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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet. (Heft 12)

"Die Familie ist kein Auslaufmodell"

Sonntagsblatt-Interview mit Synodalpräsident Dieter Haack

Thema 09 Seit zehn Jahren steht er an der Spitze der bayerischen Landessynode: Dr. Dieter Haack. Der frühere Bundesbauminister gilt in der Landeskirche als Mann der klaren Worte und im Kirchenparlament als integrierende Persönlichkeit. Mit ihm sprach in Rothenburg Sonntagsblatt-Chefredakteur Günter Saalfrank.

Sonntagsblatt:
Die Münchner Finanzaffäre hat zu einem erheblichen Vertrauensverlust geführt. Wie kann die Kirche wieder Vertrauen gewinnen?

Haack:
Aus den Fehlern muss gelernt werden. Das heißt vor allem, das Rechnungsprüfungsamt ernster zu nehmen als bisher. Dort, wo es Dinge kritisiert, muss den Prüfungsvermerken in Zukunft konsequent nachgegangen werden. Wo dies geschieht, können Fehler der Vergangenheit vermieden werden.

Sonntagsblatt:
Es wurden erste Konsequenzen aus der Affäre gezogen. Dekan Ruhwandl verlässt München. Wie beurteilen Sie die bisherigen Konsequenzen?

Haack:
Von Anfang an war klar, dass in einem solchen Fall auch personelle Konsquenzen gezogen werden müssen. Sie können aber immer nur ein Teil der gesamten Folgen sein. Der Münchner Dekan war besonders im Mittelpunkt der Kritik gestanden. Nachdem er die Stelle wechselt, ist ein Neuanfang in München wichtig. Einer allein jedoch kann dies nicht schaffen, sondern alle Münchner Gremien müssen aus der Vergangenheit lernen.

Unbelastet zusammenarbeiten

Sonntagsblatt:
Sie haben sich als Anwalt der Kirchensteuerzahler verstanden und personell einen Neuanfang gefordert. Kritiker haben Ihnen vorgeworfen, es wäre besser gewesen, nicht via Medien übereinander zu reden, sondern das direkte Gespräch zu suchen.

Haack:
Es ist immer richtig, das direkte Gespräch zu führen. Es gibt aber auch gewisse Situationen, wo man konkret gefragt ist und wo man konkret antworten muss. Ich hielt es im vorliegenden Fall auch für verantwortbar. Wichtig ist, dass auf allen Ebenen wieder Vertrauen geschaffen wird. Es darf aus dieser Affäre nichts nachbleiben, was die Zusammenarbeit der kirchenleitenden Organe hemmt. Da muss jeder seinen Anteil leisten.

Sonntagsblatt:
So wichtig die Konsequenzen aus der Affäre sind, so mehren sich inzwischen auch die Stimmen, die vor einer Überreaktion warnen. Wie sehen Sie denn die Lage?

Haack:
Überreaktion ist grundsätzlich schlecht. Trotz der Schwierigkeiten, die offenbar geworden sind, ist auch Gelassenheit gefragt. In der Affäre sind jedoch strukturelle Probleme sichtbar geworden, über die inZukunft nachgedacht werden muss. Zum Beispiel, ob Pfarrerinnen und Pfarrer, Dekaninnen und Dekane nicht von bestimmten Aufgaben entlastet werden können. Die Aufgabe von Theologen kann nicht vorrangig darin liegen, Dienstaufsicht zu übernehmen und Verwaltungsarbeit zu leisten. Sondern sie liegt hauptsächlich im seelsorgerlichen Bereich.

Keine vorschnellen Regelungen

Sonntagsblatt:
Zum Thema Amtszeitbegrenzung für Pfarrerinnen und Pfarrer, das die Synode bei ihrer Herbsttagung beschäftigen wird. Nach einer Sonntagsblatt-Umfrage haben sich rund 80 Prozent der Teilnehmer gegen eine solche Begrenzung ausgesprochen. Überrascht Sie ein solch deutliches Votum?

