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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 29)

"Da muss man halt durch!"

Was Seelsorger lernen

Thema 29 Ein Krankenhausbett, ein Nachttisch, ein Stuhl. Ein Patient und ein Seelsorger. Der kranke Mann kommt ins Reden, sein Herz fließt über. Dann schaut er zu Boden und endet mit den Worten: "Da muss man halt durch!"

Und jetzt? Was antwortet der fachlich ausgebildete Seelsorger? Er sitzt schließlich nicht "nur" als Mensch wie du und ich am Krankenbett. Er repräsentiert dazu die Kirche und vielleicht sogar Gott; zumindest wird seine Gegenwart den Patienten an Gott erinnern. "Da muss man halt durch!" Was macht der Fachmann bloß mit diesem Satz?

Es gibt keine Modellantwort

Peter Frör, seit 1985 Krankenhauspfarrer im Münchner Großklinikum Großhadern, nennt Sätze wie diesen einen "Banalsatz". Banalsätze sind sachlich immer richtig, aber eben auch flach. Sie nehmen etwas von der Tiefe des Inhalts weg. Sie sorgen dafür, dass das Gespräch unpersönlicher wird. Wer so redet, der sucht Schutz vor zu viel Nähe und Brisanz. Fachlich richtig könnte ein Seelsorger nach Frörs Meinung mit einer deutlichen Stellungnahme antworten, etwa "Mir wäre eine solche Sicht zu wenig." Aber Vorsicht: Es gibt in der Seelsorge keine immer und für jeden richtigen "Modellantwort". Es gibt auch kein Lehrbuch mit dem Titel "1000 mal Trost: Was sage ich, wenn…" - Menschen sind eben keine Automaten, die alle gleich "funktionieren". Zur Seelsorge gehört gerade das Eingehen auf den Einzelnen. Da müssen Feinheiten beachtet werden, sei es die Wortwahl, der Klang der Stimme, ein Blick oder eine Geste. Ist zum Beispiel der Satz: "Da muss ich jetzt durch" - mit direktem Blick in die Augen des Seelsorgers gesprochen - nicht schon eine Bitte, dass er mit dem Patienten jetzt zusammen da durch gehen soll?

Arbeiten mit Protokollen

In der Ausbildung wird immer wieder mit Gesprächsprotokollen gearbeitet. Aus dem Gedächtnis notieren die Seelsorgenden nach dem Gespräch die wichtigsten Passagen wortwörtlich und besprechen sie dann mit ihrem Ausbilder oder in einer Arbeitsgruppe. Die Namen der Patienten bleiben außen vor; und das Seelsorgegeheimnis gilt dabei für die ganze Gruppe.
Bei den Besprechungen geht es nicht etwa um Wortklaubereien. "Seelsorger müssen lernen, was ein Besuch ist", stellt Peter Frör oben an. Er bildet seit vielen Jahren ehrenamtliche und hauptamtliche Seelsorger aus. "Sie müssen den Beginn eines Besuches können, dann erkennen, was zu tun ist, es tun, und schließlich auch wieder ein gutes Ende finden."
Bereits im Vorfeld eines Besuchs fallen wichtige Entscheidungen. Der Seelsorger muss eine Situation erkennen und wissen, was gefordert ist. Kann er warten, oder sollte er gleich starten? Zum Beispiel, wenn ein Kind verunglückt und ins Krankenhaus gekommen ist. Geht er gleich, oder erst in zwei Tagen? Zuerst zum Kind, oder zu den Eltern?
Dazu muss er sich klar sein, wie er seine Rolle als Seelsorger versteht und sie mit seiner Person wirklich ausfüllen. Für Peter Frör gehört es dabei unbedingt dazu, die geistliche Dimension zu beachten. Etwa beim Geburtstagsbesuch einer 80-jährigen Jubilarin. Sätze wie "Ich hätte nicht gedacht, dass ich das erlebe" können Hinweise sein, dass der Seelsorger die geistliche Seite ansprechen soll: "Was für ein Segen!" Frör ist sich sicher: "Das erwarten die Leute." Bliebe es aus, würden sie denken: "Er ist ja nett, aber er macht seinen Job nicht." Käme er jedoch zu früh auf die geistliche Ebene zu sprechen, dann hieße es: "Das ist ja kein Mensch".

Fachleute in Beziehungsdingen

"Fachleute in Beziehungsdingen" sollten Seelsorger sein. Wissen, wie es ist und was es bedeutet, Mutter zu sein, oder Vater, und Kind. Sich in Familienbeziehungen auskennen und auch in zwischenmenschlichen Verwicklungen. "Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!" mit diesem biblischen Wort beschreibt der Krankenhauspfarrer, dass zu einemSeelsorgegespräch auch die Fähigkeit gehört, sich von starken Gefühlen nicht an die Wand drücken zu lassen, sondern handlungsfähig zu bleiben und den Überblick über das Gespräch zu behalten.

