Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 37)

Was heißt hier behindert?

Rainer Schmidt: Pfarrer und Tischtennis-Spitzensportler - ohne Hände

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Ohnhänder Rainer Schmidt tritt bei den Paralympics in Athen mit der Hoffnung auf eine Medaille an. Die Paralympics sind die olympischen Spiele für Menschen mit Behinderung. Foto: Vorländer
   

Als Rainer Schmidt 1965 zur Welt kam, lautete die ärztliche Prognose: "Er wird nie selbständig leben können, und er wird nie einen Beruf haben." Denn von Geburt an fehlen ihm beide Unterarme. Nur am linken Oberarm sitzt ein sehr kleiner Daumenansatz. Auch sein linkes Bein ist verkürzt und muss durch eine Prothese verlängert werden. Rainer Schmidt bezweifelt, ob er heute bei den Möglichkeiten der modernen vorgeburtlichen Diagnostik überhaupt geboren worden wäre: "Viele Mediziner raten Frauen zu einem Abbruch, wenn sie entdecken, dass der Fötus behindert ist. Wer gibt uns das Recht, gottgleich zu entscheiden, welches Leben der Norm entspricht?" bezieht er Stellung gegen den Trend zum perfekten Kind.

Freude am Leben

Ohnhänder Rainer Schmidt hat ausgesprochene Freude am Leben, auch wenn er sein Handicap nicht ignorieren kann. Ein eigens konstruierter Metallstab ermöglicht ihm selbstständiges Anziehen, er fährt - ziemlich schnittig - ein Spezialauto, und sein Geschick bei alltäglichen Handhabungen erstaunt Fremde genauso wie seine gestochen klare Handschrift. "Ich probiere gerne Dinge aus und gebe mich erst geschlagen, wenn es trotz allerlei Kniffe einfach nicht klappt. Das war immer schon so", lacht er.
Zum Beispiel, als er mit zwölf Jahren anfing, Tischtennis zu spielen. Bei Ferien auf dem Bauernhof durfte Rainer nur die Punkte zählen, wenn andere Kinder sich beim Ping-Pong vergnügten. Ein Mit-Gast kam auf die Idee, ihm den Tischtennisschläger an den linken Arm zu binden. "Solange die andern mich nicht zu heftig auslachen, werde ich's auf jeden Fall probieren", beschloss Rainer. Keiner lachte und Rainer probierte. Jahrelang trainierte er, bis er die bei seinen Gegnern gefürchtete Topspin-Rückhand beherrschte. Heute hat selbst ein guter nicht behinderter Spieler Mühe, ihn zu bezwingen.
Tischtennis, das ist für Rainer Schmidt eine Mischung aus Sport, Artistik und Konzentration, aber vor allen Dingen ein Spiel mit einem Gegenüber. 1983 wurde er in den A-Kader Tischtennis des Deutschen Behindertensportverbands aufgenommen. Seit 1984 gewann er bei zahlreichen Welt-, Europa- und Deutschen Meisterschaften Goldmedaillen im Einzel und mit der Mannschaft. Dennoch ist der sportliche Erfolg für ihn nicht das Wichtigste: "Viel wichtiger ist mir die Tatsache, dass ich im Verein wie jedes andere Mitglied dazugehöre", sagt der 39-Jährige, der bei den Paralympics vom 17. bis 28. September in Athen antritt. Zum fünften Mal ist er dabei. Mit seinem variantenreichen Stellungsspiel und einer gehörigen Portion Routine will der Weltranglistenerste, der in der höchsten Schadensklasse der Stehenden spielt, es in Athen noch einmal wissen. Auch wenn er längst nicht mehr so ehrgeizig und unter Druck an den Start geht, wie früher. Aber das Mehr an Gelassenheit will er denn doch gerne auch in eine Einzelmedaille umsetzen.
