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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet. (Heft 13)

Geheimhalten oder offenlegen?

Wie die Kirche mit Verfehlungen in den eigenen Reihen umgeht

Thema 13Der Fall liegt rund 15 Jahre zurück. In einer fränkischen Gemeinde wird Geld vom Pfarrer zweckentfremdet. Ein Gemeindemitglied bekommt dies mit und wendet sich an den zuständigen Dekan. Doch der möchte sich der Sache nicht mehr annehmen. Er sei nur noch kurze Zeit im Amt, lässt er das Gemeindemitglied wissen. Der Mann ist nicht bereit, sich so einfach abfertigen zu lassen und nimmt Kontakt mit dem Kreisdekan auf. Bei einem zweieinhalb-stündigen Gespräch bittet der Oberkirchenrat den Besucher dringend um Stillschweigen. Wenn die Sache an die Öffentlichkeit käme, gäbe es einen riesigen Aufschrei. Der Kreisdekan regelt die Angelegenheit intern: Nach einiger Zeit wird der Pfarrer auf eine andere Stelle versetzt.
Gut zehn Jahre später veruntreut ein Mitarbeiter der Landeskirchenstelle in Ansbach Geld. Als ihm der Dienstvorgesetzte auf die Schliche kommt, erstattet er sofort Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Außerdem informiert er bei einer Pressekonferenz die Öffentlichkeit über die Verfehlungen des Kirchenbeamten.

Methode: Stillschweigen

Grobe Verfehlungen geheimhalten oder offenlegen? Das Verhalten der Kirche war jahrzehntelang klar: Vorgänge wurden intern gelöst, die Beteiligten zu Stillschweigen verpflichtet. Aus der Angst heraus, negative Schlagzeilen zu machen, scheute man die Öffentlichkeit. "Die Verantwortlichen befürchteten, dass es der Kirche schadet, wenn unliebsame Dinge herauskommen", berichtet ein Insider.
Seit einigen Jahren läuft es anders: Die Öffentlichkeit wird offensiv informiert. "Wir haben nichts zu verbergen, wir wollen nichts vertuschen. Die Öffentlichkeit soll merken, dass uns daran gelegen ist, die Verfehlungen aufzuklären", erklärte 1995 der Direktor der Landeskirchenkirchenstelle, Reinhard Rusam, als er über die Betrügereien eines Kirchenbeamten berichtete.
Der Fall machte damals Schlagzeilen. Doch gerade die offensive Information ließ ihn nicht zu einem Dauerbrenner werden. Die Journalisten hatten bei der Pressekonferenz nicht das Gefühl, hier würden Informationen zurückgehalten. Deshalb gab es für sie auch keinen Anlass, weiter zu recherchieren.
Für den Leiter der Landeskirchenstelle war das Thema, wie mit Verfehlungen umzugehen ist, juristisch kein Neuland. Schon 1963 hatte er ein Gutachten darüber für das Landeskirchenamt erstellt. Kirchenjurist Rusam kam damals zu folgendem Ergebnis: "Wenn Belange der Öffentlichkeit berührt sind - und das ist bei finanziellen Vergehen der Fall -, ist Strafanzeige zu erstatten."

Geister scheiden sich

Juristisch war der Umgang mit schwerwiegenden Verfehlungen in der Kirche seit langem geklärt. Nicht allerdings, wie öffentlich solche Fälle behandelt werden sollen. Auch heute noch scheiden sich daran die Geister. Als vor zwei Monaten bekannt wurde, dass ein Nachrichtenmagazin über Missstände im Münchner Kirchengemeindeamt recherchiert, ging der Pressesprecher der Landeskirche an die Öffentlichkeit. Mit einer Pressemitteilung informierte er über die Schlamperei in der Kirchenbehörde und kam damit der Veröffentlichung in dem Magazin zuvor. Der Schritt nach vorne wurde allerdings nicht von allen Verantwortlichen in der Kirche begrüßt. Die Kritiker sprachen von "Maulwürfen im Landeskirchenamt", die Journalisten mit Informationen "füttern". Auch von Nestbeschmutzern war die Rede. "Eine Öffentlichkeitsarbeit, die sich im Verschweigen üben würde, wäre ein Widerspruch in sich selbst", entgegnete Landesbischof Johannes Friedrich. Es gehöre zum Leitbild einer "offenen und deutlichen, aufgeschlossenen und verlässlich dem Glauben und dem Leben dienenden Kirche", ehrlich und sachgemäß Journalisten zu informieren. "Kirche muss jetzt ihr Kirchesein darin zeigen, dass man nichts vertuscht, dass man mit nichts hinter dem Berg hält, dass man die Verfehlungen benennt und auch Konsequenzen daraus zieht", betonte Friedrich in einem Interview.
Ähnlich sieht es der Präsident der bayerischen Landessynode, Dieter Haack. "Eine offene Informationspolitik ist ein Teil der Glaubwürdigkeit kirchlichen Handelns." Für den früheren Bundesbauminister sind unbequeme Wahrheiten nicht "absolut schädlich". Im Gegenteil: "Durch die Art und Weise, wie die Kirche mit Negativem umgeht, kann neues Vertrauen und neue Glaubwürdigkeit wachsen." Offen über Verfehlungen zu reden, schaffe mehr Vertrauen als sie geheimzuhalten. Je früher solche Vorgänge bekannt würden, desto besser sei es. "Es darf nicht der Eindruck entstehen, nur auf Druck der Öffentlichkeit zu handeln", mahnt der Synodalpräsident.

