Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 33)

„Sind verdammt, miteinander und nebeneinander zu leben“

Israels Botschafter Shimon Stein im Sonntagsblatt-Interview zur Zukunft von Israelis und Palästinensern

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Stellte sich den Fragen der Sonntagsblatt-Redaktion: der israelische Botschafter Shimon Stein (rechts), hier mit Chefredakteur Günter Saalfrank. Erstmals war der Diplomat bei einer evangelischen Wochenzeitung in Deutschland zu einem Redaktionsgespräch zu Gast. Foto: diba
   

Seit drei Jahren ist der israelische Politiker und Diplomat Shimon Stein als Botschafter in Deutschland. Bei einem Besuch in Rothenburg ob der Tauber, dem "fränkischen Jerusalem", war er auch beim Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zu Gast. Im Rahmen eines Redaktionsgespräches stellte sich der 56-Jährige den Fragen des Sonntagsblatt-Teams.

Sonntagsblatt: Der Israelsonntag, der am 15. August in der evangelischen Kirche in Deutschland begangen wird, erinnert an die besondere Verwandtschaft von Christen und Juden. Welche Bedeutung hat für Sie diese Verwandtschaft?

Stein: Die Verwandtschaft der älteren Religion zu der etwas jüngeren Religion ist nicht reibungslos. Es war kein Liebesgeschichte - weder im Blick auf die katholische Kirche noch auf die evangelische Kirche. In den letzten Jahrzehnten haben sich die Beziehungen entspannt. Die erreichten Fortschritte müssen noch weiter vertieft und ausgebaut werden. Insbesondere ist die jüngere Generation in die Gespräche mit einzubeziehen. Aus den Dialog von Judentum und Christentum soll ein Gespräch aller drei monotheistischer Religionen werden. Es gibt Einiges mit dem Islam zu besprechen, der für uns alle auch eine große Herausforderung darstellt.

Sonntagsblatt: Der Israelsonntag will Brücken schlagen von Christen zu Juden. Gibt es in der jüdischen Bevölkerung eine ähnliche Einrichtung für den Dialog der Religionen?

Stein: Ich bedauere, dass das Judentum kein ähnliches Forum hat anzubieten hat für den Dialog der Religionen. Es wäre auch für junge Leute eine Möglichkeit, unbekannte Seiten der Religion etwas zu beleuchten, zum Beispiel im Rahmen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Kein Schlussstrich

Sonntagsblatt: Im Verhältnis zwischen Deutschen und Israelis spielt immer wieder der millionenfache Mord an den Juden eine Rolle. Was sagen Sie denn zu Stimmen die dazu aufrufen, doch die Vergangenheit ruhen zu lassen und nicht immer wieder daran zu erinnern?

Stein: Beim Aufruf, einen Schlussstrich zu ziehen und ein Kapitel abzuschließen, schwingt auch die Vorstellung mit, danach unbefangen normale Beziehungen führen zu können. Doch das geht nicht. Denn der millionenfache Mord an den Juden ist für die Juden wie für das deutsche Volk ein Bestandteil ihrer Identität. Und von der eigenen Identität kann man sich nicht einfach ablösen.

Sonntagsblatt: Wer die Politik des Staates Israel kritisiert, wird leicht als Antisemit abgetan. Ist es nicht möglich sich unter Freunden ein ernsthaftes Wort zu sagen?

Stein: Es muss möglich sein, unter Freunden offen miteinander zu sprechen. Allerdings herrscht meines Erachtens zwischen Deutschen und Juden noch immer eine Befangenheit, die es nicht leicht macht, ganz offen miteinander umzugehen. Insgesamt ist zu unterscheiden zwischen berechtigter und illegitimen Kritik. Illegitim ist sie, wenn Israel dämonisiert, das Existenzrecht des jüdischen Staates in Frage gestellt und mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen wird - einen für Israels Juden und einen für die andere Welt.

Sonntagsblatt: Die Kritik an Israel entzündet sich meist an dem harten Vorgehen gegen die Palästinenser. Was tut die israelische Regierung für ein besseres Image im Ausland?

