Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 39)

Sehnsucht nach Spiritualität

Christliche wie auch esoterische Angebote gefragt

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Auch junge Menschen fragen nach Sinn im Leben und ziehen sich schon mal zum Nachdenken oder Beten in eine leere Kirche zurück.
   

Eine junge Frau lässt im Urlaub in Assisi ein Halskettchen mit Engels-anhänger segnen. Eine andere Frau macht eine Wallfahrt nach Alt-ötting, weil es mit der Schwangerschaft geklappt hat. Ein Mann zieht sich für mehrere Tage in ein Kloster zurück, um Klarheit über seine Probleme zu bekommen. Das ist die eine Seite.
Andererseits gibt es Menschen, die ganz klar von sich sagen: "Ich bin Atheist." Sie wollen mit Religion und Kirche nichts am Hut haben. Aber Klarheit für ihr Leben und eine Lösung für ihre Probleme wünschen sie sich trotzdem. Nicht selten suchen sie das in dem weiten Bereich der Esoterik - von Psychokursen angefangen bis hin zu fragwürdigen Sitzungen mit Leuten, die von sich behaupten, einen Kontakt zu höheren Wesen zu haben.

Verschiedene Strömungen

"Die Sehnsucht nach Lebenshilfe, nach innerer Ruhe und Ausgeglichenheit ist groß", sagt Matthias Pöhlmann, bayerischer Pfarrer und wissenschaftlicher Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin. Einerseits sei seit einigen Jahren eine zunehmende Säkularisierung und Konfessionslosigkeit zu beobachten. "Andererseits gibt es viele Menschen, die auf der Suche sind und Religion ganz neu entdecken." Besonders wichtig sei dabei das eigene Erleben.
Das bestätigt auch Reinhard Hempelmann, Leiter der EZW: "Es gibt immer mehr Segnungs- und Salbungsgottesdienste, die sehr beliebt sind. Das Berührt werden spielt dabei eine große Rolle."
Im esoterischen Bereich gibt es zum Beispiel die Engel-Dolmetscherin Alexa Kriele, die laut eigener Aussage Kontakt zu höheren Wesen hat. Kriele ging bereits durch sämtliche Talkshows, hat Bücher veröffentlicht und bietet Workshops an. "Dahinter steckt eine tiefe Sehnsucht nach einer Wiederverzauberung der Welt", sagt Pöhlmann. "Das ist schon fast eine Art Gegenbewegung zu der weit verbreiteten erklärbaren, rationalen Weltsicht."
Pöhlmann sieht vor allem zwei Gründe für die Sehnsucht nach Spiritualität und für das Interesse an Esoterik:
"Selbstinszenierung - manche Menschen machen sich auf diese Art und Weise wichtig - und das Bedürfnis, das eigene Leben in den Griff zu bekommen." Die esoterischen Angebote zeichnen sich besonders dadurch aus, dass sie ohne Gott auskommen, der Mensch bleibt bei sich selbst und soll seine eigenen Kräfte und Möglichkeiten entdecken. "Das führt oft dazu, dass Menschen viele Angebote ausprobieren, doch ihre eigentliche Sehnsucht wird nicht gestillt", so der Theologe. Er bezeichnet Esoterik als Sehnsuchtsreligiosität, als eine Art tastende Suchbewegung, die die Gefahr der Abhängigkeit in sich birgt. "Wenn es sich um Gruppen handelt, in denen eine Person sich als Verbindungsglied zu höheren Wesen sieht, kann ein Abhängigkeitsverhältnis entstehen." Doch in den meisten Fällen erlebe er, dass Menschen esoterische Angebote austesten, weil sie schnelle und einfache Wege präsentiert bekommen wollen, die ihnen bei der Lebensbewältigung helfen. "Im Christentum gibt es das nicht. Da ist klar, dass das Leben oft ein langsamer und steiniger Weg sein kann. Aber das wollen viele suchende Menschen nicht hören."

