Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 34)

Keine Religion von Feuer und Schwert

Islam-Beauftragter will helfen, Vorurteile gegenüber Muslimen abzubauen

Thema 34 Er setzt sich für ein friedliches Miteinander von Christen und Muslimen in Bayern ein. Und er warnt vor einem Zerrbild des Islam. "Es ist im Großen und Ganzen in Deutschland eine friedliche Religion", meint Pfarrer Dr. Johannes Triebel. Vor drei Monaten wurde er als erster Islam-Beauftragter der bayerischen Landeskirche eingeführt.

Islam ohne Gewalt

Nach Ansicht des 55-jährigen Theologen zeigt sich der Islam in der Bundesrepublik als gewaltfreie Bewegung: "Der Fundamentalismus stellt eine Randerscheinung dar, die nicht repräsentativ ist für den Islam." Der Koran selbst spreche sich dagegen aus, Gewalt anzuwenden. "Die Religion kennt keinen Zwang", heiße es in der grundlegenden Schrift der Moslems. Das Schlüsselwort "Dschihad" wird - so Triebel - oft missverständlich mit "heiliger Krieg" übersetzt: "Der Begriff meint Einsatz für den Glauben - zunächst mit friedlichen Mitteln". Im Laufe der Geschichte habe es jedoch auch immer wieder kriegerische Phasen gegeben.
Der Islam-Beauftragte warnt davor, hier mit den Finger auf Muslime zu zeigen. "Wenn man Menschen fragen würde, wie sie das Christentum sehen, käme dabei auch heraus: Als kriegerische Religion." Belege dafür wären etwa die Kreuzzüge im Mittelalter oder die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Nordirland. Triebel: "Als Christen wollen wir auch nicht, dass diese Beispiele verallgemeinert werden und als Bild des Christentums dastehen."

Religionsfreiheit anderer Art

In islamischen Ländern ist dem 55-jährigen Theologen zufolge die Religionsfreiheit nicht so ausgeprägt wie in westlichen. "Es wird erwartet, dass Christen nicht in der Öffentlichkeit auftreten, sondern ihren Glauben als geschlossene Gesellschaft leben." Auseinandersetzungen gebe es dort, wo dies nicht beachtet werde und wo Christen offensiv tätig würden.

In islamischen Ländern wie Indonesien werden laut Triebel Christen benachteiligt oder verfolgt. Der frühere Tansania-Missionar und spätere Leiter des Neuendettelsauer Missionskollegs macht dafür soziale und politische Gründe verantwortlich: "Die Religion wird hier für andere Zwecke missbraucht." In Deutschland sollten sich Christen - so der Islam-Fachmann - nicht an Negativbeispielen wie Indonesien orientieren und versuchen, es Muslimen mit gleicher Münze heimzahlen. Vielmehr komme es darauf an, den Mitmenschen mit Offenheit zu begegnen. "Wenn das Christentum als Religion der Liebe Bezeichnet wird, sollten Muslime davon etwas spüren", erklärt Triebel. Der 55-Jährige will helfen, Ängste und Vorurteile zwischen Christen und Muslimen abzubauen: "Der Islam ist keine Religion von Feuer und Schwert". Umgekehrt sollten Muslime entdecken lernen, wo Christen ihren Glauben leben. Am Arbeitsplatz jedenfalls könnten Moslems davon oft wenig spüren.

Gefährliche Parolen

Für gefährlich hält Triebel plakative Aussagen wie "Der Islam ist in Deutschland auf dem Vormarsch". "Mit solchen Parolen lassen sich Ängste erzeugen, vor allem die Angst vor Überfremdung", kritisiert der Theologe. Die Fakten zeigten ein anderes Bild: "Aufs Ganze gesehen sind drei Millionen Muslime in Deutschland bei einer Gesamtbevölkerung von rund 80 Millionen ein Minderheit." Dass die Zahl der Moslems steige, habe biologische Gründe. Sie bekämen mehr Kinder als Christen.

