Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 51)

Macht hoch die Tür...

Offene Kirchen - Oasen für die Seele

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Sitzen. Diese Ruhe. Diese Stille. Wie eine andere Welt. Und das, obwohl keine hundert Meter neben mir der Bär tobt - außerhalb der Kirchenmauern. Bis eben war ich selbst mitten drin im Einkaufstrubel, als mein Blick auf die Kirche fiel. Ob sie geöffnet ist? Ob ich mir eine Pause gönne? Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf. Glücklicherweise ist die Kirche offen und ich gratuliere mir zu meiner Idee. Es tut gut, zu sitzen, den Gedanken nachzuhängen und die Menschen um mich herum zu beobachten. Ein schick gekleideter Herr mittleren Alters sitzt andächtig da. Was ihn wohl in die Kirche geführt hat? Eine Weile verharrt er in derselben Haltung. Dann steht er auf, klemmt sich seine Aktenmappe unter den Arm und verlässt im Stechschritt die Kirche. Kurz darauf kommt eine Frau mit Tüten bepackt. Mit ihr fühle ich mich verbunden, vermutlich der Einkaufstüten wegen. Sie lächelt mich an, stellt die Taschen ab, setzt sich und atmet deutlich hörbar auf. Es klingt wie ein Seufzer der Erleichterung. Nach einer Weile steht sie auf und zündet eine Kerze an. Sie schnappt sich ihre Tüten und geht zielstrebig Richtung Ausgang - nicht ohne mir nochmals zuzulächeln.

Viele Touristen

Es tummeln sich auch etliche Touristen in der Kirche. Sie laufen durch den Raum, flüstern und bewundern Bilder, Statuen oder den Altar. Meistens wenn ich eine Kirche nicht zum Gottesdienst besuche, geht es mir wie den Touristen: Ich will sie mir ansehen. Heute ist das anders. Mir geht es nicht um Kunstwerke, nicht um Kultur und Bildung. Gott ist es, den ich suche. Und finde. Ich sitze da und kann es kaum fassen, wie nahe ich mich meinem Herrgott fühle. Eben haben mich noch Weihnachtsgeschenke, ein weißer Rolli und der Christkindlesmarkt in Beschlag genommen. Jetzt ist das alles zweitranging. Unwichtig geradezu. Das genieße ich. Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf und unwillkürlich beginne ich zu beten. Ich denke an meinen Opa. An meine Arbeit. An die Freundin, die auf einen Befund wartet und hofft, dass sie keinen Krebs hat. Über alles, was mir in den Sinn kommt, rede ich mit Gott. Draußen spielen Posaunen Weihnachtslieder. Das passt prima. Ich wundere mich, dass ich nicht friere, denn warm ist es hier nicht.

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Das tut gut: Sich beim Einkaufsbummel zwischen vielen Erledigungen einfach mal einige ruhige Minuten in einer Kirche zu gönnen.
   

Die Minuten verstreichen und ich genieße die Zeit in der Kirche. Mein Blick fällt auf zwei Mädchen, die mit Einkaufstaschen in der Hand durch die Kirche schlendern. Die beiden beeindrucken mich. Am liebsten würde ich sie fragen, was sie in diese Kirche führt. Aber der Drang, für mich zu sein, ist stärker und ich erfahre es nicht. Mir fallen drei ältere Herrschaften auf, die sich auf eine Kirchenbank setzen und - ich traue meinen Augen kaum - Lebkuchen auspacken und fröhlich plaudernd essen. Doch ihr Glück währt nicht lange. Gleich kommt ein Herr, der sie freundlich bittet, nicht in der Kirche zu essen. Brav packen die Männer und Frauen die Leckereien wieder weg.

Eine Kerze anzünden

Dann kommt eine Durchsage - gleich gibt es eine kostenlose Führung. Es kommt Bewegung in die Kirche. Nein, eine Führung möchte ich jetzt nicht haben. Mir wird es zu unruhig. Aber ich will unbedingt noch eine Kerze anzünden. Ich kann nicht genau sagen, warum es mir so wichtig ist. Es ist wohl das Gefühl, dass ich damit mein Gebet, mein Amen noch bekräftige, indem ich eine Kerze brennen lasse. Dann verlasse ich die Kirche - anders als ich sie betreten habe. Friedlicher und zufriedener.

Geöffnete Gotteshäuser kommen an

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Abschalten, zur Ruhe kommen, beten und eine Kerze anzünden. Fotos: kil
   

"Wir haben mit unseren Kirchenräumen einen großen Schatz", sagte Landesbischof Johannes Friedrich, als im Jahr 2003 das Thema "offene Kirchen" diskutiert wurde. Er sprach sich dafür aus, Gotteshäuser tagsüber für Besucher zu öffnen und forderte Kirchengemeinden auf, ihre Kirche zugänglich zu machen. Eine Umfrage aus dem Jahr 2003 ergab, dass in Bayern zwischen 40 und 50 Prozent der evangelischen Kirchen täglich - meist mindestens sieben Stunden - zugänglich sind. Knapp 80 Prozent der Gemeinden haben ausschließlich positive Erfahrungen mit ihrer offenen Kirche gemacht und 86 Prozent der Gemeinden sprechen von einer sehr hohen Besucherzahl. Der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern sind geöffnete Kirchen ein wichtiges Anliegen. Das zeigt eine im nächsten Jahr geplante Aktion: Unter dem Motto "Unsere Kirche ist offen - bitte treten Sie ein" sollen Gemeinden ermutigt werden, ihre Gotteshäuser zu öffnen. Karin Ilgenfritz

 

 


 

Die Spuren der Engel im Leben entdecken

In sechsten Monat ward der Engel Gabriel gesandt von Gott in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth.

