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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 40)

Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung

Zwei Kirchenvertreter aus Ost und West ziehen eine persönliche Bilanz

Der zehnte Jahrestag der deutsch-deutschen Einheit aus kirchlicher Sicht: Das Sonntagsblatt hat zwei Vertreter aus Ost und West gebeten, das Ereignis aus ihrer Sicht zu würdigen. Zum einen Superintendent Thomas Küttler aus Plauen (Sachsen) und zum anderen seinen Kollegen aus der bayerischen Partnerstadt, Dekan Rudolf Weiß aus Hof.

Thema 40

Superintendent Thomas Küttler (Plauen) zieht "alles in allem eine positive Bilanz" der Wiedervereinigung. Er ist froh darüber, "dass Gott unser Volk so geführt hat". Die deutsch-deutsche Einheit war für ihn ein Geschenk, das ihn mit Dankbarkeit erfüllt. "Die Freude darüber sollten wir nicht vergessen", mahnte der Theologe, der maßgeblichen Anteil an der friedlichen Revolution im Süden der ehemaligen DDR hatte. Nach zehn Jahren könne aber keine Begeisterung wie am 3.Oktober 1990 erwartet werden. Es bestehe auch kein Anlass zu Missmut und Nörgelei.

Chancen nicht genutzt

Für den Vizepräsident der sächsischen Landessynode haben sich manche Erwartungen nicht erfüllt. "Ich hatte gehofft, dass unser deutsches Volk gesünder würde". Es habe jedoch nicht gelernt, "gelassener und selbstbewusster mit der Vergangenheit umzugehen". Die Chance sei noch nicht ausreichend genutzt, gegenüber der eigenen Geschichte einen Neuanfang zu machen. So zeige zum Beispiel die Diskussion um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern, wie sich Deutsche im Umgang mit der Vergangenheit noch schwer täten. Küttler bedauert, dass die Wiedervereinigung von vielen so verstanden wurde, Forderungen zu stellen. Und zwar auf beiden Seiten: Von Menschen im Westen Deutschlands mit Rückforderungen des Eigentums in den neuen Bundesländern. Und von Einwohnern im Osten der Republik, die möglichst schnell gleiche Verhältnisse wie im Westen wollten.
Nach Ansicht des 62-jährigen Theologen sehnen sich die meisten Menschen in den neuen Bundesländern nicht nach den alten Verhältnissen zurück: "Mehr als 20 Prozent sind es nicht gewesen, die der DDR nachgetrauert haben." Die Wiedervereinigung werde als notwendig und zukunftsweisend angesehen. Für viele ehemalige DDR-Bürger erscheine nun die Bundesrepublik in einem anderen Licht. "Früher sah sie von außen viel glanzvoller und glaubwürdiger aus." Von innen betrachtet würden nun auch ihre Schattenseiten deutlich. Für Küttler nicht verwunderlich: "Es wird wohl immer so sein, dass man die Braut vor der Hochzeit ein bißchen schöner findet als zehn Jahre danach."
Apropos schön: Den Leiter des vogtländischen Kirchenbezirkes freuen die vielen in den letzten zehn Jahren restaurierten Häuser in Plauen. "Vor der Wende standen wir kurz vor dem Zusammenbruch, nicht nur im Blick auf die Bausubstanz". Inzwischen seien "blühende Stadtbilder" entstanden. Zum Teil allerdings nur als Fassade, weil zu wenig Menschen in den Gebäuden wohnten.