Christsein offensiv leben

Der Rückgang von Christen in der Bundesrepublik sollte nach Ansicht des Islam-Beauftragten Anlass zu verstärktem missionarischem Engagement sein. Es gehe darum, "dass Kirche wieder deutlicher in der Öffentlichkeit präsent ist und wieder zum Alltagsgespräch wird". Dabei sei es wichtig, nicht nur die sozialen Aktivitäten, sondern auch Inhalte des Glaubens anzusprechen: "Entkirchlichte sollen erfahren, dass der christliche Glaube auch für ihr Leben etwas Wichtiges sein kann."
Der neue Beauftragte plädiert für ein offensiveres Auftreten von Christen. Sie sollten klar zu ihrem Glauben stehen und deutliche Positionen erkennen lassen - auch im Dialog mit dem Islam. Triebel warnt vor einer unkritischen Betrachtungsweise, bei der zu schnell über Unterschiede hinwegegangen wird. Zwar gebe es Ähnlichkeiten in Grundvorstellungen wie ewigen Leben, Auferstehung und Gericht. Bei genauerem Hinsehen jedoch seien klare Unterschiede zu erkennen. Indirekt distanziert sich der Islam-Beauftragte von manchen Passagen der landeskirchlichen Handreichung für die Begegnung von "Kirchengemeinden mit ihren muslimischen Nachbarn". "Die Broschüre geht sicherlich sehr wohlwollend mit dem Islam um," meint Triebel. Die theologisch konservative Vereinigung "Lebendige Gemeinde München" hatte kritisiert, dass das Heft mit dem Titel "Erste Schritte wagen" den Islam beschönige und bei Vergleichen zu oberflächlich vorgehe.

Behutsame Schritte

Die Handreichung versteht Triebel als Einladung "offen an das Phänomen Islam heranzugehen". Vor allem enthalte sie wichtige Hinweise für den praktischen Umgang mit Muslimen. Der Theologe mahnt zu zu Vorsicht, vor allem beim gemeinsamen Gebet von Christen und Muslimen. Euphorie sei hier fehl am Platz: "Wenn sich in einer Situation die Möglichkeit ergibt, soll man es behutsam angehen."

Interesse am Dialog

Das vordringliche Interesse am Dialog mit anderen Religionen kommt dem Beauftragten zufolge von christlicher Seite. "Wenn wir ernst nehmen, dass Muslime auf Dauer in Deutschland leben, darf dieser Teil der Bevölkerung nicht ausgegrenzt werden", unterstreicht der Theologe. Die Gründung einer islamischen Landesakademie, die seit letztem Jahr in verschiedenen bayerischen Städten aktiv ist, sieht er als "Signal für das Gespräch von moslemischer Seite aus und als Zeichen für die Integration in die deutsche Gesellschaft". Bei etwa 20 Prozent der Angebote gehe es um Dialog.
Auf starke Resonanz ist laut Triebel in Nürnberg eine Kirchenführung für Muslime gestoßen, die die evangelische Stadtakademie durchführte. "Die Moslems wollten wissen, was Christen eigentlich glauben und was in einer Kirche geschieht", erklärt der 55-Jährige. Einschränkend fügt er hinzu: "Es gibt im Islam verschiedene Richtungen, die Christen gegenüber unterschiedlich offen sind."

Günter Saalfrank


Klare und unmissverständliche Worte sind gefragt

Und des Herrn Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, ... und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der Herr sprach aber zu mir: Sage nicht: "Ich bin zu jung", sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr.
Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche; dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.
Jeremia 1, 4 - 10

Andacht 34 Wie eine Moralkeule wurden und werden diese Worte des Apostels Paulus immer wieder "den Anderen" um die Ohren geschlagen, die in manchen Verhaltensweisen von der sogenannten Normalität abweichen.
Ist er nicht zu beneiden, der Prophet Jeremia? Da trifft ihn das Wort Gottes unmittelbar, nicht zufällig, sondern ganz gezielt. Auch wenn Jeremia Bedenken hat, ob er der Aufgabe überhaupt gewachsen ist: Er weiß, was er zu tun hat, weiß, was Gott von ihm will, unmissverständlich und klar. Viele Worte schwappen heute tagtäglich über uns herein, werden von Menschen in die Welt gesetzt und vergehen wieder. "Die Nachrichten von heute morgen schon von gestern", hat ein weiser Mensch über unsere Informationsflut geäußert. Die vielen Worte, die Tag für Tag gesprochen werden, sind oft so nichtssagend, so leer. "Vergiss es", sagen wir dann, "nicht der Rede wert".

