto: Frank Nie

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