Lukas 1, 26

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Wir leben in einem Kraftfeld unsichtbarer Kräfte und Mächte, die kräftiger und mächtiger wirken als das, was Menschen messen und registrieren können. Foto: Kusch

Als ich noch ein kleiner Pfarrersbub war, durfte ich jedes Jahr im Krankenhaus meiner Heimatstadt einen Engel spielen. Angetan mit einem langen weißen Nachthemd, mit Kneippsandalen und großen goldenen Flügeln aus Pappdeckel zog ich mit einer Kerze in der Hand von Station zu Station und sagte mein Sprüchlein. Ich glaube, dass sich die Patienten über meine Engelserscheinung gefreut haben. Aber was sie sich von den wirklichen Engeln dachten, weiß ich natürlich nicht. In der Adventszeit und an Weihnachten hatten die Engel schon immer Hochsaison. Aber vor einigen Jahren sind sie in Misskredit geraten. Selbst Theologen wagten nicht mehr von ihnen zu reden. In einer aufgeklärten Welt, in der nicht sein kann, was nicht sein darf, haben sie sich verflogen. Aufgeklärt sehen wir trotzdem nicht klarer. In der Moderne ist es nicht nur kühler, sondern kälter geworden.

Jetzt scheinen sich die Zeiten wieder zu ändern. Die Engel werden wieder heimisch unter uns. Sie seien das Kultobjekt der Jahrtausendwende, verkünden die Trendforscher. Da halte ich es lieber mit den Kindern aus der Sendung "Dingsda". Dort verkündete Kindermund kürzlich viel besser als Forschermund: "Sie haben recht viel zu tun, die Engel, und schwitzen vor lauter Arbeit. Sie müssen Gott preisen, natürlich, aber dann schweben sie von oben nach unten, um die Menschen zu beschützen, sonst geht's ihnen schlecht." In der Tat, sie haben einiges zu tun mit uns und für uns Bengel, die Engel.

Ich weiß nicht, was Sie von den Engeln halten. Ich halte viel von ihnen. Wenn ich an sie denke, wird es mir warm ums Herz. Ich entdecke die Spuren der Engel in meinem Leben. Viele Schutzengel waren um mich bei einer lebensgefährlichen Operation, bei einem schweren Autounfall. An meinem Auto habe ich einen Aufkleber, der mich mahnt: "Fahr nicht schneller als dein Schutzengel fliegen kann." Ich schäme mich nicht meines Kinderglaubens, den ich meiner Mutter verdanke. Sie hat mit mir gebetet: "Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein." So wurde in meine Kinderseele Vertrauen eingepflanzt, das mich heute als Erwachsenen noch trägt. Ich denke mir, dass wir in einem Kraftfeld unsichtbarer Kräfte und Mächte leben, die kräftiger und mächtiger wirken als die Kräfte und Mächte, die wir messen und registrieren können. Sie können uns bei Tag wachend und im Schlaf träumend überraschende Ideen und eine neue Sicht der Dinge vermitteln. Sie geben Kraft und Halt. Sie eröffnen Grenzen zwischen Himmel und Erde. Dietrich Bonhoeffer hat wohl auch an die Engel gedacht, als er im Konzentrationslager die Verse schrieb: "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag." Von guten Mächten selbst geborgen werden wir ermutigt, zum Engel in Menschengestalt zu werden. Der französische Philosoph Jean Paul Sartre hat einmal gemeint, die Hölle seien die anderen. Da hat er gar nicht so Unrecht. Wir erleben und erleiden, dass die Hölle und der Teufel los sind. Der Himmel auf Erden ist weit weg, die Hölle auf Erden ist ganz nah. Wir verstehen es meisterhaft, uns untereinander zu verteufeln und uns das Leben zur Hölle zu machen.

Dabei brauchen wir gar kein großes Höllenfeuer zu schüren, es genügen schon die kleinen alltäglichen Bosheiten, mit denen wir uns gegenseitig piesacken. Es wäre viel schöner in unserer Welt, wenn einer dem anderen zum Engel in Menschengestalt würde, damit etwas weniger Hölle und etwas mehr Himmel auf Erden wird. Viele Menschen unter uns warten auf einen guten Engel, auf einen, von dem man sagen kann: Er ist ein Engel von Mensch. Es gibt viele Gelegenheiten, wo wir liebevolle Engelsdienste leisten können nicht nur in der Advents- und Weihnachtszeit.

Oberkirchenrat Theodor Glaser

Gebet und Lied 445, Vers 7: Deinen Engel zu mir sende, der des bösen Feindes Macht, List und Anschlag von mir wende und mich halt in guter Acht, der auch endlich mich zur Ruh trage nach dem Himmel zu.

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