Zahl der Christen geht zurück

So dankbar Küttler für die neuen Möglichkeiten ist, die sich zum Beispiel mit dem Religionsunterricht oder der Gefängnisseelsorge bieten, so sehr macht ihm die religiöse Entwicklung in der Bundesrepublik Sorge: "Seit der Wiedervereinigung ist die Zahl der Menschen in Deutschland geringer geworden, die eine innere Beziehung zu Gott haben." Christen sollten sich auch selbstkritisch fragen, "wie weit sie lebendig genug sind, um Andere für den Glauben zu gewinnen."
"Es ist eine Gnade Gottes, dass die beiden Teile Deutschlands auf friedlichem Wege wieder vereinigt wurden", meint der Hofer Dekan Rudolf Weiß. Er sieht dies als "unwahrscheinlichen Gewinn" an. Zum Beispiel für die Menschen in Oberfranken. Für sie hätten sich neue Reisemöglichkeiten ergeben: Sie könnten nun ohne Probleme Ausflüge unternehmen zu den Lutherstätten oder zu den Wirkungsorten Johann Sebastian Bachs. Für Weiß ist damit auch ein Anliegen in Erfüllung gegangen. "Wie oft habe ich mir früher gewünscht, auf die Wartburg zu kommen."

Interessante Region

Der Fall der Mauer und die deutsch-deutsche Vereinigung waren für den früheren Leiter des Dekanatsbezirkes Donauwörth auch ein Grund, als Dekan nach Hof zu wechseln. "Ich ging davon aus, dass sich an der früheren innerdeutschen Grenze einiges bewegen wird." Nordostoberfranken sei aus der früheren Randlage nun in die Mitte Europas gerückt. Mit allen Begleiterscheinungen wie der starken Zunahme des Verkehrs: "Wer heute Richtung Oberfranken fährt, hat meistens mit Stau zu tun." Vor allem Hof habe unter den Autoschlangen zu leiden, weil der Verkehr noch durch die Stadt und nicht an ihr vorbei geht. Als Schwierigkeit zeigen sich Weiß zufolge auch die unterschiedlichen Fördersätze. Für Projekte in Sachsen und Thüringen gebe es mehr staatliche Gelder als für Maßnahmen in Oberfranken. Es dürfe kein zu starkes Gefälle bei der Förderung entstehen. Wenn Firmen aus Nordbayern abwanderten, würde das die Partnerschaft mit den Nachbarregionen der neuen Bundesländer belasten.

Christen als Schrittmacher

Stichwort Region: Vor allem die Kirchen sind - so der Hofer Dekan - Schrittmacher in der Region im Herzen Europas. Veranstaltungen wie euregionale Kirchentage verfolgten das Ziel, dass sich die Menschen aus Oberfranken, Sachsen, Thüringen und Westböhmen näher kommen. Zahlreiche Kirchengemeinden aus Hof und Umgebung pflegten zu Gemeinden im Vogtland gut nachbarschaftliche Kontakte.
Die Wiedervereinigung stellt dem 60-jährigen Theologen zufolge auch Diakonie und Kirchengemeinden vor neue Herausforderungen. So beschäftige die Diakonie ehemalige ungetaufte DDR-Bürger, wenn sie sich auf ihren Auftrag einließen. In den letzten Jahren seien 30 Mitarbeitende getauft oder auf die Taufe in den Heimatorten vorbereitet worden. Kirchengemeinde müssten besonders die Jugendarbeit verstärken. Die Einstellung "Man kann auch ohne Kirche leben", die manche jungen Neubürger aus dem Osten Deutschlands mitbrächten, solle sich nicht weiter verbreiten.
Insgesamt zieht Weiß, Vorsitzender des Organisationsausschusses der bayerischen Landessynode, eine positive Bilanz der Wiedervereinigung. Dass die anfängliche Begeisterung einer gewissen Ernüchterung gewichen sei, hält er für etwas Normales: "Man kann nicht jeden Tag Hochzeit feiern, sondern muss lernen, miteinander zu leben."

