Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 46)

Gefallen in Gottes Hand

Das Anliegen des Volkstrauertages hat auch in der Kirche einen Platz

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Erinnerung an die Kriegsopfer in der Kirche: Das Denkmal mit dem auferstandenen Christus stammt von dem Würzburger Bildhauer Heinz Schiestl. Foto: privat
   

Ein Novemberabend: Im Chorraum der Kirche ist es dunkel geworden. Die Mädchen und Jungen der Konfirmandengruppe haben die Osterkerze angezündet. Sie schauen auf eine große Tafel an der Wand. Dort schimmern goldene Namenszüge, weit über hundert. "Den Opfern des Krieges 1914-18" steht darüber eingemeißelt. Dazu ein Eisernes Kreuz und das Bibelwort: "Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Brüder." Für die Toten des Zweiten Weltkrieges gibt es in der Kirche keinen Gedenkstein. Weil es zu viele sind? Die gefallenen Soldaten, die in den Vernichtungslagern umgebrachten jüdischen Mitbürger, die beim Luftangriff ums Leben Gekommenen. Damals wurde auch die Kirche von Bomben getroffen. Die Dreizehnjährigen denken darüber nach, was Krieg bedeutet. Welche Folgen Vorurteile und Hass haben. Und das nicht nur in vergangener Zeit. Sie machen sich Gedanken, was das Wort Opfer bedeutet. Auch darüber, ob man mit dem Kreuzestod von Jesus das Sterben im Krieg rechtfertigen kann. Ihr Blick geht noch öfter auf die Tafel. Es ist gut, dass sie in der Kirche ihren Platz hat.

Eine lange Tradition

Im Monat November wird das Gedenken an die Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft gepflegt. Dabei hat der Volkstrauertag am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres die längste Tradition. Seit 1952 wird er an diesem Datum begangen. Doch das Gedenken an gefallene Soldaten geht weiter zurück. Schon für die Toten des Befreiungskrieges im Jahr 1813 gab es in den Kirchen Erinnerungstafeln, von denen manche bis heute erhalten sind. Der bayerische König Ludwig I. ließ in München einen großen Obelisken aufstellen, um die 30.000 Landeskinder zu ehren, die als Verbündete des Kaisers Napoleon in Russland ihr Leben gelassen hatten. Das Nationalgefühl spielte erst recht mit, wenn an die Gefallenen der Kriege von 1866 und 1870/71 ehrend gedacht wurde. Die Tafeln mit ihren Namen fanden meist an den Wänden der Gotteshäuser ihren Platz. Der Sieg gegen Frankreich war im deutschen Kaiserreich Anlass zu Feiern mit militärischem Gepränge, patriotischen Reden und schulfrei am "Sedantag".

Folgen des Ersten Weltkrieges

Der Erste Weltkrieg 1914-1918 kostete 10 Millionen Menschen das Leben und endete für Deutschland mit einer Niederlage. Sie wurde noch bitterer durch den Friedensvertrag von Versailles. Deutschland musste sich - unter Protest - zur alleinigen Kriegsschuld bekennen. Es verlor große Teile seines Staatsgebiets und wurde zu schweren Wiedergutmachungsleistungen gezwungen. Viele Menschen konnten oder wollten sich nicht in diese Verluste fügen. In den Schmerz um die Toten des Krieges mischten sich ein beleidigtes Nationalgefühl und die Hoffnung auf neue Größe. Die Opfer sollten nicht umsonst gebracht sein! Dementsprechend wurde die Erinnerung gepflegt: mit Tafeln in den Kirchen, aber auch mit eigenen Denkmälern in Friedhöfen, auf öffentlichen Plätzen, in Eh-renhallen und -hainen. Fast jeder Ort, ob klein oder groß, schuf seinen Kriegstoten in den 1920er Jahren eine solche Stätte des Gedenkens. Die künstlerische Gestaltung war - auch in ihrer Qualität - sehr unterschiedlich. Neben dem christlichen kamen das Eiserne Kreuz und andere kriegerische Symbole zur Verwendung. Nur selten drückten Künstler wie Käthe Kollwitz und Ernst Barlach die schreckliche Erfahrung des Krieges in gültigen Werken aus.

