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Der zehnte Jahrestag der deutsch-deutschen Einheit aus kirchlicher Sicht: Das Sonntagsblatt hat zwei Vertreter aus Ost und West gebeten, das Ereignis aus ihrer Sicht zu würdigen. Zum einen Superintendent Thomas Küttler aus Plauen (Sachsen) und zum anderen seinen Kollegen aus der bayerischen Partnerstadt, Dekan Rudolf Weiß aus Hof.
Superintendent Thomas Küttler (Plauen) zieht "alles in allem eine positive Bilanz" der Wiedervereinigung. Er ist froh darüber, "dass Gott unser Volk so geführt hat". Die deutsch-deutsche Einheit war für ihn ein Geschenk, das ihn mit Dankbarkeit erfüllt. "Die Freude darüber sollten wir nicht vergessen", mahnte der Theologe, der maßgeblichen Anteil an der friedlichen Revolution im Süden der ehemaligen DDR hatte. Nach zehn Jahren könne aber keine Begeisterung wie am 3.Oktober 1990 erwartet werden. Es bestehe auch kein Anlass zu Missmut und Nörgelei.
Chancen nicht genutzt
Für den Vizepräsident der sächsischen Landessynode haben sich manche Erwartungen nicht erfüllt. "Ich hatte
gehofft, dass unser deutsches Volk gesünder würde". Es habe jedoch nicht gelernt, "gelassener und selbstbewusster mit der Vergangenheit umzugehen". Die Chance sei noch nicht ausreichend genutzt, gegenüber der eigenen Geschichte einen Neuanfang zu machen. So zeige zum Beispiel die Diskussion um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern, wie sich Deutsche im Umgang mit der Vergangenheit noch schwer täten.
Küttler bedauert, dass die Wiedervereinigung von vielen so verstanden wurde, Forderungen zu stellen. Und zwar auf beiden Seiten: Von Menschen im Westen Deutschlands mit Rückforderungen des Eigentums in den neuen Bundesländern. Und von Einwohnern im Osten der Republik, die möglichst schnell gleiche Verhältnisse wie im Westen wollten.
Zahl der Christen geht zurück
So dankbar Küttler für die neuen Möglichkeiten ist, die sich zum Beispiel mit dem Religionsunterricht oder der Gefängnisseelsorge bieten, so sehr macht ihm die religiöse Entwicklung in der Bundesrepublik Sorge: "Seit der Wiedervereinigung ist die Zahl der Menschen
in Deutschland geringer geworden, die eine innere Beziehung zu Gott haben." Christen sollten sich auch selbstkritisch fragen, "wie weit sie lebendig genug sind, um Andere für den Glauben zu gewinnen."
Interessante Region
Der Fall der Mauer und die deutsch-deutsche Vereinigung waren für den früheren Leiter des Dekanatsbezirkes Donauwörth auch ein Grund, als Dekan nach Hof zu wechseln. "Ich ging davon aus, dass sich an der früheren innerdeutschen Grenze einiges bewegen wird." Nordostoberfranken sei aus der früheren Randlage nun in die Mitte Europas gerückt. Mit allen Begleiterscheinungen wie der starken Zunahme des Verkehrs: "Wer heute Richtung Oberfranken fährt, hat meistens mit Stau zu tun." Vor allem Hof habe unter den Autoschlangen zu leiden, weil der Verkehr noch durch die Stadt und nicht an ihr vorbei geht.
Als Schwierigkeit zeigen sich Weiß zufolge auch die unterschiedlichen Fördersätze. Für Projekte in Sachsen und Thüringen gebe es mehr staatliche Gelder als für Maßnahmen in Oberfranken. Es dürfe kein zu starkes Gefälle bei der Förderung entstehen. Wenn Firmen aus Nordbayern abwanderten, würde das die Partnerschaft mit den Nachbarregionen der neuen Bundesländer belasten.
Christen als Schrittmacher
Stichwort Region: Vor allem die Kirchen sind - so der Hofer Dekan - Schrittmacher in der Region im Herzen Europas. Veranstaltungen wie euregionale Kirchentage verfolgten das Ziel, dass sich die Menschen aus Oberfranken, Sachsen, Thüringen und Westböhmen näher kommen. Zahlreiche Kirchengemeinden aus Hof und
Umgebung pflegten zu Gemeinden im Vogtland gut nachbarschaftliche Kontakte.
Günter Saalfrank
Erntedanktag wird in unseren Dörfern gefeiert. Dabei geht es auch um Arbeit und ihren Ertrag. Landwirtschaft gestaltet weite Teile unserer Landschaft. Sie arbeitet mit und für unsere Lebensgrundlagen. Wasser, Luft, Raum sind ihre Produkte, die keineswegs nebenbei abfallen - wir merken es, wenn der herrschende Geist unserer Zeit auch in der Landwirtschaft überhand nimmt und das Gebot der Nachhaltigkeit verletzt wird. Dann wird mehr genommen, als nachwachsen kann. Raubbau getrieben an Natur und Boden, Tier und Mensch. Die genutzte Landschaft spiegelt uns im Guten wie im Bösen wider, wie es um unsere Gesellschaft bestellt ist. Wir betrügen uns selbst, wenn wir dann nur nach Sündenböcken suchen. Der Wochenpsalm erinnert an unsere eigene Verantwortung und Chance! Wer will schon beim Essen einschlafen, weil er zu müde ist, die Früchte seiner Arbeit zu genießen! Wer will schon die Mahlzeit kalt werden lassen vor lauter Debattieren darüber, wie es nun weitergehen soll! Mehr Menschen als wir meinen, leben und leiden aber diesen Alltag!
Mit Gott bauen meint vor allem, sich selbst dem Herrn anvertrauen! Die übliche Hektik, überfüllte Terminkalender, das hastige Jagen in Höchstgeschwindigkeit zur Arbeit oder Vergnügen ist doch auch Ausdruck der Angst, etwas zu versäumen. "Fun and action" lässt das Warten und Hinhören verlernen. Aber die wichtigsten Dinge im Leben brauchen Zeit. Lernen und Lieben, Freude und Schmerz brauchen Zeit. Zeit, in der das Leben wächst und reift - bis zur Ernte. Wer dann die Frucht betrachtet, kann oft sagen: "Eigentlich hat Gott mir's im Schlaf gegeben!" - und das Geschenk vervollkommnen, indem er "Danke!" sagt.
Pfarrer Thomas Kühnel,
Wir beten:
Lied 592: Du schenkst uns Zeit.
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