Günter Saalfrank
Foto: güs


Das Leben mit Gottvertrauen wachsen und reifen lassen

Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzt und esst euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.
Psalm. 127,1-2

Andacht 40 Manchmal scheint das Leben so zu sein wie auf den Straßen und Autobahnen. Da sammelt es sich, staut sich, entwirrt sich wieder. Rasch strebt jeder seinem Ziel, seiner Aufgabe zu, überlegt dabei schon, was als nächstes kommt.
Viele müssen in Schicht arbeiten. Tag und Nacht verschieben sich. Beziehungen werden strapaziert, kränkeln, zerbrechen. Das moderne Leben verlangt höchsten Einsatz, totale Mobilität. Zeit zum Leben hast du, wenn das Leben vorüber ist. Ganz jung schon ganz kompetent sein! Alles geben, nur für die Firma da sein - und Mitte Vierzig bist du nicht mehr zu gebrauchen!
Oder du stehst draußen, wirst komisch angeschaut, wenn du dich nur um die Kinder kümmerst. Hast keine Arbeit. Bist Ballast. Ballast - die 73 Prozent der Deutschen, die laut einer Umfrage vom Juli eigentlich anders leben wollen und privates Glück, erfüllte Partnerschaft über die Arbeit stellen? "Seinen Freunden gibt er es im Schlaf!" - Das ist kein typischer Kirchensatz. Denn wir müssen ja nicht die Extreme nebeneinander stellen. Es genügt ja, wenn wir den geheimnisvollen Spender ins Leben hineinnehmen: Wer im Schlaf schenkt, sollte der nicht auch im Wachen für seine Freunde sorgen? Lassen wir den Herrn mitbauen - am Haus, in der Politik, auf dem Feld, in der Familie!

Erntedanktag wird in unseren Dörfern gefeiert. Dabei geht es auch um Arbeit und ihren Ertrag. Landwirtschaft gestaltet weite Teile unserer Landschaft. Sie arbeitet mit und für unsere Lebensgrundlagen. Wasser, Luft, Raum sind ihre Produkte, die keineswegs nebenbei abfallen - wir merken es, wenn der herrschende Geist unserer Zeit auch in der Landwirtschaft überhand nimmt und das Gebot der Nachhaltigkeit verletzt wird. Dann wird mehr genommen, als nachwachsen kann. Raubbau getrieben an Natur und Boden, Tier und Mensch. Die genutzte Landschaft spiegelt uns im Guten wie im Bösen wider, wie es um unsere Gesellschaft bestellt ist. Wir betrügen uns selbst, wenn wir dann nur nach Sündenböcken suchen. Der Wochenpsalm erinnert an unsere eigene Verantwortung und Chance! Wer will schon beim Essen einschlafen, weil er zu müde ist, die Früchte seiner Arbeit zu genießen! Wer will schon die Mahlzeit kalt werden lassen vor lauter Debattieren darüber, wie es nun weitergehen soll! Mehr Menschen als wir meinen, leben und leiden aber diesen Alltag!

Mit Gott bauen meint vor allem, sich selbst dem Herrn anvertrauen! Die übliche Hektik, überfüllte Terminkalender, das hastige Jagen in Höchstgeschwindigkeit zur Arbeit oder Vergnügen ist doch auch Ausdruck der Angst, etwas zu versäumen. "Fun and action" lässt das Warten und Hinhören verlernen. Aber die wichtigsten Dinge im Leben brauchen Zeit. Lernen und Lieben, Freude und Schmerz brauchen Zeit. Zeit, in der das Leben wächst und reift - bis zur Ernte. Wer dann die Frucht betrachtet, kann oft sagen: "Eigentlich hat Gott mir's im Schlaf gegeben!" - und das Geschenk vervollkommnen, indem er "Danke!" sagt.

Pfarrer Thomas Kühnel,
Volkshochschule Hesselberg
Foto: nie

Wir beten:
Vater im Himmel du schenkst mir Zeit und gibst mir Leben. Hilf mir, beides zusammenzubringen. Lass mich merken, wie nah du mir bist - mich einhüllst mit deinem Segen! Danke, dass du dem Bösen wehrst und mich in Hoffnung leben lässt! Amen.

Lied 592: Du schenkst uns Zeit.

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