Seit drei Jahren ist der israelische Politiker und Diplomat Shimon Stein als Botschafter in Deutschland. Bei einem Besuch in Rothenburg ob der Tauber, dem "fränkischen Jerusalem", war er auch beim Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zu Gast. Im Rahmen eines Redaktionsgespräches stellte sich der 56-Jährige den Fragen des Sonntagsblatt-Teams.
Sonntagsblatt: Der Israelsonntag, der am 15. August in der evangelischen Kirche in Deutschland begangen wird, erinnert an die besondere Verwandtschaft von Christen und Juden. Welche Bedeutung hat für Sie diese Verwandtschaft?
Stein: Die Verwandtschaft der älteren Religion zu der etwas jüngeren Religion ist nicht reibungslos. Es war kein Liebesgeschichte - weder im Blick auf die katholische Kirche noch auf die evangelische Kirche. In den letzten Jahrzehnten haben sich die Beziehungen entspannt. Die erreichten Fortschritte müssen noch weiter vertieft und ausgebaut werden. Insbesondere ist die jüngere Generation in die Gespräche mit einzubeziehen. Aus den Dialog von Judentum und Christentum soll ein Gespräch aller drei monotheistischer Religionen werden. Es gibt Einiges mit dem Islam zu besprechen, der für uns alle auch eine große Herausforderung darstellt.
Sonntagsblatt: Der Israelsonntag will Brücken schlagen von Christen zu Juden. Gibt es in der jüdischen Bevölkerung eine ähnliche Einrichtung für den Dialog der Religionen?
Stein: Ich bedauere, dass das Judentum kein ähnliches Forum hat anzubieten hat für den Dialog der Religionen. Es wäre auch für junge Leute eine Möglichkeit, unbekannte Seiten der Religion etwas zu beleuchten, zum Beispiel im Rahmen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.
Kein Schlussstrich
Sonntagsblatt: Im Verhältnis zwischen Deutschen und Israelis spielt immer wieder der millionenfache Mord an den Juden eine Rolle. Was sagen Sie denn zu Stimmen die dazu aufrufen, doch die Vergangenheit ruhen zu lassen und nicht immer wieder daran zu erinnern?
Stein: Beim Aufruf, einen Schlussstrich zu ziehen und ein Kapitel abzuschließen, schwingt auch die Vorstellung mit, danach unbefangen normale Beziehungen führen zu können. Doch das geht nicht. Denn der millionenfache Mord an den Juden ist für die Juden wie für das deutsche Volk ein Bestandteil ihrer Identität. Und von der eigenen Identität kann man sich nicht einfach ablösen.
Sonntagsblatt: Wer die Politik des Staates Israel kritisiert, wird leicht als Antisemit abgetan. Ist es nicht möglich sich unter Freunden ein ernsthaftes Wort zu sagen?
Stein: Es muss möglich sein, unter Freunden offen miteinander zu sprechen. Allerdings herrscht meines Erachtens zwischen Deutschen und Juden noch immer eine Befangenheit, die es nicht leicht macht, ganz offen miteinander umzugehen. Insgesamt ist zu unterscheiden zwischen berechtigter und illegitimen Kritik. Illegitim ist sie, wenn Israel dämonisiert, das Existenzrecht des jüdischen Staates in Frage gestellt und mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen wird - einen für Israels Juden und einen für die andere Welt.
Sonntagsblatt: Die Kritik an Israel entzündet sich meist an dem harten Vorgehen gegen die Palästinenser. Was tut die israelische Regierung für ein besseres Image im Ausland?
Stein: Wir haben immer wieder Menschen mit Fakten und Argumenten in einem Dialog zum Nachdenken zu führen. Wir laden auch dazu ein, Israel zu besuchen und sich mit der Lage an Ort und Stelle auseinanderzusetzen. Leider werden die Israelis nicht mehr als Opfer wahrgenommen, sondern ausschließlich die Palästinenser. Dabei werden die fast vier Jahre des grausamen Terrors durch die unzähligen Selbstmord-Attentäter ignoriert, denen viele Israelis zum Opfer gefallen sind. Wer eindimensional denkt und versucht, den moralisch gleichen Abstand zu Israelis und Palästinensern zu halten, der agiert nach dem Motto "Ich habe schon meine Meinung zu Israel festgelegt auf die Einzelheiten kommt es ja nicht mehr an." Doch gerade die Einzelheiten sind ganz wichtig.
