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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 33)

Gottesdienst mit Badehose und Gesangbuch

Mit "Kirche im Grünen" erreichen Gemeinden immer mehr Menschen

Thema 33 Es ist kalt an diesem Sonntagmorgen, obwohl offiziell Sommer ist. Badegäste wird es heute nicht geben im frisch eingeweihten "Fränkischen Seenland". Der Rothsee kräuselt sich, eine kalte Brise streicht über die Wasseroberfläche und wirft kleine Wellen gegen das Ufer. Die Liegewiese rund um das "Strandhaus Birkach" der Familie Möltner bleibt heute vermutlich leer. Keine Schlangen am Kiosk, die Rollläden bleiben unten, die Sonnenschirme geschlossen. Höchstens ein paar Jogger verirren sich bei diesem Wetter hierher.

Kein Geheimtipp mehr

Doch trotz feuchter Kälte füllt sich langsam tröpfchenweise die Terrasse hinter der Strandwirtschaft: Die kleine Kirchengemeinde Eckersmühlen hat zum "Gottesdienst im Grünen" eingeladen. "Die Leute kommen notfalls in Gummistiefeln und mit Regenschirmen", berichtet der Schwabacher Dekan Wolfgang-Jürgen Stark. "Ausgefallen ist der Gottesdienst im Freien noch nie." Seit sechs Jahren findet er regelmäßig alle zwei Wochen statt. Und für regelrechte Freiluft-Gottesdienst-Fans ist er längst kein Geheimtipp mehr.
Wo sonst Pommes und Eisbecher serviert werden, liegen heute die Liederhefte, die extra für diese Gottesdienste angeschafft wurden. An der "Pfandrückgabe" spielt der Posaunenchor. Die meisten Besucher sind "Dauergäste" beim Sonntagsgottesdienst auf der Sonnenterrasse. Viele kommen aus den umliegenden Kirchengemeinden, sie folgen ihren Gemeindepfarrern an den Rothsee, wenn die wieder an der Reihe sind, den Gottesdienst dort zu halten. Zehn Pfarrer aus dem Dekanat Schwabach wechseln sich dabei ab.
"Ich bin gerade meine Runde um den See gelaufen", so eine Joggerin, "dabei habe ich den Posaunenchor ge-hört und bin hier hängen geblieben." Die Musik der Posaunenchöre reicht bis an das andere Seeufer und ist auch in den angrenzenden Wäldern zu hören. Einige Besucher verbinden den Gottesdienstbesuch mit einem Sonntagsspaziergang mit Hund und Kindern. Doch auch für Touristen ist das Angebot interessant. "Wir haben ein paar Ferienwohnungen und haben heute unsere Feriengäste mit hierher gebracht", erzählt eine Frau. Viele sind mit dem Fahrrad gekommen und sitzen im Radler-Dress auf der Terrasse.

Als Kirche präsent sein

"Wir haben uns herausgefordert gefühlt, den vielen Badegästen, die jedes Wochenende hier sind, mit unserem Angebot entgegen zu kommen. Wir wollen als Kirche hier präsent sein", erläutert Dekan Stark. "Diese Freizeitlandschaft braucht Kirche", unterstreicht auch der Eckersmühlener Pfarrer Wilfried Wäschenfelder, der "Erfinder" der Rothsee-Gottesdienste. "Wir brauchen uns unserer Botschaft nicht zu schämen", fügt er hinzu. Aber passen denn Kirche und Tourismus zusammen? "Die Menschen aus den Großstädten können in diesem Seengebiet entspannen, zur Ruhe kommen und die Seele baumeln lassen," erklärt Stark. "Das ist der Punkt, wo wir als Kirche ein Angebot zu machen haben."

"Fan-Gemeinde" wächst

Das Konzept ging auf, die "Kirche im Grünen" hat sich längst etabliert, immer größer wird die "Fan-Gemeinde", berichten die Veranstalter. "Bei gutem Wetter haben wir hier rund 500 Gottesdienstbesucher", berichtet Winfried Möltner. Anfangs habe es schon mal Probleme gegeben, weil sein Kiosk während des Gottesdienstes geschlossen ist. Wartende Urlauber klopften lautstark gegen die Rollläden und machten ihrem Unmut Luft. "Der Gottesdienst dauert eine halbe Stunde und so lange kann jeder warten", sagt Möltner mit Gelassenheit, stemmt seine großen Hände in die Hüften und zuckt fast gleichgültig mit den Schultern. An sonnigen Tagen verzichtet der sympathische Gastwirt so auf ein gutes Geschäft. "Um dreiviertel elf gehen dann die Rollos auf."