Schlagfertig ist Rainer Schmidt nicht nur im Tischtennis, sondern auch dann, wenn Menschen von seinen kurzen Armen auf einen kurzen Verstand schließen. Wie etwa als er in einer Buchhandlung ziemlich herablassend und mitleidig gefragt wurde: "Na, womit kann ich dir denn helfen?" Wie beim Tischtennis setzte er auf Verblüffung des "Gegners" und verlangte einen hochphilosophischen Titel. Eins zu Null für Rainer Schmidt, der in den letzten Jahren zu spüren glaubt, dass "sich in der Gesellschaft eine ganze Menge geändert hat und der Umgang mit solchen körperlichen Grenzen viel natürlicher wird". Und darüber freut er sich.
Seine Behinderung erfährt er nicht als maßloses Leiden, sondern als Grenze, mit der er gelernt hat zu leben. "Ich glaube, dass es keine Behinderung an sich gibt. Zum Teil bin ich behindert. Das Etikett Behinderung sagt nichts über den ganzen Menschen Rainer Schmidt aus. Wenn ich versuche, Klavier zu spielen, kann ich das ohne Finger nicht. Aber ich kann ziemlich gut singen. Und das, was ich in meinem Beruf zu leisten habe, kann ich genauso gut wie jeder andere", sagt er mit dem für ihn typischen gewinnenden Lächeln.
Denn auch in Sachen Beruf irrten die Ärzte. Rainer Schmidt hat sogar zwei Berufe. Er ist Verwaltungswirt und Pfarrer: Mit Ende 25 gab er seine sichere Beamtenlaufbahn auf, folgte seinem Herzen und studierte Theologie. "Angesichts des menschlichen Leidens von Gott reden", war sein Examensthema. Zum Schlüssel ist für ihn eine Bibelstelle aus der Mosegeschichte geworden: "Wer hat den Blinden gemacht und den Sehenden? Und wer hat den Tauben gemacht und den Hörenden? Bin ich es nicht, Gott der Herr?", zitiert er. Für Rainer Schmidt bedeutet der Glaube an den Schöpfer, dass Gott ihn sehenden Auges als gutes Schöpfungswerk gemacht hat. "Ich glaube, dass Menschen groß sind und klein, dünn, farbenblind und natürlich auch behindert. Ich glaube, Gott will, dass das Leben so vielfältig ist und möchte uns befähigen, mit diesen Grenzen umzugehen", ist seine Überzeugung. Die trägt ihn auch dann, wenn er wieder mal bedauert, dass er wohl mit Konfirmanden nie eine Kanufreizeit oder eine Fahrradtour mit Freunden unternehmen wird, obwohl er das so schrecklich gern täte. Aber ein Tischtennisturnier, ein seelsorgerliches Gespräch, eine gute Predigt, das alles kann Rainer Schmidt problemlos bieten. Natürlich musste er anfangs bei Hausbesuchen Erstaunen und Befremden überwinden, weil kaum jemand einen Pfarrer mit einer Behinderung erwartet. Aber Rainer Schmidt versteht es, Brücken zu bauen. Und oft erlebt er, dass Menschen gerade mit ihm über die Druckstellen, das Leiden und die Versehrtheit ihres eigenen Lebens ins Gespräch kommen. "Ich glaube, dass wir die Tiefe des Lebens erst dann ermessen können, wenn wir auch die Erfahrung des Leides und der Krankheit kennen. Wer einmal einen Verlust gehabt hat, hat eine andere Vorstellung von dem, was der wesentliche Wert im Leben ist. Und das ist für mich nicht die Unversehrtheit," sagt der Theologe Rainer Schmidt aus eigener Erfahrung.