Sonntagsblatt: In den letzten Jahren hat sich die Spirale der Gewalt im Nahen Osten deutlich gedreht. Was kann denn Israel tun, um die Spirale anzuhalten?
Stein: Der Begriff "Spirale der Gewalt" ist falsch. Er setzt voraus, dass sich auf eine gleiche Ebene stellen lässt, was wir und die Palästinenser machen. Dem ist aber nicht so: Die Palästinenser üben Terror aus und wir versuchen, uns zu verteidigen. Bis heute gibt es keinen Israeli, der sich in Ramallah oder Hebron inmitten der Stadt in einem Bus in die Luft sprengt und zahlreiche Palästinenser mit in den Tod reißt. Wir gehen auch nicht gezielt gegen palästinensische Zivilisten vor, sondern versuchen, den Terror zu stoppen.
Keine Konflikt-Lösung
Sonntagsblatt: Die Aktionen der Palästinenser rufen doch heftige Reaktionen der Israeli hervor.
Stein: Das stimmt nicht. Denn wir benutzen nur ein Bruchteil der militärischen Macht, die wir haben. Hätten wir alles verwendet, was in unserem militärischen Rahmen möglich ist, dann hätten wir schon längst Ruhe bei uns. Nach dem Scheitern der Camp-David-Gespräche im im Jahr 2000 war es eine strategische Entscheidung der Palästinenser, den Terror als Mittel zu benutzen, um uns zu Zugeständnisse zu zwingen. Wir verstehen bis heute nicht, warum die Gespräche in Camp-David abgebrochen wurden und seitdem Terror angesagt ist. Für uns bedeutete das, von den Träumen des Friedens Abschied zu nehmen und zu sehen, dass der israelische-palästinensische Konflikt gegenwärtig und in absehbarer Zeit nicht beigelegt werden kann.
Sonntagsblatt: Nun baut Israel den Sicherheitszaun. Warum verläuft er nicht auf eigenem Grund, sondern durch palästinensische Felder und Dörfer?
Stein: Nach unserer Auffassung gibt es zwischen zwischen uns und der Westbank - Judäa und Samaria - keine Grenze. Die Westbank ist ein Gebiet, das Jordanien anektierte. Als wir 1967 beim Sechs-Tage-Krieg, den wir nicht begonnen hatten, die Westbank eroberten, fanden wir dort keinen Souverän. Über die Zukunft dieses Gebietes sollte zwischen uns und den Palästinenser verhandelt werden, wie aus mehreren Resolutionen des Weltsicherheitsrates hervorgeht.
Sonntagsblatt: Ein palästinensischer Bauer hat also Pech, dass dieses Gebiet keinem souveränen Staat gehört, jetzt ein Zaun durch sein Feld läuft und er es nicht mehr bewirtschaften kann?
Stein: Der Sicherheitszaun ist die Auswirkung und nicht die Ursache. Die Ursache liegt im palästinensischen Terror. In den 90-er Jahren lautete - bis zum Scheitern der Verhandlungen von Camp David - das Konzept, dass Frieden Sicherheit bringen wird. Heute ist die Auffassung umgekehrt: Nur durch Sicherheit lässt sich auch Frieden erreichen. Insofern die Frage nach der Entstehung des Zaunes ist nicht an uns, sondern an die Palästinenser zu stellen. Arafat ist eigentlich der Vater des Sicherheitszaunes. Die palästinensische Bevölkerung, die in der großen Mehrheit nicht am Terror nicht teilnimmt, leidet sicher unter dem Zaun. Aber das Recht auf Leben hat Vorrang vor der Qualität des Lebens.
Sonntagsblatt: Welche Auswirkungen zeigt das Bauwerk bereits, das einmal 700 Kilometer lang sein wird ?
Stein: Die Statistik ist ganz eindeutig: Die Terroranschläge und viele Terrorbemühungen sind um fast 90 Prozent zurückgegangen. Heuer gab es zwischen März und Juli keine Terroranschläge und kein Selbstmord-Attentat.
