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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 35)

Jüdische Geschichte ist weit mehr als der Völkermord

Das Jüdische Museum in Fürth legt Wert auf die Zeit vor und nach dem 2. Weltkrieg

Thema 33 Beim Stichwort "Juden" denken die meisten Menschen wohl an den Völkermord während des 2. Weltkrieges. Sechs Millionen Juden verloren damals ihr Leben. Es ist wichtig, die Erinnerung daran aufrecht zu erhalten. "Leider wird oft zu wenig nach der allgemeinen Geschichte des Volkes gefragt", meint Bernhard Purin, Leiter des Jüdischen Museums in Fürth. Dabei sei es interessant zu sehen, wie es nach dem Krieg weiterging und wie Juden heute leben.

Interesse wecken

Die beiden Jüdischen Museen in Fürth und Schnaittach wollen dieses Interesse wecken. "Natürlich kann ein Besucher, der einen Rundgang durch das Museum macht, nicht umfassend über die jüdische Geschichte informiert sein", so Purin. "Wenn jemand dadurch neugierig wird und mehr wissen will, ist schon viel erreicht."
Den Wissensdurst können Besucher in der zum Thema gut sortierten Buchhandlung stillen. Auch eine Präsenzbibliothek, wo man vorort in Büchern schmö-kern kann, steht zur Verfügung. Im Museumscafe gibt es aktuelle jüdische Tageszeitungen, die in aller Ruhe bei einer Tasse Kaffee gelesen werden können.
Das Schnaittacher Museum wurde 1996 eröffnet, das Fürther vor gut einem Jahr. Die Idee zu einem jüdischen Museum ist schon über zehn Jahre alt. Fürth und auch Schnaittach stellten sich rasch als geeignete Standorte heraus. Die Schnaittacher Synagoge von 1570 ist noch gut erhalten und außerdem hatte das dortige Heimatmuseum eine große Sammlung jüdischer Kultgegenstände gepflegt.

Fürths Bedeutung für Juden

Seit dem 16. Jahrhundert hatte Fürth eine wichtige Bedeutung für Juden. Auf den Marktflecken stellten das Markgrafentum Ansbach, die Dompropstei Bamberg und die Reichsstadt Nürnberg obrigkeitsrechtliche Ansprüche. Diese Dreiherrschaft führte zu Kompetenzstreitigkeiten, aus denen wiederum rechtliche Freiräume entstanden, die die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Fürth begünstigten.
Ende des 15. Jahrhunderts wurden die Juden aus den Reichsstädten vertrieben. So begann die Geschichte der Juden in Fürth — der Markgraf von Ansbach erlaubte im Jahr 1528 zwei Juden die Niederlassung. Dass es immer mehr wurden ermöglichten die komplizierten politischen Strukturen: Die Bamberger hatten nichts gegen die Ansiedlung von Juden in Fürth, die Nürnberger hätten es gern verhindert und die Ansbacher hätten am liebsten nur wohlhabenden Juden die Niederlassung erlaubt. 1617 entstand die erste Synagoge. Auch Bethäuser, Talmud-Schulen und später bedeutende hebräische Buchdruckereien wurden errichtet.
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts lebte in Fürth die größte jüdische Gemeinde Bayerns. Juden machten rund 20 Prozent der Bevölkerung aus. Erst mit der Industrialisierung hat sich dieses Verhältnis geändert, als viele Arbeiter in den Ort kamen, der 1820 zur Stadt wurde. Die jüdischen Bürger trugen in dieser Zeit wesentlich zum wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt bei. Verschiedene Handelsgeschäfte, Industriebetriebe und wohltätige Stiftungen zeugen davon.
In den ersten zwei bis drei Nachkriegsjahren lebten so viele Juden wie nie zuvor in Bayern — rund 80.000. Sie waren fast alle in den 28 Camps untergebracht, die die Amerikaner für die Verschleppten einrichteten. Die größten Camps befanden sich in Ansbach, Bamberg, Hof, Bad Windsheim und Fürth. Mit der Gründung des Staates Israel 1948 wanderten die meisten Juden ab. 1949 machten die letzten Lager dicht. Die wenigen verbliebenden Juden schlossen sich den wieder gegründeten Gemeinden in Fürth und Nürnberg an.

Gemeinden nur in Städten

Heute leben zwischen 80.000 und 100.000 Juden in Deutschland, das sind 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Zum Vergleich: 1925 stellten die Juden noch 5 Prozent der Einwohner. Gemeinden gibt es in Bayern nur in größeren Städten wie Erlangen, Fürth, Nürnberg, Hof, Weiden, Straubing oder München.
Das Jüdische Museum in Fürth hat zum einen eine feste Ausstellung, die allgemein über das jüdische Leben, Geschichte und Religion informiert. Zum Anderen gibt es Sonderausstellungen zu bestimmten Themen. Derzeit werden die Fürther Synagogen vorgestellt. Die Themenausstellung ist farblich gekennzeichnet. Im Herbst geht es um Jüdisches Leben heute. "Wir wollen, dass Besucher immer wieder kommen", betont Purin. Durch die wechselnden Ausstellungen gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken. Dass das Konzept Erfolg hat, zeigt die Besucherstatistik des ersten Jahres: Rund 24.000 Gäste informierten sich über jüdische Geschichte.