Paralympics im Blick

Als im April seine befristete Stelle in Bergisch Gladbach auslief, verzichtete er darauf, sofort auf Stellenjagd zu gehen. Stattdessen nutzt er die Zeit zum Training, bietet Manager-Seminare an und schreibt an seinem ersten Buch. In dem will er die eigenen Erfahrungen theologisch und gesellschaftlich reflektieren und seine Lieblingsbibeltexte auslegen.
Natürlich ist auch der des sprachbehinderten Mose dabei, der erst zum Sprachrohr Gottes werden kann, als ihm sein Bruder Aaron zur Seite gestellt wird. Und nach den Paralympics in Athen? Dann will Pastor Rainer Schmidt sich auf Pfarrstellensuche machen. Trotz der schwierigen Stellensituation ist er ganz zuversichtlich. Schließlich hat er schon oft genug erlebt: "Ich muss es nur probieren."

Karin Vorländer

 

 


 

Unter dem Gesetz der Gnade

So sind wir nun, liebe Brüder, zum Gehorsam verpflichtet - aber nicht der Selbstsucht, dass wir ihr folgen müssten. Denn wenn ihr eurer selbstsüchtigen Art folgt, werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist das selbstsüchtige Handeln tötet, werdet ihr leben. Denn die der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

Römer 8,12-14



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Foto: Wodicka
 

Benommen lag Peter auf einer kleinen Plattform in einer hohen Felswand. Schaurige Tiefen unter ihm. Über ihm steil und vereist die Wand, über die er mit seinen Skiern abgestürzt war. Da war kein Hochkommen mehr. Überhaupt ein unbegreifliches Glück, dass er nicht mit dem Rest der abgebrochenen Schneewächte in die Tiefe gestürzt ist, dem Gesetz der Schwerkraft folgend. In Abständen schreit er um Hilfe und bedenkt seine Lage: Sie ist aussichtslos; wenn nicht Hilfe von außen kommt, ist er verloren. "Wird es erst einmal Abend oder Nacht, dann bin ich verloren", denkt er. Da, am Spätnachmittag, ein Geräusch in der Ferne... es kommt näher... ein Rettungshubschrauber der Bergwacht. Der Hubschrauber dreht; der Pilot hat den Verunglückten gesehen. Wie er an der Felswand vorbei fliegt, sieht Peter eine Gestalt an der Seilwinde unter dem Hubschrauber.
Nach einigen Anflügen steht der Bergretter neben Peter und hängt ihn an. Ein Knopfdruck und kurze Zeit später baumelt Peter mit seinem Retter in der Luft. Sie werden nach oben gezogen - scheinbar mühelos.
Unter ihnen die Abgründe, noch schauriger als vorher, aber die Gefahr des Absturzes ist gebannt. Der Hubschrauber hat das Gesetz des Fallens, der Schwerkraft überwunden. Gerettet! Gefangen unter dem Gesetz der Sünde: Auf uns selbst gestellt unterliegen wir dem Gesetz der Sünde, das zum Tod führt, sagt Paulus. "Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?" Wie Peter unter dem Gesetz der Schwerkraft gefangen war, unfähig, sich noch zu helfen, so können wir uns nicht selbst helfen. Was wir auch selbst unternehmen, es wird früher oder später in den Absturz führen. "Das Gesetz der Sünde" möchte ich vergleichen mit dem Gesetz der Schwerkraft. Es führt zum Tod, egal was Peter unternimmt. Es ist - von ihm aus mit seiner Kraft und seinen Möglichkeiten - unüberwindbar.
Gerettet unter dem Gesetz der Gnade: Aber es gibt ein Gesetz, das dieses Gesetz der Sünde überlagert: Das Gesetz des Geistes. Im Beispiel der obigen Geschichte ist es das Gesetz der Aerodynamik. Der Hubschrauber, überwindet das Gesetz der Schwerkraft. Jesus Christus kam zu uns in unsere Verlorenheit.
Er bietet jedem Menschen an, ihn hineinzunehmen in seine Rettung. Er, der Auferstandene, hat das Gesetz des Todes und der Sünde überwunden. Bin ich erst mal bei ihm eingeklinkt, dann unterstehe ich seinem Gesetz, dann bin ich "in Christus"; so wie Peter im Hubschrauber unter dem Naturgesetz der Aerodynamik plötzlich nach oben gehoben wird, anstatt abzustürzen.
Zuflucht vor der Anziehungskraft der Sünde: Hier gerät unser Beispiel an seine Grenzen: Das Leben unter dem Gesetz des Geistes als Kinder Gottes ist noch kein endgültiges Herausgenommensein aus dem Gesetz der Sünde. Es bedarf eines Bleibens in Christus; immer wieder aufs Neue gilt es, dem Gesetz der Sünde, das leider für uns eine lebenslängliche Anziehungskraft besitzt, abzusagen und "in Christus" Zuflucht zu suchen.
Unsere Hilfe liegt in der Verbundenheit mit dem himmlischen Vater im Hören auf sein Wort; durch das Gebet mit ihm verbunden ist er für uns nie mehr außer Rufweite. Wenn wir einmal vom Glauben zum Schauen gelangt sein werden, in der Ewigkeit, wird das Gesetz des Geistes nicht mehr vom Gesetz der Sünde überlagert. Jetzt schon steht der Erbvertrag fest. Dann aber treten wir das Erbe an, das uns nichts und niemand jemals mehr streitig machen kann.

Pfarrer Gerhard Muck, Falkenstein

Wir beten: Herr Jesus Christus, danke, dass Du die Welt und die Anziehungskraft der Sünde überwunden hast. Danke, dass wir in der Beziehung zu Dir geborgen sind, auch wenn wir oft angefochten und gefährdet sind. Bringe Du uns an Dein großes Ziel. Amen.

Lied 354: Ich habe nun den Grund gefunden.

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