Jüdische Geschichte ist weit mehr als der Völkermord
Das Jüdische Museum in Fürth legt Wert auf die Zeit vor und nach dem
2. Weltkrieg
Beim Stichwort "Juden" denken die meisten Menschen wohl an den Völkermord
während des 2. Weltkrieges. Sechs Millionen Juden verloren damals ihr Leben.
Es ist wichtig, die Erinnerung daran aufrecht zu erhalten. "Leider wird
oft zu wenig nach der allgemeinen Geschichte des Volkes gefragt", meint
Bernhard Purin, Leiter des Jüdischen Museums in Fürth. Dabei sei es interessant
zu sehen, wie es nach dem Krieg weiterging und wie Juden heute leben.
Interesse wecken
Die beiden Jüdischen Museen in Fürth und Schnaittach wollen dieses Interesse
wecken. "Natürlich kann ein Besucher, der einen Rundgang durch das Museum
macht, nicht umfassend über die jüdische Geschichte informiert sein",
so Purin. "Wenn jemand dadurch neugierig wird und mehr wissen will, ist
schon viel erreicht."
Den Wissensdurst können Besucher in der zum Thema gut sortierten Buchhandlung
stillen. Auch eine Präsenzbibliothek, wo man vorort in Büchern schmö-kern
kann, steht zur Verfügung. Im Museumscafe gibt es aktuelle jüdische Tageszeitungen,
die in aller Ruhe bei einer Tasse Kaffee gelesen werden können.
Das Schnaittacher Museum wurde 1996 eröffnet, das Fürther vor gut einem
Jahr. Die Idee zu einem jüdischen Museum ist schon über zehn Jahre alt.
Fürth und auch Schnaittach stellten sich rasch als geeignete Standorte
heraus. Die Schnaittacher Synagoge von 1570 ist noch gut erhalten und
außerdem hatte das dortige Heimatmuseum eine große Sammlung jüdischer
Kultgegenstände gepflegt.
Fürths Bedeutung für Juden
Seit dem 16. Jahrhundert hatte Fürth eine wichtige Bedeutung für Juden.
Auf den Marktflecken stellten das Markgrafentum Ansbach, die Dompropstei
Bamberg und die Reichsstadt Nürnberg obrigkeitsrechtliche Ansprüche. Diese
Dreiherrschaft führte zu Kompetenzstreitigkeiten, aus denen wiederum rechtliche
Freiräume entstanden, die die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Fürth
begünstigten.
Ende des 15. Jahrhunderts wurden die Juden aus den Reichsstädten vertrieben.
So begann die Geschichte der Juden in Fürth — der Markgraf von Ansbach
erlaubte im Jahr 1528 zwei Juden die Niederlassung. Dass es immer mehr
wurden ermöglichten die komplizierten politischen Strukturen: Die Bamberger
hatten nichts gegen die Ansiedlung von Juden in Fürth, die Nürnberger
hätten es gern verhindert und die Ansbacher hätten am liebsten nur wohlhabenden
Juden die Niederlassung erlaubt. 1617 entstand die erste Synagoge. Auch
Bethäuser, Talmud-Schulen und später bedeutende hebräische Buchdruckereien
wurden errichtet.
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts lebte in Fürth die größte jüdische Gemeinde
Bayerns. Juden machten rund 20 Prozent der Bevölkerung aus. Erst mit der
Industrialisierung hat sich dieses Verhältnis geändert, als viele Arbeiter
in den Ort kamen, der 1820 zur Stadt wurde. Die jüdischen Bürger trugen
in dieser Zeit wesentlich zum wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt bei.
Verschiedene Handelsgeschäfte, Industriebetriebe und wohltätige Stiftungen
zeugen davon.
In den ersten zwei bis drei Nachkriegsjahren lebten so viele Juden wie
nie zuvor in Bayern — rund 80.000. Sie waren fast alle in den 28 Camps
untergebracht, die die Amerikaner für die Verschleppten einrichteten.
Die größten Camps befanden sich in Ansbach, Bamberg, Hof, Bad Windsheim
und Fürth. Mit der Gründung des Staates Israel 1948 wanderten die meisten
Juden ab. 1949 machten die letzten Lager dicht. Die wenigen verbliebenden
Juden schlossen sich den wieder gegründeten Gemeinden in Fürth und Nürnberg
an.
Gemeinden nur in Städten
Heute leben zwischen 80.000 und 100.000 Juden in Deutschland, das sind
0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Zum Vergleich: 1925 stellten die Juden
noch 5 Prozent der Einwohner. Gemeinden gibt es in Bayern nur in größeren
Städten wie Erlangen, Fürth, Nürnberg, Hof, Weiden, Straubing oder München.
Das Jüdische Museum in Fürth hat zum einen eine feste Ausstellung, die
allgemein über das jüdische Leben, Geschichte und Religion informiert.