Stein: Wir haben immer wieder Menschen mit Fakten und Argumenten in einem Dialog zum Nachdenken zu führen. Wir laden auch dazu ein, Israel zu besuchen und sich mit der Lage an Ort und Stelle auseinanderzusetzen. Leider werden die Israelis nicht mehr als Opfer wahrgenommen, sondern ausschließlich die Palästinenser. Dabei werden die fast vier Jahre des grausamen Terrors durch die unzähligen Selbstmord-Attentäter ignoriert, denen viele Israelis zum Opfer gefallen sind. Wer eindimensional denkt und versucht, den moralisch gleichen Abstand zu Israelis und Palästinensern zu halten, der agiert nach dem Motto "Ich habe schon meine Meinung zu Israel festgelegt auf die Einzelheiten kommt es ja nicht mehr an." Doch gerade die Einzelheiten sind ganz wichtig.

Sonntagsblatt: In den letzten Jahren hat sich die Spirale der Gewalt im Nahen Osten deutlich gedreht. Was kann denn Israel tun, um die Spirale anzuhalten?

Stein: Der Begriff "Spirale der Gewalt" ist falsch. Er setzt voraus, dass sich auf eine gleiche Ebene stellen lässt, was wir und die Palästinenser machen. Dem ist aber nicht so: Die Palästinenser üben Terror aus und wir versuchen, uns zu verteidigen. Bis heute gibt es keinen Israeli, der sich in Ramallah oder Hebron inmitten der Stadt in einem Bus in die Luft sprengt und zahlreiche Palästinenser mit in den Tod reißt. Wir gehen auch nicht gezielt gegen palästinensische Zivilisten vor, sondern versuchen, den Terror zu stoppen.

Keine Konflikt-Lösung

Sonntagsblatt: Die Aktionen der Palästinenser rufen doch heftige Reaktionen der Israeli hervor.

Stein: Das stimmt nicht. Denn wir benutzen nur ein Bruchteil der militärischen Macht, die wir haben. Hätten wir alles verwendet, was in unserem militärischen Rahmen möglich ist, dann hätten wir schon längst Ruhe bei uns. Nach dem Scheitern der Camp-David-Gespräche im im Jahr 2000 war es eine strategische Entscheidung der Palästinenser, den Terror als Mittel zu benutzen, um uns zu Zugeständnisse zu zwingen. Wir verstehen bis heute nicht, warum die Gespräche in Camp-David abgebrochen wurden und seitdem Terror angesagt ist. Für uns bedeutete das, von den Träumen des Friedens Abschied zu nehmen und zu sehen, dass der israelische-palästinensische Konflikt gegenwärtig und in absehbarer Zeit nicht beigelegt werden kann.

Sonntagsblatt: Nun baut Israel den Sicherheitszaun. Warum verläuft er nicht auf eigenem Grund, sondern durch palästinensische Felder und Dörfer?

Stein: Nach unserer Auffassung gibt es zwischen zwischen uns und der Westbank - Judäa und Samaria - keine Grenze. Die Westbank ist ein Gebiet, das Jordanien anektierte. Als wir 1967 beim Sechs-Tage-Krieg, den wir nicht begonnen hatten, die Westbank eroberten, fanden wir dort keinen Souverän. Über die Zukunft dieses Gebietes sollte zwischen uns und den Palästinenser verhandelt werden, wie aus mehreren Resolutionen des Weltsicherheitsrates hervorgeht.

Sonntagsblatt: Ein palästinensischer Bauer hat also Pech, dass dieses Gebiet keinem souveränen Staat gehört, jetzt ein Zaun durch sein Feld läuft und er es nicht mehr bewirtschaften kann?

Stein: Der Sicherheitszaun ist die Auswirkung und nicht die Ursache. Die Ursache liegt im palästinensischen Terror. In den 90-er Jahren lautete - bis zum Scheitern der Verhandlungen von Camp David - das Konzept, dass Frieden Sicherheit bringen wird. Heute ist die Auffassung umgekehrt: Nur durch Sicherheit lässt sich auch Frieden erreichen. Insofern die Frage nach der Entstehung des Zaunes ist nicht an uns, sondern an die Palästinenser zu stellen. Arafat ist eigentlich der Vater des Sicherheitszaunes. Die palästinensische Bevölkerung, die in der großen Mehrheit nicht am Terror nicht teilnimmt, leidet sicher unter dem Zaun. Aber das Recht auf Leben hat Vorrang vor der Qualität des Lebens.

Sonntagsblatt: Welche Auswirkungen zeigt das Bauwerk bereits, das einmal 700 Kilometer lang sein wird ?