Sonntagsblatt: Ist der Zaun nur eine vorübergehende Lösung oder wird er auf Dauer stehen bleiben?
Stein: Der Zaun und die Mauer sind ein Provisorium, bedingt durch die Notwendigkeit, die israelische Bevölkerung vor Terror zu schützen. Die acht Meter hohe Mauer wird dort gebaut, wo die Bevölkerung so dicht nebeneinander lebt. Die Mauer macht, wenn das Terrorabwehr-system fertiggestellt ist, fünf bis sieben Prozent des gesamten Systems aus. So soll verhindern werden, dass Scharfschützen von der palästinensischen Seite auf Israelis schießen.
Sonntagsblatt: Unter der palästinensischen Bevölkerung, vor allem im Gaza-Streifen, nehmen die gewalttätigen Auseinandersetzungen zu. Wie ist auf diesem Hintergrund der israelische Rückzug aus dem Gazastreifen zu sehen?
Stein: Die weitere Chaotisierung der Zustände in Gaza und in der Westbank sind auch im Zusammenhang mit der einseitigen Entscheidung der israelischen Regierung zum Abzug zu sehen. Die einzelnen Gruppen versuchen sich dort auf die Zeit danach zu positionieren. Darüber hinaus weisen diese Unruhen auf eines der Hauptprobleme hin: Das Interesse von Arafat ist, chaotische Zustände so zu lassen, dass er weiter regieren kann. Leider haben wir momentan keinen Partner auf der palästinensischen Seite, um einen historischen Kompromiss mit uns einzugehen. Deshalb der einseitige Abzug aus Gaza. Diese Entscheidung, sich aus einem Gebiet zurückzuziehen und alle jüdischen Siedler auch von dort umzusiedeln, ist historisch. Das hat keine Regierung zuvor gewagt.
Sonntagsblatt: Stichwort Siedler. Sie wehren sich gegen den Abzug aus Gaza. Werden radikale Siedler zu einem Hemmschuh für sinnvolle Lösungen im Nahen Osten?
Stein: Die israelische Gesellschaft wird sich ganz kritisch mit der Entscheidung der Regierung auseinander setzen müssen. Aber die große Mehrheit der Israelis steht hinter dem Beschluss. Hoffentlich beruhigen sich die Gemüter wieder und die Gesellschaft zeigt Respekt und Anerkennung für die Minderheit der Siedler, die im Dienste der israelischen Regierung dort hingegangen sind. Ich kann nur hoffen, dass die Minderheit der Siedler als Demokraten die Meinung der Mehrheit in der Bevölkerung respektiert und nicht zu Mitteln greift, die mit unserem Verständnis von Demokratie nicht zu vereinbaren sind.
Sonntagsblatt: Wie sieht ihre Vision für den Nahen Osten aus?
Stein: Es mangelt auf palästinensischer Seite an der Bereitschaft, sich auf realistische Kompromisse zu einigen. Die Mehrheit der Israelis hat sich bereits mit einem palästinensischen Staat abgefunden. Umgekehrt gilt das nicht. Leider haben die Palästinenser 57 Jahre nach der Staatsgründung Israels die Frage nach der Legitimität eines jüdischen Staates noch immer nicht beantwortet. Bevor über Visionen des Miteinanderlebens geredet wird, muss diese Grundfrage geklärt sein. Israelis und Palästinenser sind verdammt, miteinander und nebeneinander zu leben. Aufgabe ist, die Zukunft des Nahen Ostens gemeinsam zu gestalten. Seit einiger Zeit wissen wir schon, wie eine Lösung für den Konflikt aussehen wird.
Sonntagsblatt: Wie denn?
Stein: Warum soll ich jetzt eine Lösung skizzieren? Sie muss am Verhandlungstisch bei direkten und offenen Gesprächen zwischen Israelis und Palästinensern gefunden werden. Kein auferlegter Frieden ist Frieden auf Dauer. Er muss vielmehr aus den beiden Völkern erwachsen. Erst dann hat er eine Chance, wirklich dauerhaft zu sein.