Eigener Gedenktag

Das Gedenken an die Kriegsopfer wurde zunächst am letzten Sonntag des Kirchenjahres begangen. Als "Totensonntag" war dieses Datum schon lange durch Trauer und christliche Hoffnung geprägt. Anfang der 1920er Jahre schlug der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge einen eigenen Gedenktag vor. Diese Vereinigung kümmert sich bis heute in vorbildlicher Weise um die Soldatenfriedhöfe, auch mit dem Ziel einer Völkerverständigung über den Gräbern. Seit 1926 wurde dann im Deutschen Reich der fünfte Sonntag vor Ostern (Reminiszere) als "Volkstrauertag" festgelegt. Die dazu gehörigen Feiern fanden meist am örtlichen Denkmal statt, mit Ansprachen der Honoratioren unter Teilnahme des Kriegervereins und anderer Gruppen. In der Regel wirkte auch der Pfarrer mit. Als der Nationalsozialismus zur Macht gekommen war, änderte sich die offizielle Einstellung. Das trauernde Gedenken an einen verlorenen Weltkrieg und seine Opfer passte nicht zur Ideologie. Jetzt waren "die Tage der Schmach vorüber" und die "deutsche Ehre wiedergewonnen". Mit Stolz sollte der "herrlichen Männer gedacht werden, die sich im Krieg für das Vaterland in den Tod gegeben hatten". So wurde der Volkstrauertag 1936 in "Heldengedenktag" umbenannt. Die Feier fand noch am gleichen Datum statt, doch ihre Gestaltung lag jetzt in den Händen der Wehrmacht oder der örtlichen Parteistelle. Zur Erinnerung an die Toten des Weltkrieges kam noch das Gedächtnis an die "Gefallenen der Bewegung". Den Kirchengemeinden stand es frei, "im vorausgehenden Gottesdienst der Bedeutung des Tages zu gedenken". Vier Jahre später gab es die Gefallenen eines neuen Krieges zu ehren, der noch schrecklicher als sein Vorgänger werden sollte. Als er sich seinem Ende zuneigte, bekamen nicht nur die Parteistellen besondere Weisungen. Den Pfarrern wurde nahegelegt, "in Dankbarkeit besonders derer zu gedenken, die für Volk und Führer ihr Leben gelassen haben". Doch man solle sich "hüten vor Formulierungen weichmütiger Art, die dazu angetan wären, die da und dort vorhandenen Anwandlungen der Kriegsmüdigkeit zu fördern".

Der Volkstrauertag hat Sinn

Man kann verstehen, dass nach 1945 die Kirchen mit einem offiziellen Gedenktag ihre Probleme hatten. Der 2. Weltkrieg hatte 50 Millionen Menschen das Leben gekostet. Das Wissen um die deutsche Schuld wog schwer. Leid und Elend im Land verlangten stetigen Trost und helfende Begleitung und konnten nicht an einem Datum festgemacht werden. Der Sinn des Kriegsopfers ließ sich nicht mit dem von Jesus am Kreuz in unmittelbare Verbindung bringen. Man nahm die Worte Christi wörtlich ernst, das "Selig sind die Friedfertigen" und "Niemand hat größere Liebe". Es geht um eine göttliche Liebe, die den Menschenschwestern und -brüdern galt und gilt. Ihre Bedeutung darf nicht nach Bedarf auf irdische Muster übertragen werden. Für die Toten der Kriege kann das Gebetswort gelten, das einer geschrieben hat, der später selbst gefallen ist: "Alle, die gefallen in Meer und Land, sind gefallen in deine Hand. Alle, die weinen in dunkler Nacht, sind von deiner Güte bewacht." Die Güte Gottes aber zeigt sich vor allem dort, wo das Liebesgebot Jesu gehört und der Friede als kostbares Gut erkannt und bewahrt wird. Das ist bis heute nicht selbstverständlich. Schon deswegen hat der Volkstrauer- tag einen bleibenden Sinn. Das an ihm gepflegte Gedenken verdient auch in den Kirchen und Gottesdiensten einen Platz.