Ein Wort, das "geschieht", stelle ich mir ganz anders vor: wie ein Ereignis, voller Kraft und Wirkung. So dass man sich dem nicht entziehen kann, weil man merkt: Das geht mich an, da bin ich gemeint.
Ein Wort, das geschieht, kommt von außen auf einen zu, manchmal beglückend und ermutigend, manchmal beängstigend und bedrängend. Wir wünschen uns heute oftmals solche Worte - Worte von Menschen, Männern und Frauen, aus denen klar ersichtlich ist, dass Gott durch sie redet. Wir sehnen uns nach solchen Propheten wie Jeremia, die im Auftrag Gottes zu uns reden, die uns klar und unmissverständlich sagen, was wir tun sollen. Propheten, die uns im Namen Gottes zeigen, wo es lang geht und wie wir aus den vielfältigen Schwierigkeiten unser Gesellschaft und auch unserer Kirche herauskommen. Und dann, wenn so ein Prophet auftreten würde: Würden wir anders reagieren wie die Menschen damals zur Zeit des Jeremia? Würden wir ihn nicht auch als "Spinner" abtun oder seine Worte im Feuer verbrennen, wie es dem Propheten geschehen ist? Offensichtlich ahnte Jeremia, was auf ihn zukommen würde, als er sich gegen den Auftrag Gottes wehrte.

Und wie war das bei Jesus? Auch zu seiner Zeit gab es Menschen, die sich nicht von ihm überzeugen ließen, für die es ungeheuerlich war, dass da ein Mensch von Gott als seinem Vater sprach und behauptete, Gottes Sohn zu sein.
Denn die Krux aller Gottesmänner ist ja die, dass sie keine Beweise für die Wahrheit ihrer Worte haben. Sie haben nicht mehr als ihr "So spricht der Herr" - und das kann ja jeder sagen. Da hilft es ihnen auch nicht weiter, dass ihnen die Worte von Gott in den Mund gelegt worden sind wie bei Jeremia. Denn das, was sie zu sagen haben, hören die Menschen nicht immer gerne. Da geht es auch darum, alte Denkmuster zu zerstören, eingefahrene Verhaltensweisen auszumerzen. Erst dann kann oft Neues gebaut und gepflanzt werden. Die Propheten wurden ja immer erst im Rückblick, aus der Abfolge der Ereignisse heraus bestätigt. Das war bei Jeremia so und auch bei Jesus.

Wenn wir uns manchmal nach neuen Propheten sehnen, nach Männern und Frauen, die uns wieder einmal klar und unmissverständlich Gottes Wort verkündigen, dann müssen wir uns an Jesus halten. Er ist das Wort, das in die Welt kam. Ihn sollen wir hören. Er genügt. Dabei müssen wir damit rechnen, dass die Worte Gottes, die zu uns geschehen, uns nicht immer nur ermutigen und bestätigen in unserem Glauben. Bei ihm werden wir bereit sein müssen, alte Verhaltensweisen aufzugeben, eingefahrene Denkweisen von ihm einreißen zu lassen. Dann kann Gott wieder aufbauen und neu pflanzen.

Pfarrerin Gudrun Saalfrank
Diebach/Dombühl

Wir beten:
Erhalt uns in der Wahrheit,
gib ewigliche Freiheit,
zu preisen deinen Namen
durch Jesus Christus. Amen.

Lied 320: Nun lasst uns Gott, dem Herren

Diese Woche - Archiv - Editorial - Geschichte - Redaktion - Abo-Service - Anzeigen - Evang. Reisedienst - Impressum
© copyright ROTABENE! Medienhaus