Das Fürther Museum hat Sonntag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr geöffnet, dienstags bis 20 Uhr; Telefon: 0911/770577. Das Museum in Schnaittach ist geöffnet von Mai bis Oktober mittwochs bis sonntags und an Feiertagen, in den Monaten von November bis April jeden Sonntag, jeweils von 11 bis 17 Uhr.

Karin Ilgenfritz


Zeichen der Treue Gottes

O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden! Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! Siehe, der Herr lässt es hören bis an die Enden der Erde: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! Man wird sie nennen ªHeiliges Volk´, ªErlöste des Herrn´, und dich wird man nennen ªGesuchte´ und ªNicht mehr verlassene Stadt´. Jesaja 62,6-7.10-12
Oft kommt es im Leben anders als man denkt! Diese Erfahrung blieb auch den Menschen nicht erspart, die sich begeistert aus dem babylonischen Exil auf den Heimweg nach Jersualem gemacht hatten. Kyros, der Perserkönig, hatte ihnen erlaubt, heimzukehren und den Tempel wieder aufzubauen. Aber was sie in Jerusalem erlebten, ließ ihre Begeisterung schnell verfliegen. Stadt und Tempel lagen noch immer zu einem großen Teil in Schutt und Asche. Die Felder waren verwildert. Fremde, ihnen feindlich gesinnte Menschen versuchten mit allen Mitteln, ihren Neuanfang zu verhindern. Das hatten sie sich anders vorgestellt! Traum und Wirklichkeit klafften weit auseinander. "Hat es überhaupt einen Sinn, sich hier zu engagieren?", fragten sich die Heimkehrer enttäuscht und mutlos. "Wo ist Gott? Hat er uns verlassen?"

Andacht 32 Mitten in ihre Mutlosigkeit und die Trümmer Jerusalems dringt das Wort des Propheten, das im Jesajabuch überliefert ist. Der Prophet ruft dazu auf, Gott immer wieder an seine Verheißungen zu erinnern; ihn an die Stadt Jerusalem zu erinnern, die er einst wie das Volk Israel erwählt hatte. Ihn hartnäckig daran zu erinnern, Jerusalem wieder aufzubauen. Mitten in der Hoffnungslosigkeit werden die Jerusalemer zur Hoffnung aufgerufen, zum Vertrauen auf den Gott, der sie nicht verlässt, weil er treu ist.
Diese Treue Gottes steht auch im Zentrum des heutigen 10. Sonntags nach Trinitatis, des Israelsonntags. Am jüdischen Volk wird deutlich, dass Gott ein Gott der Treue ist. Für Paulus war das eine unumstößliche Wahrheit: "Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat" (Römer 11,2). Gott hat das Volk Israel erwählt und ihm durch die Höhen und Tiefen der Geschichte die Treue gehalten — bis heute. Seine Treue macht Mut, in den Höhen und Tiefen des Lebens auf Gott zu vertrauen. Die Verse aus dem Jesaja-Buch machen Mut, Gott hartnäckig an seine Versprechen zu erinnern. Sie machen Mut, mit Gottvertrauen nicht etwa die Hände resignierend in den Schoß zu legen, sondern aktiv zu werden: "Räumt die Steine hinweg!" Für die Jerusalemer damals hat das bedeutet, die Steine als Zeichen der Zerstörung aus dem Weg zu räumen und damit den Weg für den Neuaufbau frei zu machen.

Es gibt auch Steine im übertragenen Sinn: Hindernisse, die den Zugang zu anderen Menschen versperren. Der Jesaja-Text ermutigt dazu, sich nicht damit abzufinden, wenn Menschen Steine in den Weg geworfen bekommen. Sich nicht damit abzufinden, wenn Menschen ausgegrenzt, gedemütigt und verletzt werden, weil sie aus einem anderen Land kommen, eine andere Hautfarbe haben, eine andere Sprache sprechen. Oder weil sie wie Jesus Juden sind oder eine andere Minderheit.
Wir sind dazu aufgefordert, alles zu tun, um Steine aus dem Weg zu räumen. Wer die Begegnung mit Minderheiten sucht, sich gezielt um sachliche Informationen bemüht; wer eindeutig gegen Hass und Gewalt Stellung bezieht und nicht tatenlos zusieht, sondern eingreift — der räumt Steine aus dem Weg. Dann kann Neues aufgebaut werden. Da wird spürbar, dass Gott mitten unter uns und durch uns wirkt. So wird der Gott Israels geehrt, zu dem auch wir durch Jesus Christus gehören.

Pfarrer Dr. Norbert Dennerlein
Zeilitzheim und Krautheim

Wir beten:
Einziger Gott, Schöpfer der Welt, wir danken dir für deine Treue zu deinem Volk Israel, die uns Mut macht, in den Höhen und Tiefen unseres eigenen Lebens auf dich zu vertrauen. Wir bitten dich: lass uns bereit sein, dir zu gehorchen und Steine aus dem Weg zu räumen, die den Zugang zu anderen vesperren. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Lied 290:
Nun danket Gott

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