Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 41)

Ein Volk - ein Reich - eine Kirche?

Wie der Kirchenkampf in Bayern vor 70 Jahren vor sich ging

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Landesbischof zur Hitlerzeit: D. Hans Meiser. Foto: privat
   

Das muss man sich vorstellen: In das Gebäude des evangelischen Landeskirchenrats in München dringen Polizeibeamte ein, reißen die Türen zu den Büros der Oberkirchenräte auf, treiben die erschreckten Herren ins Sitzungszimmer. Als sie fragen, was das Ganze soll, brüllt eine schneidige Person sie an: "Ich bin hier ihr Vorgesetzter!" Und erklärt sie für des Dienstes enthoben und unter Redeverbot stehend. Geschehen ist dieser Überfall am 11. Oktober 1934. Durchgeführt wurde er von einem "Rechtswalter" namens Jäger und Beamten der politischen Polizei aus Berlin. Veranlasst hatte ihn der "Reichsbischof" Ludwig Müller. Der bayerische Landesbischof D. Hans Meiser, dem die Aktion eigentlich galt, war gerade auf Dienstreise.

Eigener Reichskanzler

Vor 70 Jahren stand der Kirchenkampf auf seiner Höhe. Begonnen hatte er schon früher. Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, erwarteten auch gläubige Christen von ihm den Wiederaufstieg Deutschlands aus einer großen Notlage. Schon 1932 hatte sich eine "Glaubensbewegung Deutsche Christen" zu Wort gemeldet. Ihre Mitglieder, Pfarrer und Laien, verstanden sich als "nationalsozialistische Kämpfer und Erfüller der lutherischen Reformation". Als "Schirmherr" firmierte der Königsberger Militärpfarrer Ludwig Müller. Persönlich mit Adolf Hitler bekannt, wurde er nach dem 30. Januar 1933 zum Vertrauensmann des neuen Reichskanzlers in Sachen der evangelischen Kirche. Hitler lag jeder persönliche Gottesglaube fern.

Als Führer des deutschen Volkes wollte er auch die Kirchen in seine Herrschaft eingliedern. Hinsichtlich des Protestantismus schien dabei eine "Reichskirche" das geeignete Instrument zu sein. Angesichts dieser Lage handelte man im evangelischen Bayern sehr entschlossen. Der 72-jährige Kirchenpräsident Friedrich Veit trat zurück. Eine außerordentliche Landessynode wurde nach Bayreuth einberufen und wählte als Nachfolger den Oberkirchenrat Hans Meiser. Sie verlieh ihm den Titel "Landesbischof" und gab ihm weitgehende Vollmachten. Der Landesbischof brauche eine Fülle von Gewalt, um das Schiff der Kirche durch die Not steuern zu können. Der 1881 in Nürnberg geborene D. Hans Meiser war ein Mann lutherischen Bekenntnisses mit einem starken Sinn für Diakonie. Er wirkte als Prediger und Redner und konnte sich durchsetzen. Seine Amtseinführung in der Nürnberger St. Lorenzkirche war in jeder Hinsicht glanzvoll. Sogar die S.A. stand Spalier. Doch schon kurz darauf wurde deutlich, wie der neue Staat wirklich zur Kirche stand. Im Juli 1933 trat die Verfassung einer den einzelnenLandeskirchen übergeordneten Reichskirche in Kraft und für den 23. des Monats wurden im ganzen Reich evangelische Kirchenwahlen angeordnet. Das war eine perfekte Überrumpelung, von der nur die "Deutschen Christen" profitierten. Durch Manipulationen und ein massives Aufgebot von S.A.-Abteilungen und Parteigenossen bei der Wahl erzielten sie in den meisten Landeskirchen Zweidrittelmehrheiten in den Kirchenvorständen. Die wenige Wochen später gewählten Synoden brachten das gleiche Bild. Kurz darauf waren auch die meisten Kirchenleitungen fest in den Händen der nationalsozialistischen "Glaubensbewegung". Im September wurde Hitlers Vertrauensmann Ludwig Müller in Wittenberg zum "Reichsbischof" gewählt.

