Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 36)

Geistliche Oasen im Alltag

In der bayerischen Landeskirche gibt es immer mehr Hauskreise

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Intensive Gespräche über biblische Texte am Wohnzimmertisch sind kennzeichnend für die 2.500 Hauskreise in der bayerischen Landeskirche. Foto: Jeroma
   

Ein kleiner Stoffbeutel ist für zehn junge Frauen und Männer aus Naila im Landkreis Hof zu einem wichtigen Utensil geworden. Wenn für ihren Hauskreis am Mittwochabend niemand ein spezielles Thema vorbereitet hat, fällt einem die Aufgabe zu, einen der zahlreichen Bibel- verse aus dem Beutel herauszufischen. Mit diesem Vers aus dem Alten oder Neuen Testament befassen sich die Leute im Alter zwischen 22 und 35 Jahren dann an diesem Abend intensiv. Vor der Bibelarbeit plaudern alle noch ein wenig über die Ereignisse der vergangenen Woche und stimmen sich mit einigen Liedern auf das Wort Gottes ein. Knabbereien und Getränke sorgen für eine einladende Atmosphäre.

Ort der Ruhe

Der Hauskreis für junge Erwachsene in Naila gehört zu den 2500, die es momentan in der bayerischen Landeskirche gibt. Nach Aussage von Dr. Thomas Popp, der als Hauskreispfarrer im Amt für Gemeindedienst in Nürnberg arbeitet, hat diese Zahl in den vergangenen Jahren zugenommen. 1998 waren rund 2000 Hauskreise registriert. Als einen wichtigen Grund für diese Entwicklung führt der 38-jährige die angespannte gesellschaftliche Lage an. "In Zeiten wie diesen, in denen die Belastung für jeden Einzelnen in Beruf und Alltag immer größer werde, sehnen sich viele Menschen nach einem Ort der Ruhe sowie der Begegnung mit Gott und sich selbst", meint Popp.
"Der Hauskreis stellt eine solche Oase dar." Der gebürtige Bayreuther sieht keine Gefahr, dass damit eine Konkurrenz zum sonntäglichen Gottesdienst in der Kirche geschaffen wird. Im Gegenteil: An vielen Orten gebe es beachtliche Schnittmengen zwischen beiden Formen. "In manchen Gemeinden beschäftigen sich Hauskreise mit dem anstehenden Predigttext oder bereiten ihn nach. Außerdem bereichern Kreise den Gottesdienst durch Anspiele oder Musikbeiträge", berichtet der Theologe. Einen immensen Beitrag leisteten Hauskreise inzwischen in jenen Regionen des Freistaats, die nicht mehr oder noch nicht wieder mit hauptamtlichen Pfarrern besetzt seien. "Dort übernehmen die Mitglieder mitunter die gesamte Verantwortung für die Gestaltung des Gottesdienstes", so Popp. Früher habe sich das auf besondere oder ergänzende Gottesdienstformen beschränkt.
Dieses zusätzliche Engagement begrüßt der Nürnberger, betont aber, dass die Hauskreise sich in erster Linie ihren ursprünglichen Aufgaben im Kleinen widmen sollten. "Dabei gibt es zwei Schwerpunkte. Zum einen die Seelsorge, zum anderen den missionarischen Ansatz", führt der Hauskreispfarrer aus. In einer kleinen Gruppe, in der sich die Menschen untereinander gut kennen, bestehe die Möglichkeit, sich vertrauensvoll über Sorgen und Nöte auszutauschen und diese im Gebet vor Gott zu bringen. Trotz der wichtigen inneren Geschlossenheit sollten sich Hauskreise immer ein Stück Offenheit nach Außen bewahren. Indem er Freundschaft und Nächstenliebe vorlebe, besitze ein Hauskreis die große Chance, Menschen aus dem Bekanntenkreis oder der Nachbarschaft für den Glauben zu gewinnen. Darin stecke viel missionarisches Potenzial, ist sich Popp sicher. Wichtig sei jedoch, stets die Persönlichkeit des Gegenüber zu achten und nicht unsensibel mit Menschen anderer Glaubensrichtungen oder Kulturen umzugehen.
In Gesprächen hätten ihm etliche Hauskreisleiter davon berichtet, wie wohltuend es sei, wenn ab und an Neue hinzu kämen. "Dann muss man nämlich versuchen, auf deren Fragen in einer verständlichen Sprache zu antworten und darf sich keines zu eingefahrenen Jargons bedienen. Das wiederum wirke sich erfrischend auf die gesamte Diskussion aus", erläutert Popp.

Geistliche Integration

Er bezeichnet die Hauskreise in Bayern allgemein als "Orte der geistlichen Integration". Es bestehe die Gelegenheit, in einem Zirkel die unterschiedlichen Frömmigkeitsrichtungen gemeinsam zu entdecken und verschiedene Elemente davon aufzunehmen. "Lobpreis, Anbetung und Handauflegen sind im landeskirchlichen Alltag in guter Weise normal geworden", sagt der Theologe. Es sei wichtig, dass in einem Hauskreis niemand dominiert werde. Vielmehr sollte es das Ziel sein, die Mündigkeit jedes Einzelnen zu stärken. Bei diesem Punkt trage gerade der Leiter eines Kreises viel Verantwortung. Er solle in erster Linie ein guter Moderator sein und die unterschiedlichen Talente fördern. Es mache überhaupt nichts aus, wenn er selbst einmal keine passende Antwort parat hat. "Eine allwissende Person an der Spitze wirkt mitunter sogar erdrückend auf die Übrigen", beschreibt Popp das Idealbild eines Hauskreisleiters.