Haack:
Nicht unbedingt. Die Frage ist aktuell geworden, weil bei der letzten Synode die Amtszeitbegrenzung für den Landesbischof und die Oberkirchenräte beschlossen wurde. Bei der Debatte über eine Befristung für Dekane kamen Pfarrer insgesamt in den Blick. Die Diskussion der letzten Wochen hat gezeigt, hier nichts übers Knie zu brechen. In Ruhe sollte über die Fragen weiter nachgedacht werden. Die Einwendungen vor allem aus den Pfarrfamilien sind ernst zu nehmen. Wenn sich die Landessynode bei ihrer Frühjahrstagung mit dem Thema Familie beschäftigt, so darf dies nicht Theorie bleiben, sondern muss Auswirkungen auf alle Bereiche haben, auch auf diePfarrfamilien.

Sonntagsblatt:
Welche Regelung streben Sie an?

Haack:
Es müssen einerseits die Interessen der Betroffenen berücksichtigt werden. Andererseits sollte der Gedanke wieder stärker ins Bewusstsein kommen, dass grundsätzlich ein Wechsel nach einer bestimmten Zeit sinnvoll ist. Das darf aber nicht zu unzumutbaren Problemen bei den Betroffenen führen.

Sonntagsblatt:
Bei der nächsten Synode steht das Thema Familie im Mittelpunkt. Was kann die Landessynode tun, um die Rolle von Müttern, Vätern und Kindern zu stärken?

Haack:
Deutlich werden soll, dass die Familie kein Auslaufmodell ist. So hat die herkömmliche Familie nach wie vor ihre Bedeutung. Auch als Grundlage für die Gesellschaft. Auf der anderen Seite dürfen die Augen nicht vor neuen Formen wie den allein Erziehenden verschlossen werden. Wichtig ist bei allem, das Interesse und Wohl der Kinder im Blick zu haben. Bei der Diskussion über das Thema soll auch überlegt werden, was im Bereich der Kirchengemeinden und kirchlichen Bildungseinrichtungen getan werden kann, um den Rang der Familie zu unterstreichen.

Wohl der Familie im Blick

Sonntagsblatt:
Wo kann denn die Kirche familienfreundlicher werden?

Haack:
Zum Beispiel beim Gottesdienst. Hier wird für Kinder noch nicht das getan, was notwendig wäre, etwa eine Kinderbetreuung oder ein parallel stattfindender Kindergottesdienst. Junge Familien mit Kindern sollen die Möglichkeit haben, am Sonntagvormittag in den Gottesdienst zu gehen. Als Kirche müssen wir deutlich machen: Uns geht es um das Wohl der Familie.

Sonntagsblatt:
Sie haben von neuen Formen der Familie gesprochen. Inwieweit ist damit zu rechnen, dass die Synode auch gleichgeschlechtliche Formen anerkennt?

Haack:
Das ist bei der Frühjahrstagung kein Thema. Hier geht es vorrangig um das Wohl der Kinder und der Familien. Zum Beispiel auch um mehr Teilzeitbeschäftigung und flexiblere Arbeitszeiten.

Sonntagsblatt:
Wie kann das konkret geschehen?

Haack:
Wichtig ist, dem Staat und der Wirtschaft gegenüber immer wieder eine Gesellschaftsordnung anzumahnen, wo Kinder ihren entsprechenden Rang haben. Erschütternd ist, dass in Deutschland zwei Drittel der Frauen kein oder nur noch ein Kind zur Welt bringt. Es muss wieder für die Mehr-Kinder-Familie geworben werden. Die Kirche hat hier in der Vergangenheit nicht das getan, was notwendig ist.

Sonntagsblatt:
Was wäre denn notwendig gewesen?

Haack:
Immer wieder auf die Bedeutung der Familie als Grundlage menschlichen und gesellschaftlichen Lebens hinzuweisen. Und die politisch Verantwortlichen anzumahnen, mehr für diesen Personenkreis zu tun. Die Familienpolitik ist ein Bereich, wo sich die Kirche immer wieder einmischen sollte.


Gott - ein verschmähter Liebhaber!?

Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben... Warum hat der Weinberg denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des Herrn Zebaoth Weinberg ist aber das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.
Jesaja 5, 1-7

Weinlesefest in Jerusalem. Laube ist an Laube gebaut. Überall drängen sich die Menschen, denn ganz Jerusalem und Juda ist auf den Beinen, um zu feiern. Es herrscht eine fröhliche Stimmung.

Bild zur Andacht Bei solchen Festen waren Volkssänger, die allerlei Lieder und Sprüche zum Besten gaben, gern gesehene Gäste. Als Sänger erscheint Jesaja auf dem Fest und singt den Leuten ein Liebeslied vor, wie jeder sofort erkannte. Denn der Weinberg als Bild für die Geliebte oder Braut war in Israel wohl bekannt. Doch es ist das Lied einer enttäuschten Liebe. Alles hatte jener Freund für die Geliebte getan. Sie wird ihm allerdings untreu und gibt ihm den Laufpass. Was sollte er nun mit ihr tun?

"Ihr Bürger von Jerusalem, richtet selbst!" Diese Aufforderung passt nicht zu einem Liebeslied. Erst recht nicht die Androhung des Gerichts. Plötzlich merken die Zuhörer, dass es nicht mehr um eine alltägliche zwischenmenschliche Geschichte geht. Das Bild vom Weinberg bekommt eine andere Bedeutung, die in Israel genau so bekannt war: Der Weinberg als Gleichnis für das auserwählte Volk Gottes. Gott liebt sein Volk leidenschaftlich, umsorgt es und tut alles für die Seinen. Doch am Ende steht er als verschmähter Liebhaber da. Seine Fürsorge und Geschenke nahmen die Israeliten gern entgegen. Doch die Liebe erwiderten sie nicht, die Gott auf jede erdenkliche Weise seinem Volk entgegengebracht hat.

"Was soll man noch mehr tun?" Gott tat alles, damit sie wachsen und gedeihen konnten – und hoffte auf gute Frucht. Doch die Frucht, die er erwartet hatte, ist ausgeblieben. Es kam sogar noch schlimmer: Statt guter Früchte sind lauter schlechte Früchte herangereift: Unrecht und Unterdrückung.

Noch bevor die Zuhörer ihrem Unwillen Luft machen und dem Sänger ins Wort hätten fallen können, lässt Jesaja die "Maske" fallen und schleudert ihnen Gottes Urteil entgegen: "Verwüsten und zerstören!" Gott bekommt einen "heiligen" Zorn, weil es ihm nicht gleichgültig ist, was aus seinem Volk wird. So sollen diese harten Gerichtsworte eine Mahnung zur Umkehr sein. Es ist hart, wie Jesaja das seinen Zuhörern ins Gesicht schleudert. Aber nicht aus gekränkter Eitelkeit geht er mit seinen Landsleuten so scharf ins Gericht, sondern aus besorgter Liebe.

Das Lied des Propheten hat auch uns heute etwas zu sagen. Weil Gott uns nicht wie Marionetten oder Sklaven, sondern mit Würde behandelt, dürfen wir in Freiheit unser Leben und diese Welt gestalten. Aber wie oft haben wir diese Freiheit dazu benutzt, Gott zu enttäuschen und ihn "einen guten alten Mann sein lassen", uns nicht um sein Wort gekümmert? Wieviel schlechte Früchte sind auch in unserem Leben, in unserem Land zu finden?

"Gott sei Dank" waren die harten Gerichtsworte des Jesaja nicht Gottes letztes Wort. "Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben," heißt es in der Bibel (Johannes 3,16). Und an anderer Stelle ist zu lesen: "Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt" (Jesaja 53,5 b).

Sozialpädagogin Angelika Böhm
Diakonisches Werk Feuchtwangen

Wir beten:
Herr, über deine Größe können wir nur staunen. Du gibst uns Menschen Freiheit. Hilf uns, dass wir dein Wort ernst nehmen und zu dir umkehren. Du bist der Weinstock, wir sind die Reben, ohne dich können wir nichts tun. Amen.

Lied 360: Die ganze Welt hast du uns überlassen.

Foto: Wodicka

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