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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 42)

Seelsorge bei Mädchen und Jungen

Kinder müssen in ihren Ängsten und Sorgen ernst genommen werden

Thema 42

"Kindergottesdienst und Kinderseelenkunde gehören zusammen", betonte Pfarrer Dietrich Vorwerk beim Kongress für Kindergottesdienst. Das war 1911. Fast 90 Jahre später hat das Thema nicht an Aktualität verloren.

"In deinem Arm geht es mir gut" lautet das Motto der Landestagung für Mitarbeitende in der kirchlichen Kinderarbeit vom 13. bis 15. Oktober in Augsburg. Im Mittelpunkt steht dabei die Seelsorge an Kindern. "Immer wieder erleben wir, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unsicher sind, wenn sie merken, dass ein Kind unter Ängsten leidet und Sorgen hat", schildert Pfarrer Johannes Blohm, Leiter des Arbeitsbereiches Kinderkirche. Erfahrungsgemäß kämen Mädchen und Jungen verstärkt zu ehrenamtlich Mitarbeitenden, die oft fürchten, etwas falsch zu machen. "Diese Angst verhindert die bewusste seelsorgerliche Auseinandersetzung mit Kindern, die aber nötig wäre."

Egal ob im Kindergottesdienst, in der Jungschar, auf Freizeiten oder bei Kinderbibelwochen, Kinder sollten ermutigt werden über das zu sprechen, was sie bewegt. "Meistens geschieht das vor oder nach einer Veranstaltung", berichtet Blohm von seinen Erfahrungen. "Zum Beispiel hinterher, wenn die meisten andern schon weg sind oder auf dem Nachhauseweg." Es sei wichtig, den Kindern zuzuhören und ihnen zu vermitteln, dass man sie ernst nimmt.

"Viele Kinder stehen unter Leis-tungsdruck und haben Angst zu versagen." Dahinter stecke die Furcht, von den Gleichaltrigen nicht anerkannt zu werden. Zum Beispiel, wenn sie keine Markenkleidung tragen. Immer wieder würden Kinder auch unter einer Beziehungskrise ihrer Eltern oder anderen familiären Schwierigkeiten leiden. "Nicht wenige machen sich Sorgen um ihre Zukunft, ob sie einmal eine Arbeit bekommen und wie sich die ökologischen Probleme weiterentwickeln", schildert Blohm.

Ängste mildern

Tägliche Erfahrungen in der Seelsorge bei Kindern macht Pfarrerin Christa Keller, die seit über vier Jahren als Seelsorgerin für Kinder in der Cnopf'schen Kinderklinik in Nürnberg arbeitet. Vorher unterrichtete sie Religion für fast alle Altersklassen. "Meistens geht es bei den Kindern um irgendwelche Ängste", erzählt sie. Im Krankenhaus sind es in erster Linie die Angst vor einer Operation und die Befürchtung, die Mutter könnte nicht da sein, wenn sie gebraucht wird.
"Es ist wichtig die Kinder in ihrer Angst ernst zu nehmen und dies nicht abzutun oder gar zu sagen, es tut bestimmt nicht weh und dann schmerzt es doch." Zuerst gelte es, überhaupt einmal herauszufinden, was das Kind bedrückt. "Anders als Erwachsene wissen Kinder oft selbst nicht, warum sie traurig oder ängstlich sind." Ein Spiel zu spielen oder eine Geschichte zu erzählen kann manchmal den Knoten lösen. Zum Beispiel erzählt die Pfarrerin gerne die biblische Geschichte von der Stillung des Sturmes, wenn sie merkt, dass sich ein Kind vor etwas fürchtet. Die Jünger hatten auch mächtig Angst und Jesus hat sie ihnen genommen. So könne man mit den Kindern ins Gespräch kommen. Keller: "Aber konkrete Verhaltenstipps gibt es da nicht. Manchmal kann es auch gut sein, wenn man konkret fragt, ob es die Angst vor der Operation ist, vor den Schmerzen oder vor dem Alleinsein. Das muss man aber von Situation zu Situation entscheiden."

Das Umfeld einbeziehen

Einen weiteren entscheidenden Unterschied zur Seelsorge bei Erwachsenen sieht die Theologin darin, "dass man bei Kindern selten nur mit dem Kind zu tun hat, sondern meist auch mit den Eltern, zumindest mit der Mutter." Erwachsene seien ihrem Umfeld nicht so ausgeliefert wie Kinder. Tauchen Probleme auf, müsse bei Kindern berücksichtigt werden, in welcher Familie sie leben. Oft sei ein Gespräch mit den Eltern unerlässlich.
Allerdings müsse da die Schweigepflicht beachtet werden. "Wenn ich den Eindruck habe, dass es nötig ist, mit der Mutter zu sprechen, frage ich das Kind, ob es in Ordnung ist, wenn ich mit der Mama darüber rede", erklärt Keller. "Manche Kinder sagen von vorherein ausdrücklich, dass ich nichts weitersagen darf." Verneint also ein Kind, lasse sie es sein. In Extremfällen, wenn es den Anschein hat, dass ein Kind misshandelt wird, müsse natürlich gut abgewogen werden, was zu tun ist. In solchen Fällen könne schon mal das Jugendamt einbezogen werden.
Ein Anzeichen für Probleme könne es sein, wenn ein Kind sehr anhänglich ist oder sich stark zurückzieht. "Eindeutig ist auch eine äußerliche Vernachlässigung", so die 47-jährige Mutter dreier Kinder. "Prinzipiell sollte man immer versu- chen auf spielerische Weise auf die Schwierigkeiten zu sprechen zu kommen." Manchmal hätten die Kinder ein geringes Selbstbewusstsein. Dies gelte es dann aufzubauen und sie zu ermutigen, sich - wenn nötig - Hilfe zu holen.
"Meine Erfahrungen hier im Krankenhaus können ganz gut auf andere Situationen übertragen werden", meint Christa Keller. Kinder dürften generell nicht als unfertige Erwachsene gesehen werden, sondern als eigenständige Menschen. Das gelte nicht nur in der Klinik, sondern auch in Schule, Kindergarten, Kindergot-tesdienst und Jungschar. Kurzum: Überall sonst, wo Kinder auf Erwachsene treffen und sich mitteilen wollen. Beeindruckend, dass dies den Verantwortlichen für die Arbeit mit Kindern bereits vor fast 90 Jahren schon so klar war.