Wunsch nach Eindeutigkeit

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Symbole spielen eine wichtige Rolle. Im Christentum sind das zum Beispiel Kerzen, die in vielen Kirchen angezündet werden können. In der Esoterik wimmelt es geradezu von Symbolen wie Steine oder Ringe, wie diese Schaufensterauslage (links) zeigt. Fotos: Wodicka
   
Auch im christlichen Bereich sei zu beobachten, dass sich Menschen nach Eindeutigkeit sehnen, so Reinhard Hempelmann. "In charismatischen Gemeinden wird manchmal das Sprachengebet, das Ruhen im Geist oder Visionen als eine Art Glaubensbeweis gesehen." Doch der Glaube kann nun mal nicht bewiesen werden. Solch "charismatische" Erfahrungen sieht Hempelmann dann als unproblematisch an, wenn sie als Glauben stärkende Erfahrungen betrachtet werden. "Grundsätzlich wird deutlich, dass sich die Menschen starke Erfahrungen und Zeichen der Vergewisserung wünschen."
Der Hauptunterschied zwischen Esoterik und christlichem Glaube liegt in den unterschiedlichen Welt- und Menschenbildern. "Im Christentum gibt es ein Gegenüber. In der Esoterik dreht sich der Mensch immer um sich", sagt Matthias Pöhlmann. Reinhard Hempelmann drückt es so aus: "Im Christentum gehört Spiritualität und Verantwortung zusammen. Da ist Spiritualität nichts, was sich nur auf die eigene Person beschränkt, sondern hat Auswirkungen nach außen, auf die Mitmenschen." Letztlich steht dahinter das Doppelgebot der Liebe: Gott lieben und den anderen wie sich selbst. Nur manchmal fehlt es leider an passenden Angeboten. "Ich würde Ratsuchenden gerne eine christliche Gruppe oder Einrichtung empfehlen, aber leider fehlt es - zumindest hier in Berlin - oft an Möglichkeiten", so die Erfahrungen Pöhlmanns. Die Kirche solle mehr Angebote machen, wo Menschen ihren Glauben üben und erleben können, wo sie in ihrem Glauben wachsen können. "Traurig stimmt es mich, wenn sich in der Kirche eine depressive Stimmung breit macht wegen Sparmaßnahmen und solchen Dingen", so der bayerische Pfarrer. "Ich wünsche mir mehr Vertrauen auf Gott und das Bewusstsein, dass wir eine gute Botschaft für die Menschen haben."

Karin Ilgenfritz Buchtipp:

Pöhlmann, Fincke, Kompass Sekten und religiöse Weltanschauungen, Gütersloh 2004, 240 Seiten, 12,95 Euro.

 


 

 


 

Gott gibt den Geist der Liebe und Besonnenheit

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Denn unser Heiland Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.

1. Timotheus 1,1+10

Evangelisches Sonntagsblatt
Dass sich entlang der Mauern und Zäune zwischen Israel und palästinensischen Gebieten Angst und Aggression immer mehr aufschaukeln, macht uns ratlos. Der Geist der Furcht, den der Timotheusbrief benennt, regiert auch hier. Foto: Saalfrank

Es ist, als würden wir wieder im Mittelalter leben. Wo man hinsieht, werden Mauern errichtet, Gräben ausgehoben, Zäune gezogen, um sich gegen andere, missliebige Zeitgenossen abzugrenzen. Furcht vor den Anderen, vor den Fremden dominiert die Gefühle, das Reden und die Politik. Oft genug werden aus Zäunen tödliche Fallen, aus Gräben werden Gräber, und unter wütenden Angriffen einstürzende Mauern begraben Menschenleben unter sich.
Ohnmächtig nehmen wir die toten Schulkinder in Beslan wahr und können nicht begreifen, dass Menschenleben den politischen Machthabern genauso egal sind wie den Terroristen. Dass sich entlang der Mauern und Zäune zwischen Israel und palästinensischen Gebieten Angst und Aggression immer mehr aufschaukeln, macht uns ratlos. Der Geist der Furcht, den der Timotheusbrief benennt, regiert.