In Bayern freilich gingen die Uhren anders. Zwar gab es in vielen Gemeinden ebenfalls nationalsozialistische Mehrheiten in den Kirchenvorständen. Doch es zeigte sich hier und in der Landessynode, dass die Stellung von Bischof und Landeskirchenrat nicht erschüttert war. D. Meiser traute sich sogar zu, den "Deutschen Christen" Bedingungen für eine Zusammenarbeit zu stellen. Damit war die bayerische Landeskirche intakt geblieben. Ein Ergebnis, das nur noch in Württemberg ähnlich gelang. Im Gebiet der anderen Landeskirchen gründeten bekenntnistreue Pastoren den "Pfarrernotbund", bei dem Martin Nie-möller führend war. Bald gehörten Tausende dieser Bewegung an, aus der später die "Bekennende Kirche" hervorging. Im Lauf des Jahres 1934 fuhr der "Reichsbischof" einen zunehmend härteren Kurs gegen die bayerische und württembergische Landeskirche mit dem Ziel einer völligen Eingliederung in die Reichskirche. Landesbischof Meiser musste sich immer öfter den Vorwurf anhören, ein Partikularist oder Reaktionär zu sein. Jetzt kam es darauf an, ob die Landessynode zu ihrem Bischof stand. Sie kam am 23. August in München zusammen. "Es geht um das Bekenntnis", erklärte D. Meiser in seiner Ansprache. "Was hilft es, wenn auf deutschen Kanzeln ein entstelltes, verwässertes, verkürztes Evangelium gepredigt wird." Nach einer heißen Aussprache gelangte die Synode zu der einstimmigen Erklärung, dass "zur Zeit eine Eingliederung der Bayerischen Landeskirche nicht in Frage kommt. Die Synode spricht dem Landesbischof ihr vollstes Vertrauen aus."

Bischof unter Hausarrest

Die Leitung der Reichskirche beschloss trotzdem die Eingliederung durchzuführen. Reichsbischof Müller verließ sich dabei ganz auf seinen "Rechtswalter" August Jäger und auf die Gauleiter in Nürnberg und München. Im September erschien dort ein Zeitungsartikel mit der Überschrift "Fort mit Landesbischof D. Meiser", in dem es hieß "Er ist treulos und wortbrüchig. - Er handelt volksverräterisch." In Nürnberg kam es darauf hin zu einem Entrüstungssturm. Der Bischof erschien und sprach in überfüllten Kirchen. Eine begeisterte Menge grüßte ihn mit dem Ruf "Heil Meiser!". Ein solcher "Bekenntnisgottesdienst" fand dann auch am Abend des denkwürdigen 11. Oktober in der überfüllten St. Matthäuskirche in München statt. Meiser war zurückgekehrt und predigte über das Wort aus dem Hebräerbrief: "Wir sind nicht von denen, die da weichen und verdammt werden." Viele Zuhörer begleiteten anschließend ihren Bischof auf dem Weg in seine Dienstwohnung. Dort wurde er auf Jägers Anweisung unter Hausarrest gestellt. Er hatte seine von Berlin verfügte Absetzung nicht anerkannt, ebensowenig die Aufteilung der Landeskirche in zwei "Kirchengebiete" "Altbayern" und "Franken" unter der Leitung von "geistlichen Kommissaren". Die Ereignisse gingen wie ein Lauffeuer durchs Land. Überall fanden Buß- und Betgottesdienste statt, die Kerzen wurden gelöscht und die Altäre schwarz gedeckt. Die überwältigende Mehrheit der Pfarrer versicherte dem Bischof die Treue.

Wallfahrtsort: Kirchenamt

Bald wurde es üblich, mit oder ohne Sonderzug nach München zu fahren, in der Matthäuskirche Gottesdienst zu halten und den "gefangenen" Bischof zu besuchen. Das Gebäude des Landeskirchenrats wurde ein Wallfahrtsort, wo Meiser vom Balkon aus Hunderte von Menschen grüßte. Den nationalsozialistischen Machthabern wurde die Sache unheimlich. Es stellte sich auch heraus, dass der Ministerpräsident Siebert und der Reichsstatthalter Ritter von Epp von Jäger über sein Vorgehen nicht informiert worden waren. Sie fühlten sich von den Berliner Stellen übergangen und wiesen bei der Reichsregierung auf die Unruhe in Bayern hin. Schließlich wurde Hitler selbst mit der Sache befasst. Seine Reaktion war diplomatisch. Landesbischof Meiser und sein Württemberger Amtskollege Wurm, der ein gleiches Schicksal erlitten hatte, wurden aus dem Arrest entlassen und einige Tage später vom "Führer" empfangen. Er drückte zwar nicht sein Bedauern über die Vorfälle aus. Doch er erklärte, der gut gemeinte Versuch, eine einheitliche Reichskirche zu schaffen, sei gescheitert. Am 1. November 1934 besetzte die bayerische Kirchenleitung wieder ihr angestammtes Haus. Tags darauf dankte der Landesbischof in einer Kundgebung den Gemeinden: "Was in diesen Wochen an Liebe zur Kirche, an Treue gegen das Erbe der Väter und an freudigem Bekennermut offenbar geworden ist, wird unvergessen sein."

Christoph Schmerl

 

 


 

Es geht ums Ganze

Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.

