Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 49)

Soziale Großmacht: Diakonie

Vom Rettungshaus zum Sozialunternehmen

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1.200 Kontakte musste der Elektriker legen. So viele waren nötig, damit am Ende 4.000 Lämpchen leuchten (oben). "Überall, wo so ein Lämpchen leuchtet, gibt es eine Einrichtung der Diakonie", erklärt Rainhard Riepertinger vom Haus der Bayerischen Geschichte. Die Ausstellung informiert über die Arbeit der Diakonie im Wandel der Zeit.
   

Das Ergebnis war erschreckend: Eine Umfrage im Jahr 2003 ergab, dass relativ viele Menschen mit Diakonie oder Caritas wenig anfangen konnten. Über die Größe und Bedeutung beider Einrichtungen wussten die Befragten noch weniger Bescheid. Immerhin hat die Diakonie in Deutschland rund 400.000 Beschäftigte. In Bayern sind es 40.000 und dazu kommen noch einmal so viele ehrenamtlich Mitarbeitende. Da kann man bedenkenlos von einer sozialen Großmacht sprechen.

Eine Ausstellung wirkt dem Unwissen nun entgegen: "Der unbekannte Riese", so der Titel, informiert über die Geschichte und die Arbeit der Diakonie in Bayern. "Der Titel geht auf das Umfrageergebnis zurück", erklärt Rainhard Riepertinger vom Haus der Bayerischen Geschichte. Gemeinsam mit der Diakonie Neuendettelsau und dem Diakonischen Werk Bayerns wurde die Wanderausstellung entwickelt, die nun mindestens ein Jahr lang durch Bayern reist.
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Eine Diakonisse bei einem Hausbesuch.
   

Viele Wurzeln

"Es gibt kein konkretes Gründungsdatum der Diakonie", erläutert Rainhard Riepertinger, Leiter des Referats Ausstellung beim Haus der Bayerischen Geschichte (Augsburg). Oft waren es Einzelpersonen wie ein Schuhmacher, der im Hinterzimmer mit vier Kindern eine "Arme-Töchter-Anstalt" gründete. Außerdem entstanden einzelne Vereine, die dann ein Rettungshaus gründeten. "Begonnen hat das alles in den 1820er Jahren mit dem Zusammenbruch der Klöster und dem Beginn der Industrialisierung", so Rainhard Riepertinger. Gründerpersönlichkeiten wie Wilhelm Löhe (1808-1872) und Johann Hinrich Wichern (1808-1881) sahen soziales und materielles Elend als Folge der Entchristlichung durch die Industrialisierung. Sie sahen die so-ziale Not, der sie Abhilfe schaffen wollten. Gleichzeitig war es von Anfang an auch das Ziel, die Menschen wieder für Gott zu gewinnen - im eigenen Land zu missionieren. Der Begriff "Innere Mission" war geboren. Übrigens geht das Zeichen der Diakonie, das sogenannte Kronenkreuz, auf die Innere Mission zurück: Es ist aus den Buchstaben "I" und "M" entstanden. Diakonissen waren bis vor einigen Jahren der Inbegriff für Diakonie. "Mein Lohn ist, dass ich darf", so ihr Motto. Für ein geringes Taschengeld arbeiteten sie in sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern oder Kinderheimen. Das Diakonissenmutterhaus in Neuendettelsau wurde 1854 gegründet, das in Augsburg ein Jahr später. Heute gibt es zwar noch Diakonissen, aber es sind nur wenige.
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Mit der Diakonie eng verbunden ist die Entstehung des Adventsbaumes und Adventskranzes. Sie gehen auf Wichern und Löhe zurück, die damit ihren Schützlingen die Zeit des Wartens auf Weihnachten kurzweiliger gestalten wollten, erklärt Riepertinger.
   

Im Grunde waren die Diakonissen ihrer damaligen Zeit voraus: Sie bekamen eine Ausbildung, was für Frauen nicht unbedingt üblich war. Und sie sorgten dafür, dass Mädchen eine Schulbildung erhielten und boten Ausbildungsmöglichkeiten an.

Finsteres Kapitel

Die Austellung zeigt, wie sich die Innere Mission und die Diakonie entwickelte - auch dem finsteren Kapitel im Zweiten Weltkrieg widmet sie sich. Die Nationalsozialisten wurden von der Diakonie begrüßt, ist da auf einer Stellwand zu lesen. 200.000 behinderte Menschen wurden von den Nazis aus Heimen abtransportiert und ermordet. In Neuendettelsau waren es 839 Menschen, das entsprach der Hälfte der Heimbewohner. Die Diakonie-Oberen brachten den Mut zum öffentlichen Protest nicht auf und bemerkten erst spät, dass es das Ziel des Nazi-Regimes war, die Innere Mission aufzulösen.

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Fotos: kil
   

Doch, wie umstritten die Rolle der Diakonie in der Nazi-Zeit auch gewesen sein mag, glücklicherweise hat die Diakonie überlebt und ist heute aus dem weiten Bereich der sozialen Arbeit nicht mehr weg zu denken. Die Arbeitsfelder reichen von Kinderheimen, Kindergärten, Arbeit mit behinderten Menschen, über verschiedenste Ausbildungsmöglichkeiten bis hin zur Seniorenarbeit, Krankenpflege und Arbeit mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen wie Obdachlose oder Suchtkranke.