Karin Ilgenfritz
Foto: Ilgenfritz


Jeder Mensch ist begabt

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merket auf. Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, wiewohl mein Recht bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott ist.
Jesaja 49, 1-4

Andacht 42 Manchmal haben wir das Gefühl, alle Anstrengung ist vergeblich. Wir mühen uns, schuften und machen - aber der Erfolg will und will sich nicht einstellen. Der Aufwand und die Kraft scheinen sich nicht zu lohnen. Dann schleicht sich leicht Verzweiflung ein, denn wir fühlen uns klein und ungenügend. Kommen uns ungeliebt vor wie das hässliche Entlein im Märchen. Aber damit nicht genug: Der Ärger im Beruf oder in der Familie wird nicht selten noch verstärkt von unserer eigenen inneren Stimme.
"Ich wusste doch, dass du das nicht schaffst", flüstert sie in uns. "Bild dir nichts ein, das schaffst du nie! Dafür bist du einfach nicht gut genug, überschätz dich nicht!" So geraten wir immer tiefer ins Elend hinein und fühlen und uns klein und unfähig, unbedeutend und unwichtig. Aus solcher Niedergeschlagenheit aber reißt uns der Prophet Jesaja heraus. Denn die Worte "ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz" zeigen uns einerseits, dass wir nicht allein sind mit unseren Minderwertigkeitsgefühlen. Wie sonst könnte ein Mensch schon vor etwa 2.500 Jahren von diesen Gefühlen wissen? Offenkundig hat auch Jesaja Stunden und Tage voller Frust über vergebliches Bemühen erlebt. Zugleich macht der Prophet uns klar, dass Gott niemanden klein machen will. Denn die Überzeugung "der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an" ist ein wahrer Mutmach-Gedanke. Eine Vorstellung, die aufrichten kann. Besagt sie doch nichts anderes, als dass es gleichgültig ist, wie alt oder krank jemand ist, wie unsportlich oder schlecht in der Schule. Wenn das stimmt, dann kommt es nicht in erster Linie darauf an, klug und gebildet, weltgewandt, reich oder gesund zu sein.

Und noch weiter gedacht: Gott hat alle Menschen gewollt, jede Frau und jeden Mann. Und jeden einzelnen Menschen mit seiner eigenen Weise. Schon vor unserer Geburt, tief im Schoß unserer Mutter, hat Gott jedem von uns ganz persönliche Gaben und Begabungen mitgegeben. Sie zu entdecken und zu nutzen ist eine der wichtigsten Lebensaufgaben, unaufhörlich, von der Jugend bis ins hohe Alter. Denn auch wer auf den ersten Blick unbedeutend und unwichtig auf dieser Welt erscheinen mag, hat doch von Gott etwas Einzigartiges und Einmaliges in die Wiege gelegt bekommen. Dessen dürfen wir gewiss sein.

Ja, mehr noch: Gott will sich durch jeden von uns und seine unterschiedlichen Gaben und Begabungen verherrlichen. So dürfen und können wir alle ohne Unterschied von Geschlecht, Alter, Herkunft und Fähigkeiten beitragen zum Ruhm Gottes auf dieser Erde. Wenn das wirklich so ist, dann kann uns das Gefühl der Vergeblichkeit nicht gänzlich überwältigen. Dann behalten Frust und Niedergeschlagenheit nicht das letzte Wort. Im Gegenteil: Dann dürfen wir uns aus ihnen lösen.
Statt unser Unvermögen zu beklagen oder mit unserem Schicksal zu hadern, können wir uns dann mit neuem Mut auf die Suche machen nach dem, was Gott schon vor unserer Geburt in jedem und jeder Einzelnen von uns angelegt hat. So wird unser Licht zur Ehre Gottes leuchten in der Welt - oder doch zumindest glimmen wie der Docht, den Gott nicht auslöscht.

Pfarrerin Sabine Ost,
Markt Einersheim

Wir beten: Danke Gott, Du hast Großes vor mit jedem von uns. Hilf, dass wir das nie vergessen und nie die Suche aufgeben nach dem, womit Du uns von Geburt an begabt hast. Hilf, dass durch unser Leben ein bißchen von Deiner Liebe und Macht in dieser Welt sichtbar wird. Amen.

Lied 497,9:
Tritt du zu mir und mache leicht.

Foto: Ilgenfritz

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