Regionale Seminare

Wer sich Beratung und Begleitung in der Hauskreisarbeit wünscht, dem hilft Thomas Popp gerne weiter. Das Amt für Gemeindeentwicklung organisiert zudem regionale und landesweite Seminare. Vom 8. bis 10. Oktober findet beispielsweise auf dem Schwanberg bei Kitzingen (Unterfranken) ein Tag der bayerischen Hauskreise statt. Das Thema lautet: "Einfach leben". Die Mitglieder der Kommunität Casteller Ring wollen den Teilnehmern helfen, sich in der Kunst des einfachen Lebens zu üben. Denn wer die kleinen Dinge in der Welt wieder zu schätzen wisse, führe ein gelasseneres Dasein im Trubel dieser Zeit. Und für den werde der Hauskreis erst recht zu einem Ort der Ruhe, der Freude und der Gemeinschaft. So wie für die Nailaer, die sich schon auf das nächste Thema freuen oder gespannt sind, welche Bibelstelle diesmal aus dem Stoffbeutel zum Vorschein kommt.

Axel Jeroma

 

 


 

Wer hilft, dem ist geholfen

Wohl dem, der barmherzig ist und gern leiht und das Seine tut, wie es recht ist. Denn er wird ewiglich bleiben, der Gerechte wird nimmermehr vergessen. Vor schlimmer Kunde fürchtet er sich nicht, sein Herz hofft unverzagt auf den Herrn.

Psalm 112, 5-7



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Einem Obdachlosen helfen - das beginnt bereits bei der Einstellung, bei dem, was wir über sie denken. Foto: Wodicka
 

"Was bringt mir das denn?" Diese Frage stellt sich uns häufig. Was bringt mir das denn, wenn ich ein Ehrenamt übernehme - Ansehen und eine befriedigende Tätigkeit oder nur viel Arbeit umsonst? Was bringt mir das, wenn ich eine Spende für die Hungernden im Sudan gebe? Ich erfahre doch nie, wem ich damit geholfen habe. Und es wäre sowieso nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Was bringt mir das, wenn ich nach bestem Wissen und Gewissen rechtschaffen lebe und auch meinem Nächsten Gutes tue? Eine Garantie für ein langes Leben als Lohn Gottes dafür bekomme ich dadurch nicht.
Was bringt mir das? So fragten sich Priester und Tempeldiener im Evangelium zum heutigen Sonntag vom barmherzigen Samariter auch, als sie einen Überfallenen hilflos in der Wüste liegen sahen. Und sie kamen schnell zu der Überzeugung, wenn ich jetzt eingreife und helfe, dann bringt mir das nur Scherereien. So begannen sie sich im Wegsehen zu üben. Ein anderer hat dann doch geholfen. Es hat ihm sogar einiges gekostet. Doch Jesus stellt ihn als Vorbild hin. Gott ist ein Liebhaber des Lebens, und dazu gehören Barmherzigkeit, Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Jesus hat das mit seinem ganzen Leben bezeugt. "Einem, der barmherzig ist und gerne gibt und das Seine tut, wie es recht ist", dem spricht der Psalm Wohlergehen und Gottes Wohlwollen zu. Um so einen Menschen steht es gut.
Ein Mensch, der barmherzig ist und seinen Nächsten im Blick hat, gibt als ein von Gott Gesegneter diesen Segen weiter. Das macht sein Leben reich an Mitmenschlichkeit und Gottvertrauen, schenkt ein festes getrostes Herz. Barmherziges Handeln lässt mich ruhig und mit offenen Augen durchs Leben gehen. Stellen Sie sich vor, die beiden Männer im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, die dem Überfallenen nicht geholfen haben, die erfahren, dass er jetzt in ihrer Stadt weilt. Da ist es mit der Ruhe vorbei. Auf Schritt und Tritt werden sie nun befürchten müssen, von ihm erkannt zu werden. Sie werden alles versuchen, ihm nicht in die Augen sehen zu müssen.
Ihr Blick wird sich verengen, ängstlich werden sie Neuigkeiten lauschen: "Hat vielleicht jemand schon etwas davon erfahren?" Alle Rechtfertigungen und Ausreden können ihr Gewissen nicht beruhigen, wenn sie nicht völlig abgebrüht sind und schon ein Herz aus Stein haben. Gott will aber nicht, dass wir versteinern, sondern höchst lebendig durchs Leben gehen, dass wir Gemeinschaft mit anderen Menschen haben, dass wir einen offenen Blick und ein weites Herz haben und tiefe Gefühle empfinden können. Es ist nach Gottes Willen, zu unterstützen und zu helfen. Er will das, weil ihm alle Menschen wichtig sind und er an alle denkt, die Hilfe benötigen. Aber er will es auch für diejenigen, die helfen können, weil es ihnen, weil es uns, gut tut. So ein Leben wird aufbewahrt werden bei Gott in seiner Ewigkeit.
Was bringt es, wenn ich helfe? Es hilft meinem Nächsten und mir gleichermaßen zu einem menschenwürdigen Leben.

Pfarrerin Christiane Schlenk, Leinburg

Wir beten: Gütiger Gott, du meinst es gut mit uns Menschen und gönnst uns alles Gute. Lass uns erkennen, dass die Liebe und Barmherzigkeit, die Jesus Christus gelebt hat, auch für mich gilt. Öffne dadurch unsere Augen und Herzen, dass wir die Nöte unserer Mitmenschen wahrnehmen und tun, was nötig und was uns möglich ist. Amen.

Lied 649: Herr, gib du uns Augen, die den Nachbarn sehn.

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