Stein: Die Statistik ist ganz eindeutig: Die Terroranschläge und viele Terrorbemühungen sind um fast 90 Prozent zurückgegangen. Heuer gab es zwischen März und Juli keine Terroranschläge und kein Selbstmord-Attentat.

Sonntagsblatt: Ist der Zaun nur eine vorübergehende Lösung oder wird er auf Dauer stehen bleiben?

Stein: Der Zaun und die Mauer sind ein Provisorium, bedingt durch die Notwendigkeit, die israelische Bevölkerung vor Terror zu schützen. Die acht Meter hohe Mauer wird dort gebaut, wo die Bevölkerung so dicht nebeneinander lebt. Die Mauer macht, wenn das Terrorabwehr-system fertiggestellt ist, fünf bis sieben Prozent des gesamten Systems aus. So soll verhindern werden, dass Scharfschützen von der palästinensischen Seite auf Israelis schießen.

Sonntagsblatt: Unter der palästinensischen Bevölkerung, vor allem im Gaza-Streifen, nehmen die gewalttätigen Auseinandersetzungen zu. Wie ist auf diesem Hintergrund der israelische Rückzug aus dem Gazastreifen zu sehen?

Stein: Die weitere Chaotisierung der Zustände in Gaza und in der Westbank sind auch im Zusammenhang mit der einseitigen Entscheidung der israelischen Regierung zum Abzug zu sehen. Die einzelnen Gruppen versuchen sich dort auf die Zeit danach zu positionieren. Darüber hinaus weisen diese Unruhen auf eines der Hauptprobleme hin: Das Interesse von Arafat ist, chaotische Zustände so zu lassen, dass er weiter regieren kann. Leider haben wir momentan keinen Partner auf der palästinensischen Seite, um einen historischen Kompromiss mit uns einzugehen. Deshalb der einseitige Abzug aus Gaza. Diese Entscheidung, sich aus einem Gebiet zurückzuziehen und alle jüdischen Siedler auch von dort umzusiedeln, ist historisch. Das hat keine Regierung zuvor gewagt.

Sonntagsblatt: Stichwort Siedler. Sie wehren sich gegen den Abzug aus Gaza. Werden radikale Siedler zu einem Hemmschuh für sinnvolle Lösungen im Nahen Osten?

Stein: Die israelische Gesellschaft wird sich ganz kritisch mit der Entscheidung der Regierung auseinander setzen müssen. Aber die große Mehrheit der Israelis steht hinter dem Beschluss. Hoffentlich beruhigen sich die Gemüter wieder und die Gesellschaft zeigt Respekt und Anerkennung für die Minderheit der Siedler, die im Dienste der israelischen Regierung dort hingegangen sind. Ich kann nur hoffen, dass die Minderheit der Siedler als Demokraten die Meinung der Mehrheit in der Bevölkerung respektiert und nicht zu Mitteln greift, die mit unserem Verständnis von Demokratie nicht zu vereinbaren sind.

Sonntagsblatt: Wie sieht ihre Vision für den Nahen Osten aus?

Stein: Es mangelt auf palästinensischer Seite an der Bereitschaft, sich auf realistische Kompromisse zu einigen. Die Mehrheit der Israelis hat sich bereits mit einem palästinensischen Staat abgefunden. Umgekehrt gilt das nicht. Leider haben die Palästinenser 57 Jahre nach der Staatsgründung Israels die Frage nach der Legitimität eines jüdischen Staates noch immer nicht beantwortet. Bevor über Visionen des Miteinanderlebens geredet wird, muss diese Grundfrage geklärt sein. Israelis und Palästinenser sind verdammt, miteinander und nebeneinander zu leben. Aufgabe ist, die Zukunft des Nahen Ostens gemeinsam zu gestalten. Seit einiger Zeit wissen wir schon, wie eine Lösung für den Konflikt aussehen wird.

Sonntagsblatt: Wie denn?

Stein: Warum soll ich jetzt eine Lösung skizzieren? Sie muss am Verhandlungstisch bei direkten und offenen Gesprächen zwischen Israelis und Palästinensern gefunden werden. Kein auferlegter Frieden ist Frieden auf Dauer. Er muss vielmehr aus den beiden Völkern erwachsen. Erst dann hat er eine Chance, wirklich dauerhaft zu sein.

 

 


 

Juden und Christen – Kinder der Verheißung

Ich will euch dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: "Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde." Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.