Die Ausstellung gibt einen guten Einblick sowohl in die Geschichte der Diakonie als auch in ihre heutige Arbeit. Neben vielen Bildern und Texten hat der Besucher auch die Möglichkeit, sich anzuhören, was Diakone und Diakoninnen über ihre Arbeit sagen. Beeindruckend ist ein Hörbeispiel einer älteren Diakonisse zur Zukunft der Diakonie: "Diakonie geht weiter, auch ohne Haube und Tracht."

Karin Ilgenfritz

Information:
Die Ausstellung beginnt bei der Diakonie Neuendettelsau, die dieses Jahr ihr 150. Gründungsjahr feiert. Bis zum 20. Februar ist die Ausstellung im Luthersaal zu besichtigen, täglich von 9 bis 16 Uhr, donnerstags bis 18 Uhr (Informationen unter Telefon: 09874/80). Ende Februar kommt die Ausstellung nach Kempten, Anfang April nach München, anschließend nach Rummelsberg, Schweinfurt, Landshut und Augsburg.

 

 


 

Zeugnis für alle Völker

Und Jesus ging aus dem Tempel fort und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde. Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?

Matthäus 24, 1-3

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Die Klagemauer in Israel ist der verbliebene Rest des Tempels, der 70 nach Christus durch die Römer zerstört wurde. Foto: Wodicka

Eigentlich hatten die Jünger mit Jesus über das Tempelgebäude in Jerusalem sprechen wollen. Aber nun geht ihr Gespräch auf einmal in eine ganz andere Richtung. Jesu Bemerkung von der kommenden Zerstörung des Tempels hatte ihr Staunen jäh beendet. "Wann wird das mit der Tempelzerstörung geschehen?", so fragen sie, und man spürt ihrer Frage an, wie tief sie betroffen sind. Was werden die Signale für das Ende der Welt und damit auch die Signale für Jesu Kommen, für seinen Advent am Ende der Tage sein?

Wahrscheinlich haben sich die Jünger eine andere Antwort von Jesus auf ihre Frage erhofft. Vielleicht haben sie sich gewünscht, dass die Signale seines Kommens in einer fortschreitenden Verbesserung der Weltlage oder in zunehmendem Einfluss der Gläubigen bestehen möchten. Aber Jesus nennt ganz andere Signale. Er sagt: Sein Einfluss, ja sein ganzes Wirken wird in Frage gestellt werden. Imponierende Gestalten werden aufstehen und sich der Welt - an seiner Stelle - als Retter anbieten. Die Jünger dagegen müssen sich auf Ablehnung und Verfolgung gefasst machen. Außerdem wird es auf dem ganzen Erdenrund immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen und zu Naturkatastrophen kommen. Gute menschliche Beziehungen werden immer seltener werden.

Jesus muss wohl gespürt haben, wie die Jünger über diese Adventssignale erschraken. Denn er fügt zu seinen Worten noch den Hinweis: "Wer bis ans Ende beharrt, der wird selig werden." Auf den künftigen Wegstrecken, die Jesu Jünger und Jüngerinnen zu durchschreiten haben, werden sie sich oft fragen: Hat es noch Sinn, sich zu Jesus Christus zu bekennen? Führt der Glaube an ihn nicht in eine Sackgasse? In solchen Stunden der Anfechtung werden sie merken, dass zum Christsein nicht nur Begeisterungsfähigkeit gehört, sondern auch Treue und Standhaftigkeit. Doch dann nennt Jesus noch ein ganz anderes Adventssignal. Es ist ein Signal, das viel leiser in dieser Welt ertönen wird als Nachrichten von Bedrängnissen und Erschütterungen:
"Es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker." Die Verkündigung des Evangeliums ist das Adventssignal, das Jesus selbst in den Lauf der Weltgeschichte hinein setzt. An der Art, wie er von diesem Signal spricht, merkt man, dass er selbst für das Bleiben dieses Signals einstehen wird. Er steht dafür ein, dass in dieser Welt das Evangelium verkündigt wird "zum Zeugnis für alle Völker." Natürlich werden es Menschen sein, die dies Zeugnis weitergeben. Aber Jesus selber wird dieses Signal seines Kommens, dieses leise und doch nie mehr verstummende Adventssignal, in Gang halten. "Es wird gepredigt werden" - das hat er den Jüngern versprochen. Und in dieser Predigt des Evangeliums wird er selber für uns gegenwärtig sein.

Friedrich E. Walther, Neuendettelsau

Gebet: Herr Jesus Christus, wir halten in diesen Tagen neu Ausschau nach Dir und Deinem Kommen. Lass uns angesichts aller Weltnöte nicht irre werden an Dir. Mach uns treu und beständig. Sammle deine Gemeinde aus allen Völkern und vollende, was Du begonnen hast. Amen.

Lied 20: Das Volk, das noch im Finstern wandelt - bald sieht es Licht.

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