Christoph Schmerl

 

 


 

Von der Diesseitsvertröstung zur Jenseitshoffnung

Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.

Römer 8,18-23

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Paulus ist überzeugt: Auch die Schöpfung leidet an den Folgen der Vorläufigkeit dieser Welt . Foto: Günter Kusch

"Früher lebten die Menschen kürzer, aber insgesamt länger. Denn früher lebten sie im Durchschnitt 50 Jahre - und dann ewig. Heute hingegen werden sie 80 oder 90 Jahre alt, und das war's dann für immer" (Paul Zulehner). Diese Worte werfen ein Licht auf den heutigen Volkstrauertag. Und sie entsprechen dem, was Paulus meint. Wir erinnern uns heute an die Millionen von toten Soldaten in den großen Kriegen. Wir werden an die Kriege der Gegenwart mit ihren militärischen und zivilen Opfern erinnert.

Bei den Worten von Paulus denke ich auch an die Menschen, die persönliches Leid erleben wie eine schwere Krankheit oder den Verlust eines lieben Menschen. Ich denke an die Christen, die spürbare Nachteile erleben, weil sie zu dem stehen, was sie glauben und an wen sie glauben. Außerdem denke ich an die Schöpfung, die auch an den Folgen der Vorläufigkeit dieser Welt zu leiden hat.

"Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll" (Vers 18 unseres Andachtstextes). Paulus will hier nicht nur eine nüchterne Stellungnahme abgeben. Der Blick auf die Ewigkeit rückt die Dinge gerade. Paulus will das Schmerzhafte dieser Welt nicht wegdiskutieren, sondern er möchte die Verhältnisse ins rechte Lot bringen. Das gilt gerade angesichts der schockierenden Erinnerung an das schreckliche Leid während der beiden Weltkriege. Und es gilt angesichts der Tatsache, dass jeder Blick in Fernsehnachrichten oder Tageszeitung neue Berichte über Leid und Kriege in dieser Welt bringen kann.

Wer sich von dem Blick auf das Leid dieser Welt nicht gefangen nehmen lässt, wird auch nicht hoffnungslos. Wir leben hier auf der Erde in der Spannung von "schon angefangen und noch nicht vollendet". Das drückt sich einerseits darin aus, dass wir von persönlichem Unglück nicht verschont bleiben, dass wir Leid und Kriege miterleben und dass unsere Freude an diesem Leben und an der Schöpfung immer wieder gebrochen werden wird. Andererseits können Christen in solchen Situationen hoffnungsvoll bleiben. Diese Hoffnung ist Jesus Christus, zu dem wir immer wieder aufsehen und sagen können: "Herr ich glaube, hilf meinem Unglauben" (Markus 9, 24). Dies erwächst weder aus oberflächlichem Übermut noch aus Verdrängung der tatsächlichen Probleme, sondern aus tiefer persönlicher Betroffenheit. Wenn wir dann eines Tages das Ergebnis dieser Hoffnung mit eigenen Augen sehen und in der Ewigkeit sind, wird sogar die ganze erlöste Schöpfung Gott loben!

Wolfram Lehmann, Pfarrer in Affalterthal

Gebet: Ewigkeit, in die Zeit leuchte helle herein, dass uns werde klein das Kleine, und das Große groß erscheine; sel'ge Ewigkeit!

Lied 450: Morgenglanz der Ewigkeit.

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