Römer 11, 25-32



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Juden beim Gebet an der Klagemauer in Jerusalem. Foto: Wodicka
 

Handelt Gott ungerecht? Ja, diese Frage darf man stellen. Paulus selbst fragt so. Wir stellen uns diese Frage vielleicht auch angesichts des Leidens und des Unrechts in der Welt. Menschen, die es doch gar nicht "verdient" haben, werden schwer krank oder erfahren großes Un-recht. Handelt Gott ungerecht?
Gottes Worte, die Paulus aus dem Ersten Testament zitiert, erscheinen sehr willkürlich: "Ich erbarme mich, wem ich will, und erweise Gnade, wem ich will." Also sind wir willen- und machtlos einem ungewissen Schicksal ausgeliefert? Nein, Paulus geht es um etwas anderes. Paulus kämpft mit dem Schicksal Israels, seines geliebten Volkes, aus dem er selbst stammt - er ist Jude. Von Israels besonderer Beziehung zu Gott ist auch seine Verkündigung geprägt.
Aber, was ist jetzt, so fragt Paulus. Ausgerechnet viele Nicht-Juden (oft werden sie "Heiden" genannt) öffnen sich für die Botschaft von Jesus, dem Christus. Für Paulus sind sie mit Israel, dem Volk Gottes gleichwertig. Denn, die die sich der Botschaft von Gottes Tun in Jesus anvertrauen, sind für ihn "Kinder der Verheißung". Sie sind es in dem Moment, in dem sie aus dem Vertrauen auf die Botschaft von Jesus, dem Christus leben. In dem Moment, in dem sie sich auf Gott Leben spendende Kraft in Jesus einlassen.
Diese "Christen" ersetzen Israel nicht, Gottes erwähltes Volk, das Paulus sogar "Sohn Gottes" (V. 4) nennen kann. Aber die sich auf die Botschaft von Jesus einlassen können, obwohl alles dagegen zu sprechen scheint, die stehen in einem ähnlichen Verhältnis wie Israel zu Gott. Es ist Gott, der vielen Menschen auf vielerlei Weise Wege zu sich eröffnet - oder manchmal verschließt.
Paulus denkt verzweifelt darüber nach, warum gerade die Mehrheit aus Israel sich nicht für die Botschaft von Jesus öffnen kann. In Kap. 11 legt er dar, dass dies gerade zum Heil für die Nicht-Juden geschehen ist. Denn so erfahren auch sie von diesem wunderbaren Gott Israels. Und wenn Israels "Verstockung" schon so viel Heil bringt, was wird erst geschehen, wenn auch sie sich einlassen können?
Wir Heutigen sollten, wenn wir Paulus' Überlegungen lesen, nicht vergessen, wie viel inzwischen geschehen ist. Würde Paulus heute noch so sprechen? Oder würde er heute vielleicht gerade uns Christen darauf hinweisen, wie sehr Israel, das Gottes Volk in seiner oft schweren Geschichte geglaubt hat. Allen Verfolgungen (und leider auch denen von "christlicher" Seite) zum Trotz hat Israel geglaubt. Wenn wieder einmal ganze Gemeinden ausgelöscht waren, Menschen ermordet, hat es sich nicht mit der Frage aufgehalten, ob Gott ungerecht handelt und ob es denn noch etwas bringe, an den alten Überlieferungen fest zu halten. Israel, das Gottesvolk, die Juden - welchen Namen wir auch nehmen - hat weiter gemacht: Es hat von diesem Gott erzählt, hat ihn gefeiert, hat mit ihm gerungen, hat an ihm festgehalten.
Längst ist dieses Israel "Kind der Verheißung". Längst können wir Christen viel lernen von solchem Vertrauen zu Gott. Ja, zu Recht ist Israel wohl wie ein Sohn Gottes. Und es ist schön, dass wir Christen mit Israel zusammen die Botschaft vom Gott Israels und seiner be-freienden und gerecht machenden Kraft in die Welt tragen dürfen. Der "Israel-Sonntag", der 10. Sonntag nach Trinitatis, erinnert uns daran.

Christiane Müller,
Pfarrerin in Rosenheim

Wir beten: Barmherziger Gott, wir danken dir, dass Christen und Juden gemeinsam die Botschaft von deiner befreienden und gerecht machenden Kraft verkünden dürfen. Begleite unser Tun und Handeln mit Deinem stärkenden Geist. Amen.

Lied 342: Es ist das Heil uns kommen

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