Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 44)

Das Herzstück der Reformation

Luthers Deutsche Bibel - Gottes Wort für alle zugänglich gemacht

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Trägt der biblische Volksheld Josua die Gesichtszüge von Luther als Junker Jörg? Foto: privat
   

Vor zwei Monaten brannte die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. Fünfzigtausend Bücher gingen verloren. Unter Einsatz ihres Lebens retteten der Bibliotheksdirektor und der Einsatzleiter der Feuerwehr ein besonders wertvolles Werk: Die Deutsche Bibel von 1534. Dieses Exemplar von Luthers erster vollständiger Übersetzung des Alten und Neuen Testaments wurde in Wittenberg gedruckt und besonders prächtig ausgestaltet. So sind die Holzschnittbilder mit strahlenden Farben und Gold ausgemalt. Allerdings hatte sich Martin Luther seine Deutsche Bibel nicht als teure Prachtausgabe vorgestellt. Sie war für alle gedacht, die lesen konnten - oder denen die Heilige Schrift in ihrer Muttersprache vorgelesen wurde. Entstanden ist sie, als aus dem Protest des Wittenberger Mönches und Professors gegen den Ablass und andere Missstände eine Erneuerung der Kirche wurde. Die Deutsche Bibel darf als Herzstück der Reformation gelten.

Kräfte zehrende Aufgabe

Auf dem Wormser Reichstag im April 1521 hatte sich Luther vor Kaiser, Fürsten und einer großen Öffentlichkeit zu seiner Sache bekannt. In päpstlichen Bann und Reichsacht getan saß er seitdem in Schutzhaft seines Kurfürsten auf der Wartburg. Freunde forderten ihn auf, das Neue Testament aus der griechischen Ursprache ins Deutsche zu übersetzen. Im Dezember machte er sich an eine Arbeit, wie sie vorher noch niemand gewagt hatte.
"Ich habe eine Aufgabe übernommen, die meine Kräfte übersteigt", bekannte er in einem Brief. Schwierigkeiten machte ihm nicht das Griechische, das er mit seinem Professorenkollegen Philipp Melanchthon eifrig betrieben hatte. Es ging um die deutsche Sprache. Es gab sie je nach Landschaft in verschiedenen Dialekten, die stark voneinander abwichen. Außerdem spielte das Deutsche die Rolle eines Aschenbrödels. Die gelehrte Welt sprach und schrieb Latein. Bürger und Bauern drückten sich in ihrer Muttersprache mehr schlecht als recht aus. Besonders zu schaffen machte ihnen, dass sie dem lateinisch gehaltenen Gottesdienst nicht folgen konnten. Auf Deutsch begegnete die Kirche den Deutschen in der meist vernachlässigten Predigt - und im Beichtstuhl. Für dieses persönliche Gespräch zwischen Priester und Gläubigen hatten sich schon im frühen Mittelalter die religiösen Worte und Begriffe der deutschen Sprache entwickelt, wie Glaube und Gnade, Sünde und Buße, Vergebung und Demut. Im 14. Jahrhundert wurden dann Versuche mit einer Übertragung der lateinischen Bibel ins Deutsche gemacht. Eine erste vollständige Ausgabe erschien 1466 in Straßburg in der neuen Technik des Buchdrucks.
Die frühen deutschen Bibeln litten unter ihrer unbeholfenen, oft nur schwer verständlichen Sprache. Luther machte sich an seinem Schreibtisch auf der Wartburg viele Gedanken über ein angemessenes Deutsch. Schließlich wählte er die Sprache, die bei den kursächsischen Behörden verwendet wurde und im ganzen Reich anerkannt war. Aber dieses "Behördendeutsch" sollte mit Leben erfüllt werden. "Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen und denselben aufs Maul sehen, wie sie reden." So beschrieb Luther Jahre später in einem "Sendbrief vom Dolmetschen" seinen Weg zu einer lebendigen Sprache.