Er bestimmt mehr und mehr auch unser privates Leben. Rentenreform, Gesundheitsreform, Hartz IV, Ökosteuer, Staatsverschuldung: Stichworte, die Menschen in Deutschland immer mehr entzweien. Groll auf die anderen, die dem Anschein nach besser gestellt sind als ich, mischt sich mit der Furcht, hier oder da verzichten zu müssen. In Nachbarschaft, Familie oder Klassengemeinschaft werden Gräben des Misstrauens und Mauern der Distanz aufgebaut.

Paulus setzt dem den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit entgegen. Kraft, Liebe und Besonnenheit können Gräben zuschütten und Mauern einfallen lassen. Mit politischer Besonnenheit, mit Liebe zu Europa und finanzieller Kraft hat Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau in Deutschland vorangetrieben. Liebe über den "Eisernen Vorhang" hinweg und politische Besonnenheit bis hin nach Moskau haben die Mauern quer durch Deutschland zum Einsturz gebracht und Wiedervereinigung ermöglicht. Aber das gelingt nicht von heute auf morgen. Daheim, in der Familie oder im persönlichen Umfeld ist es nicht anders. Es kostet Kraft, wir brauchen Liebe und müssen besonnen handeln, um verkorksten oder zerstörten Beziehungen wieder eine Lebenschance zu geben. Wie viele Jahre kann es dauern, bis der "verlorene Sohn" oder die verlorene Tochter wieder heimkehren und mit den Eltern reden kann? Wie lange kann es dauern, bis sich zerstrittene Nachbarn auf der Straße wenigstens wieder grüßen können? Werden sich mit Kraft, Liebe und Besonnenheit auch die großen politischen Herausforderungen bewältigen lassen? Warum eigentlich nicht, wenn jeder und jede für das Alter oder die Gesundheit etwas beiträgt. Die Starken etwas mehr, die Schwächeren weniger. Warum eigentlich nicht, wenn niemand in unserer Gesellschaft von Liebe und Solidarität ausgenommen ist - die Sozialhilfeempfänger nicht und die "Russen" nicht, die alten Menschen nicht und die Kinder nicht. Warum eigentlich nicht, wenn wir besonnen handeln und nicht von einem Reförmchen zum anderen hecheln.

Wo der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit getragen sind vom Leben und Sterben Jesu Christi, dürfen wir sogar darauf hoffen, dass einst die Gräben und die Gräber des Todes zugeschüttet sein werden, in Beslan oder im Sudan, in Tschetschenien oder im Irak. Bis in die grausamsten Verirrungen des menschlichen Lebens trägt dieser Geist, der durch Jesus Christus in die Welt gekommen ist. Denn hinter den Gräbern, hinter den Mauern steht immer das unvergängliche Licht der Auferstehung, ein Leben, das durch nichts zu vernichten ist.

Pfarrer Martin Schulte, Regensburg

Wir beten: Barmherziger Gott, zu oft lasse ich mich durch den Geist der Furcht bestimmen. Ich schaue ängstlich auf das Leben oder lasse mich von der Furcht anderer beeinflussen. Schenke mir Besonnenheit, dass ich Dinge realistisch und nicht einseitig betrachte. Schenke mir Kraft, Geduld und Ausdauer, wo ich mein Leben oder Beziehungen verändern möchte. Nähre in mir die Liebe - zu mir und anderen. Amen.

Lied 359: In dem Herren freuet euch.

Diese Woche - Archiv - Editorial - Geschichte - Redaktion - Abo-Service - Anzeigen - Evang. Reisedienst - Impressum
© 2000-2004 ROTABENE! Medienhaus