Nachteile in Kauf nehmen

Offensiv zu informieren hat allerdings auch eine Kehrseite. Friedrich und Haack zufolge können bei manchen die negativen Schlagzeilen das Bild von Kirche bestimmen. Der Landesbischof bat deshalb darum, "das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten" und nicht das "ganze Bild von Kirche von diesen schlimmen Erfahrungen her zu erklären". Für den Synodalpräsidenten müssen auch solche Nachteile in Kauf genommen werden. Denn er ist sich sicher: "Offenheit wird sich im Endergebnis als die bessere Linie durchsetzen."

Schwarze Schafe?

Dem Pressesprecher der Landeskirche, Dieter Breit, zufolge, ist die Zahl der schwarzen Schafe unter den 2.800 Pfarrerinnen und Pfarrern in Bayern "verschwindend gering". Breit schätzt, dass es in den letzten sieben Jahren zwischen fünf und zehn Fälle von schwerwiegenden Verfehlungen gegeben hat, die strafrechtlich geahndet wurden oder wo der Staatsanwalt tätig wurde.

Günter Saalfrank


Schreie, die gehört werden.

"Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien." Psalm 34, 16

Andacht 13Ehe ein Mensch richtig schreit, muss viel passiert und zusammengekommen sein. Normalerweise nehmen wir uns zusammen. Wir beherrschen unsere Gefühle, versuchen es wenigstens. Denn einem Unbefugten gestatten wir es nicht, uns ins Herz und in die Seele zu schauen. Wenigstens der innerste Bereich unseres Lebens soll von zudringlichen Blicken verschont bleiben. Eintritt gewähren wir hier nur jemandem, dem wir vertrauen, bei dem wir uns mit unseren Gedanken und Gefühlen gut aufgehoben und wohl behütet wissen. Und weil das beileibe nicht immer und überall der Fall ist, deshalb nehmen wir uns in der Regel zusammen, so gut es eben geht.
Doch es kann auch anders kommen. Es kann auch so kommen, dass unsere Kraft zum Zusammenhalten nicht mehr ausreicht. Und dann ist es so, als brächen alle die Dämme, hinter denen wir in Deckung gegangen sind. Lange Zeit, vielleicht ein ganzes Leben lang, mögen sie gehalten haben. Doch nun reicht ihr Widerstand nicht mehr hin. Das übermächtige Innere verschafft sich Luft, es verschafft sich dadurch Luft, dass es ausbricht.
Der Schrei eines Menschen ist ein solcher Gefühlsausbruch. Durch ihn gelangt das nach außen, was wir normalerweise bei uns behalten. Wann und zu welchen Anlässen Menschen schreien, das wissen wir. Das ist uns aus eigener Erfahrung - mehr oder weniger - bekannt: Menschen schreien vor lauter Empörung, Wut und Zorn; sie schreien aus Angst und Verzweiflung, sie schreien auch aus dem Gefühl der Freude, des Glücks, der Lust; sie schreien nicht minder wegen ihrer Schmerzen, sie schreien in höchster Not. Alles Situationen, in denen wir mit einem Gefühl nur noch dadurch umgehen können, dass wir es nicht mehr beherrschen wollen - wir lassen uns "gehen". Ein jeder Schrei ist ein Ruf, ein besonders eindringlicher Ruf, der Gehör finden will. Gehör finden - das wollen wir im Grunde mit jedem Wort. Wie wohltuend, wenn ein anderer wirklich zuhört und mir signalisiert: Ich habe dich verstanden! Und umgekehrt: Wie kränkend, wenn ich umsonst geredet habe und nichts zurückkommt. Wir reden, weil wir gehört werden wollen. Für den Schrei gilt das im doppelten Maße. Er ist ein durchdringender Ruf nach Hilfe. Er birgt in sich die Hoffnung, es möge jemand da sein, der's hört. Die Welt ist voll von solchen Schreien: lauten, leisen, stummen. Wer hört sie?
Wir haben Grund zu der Hoffnung, dass sie alle gehört werden, dass kein einziger Ruf der Verzweiflung auf dieser Erde ungehört verhallt. Gott zumindest hat ein Ohr für sie; er merkt auf sie alle. Die Beter der Psalmen haben es erfahren. Sie geben uns die Worte, die wir Gott gleichsam ins Ohr "brüllen" dürfen. Bei ihm sind sie gut aufgehoben. So wie sich auch Jesus Christus bei Gott aufgehoben wissen durfte. Das Matthäusevangelium erzählt, dass Christus am Kreuz mehrfach "laut schrie". Es ist ein kleiner, es ist vielleicht der letzte Rest von Freiheit, der einem Menschen verbleibt, wenn er in einen Schrei ausbricht. Christus schenkt uns diese Freiheit. Mitunter schrumpft die ganze christliche Freiheit auf einen solchen Schrei zusammen, mit dem wir loswerden können, was uns bedrückt. "Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten / und seine Ohren auf ihr Schreien."

Pfarrer Dr. Michael Kuch,
Bad Alexandersbad

Wir beten:
Herr, deine Liebe übersieht keinen, keinen Verbitterten, keinen Enttäuschten, keinen Verletzten - keinen von uns. Herr, deine Achtsamkeit überhört keinen, keinen Stummen, keinen Einsamen, keinen Zweifelnden - keinen von uns. Wir danken dir, Gott, dass du uns gnädig hörst und liebevoll anschaust. Verleihe uns wache Sinne für unseren Nächsten, lass uns füreinander dasein. Amen.

Lied 381: Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

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