Römer 14, 17

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Christliche Freiheit heißt, die Schwester oder den Bruder mit Liebe in den Blick zu nehmen. Es geht darum, Verständnis für den anderen zu haben und nicht darum, immer Recht haben zu müssen. Foto: Kusch

"An nichts habe ich mehr Freude. Und nachts kann ich nicht schlafen. Ich mache mir solche Sorgen um meinen Arbeitsplatz und um die Zukunft."

Eine Frau in mittleren Jahren sagt das. Sie ist alleinerziehend und muss schon jetzt scharf rechnen. Wenn sie ihre Stelle verlieren würde? "Das Leben ist ungerecht", meint sie. Und denkt an die vielen, denen es besser geht, die sich in ihre Lage nicht hineinversetzen können. Sichere und Verunsicherte, Starke und Schwache - das ist zum Thema geworden in unserem Land. Auch der Apostel Paulus stand vor einem solchen Problem. In der römischen Christengemeinde hielten sich die einen für stark im Glauben und frei von jüdischen Speisegesetzen. Die anderen fürchteten etwas zu genießen, was vielleicht den Göttern geopfert war und verzichteten auf Fleisch und Wein.

Die "Starken" neigten dazu auf die "Schwachen im Glauben" herunterzusehen. Die Schwachen verurteilten jeden, der nicht ebenso vorsichtig und ängstlich war wie sie. Vom Apostel erwartete man eine Entscheidung, die den Frieden wieder herstellen konnte. Aber er gab keine für den einzelnen Fall. So oder anders, er hätte ja wieder ein Gesetz aufgerichtet! Paulus ging es um die christliche Freiheit. Sie gilt für die Starken und für die Schwachen. Essen und Trinken soll jeder nach seinem Gewissen. Hauptsache ist, dass in der Gemeinde Gerechtigkeit, Friede und Freude ihren Platz haben. Nur dann wird in ihr Gottes Herrschaft auf dieser Welt deutlich.

Das hätten nur schöne Worte sein können. So wie sie gegenwärtig in unserem Land auch oft zu hören sind. Doch die christliche Freiheit ist keine billige Sache. Ich habe sie erst dann, meint der Apostel, wenn ich die Schwester und den Bruder in den Blick nehme. Wenn ich sie verstehen und ihnen gerecht werden will. Darin und nicht im Rechthaben zeigt sich Gerechtigkeit. Und nur auf ihrem Boden wächst der Friede im Kleinen und im Großen. Paulus traut diese Einsicht besonders den Starken zu - und auch die Kraft zum Handeln. Was ist Stärke wert, wenn sie nicht die Schwäche Anderer tragen kann! Wie viele Schwächen und Fehler seiner Jünger hat Christus auf sich genommen. Sein Beispiel macht Mut. Sein guter Geist gibt die Kraft, ein gleiches zu tun. Nicht als schwere Pflicht, sondern mit Freude.

Das gilt noch heute für das Zusammenleben von Christen. Wir dürfen in den Gemeinden darüber nachdenken, wo sich unter uns Schwächen und Stärken zeigen. Wo die einen sich ein besseres Verständnis zutrauen, wo andere im Glauben oder in der Liebe weiter sein wollen. Aber das soll nicht im Mittelpunkt stehen, nicht voneinander trennen und nicht die Freude an der Gemeinschaft nehmen. Mehr denn je geht es um das große Ganze: dass Gottes Herrschaft spürbar wird mitten in einer vielfältigen, selbstsicheren und immer auch gefährdeten Welt. Christen sind nicht unter sich und für sich allein. Die Welt nimmt wahr, wie sie miteinander umgehen. Ob sie sich nur mit sich selbst beschäftigen oder ob sie Gottes Sache vertreten. Ihr Leben kann eine Ausstrahlung haben über die Mauern der Kirche hinaus. Sie muss zu spüren sein, wo sich in unserer Gesellschaft die Klüfte auftun. Wo Menschen unter Ungleichheit und Ungerechtigkeit leiden. Es geht Christen etwas an, dass der soziale Friede in ihrem Land gefährdet ist. Und sie können nicht ruhig zusehen, wenn Menschen aus Angst vor einer ungewissen Zukunft schlaflose Nächte haben.

Christoph Schmerl, Dekan i. R., Weimar

Wir beten: Guter Gott, du kennst unsere Stärken und Schwächen. Gib, dass auch wir uns darüber klar werden und sie uns nicht von unseren Mitmenschen trennen. Wo wir schwach sind, lass uns Vergebung und Hilfe suchen. Zeige uns, wie wir mit unseren Stärken anderen dienen können. Schenke vielen Christen die Fähigkeit, zum Frieden und zur Gerechtigkeit auf der Welt beizutragen. Amen.

Lied 649: Herr, gib du uns Augen.

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