Zum Anderen gibt es Sonderausstellungen zu bestimmten Themen. Derzeit
werden die Fürther Synagogen vorgestellt. Die Themenausstellung ist farblich
gekennzeichnet. Im Herbst geht es um Jüdisches Leben heute. "Wir wollen,
dass Besucher immer wieder kommen", betont Purin. Durch die wechselnden
Ausstellungen gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken. Dass das
Konzept Erfolg hat, zeigt die Besucherstatistik des ersten Jahres: Rund
24.000 Gäste informierten sich über jüdische Geschichte.
Das Fürther Museum hat Sonntag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr geöffnet,
dienstags bis 20 Uhr; Telefon: 0911/770577. Das Museum in Schnaittach
ist geöffnet von Mai bis Oktober mittwochs bis sonntags und an Feiertagen,
in den Monaten von November bis April jeden Sonntag, jeweils von 11 bis
17 Uhr.
Karin Ilgenfritz
Zeichen der Treue Gottes
O Jerusalem, ich habe Wächter
über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht
mehr schweigen sollen. Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe
zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es
setze zum Lobpreis auf Erden! Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet
dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet
ein Zeichen auf für die Völker! Siehe, der Herr lässt es hören bis an die
Enden der Erde: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was
er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! Man wird
sie nennen ªHeiliges Volk´, ªErlöste des Herrn´, und dich wird man nennen
ªGesuchte´ und ªNicht mehr verlassene Stadt´. Jesaja 62,6-7.10-12
Oft kommt es im Leben anders als man denkt! Diese Erfahrung blieb auch den
Menschen nicht erspart, die sich begeistert aus dem babylonischen Exil auf
den Heimweg nach Jersualem gemacht hatten. Kyros, der Perserkönig, hatte
ihnen erlaubt, heimzukehren und den Tempel wieder aufzubauen. Aber was sie
in Jerusalem erlebten, ließ ihre Begeisterung schnell verfliegen. Stadt
und Tempel lagen noch immer zu einem großen Teil in Schutt und Asche. Die
Felder waren verwildert. Fremde, ihnen feindlich gesinnte Menschen versuchten
mit allen Mitteln, ihren Neuanfang zu verhindern. Das hatten sie sich anders
vorgestellt! Traum und Wirklichkeit klafften weit auseinander. "Hat es überhaupt
einen Sinn, sich hier zu engagieren?", fragten sich die Heimkehrer enttäuscht
und mutlos. "Wo ist Gott? Hat er uns verlassen?"
Mitten in ihre Mutlosigkeit und die Trümmer Jerusalems dringt das Wort
des Propheten, das im Jesajabuch überliefert ist. Der Prophet ruft dazu
auf, Gott immer wieder an seine Verheißungen zu erinnern; ihn an die Stadt
Jerusalem zu erinnern, die er einst wie das Volk Israel erwählt hatte.
Ihn hartnäckig daran zu erinnern, Jerusalem wieder aufzubauen. Mitten
in der Hoffnungslosigkeit werden die Jerusalemer zur Hoffnung aufgerufen,
zum Vertrauen auf den Gott, der sie nicht verlässt, weil er treu ist.
Diese Treue Gottes steht auch im Zentrum des heutigen 10. Sonntags nach
Trinitatis, des Israelsonntags. Am jüdischen Volk wird deutlich, dass
Gott ein Gott der Treue ist. Für Paulus war das eine unumstößliche Wahrheit:
"Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat" (Römer
11,2). Gott hat das Volk Israel erwählt und ihm durch die Höhen und Tiefen
der Geschichte die Treue gehalten — bis heute. Seine Treue macht Mut,
in den Höhen und Tiefen des Lebens auf Gott zu vertrauen. Die Verse aus
dem Jesaja-Buch machen Mut, Gott hartnäckig an seine Versprechen zu erinnern.
Sie machen Mut, mit Gottvertrauen nicht etwa die Hände resignierend in
den Schoß zu legen, sondern aktiv zu werden: "Räumt die Steine hinweg!"
Für die Jerusalemer damals hat das bedeutet, die Steine als Zeichen der
Zerstörung aus dem Weg zu räumen und damit den Weg für den Neuaufbau frei
zu machen.
Es gibt auch Steine im übertragenen Sinn: Hindernisse, die den Zugang
zu anderen Menschen versperren. Der Jesaja-Text ermutigt dazu, sich nicht
damit abzufinden, wenn Menschen Steine in den Weg geworfen bekommen. Sich
nicht damit abzufinden, wenn Menschen ausgegrenzt, gedemütigt und verletzt
werden, weil sie aus einem anderen Land kommen, eine andere Hautfarbe
haben, eine andere Sprache sprechen. Oder weil sie wie Jesus Juden sind
oder eine andere Minderheit.
Wir sind dazu aufgefordert, alles zu tun, um Steine aus dem Weg zu räumen.
Wer die Begegnung mit Minderheiten sucht, sich gezielt um sachliche Informationen
bemüht; wer eindeutig gegen Hass und Gewalt Stellung bezieht und nicht
tatenlos zusieht, sondern eingreift — der räumt Steine aus dem Weg. Dann
kann Neues aufgebaut werden. Da wird spürbar, dass Gott mitten unter uns
und durch uns wirkt. So wird der Gott Israels geehrt, zu dem auch wir
durch Jesus Christus gehören.
Pfarrer Dr. Norbert Dennerlein
Zeilitzheim und Krautheim
Wir beten:
Einziger Gott, Schöpfer der Welt, wir danken dir für deine Treue zu deinem
Volk Israel, die uns Mut macht, in den Höhen und Tiefen unseres eigenen
Lebens auf dich zu vertrauen. Wir bitten dich: lass uns bereit sein, dir
zu gehorchen und Steine aus dem Weg zu räumen, die den Zugang zu anderen
vesperren. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Amen.
Lied 290:
Nun danket Gott
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