Gottesdienst mit allen Sinnen

"Für mich ist es schön, in der Natur zu sein, man kann auf das Wasser schauen, man hört die Vögel; für mich ist Gott in der Natur ganz nah", beschreibt eine Besucherin ihr Gefühl. Während der Predigt rauschen die Pappeln, die rund um den See stehen, die Luft riecht frisch und sauber. Einen Gottesdienst mit allen Sinnen wahrnehmen, das ist das Besondere am Gottesdienst im Grünen. "Es ist einfach schön kurz", sagt ein anderer Besucher, der sich zu Fuß auf den Weg zum Rothsee gemacht hatte, "eine sehr intensive halbe Stunde."
Bei schönem Wetter bleiben viele Badegäste auf ihren Plätzen auf der Liegewiese, erzählt der Schwabacher Dekan. Per Lautsprecher bekommen die Urlauber Predigt und Liturgie mit. "Die nehmen aus der Distanz am Gottesdienst teil, aber manche sitzen auch in der Badehose hier." Stark will die Kirche nicht nur im Dorf lassen: "Kirche muss zu den Leuten kommen, sie an den Orten aufsuchen, die ihnen wichtig sind - wie hier am See. Wir wollen niemanden belästigen, sondern möchten den Leuten mit unserem Angebot nah sein."

Simon Hupfer


Sind wir so frei?

Wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.
Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr euch nicht selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.
1. Korinther 6, 9-10.19-20

Andacht 32 Wie eine Moralkeule wurden und werden diese Worte des Apostels Paulus immer wieder "den Anderen" um die Ohren geschlagen, die in manchen Verhaltensweisen von der sogenannten Normalität abweichen.
Interessant ist dabei mancher Wandel der Anschauungen: Ehebrecher und Trunkenbolde werden heute als weit weniger verwerflich angesehen als Lustknaben oder Knabenschänder. Heterosexuelle Ausschweifungen werden oft genug wie sportliche Leistungen und Erfolge gehandelt, Homosexualität dagegen in Bausch und Bogen verteufelt.

Die Worte des Apostels Paulus lassen sich für derlei Spitzfindigkeiten nicht verwenden. Es geht ihm hier viel weniger um die Verurteilung bestimmter und spezieller Verhaltensweisen, als vielmehr um den ganzen Menschen. Er weiß: Wir sind Christen, wir sind getauft, wir sind durch Christi Leiden und Sterben erlöst - und dies mit Leib und Seele! Nicht nur unsere Seele, sondern auch unser Leib gehört dem auferstandenen Christus! Ihm sind wir verantwortlich auch für das, was wir mit unserem Leib, mit unserem Körper tun und lassen.
Christus schenkt uns Freiheit. Wenn wir diese Freiheit missbrauchen, machen wir uns selbst und oft genug auch andere unfrei. Ich bin beispielsweise so frei, einen anderen Menschen zu lieben. Zwinge ich ihn aber in eine Abhängigkeit - geistig oder körperlich - so werde ich unfrei und der vermeintlich geliebte Mensch ebenso. Wir beide sind in solcher Unfreiheit nicht mehr in der Lage, Gott in unserem Tun und Lassen mit Leib und Seele zu loben. Dies aber ist die eigentliche Bestimmung als Christen.

Ich bin so frei, mich an einem Glas Wein zu freuen oder sogar mal an mehreren. Doch wenn ich ohne Maß trinke, begebe ich mich in die Gefahr der Sucht und habe nicht mehr die Freiheit, mit dem Trinken aufzuhören.

Ich bin so frei, mich an Besitz zu freuen. Wird dieser Besitz aber so wichtig, dass ich alles tun muss, um noch mehr zu erreichen und zu haben, ist meine Freiheit verlorengegangen. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangennehmen - auch dies ein Satz aus dem Predigttext des Sonntags. Hier liegt die große Gefahr miss-verstandener evangelischer Freiheit: Wir freuen uns zu Recht darüber, dass nicht jeder Lebensbereich bis ins Einzelne reglementiert und festgelegt ist. Doch wir vergessen leicht, dass Freiheit auch bedeuten kann, Dinge und Verhaltensweisen zu lassen, die uns gefangennehmen können. Was hilft es beispielsweise unseren Kindern, wenn sie frei zwischen drei Dutzend Fernsehprogram-men für ihr eigenes Gerät entscheiden können, dabei aber die Freiheit des Ausschaltens niemals erlebt haben? Was wir wieder lernen müssen in unserer so freizügigen Gesellschaft, ist zum Einen die Freiheit, "Nein!" zu sagen und nicht jeden Unsinn mitzumachen, nur weil er gerade "in" ist. Zum anderen ist es das Wissen darum, dass Freiheit immer auch die Freiheit des anderen ist.

Durch moralisch einwandfreies Verhalten werden wir das Himmelreich nicht ererben. Sondern vielmehr dadurch, dass wir uns dem Handeln des Heiligen Geistes öffnen, der eben durch uns und in uns Menschen mit Leib und Seele wirken will.

Pfarrer Johannes Heidecker,
Fischen im Allgäu

Wir beten:
Erhalt uns in der Wahrheit,
gib ewigliche Freiheit,
zu preisen deinen Namen
durch Jesus Christus. Amen.

Lied 320: Nun lasst uns Gott, dem Herren

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