Luther im Schaffensrausch

Innerhalb von zehn Wochen, in einem wahren Schaffensrausch, übersetzte der als Ritter Verkleidete die 27 Bücher des Neuen Testaments und brachte sie im Februar 1522 mit nach Wittenberg, wo ungestüme Neuerer die alten kirchlichen Ordnungen zerstörten. Luther musste Ruhe schaffen. Er fand dann Zeit, seine Übersetzung zusammen mit Freunden zu überprüfen und sie in Druck zu geben. Lukas Cranach steuerte Holzschnitt-Illustrationen zur Offenbarung bei. Im Sommer wurde bei Melchior Lotter auf drei Pressen fieberhaft gearbeitet. Als im September eine Auflage von 3.000 Exemplaren fertiggestellt war, riss man sie den Verkäufern aus den Händen, trotz des Preises von 11/2 Gulden. "Das Neue Testament: Deutsch." - so der Titel - hatte sich als Bestseller erwiesen. Der Name des Übersetzers war nicht genannt, obwohl jeder Bescheid wusste.
Luther plante, das Alte Testament dem Neuen schnell folgen zu lassen. Schon 1523 waren die fünf Bücher Mose, ein Jahr später die Geschichts- und Lehrbücher fertig. Aber dann dauerte es noch ein volles Jahrzehnt, bis die "Bibel in Fortsetzungen" abgeschlossen war. Das hatte seinen Grund vor allem in der Schwierigkeit des hebräischen Textes und der Gewissenhaftigkeit Luthers. Er zog ein Team von fachkundigen Freunden mit bei. Sorgfältig beriet man Sinn und Wortlaut eines jeden Satzes. Im Oktober 1534 waren die zwei Bände der vollständigen Übersetzung der Bibel abgeschlossen. Sie enthielt Vorreden zu den einzelnen Büchern und Worterklärungen am Rand der Seiten. Außer der Offenbarung waren jetzt auch alttestamentliche Geschichten mit Holzschnitten illustriert.
Dem fertigen Werk merkte man die Mühe seiner Entstehung nicht an. Luther hatte das Wort Gottes aus den Ursprachen und ihrer fernen Umwelt ins Deutsche übertragen, dass sich jeder persönlich angesprochen fühlen konnte. Er hasste die "Buchstabilisten", die sklavenhaft den Urtext übertragen, so dass ein flickenhaftes Sprachkleid herauskommt. Der Reformator und seine Freunde arbeiteten ständig an einer Verbesserung der Übersetzung.

Luthers Lehrmeister

Das Sprichwörtliche und Volkstümliche war Luthers Lehrmeister. Dahinter stand die Glaubenskraft eines Mannes, der mit dem Wort Gottes täglich umging. So wurde die im Mittelalter so fremde Bibel ein Glaubens- und Lebensbuch. Es war in Kirchen und Schulen genauso daheim wie an den Fürstenhöfen, in vielen Bürgerhäusern und sogar auf Bauernhöfen. Man nimmt an, dass schon im ersten Jahrhundert etwa 200.000 Exemplare der vollständigen Bibel gedruckt wurden. Viele Generationen lernten an ihr die deutsche Sprache. Kein Buch kam ihnen schöner, vertrauter, aber auch erschütternder vor. Man versteht, dass nach Luthers Tod Jahrhunderte lang am Text nichts verbessert wurde. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts kam es dann zu Anpassungen an die veränderte Umgangssprache.
Die Lutherbibel sollte nicht zum Sprachmuseum werden, sondern weiterhin für Kirche, Schule und Haus brauchbar sein. Eine neue "Revision" war 1975 abgeschlossen, mit dem Ziel, Luthers Bibel "entschlossen und folgerichtig in die Sprachgestalt der zweiten Hälfte des Jahrhunderts umzukleiden". Jetzt verschwanden viele sprichwörtlich gewordene Wendungen und der für Luther typische Rhythmus der Sätze. Doch diese Umgestaltung setzte sich bei den Bibellesern nicht durch. Sie wollten neben den vielen modernen Übersetzungen das vertraute Lutherdeutsch nicht missen. Eine neue Kommission von Sachverständigen machte sich unter dem Motto "Mehr Treue gegenüber Luthers Sprache" an die Arbeit.
1984 lag dann das Ergebnis vor - rechtzeitig zum 450-jährigen Jubiläum der ersten vollständigen Lutherbibel. Heute, nach zwanzig Jahren, lässt sich sagen: Die Bibel der Reformation ist lebendig geblieben.