An sich selbst arbeiten

Hier sind Fachkenntnisse zu lernen, zum Beispiel eine methodisch saubere Gesprächsführung und psychologisches Wissen. Und hier müssen Seelsorgende immer wieder an ihrer eigenen Person arbeiten. Warum, zum Beispiel, wird der eine völlig hilflos, wenn Frau M. unter Tränen ihre Krebsoperationen aufzählt, und der andere nicht? Warum zuckt der eine zurück, wenn ein Patient im Bett laut und wütend schimpft, und der andere nicht? Die Gründe dafür liegen in der eigenen Lebensgeschichte. Seelsorgende müssen sich selbst gut kennen lernen. Sie müssen begreifen und verinnerlichen, was in solchen gefühlsstarken Situationen mit ihnen passiert. Und immer wieder an sich arbeiten, damit sie eben nicht erstarren oder sich innerlich so weit zurückziehen, dass der Gesprächspartner mit seinen Gefühlen allein im Regen steht.
Außerdem gehört es dazu, das Erlebte mit dem eigenen Glauben in Verbindung zu bringen, und so auch als "Repräsentant Gottes" (Frör) da sein zu können. Oft genug kommt es während der Ausbildung vor, dass die Kursteilnehmer in den Gruppen selbst zu Tränen gerührt sind, oder wütend werden, oder schreien. Warum auch nicht? Dadurch lernen sie sich selbst besser kennen. Sie lernen, dass diese hohen Wellen auch wieder abklingen, dass sie sich solchen starken Gefühlen aussetzen können, ohne Schaden zu nehmen. Natürlich ist so etwas anstrengend. Seelsorge ist eben kein Kaffeeschwätzchen, sondern wirkliche Arbeit. Und: "Diese Arbeit hat ihren Lohn in sich", erklärt Peter Frör: "Obwohl man Energie lässt, lebt man in diesen Begegnungen sehr intensiv."

Frank Nie


Lebt gemäß euerer Berufung!

Endlich aber seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern dagegen segnet, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. Denn "wer leben will und gute Tage sehen, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht trügen. Er wende sich vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Gebet; das Angesicht aber des Herrn steht wider die, die Böses tun"
(Psalm 34, 13-17).

Und wer ist, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? Und ob ihr auch leidet um Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch aber vor ihrem Trotzen nicht und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in eueren Herzen.
1. Petrusbrief 3, 8-15a

Andacht 29Ein Märchen erzählt von einem König. Er war in seinem Land unterwegs, um zu sehen, wie es seinen Untertanen geht. In einem Armenviertel entdeckte er einen total verdreckten Jungen. Dieser tat ihm sehr leid. "Geh nach Hause, wasch dich gründlich, zieh dir saubere Kleider an und benimm dich gut! In einem Jahr komme ich wieder. Wenn du dann noch schön sauber bist, sollst du Königssohn sein." So sprach der König im Märchen.

Ob der Junge Königssohn wurde? Ich denke, wohl kaum. Es gibt noch einen anderen Ausgang der Geschichte: Der König sagt zu dem Jungen: "Komm, du kleiner Dreckspatz. Komm, wie du bist! Ich hab' dich lieb! Steig in meinen Wagen. Du sollst in meinem Schloss leben. Von heute an bist du Königssohn!" Jetzt muss er lernen sich darauf einzustellen. Der Junge wird dem Haushofmeister anvertraut. Der zeigt ihm, was für sein neues Leben wichtig ist. Natürlich fegt der Junge wie wild die Treppen runter, macht auch hier und dort etwas falsch. Er erfährt Korrektur. Aber trotz Fehlverhaltens ist und bleibt er Königssohn. Das Märchen kann uns zum besseren Verständnis des Bibelabschnitts helfen.

Christen sind durch ihren Herrn Jesus Christus in einen neuen Stand versetzt. Die Gefahr besteht, sich mit dem neuen Stand zu begnügen und das alte Leben munter weiter zu leben. Deshalb erinnert uns Gottes Wort: Ihr seid durch Jesus Christus neue Menschen geworden. Nun gestaltet euer Leben auch nach dieser neuen Gegebenheit. Gefragt ist christlicher Lebensstil. Einige hilfreiche Stichworte dafür werden benannt: "Seid eines Sinnes, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig!" Aber zum Leben in der Spur Jesu gehört noch mehr. Sein Beispiel steht uns vor Augen. Er vergalt nicht Böses mit Bösem. Er setzte die Liebe dagegen. So ging er den Weg der Passion bis zum Kreuz. Es ist Inbegriff der göttlichen Liebe und Schlüssel zum ewigen Heil. Christen sind Licht der Welt. Durch ihr Leben strahlt die Liebe Gottes weiter. Erfahrene Liebe schenkt Kraft, gerade auch jene zu lieben, die uns das Leben schwer machen. Es sind Menschen, die uns Steine in den Weg legen, die uns nichts Gutes gönnen, die uns durch üble Nachrede und Böses Tun schädigen wollen. Nicht Vergeltung, sondern Segnen ist angesagt. "Segnet!" werden wir aufgefordert. Unser Auftrag ist es, ihnen die Liebe Gottes zu bezeugen, Gu-tes in ihr Leben hineinzusagen, für sie zu beten, sie mit den Augen der Liebe als Gottes geliebte Menschen zu sehen. Ist das nicht eine hoffnungslose Überforderung? Stillhalten, den Mund halten, runterschlucken. - Das ist doch schon schwer genug! Warum erwartet der Apostel, dass Christen ihre Feinde segnen? Er gibt selbst die Begründung: "Ihr wisst, dass ihr berufen seid, den Segen zu erben!" Das bedeutet doch mit anderen Worten: Gewöhnt euch endlich an das neue Leben! Ihr seid Königskinder. Jesus hat für euch den Weg zum Leben freigemacht. Eröffnet auch ihr anderen Lebensmöglichkeit. Auch wenn sich Widerstand regt, vertraut Gott und seinem Wort. "Heiligt den Herrn Christus in eueren Herzen."

Michael Wehrwein
Dekan und Mitglied der Landessynode, Lohr a.M.

Wir beten:
Herr, wir danken dir für dein Wort. Du hast uns das neue Leben geschenkt. Gib uns die Kraft und den Mut zu einem neuen Lebensstil. Lass uns deine Liebe weitergeben gerade an die Menschen, die uns das Leben schwer machen. Amen.

Lied 643: So prüfet euch doch selbst.

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