Christoph Schmerl

 

 


 

Die Freiheit, sich ehrlich in den Blick zu nehmen

Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist.

Römer 3, 22 b-24

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Die Erkenntnis des Paulus wirkt wie ein Blick in den Spiegel: "Es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder." Foto: Wodicka

"Die Jugendlichen aus Deutschland unterscheiden sich in einem Punkt wohltuend von anderen", erzählte ein Bruder aus Taizé, wo sich Jahr für Jahr Zehntausende von jungen Menschen aus aller Welt treffen. "Die meisten Nationen sind überzeugt, dass sie selbst immer auf der richtigen Seite gestanden haben. Das ist bei den Deutschen anders."

Schwarze Flecken gibt es sicher in der Geschichte jedes Volkes. Doch Nationalstolz blendet störende Untaten eher aus: So sehen Franzosen in Napoleon eher den genialen Strategen als den machtbesessenen Eroberer, der ganze Heere opferte. Tschechen reden leichter vom heldenhaften Widerstand gegen das NS-Joch als von den Vertreibungsaktionen danach. Briten erinnern sich lieber an den Glanz des stolzen Empires als an die Zerstörung unterworfener Kulturen. Junge Menschen aus Deutschland scheinen im Blick auf die Vergangenheit ihrer Nation vergleichsweise selbstkritisch und ehrlich zu sein. Woher kommt das? Vielleicht daher, dass ein so furchtbares Desaster wie der von Deutschen angezettelte Zweite Weltkrieg einfach nicht zu leugnen ist? Oder könnte diese Ehrlichkeit auch damit zusammenhängen, dass wir im Land der Reformation leben und seit fünf Jahrhunderten gelernt haben: Es gibt noch einen anderen Weg als das Verdrängen! Zugegeben, eine kühne Vermutung. Aber hat uns nicht Martin Luther mit dem Römerbrief die Augen dafür geöffnet, wie ein ehrlicher und befreiender Umgang mit Schuld aussieht? "Es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder", ist die erfrischend offene Feststellung. Wozu Winkelzüge, um sich selbst in ein günstiges Licht zu setzen? Warum Erklärungen und Ausreden, nur um das Gesicht zu wahren? Es gibt keine Besseren oder Schlechteren. Weder Völker noch Generationen können sich übereinander erheben. Wir sind allesamt Sünder. Zum Glück ist das noch nicht alles. Allein gelassen wäre das Wissen um Schuld schier unerträglich. Doch es gibt einen, der sich mit unter die Last beugt. Auch mit den furchtbarsten Vergehen können wir uns dem Lastträger Christus anvertrauen. Er trägt für uns, was wir nicht tragen können. Wie kann dieses eine Kreuz von damals die Schuld von Generationen fassbar und ertragbar machen? Mit dem Verstand lässt sich das nur schwer ergründen. Wie das Kreuz quer über alle Zeiten hinweg auch heute lösende Wirkung entfalten kann, bleibt das Geheimnis Gottes. Ohne Verdienst gerecht! Erlösung aus schlimmsten Verstrickungen! Unglaublich, aber wahr.

Ein wunderbares Symbol für Wahrheit und Befreiung im Zeichen des Kreuzes leuchtet seit diesem Jahr von der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche. In einem menschenverachtenden Angriff hatten 1945 englische Flieger die von Flüchtlingen überfüllte Stadt Dresden und ihre schönen Kirchen zerstört. Nun fertigte der Sohn eines Bomberpiloten mit Hilfe englischer Spender ein neues Strahlenkreuz. Das Kreuz Jesu als Zeichen der Ehrlichkeit und der Versöhnung zwischen den Völkern. Was für ein passender Schmuck für das Land der Reformation.

Michael Bammessel, Stadtdekan in Nürnberg

Gebet: Christus, was wir auseinandergerissen haben, wird von dir zusammengehalten und versöhnt. Danke, dass uns die Reformation wieder den Blick geöffnet hat für die Wunder deines Kreuzes. Danke, dass wir keine Angst mehr davor haben müssen, ehrlich zu uns zu sein. Amen.

Lied 93: Nun gehören unsere Herzen.

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