Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 28)

"Mütterkuren" für zu Hause

Eine mittelfränkische Diakonie geht neue Wege

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Mutter, Familienmanagerin und dann vielleicht auch noch der Beruf - viele Mütter fühlen sich angesichts dieser Fülle von Rollen überfordert und erschöpft.
   

Die Kur kam für Saskia Bauer (Name geändert) gerade richtig. Seit ihre chronisch kranke Tochter auf die Welt kam, ist sie von der Sorge um das kleine Mädchen bestimmt. Vor der Kur war sie abgespannt, erschöpft, Krankenhausaufenthalte häuften sich. Auf der Mütterkur, die ihr der Arzt verschrieben hat, konnte sie sich richtig erholen - nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Der Austausch mit anderen Müttern hat ihr gut getan. "Ich habe eine wunderbare Zeit dort erlebt", schwärmt die 31-Jährige.

Belastung, die krank macht

So wie Saskia Bauer beantragen deutschlandweit jährlich weit über 50.000 Frauen Mütterkuren bei ihren Krankenkassen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Erkrankung oder Behinderung der Kinder, die alleinige Sorge für das Kind oder die Mehrfachbelastung in Erziehung und Beruf führen zu einer Überforderung von Frauen. Die Folgen: Erschöpfung bis hin zu seelischen und körperlichen Beschwerden (Rückenleiden, Atembeschwerden, Kopfschmerz). Mit steigenden finanziellen Engpässen nimmt auch die psychische Belastung für die Frauen zu. Eigentlich müsste sich auch die Anzahl der Mütterkuren vermehren. Doch das Gegenteil ist der Fall: Laut Zahlen des Evangelischen Frauenwerks Stein werden etwa ein Drittel der Kuranträge jährlich abgelehnt - mit steigender Tendenz. "Die Krankenkassen sparen", erklärt Renate Gmeling vom Frauenwerk das Phänomen. "Sie überprüfen genau, welche Kuren sie noch übernehmen." So reicht das ärztliche Attest oft nicht aus, um die Krankheit der Frau nachzuweisen. Das Aufnahmeverfahren ist lang und kompliziert - ein Hindernisgrund für viele. Zudem müssen sämtliche Heilmöglichkeiten vor Ort - ärztliche Behandlungen, Massagen, Bäder - ausgeschöpft sein, bevor einer Frau die Kur bewilligt wird. 36 Millionen Euro weniger würden die Krankenkassen seit 2002 für Gesundheitsangebot für Fauen ausgeben, so das Frauenwerk.
Dass die Krankenkassen bei der Bewilligung von Mütterkuren höhere Maßstäbe anlegen, das bekommen besonders die Beratungsstellen der Diakonie zu spüren. Schon lange ist der Einsatz für Frauen und ihre Familien ein Schwerpunkt für das Diakonische Werk Feuchtwangen. In der kleinen Bezirksstelle werden Familienpflege, Kindererholung oder Mütterkuren vermittelt - je nachdem, was die Situation erfordert. Schätzungsweise 400 Mütterkuren hat Geschäftsführerin Irmgard Bauereiß seit 1980 vermittelt. Doch in den letzten drei Jahren ist die Zahl der bewilligten Kuren stark zurückgegangen: Waren zuvor pro Jahr zwischen 35 und 40 Kuanträge erfolgreich, so konnten seit 2000 pro Jahr nur noch zwölf Kuren jährlich vermittelt werden. "Doch der Bedarf ist nicht zurückgegangen", sagt Bauereiß. Die Ansprechpartner des Diakonischen Werkes haben erfahren, wie sich die Sparpolitik der Kassen auswirkt: Ein Kurhaus rief an und sagte: "Wir entlassen diese Frau eigentlich zu früh. Sie muss weiter begleitet werden", erzählt Diakonie-Mitarbeiterin Gudrun Naser. "Andere bekommen erst gar keine Kur bewilligt."

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Eine Pflanze, die Hindernisse zu überwinden hat, kann dabei stark werden - in "Frauen fit fürs Leben" sollen Wege aufgezeigt werden, sich nicht von den Steinen erdrücken zu lassen. Fotos: Wodicka
   
Diese Situation brachte die Feuchtwanger auf den Gedanken, selbst ein Angebot für Mütter auf die Beine zu stellen. "Wir wollten die Frauen nicht alleine lassen. Da haben wir überlegt, wie wir ihnen hier mit unseren Mitteln helfen können", so Naser, die selbst Mutter dreier Kinder ist. Das Ergebnis: Ein Kurs sollte entstehen, der den Frauen in acht Abendseminaren Hilfestellungen für den Alltag geben sollte. Das Projekt "Frauen fit fürs Leben" war geboren. Die beiden Mitarbeiterinnen vom Diakonischen Werk wendeten sich an das Gesundheitsamt und bekamen spontan Unterstützung zugesagt. Mit dessen Hilfe haben sie ein Programm entworfen. Sie planten Themenabende zu Zeitmanagement, zum besseren Verstehen der eigenen Person und anderer, zu verschiedenen Rollen als Frau und Mutter, mit theoretischen und praktischen Übungen zur Stressbewältigung und Abende zum persönlichen Austausch. Rasch fanden sich Referentinnen aus Gesundheitsamt, Kirche und einer örtlichen Krankenkasse, die sich teils unentgeltlich an dem Kurs beteiligten. So konnte er kostenlos angeboten werden.
Aufgeregt sind sie schon gewesen, gibt Gudrun Naser zu. "Wir wussten ja nicht, wie unser Programm angenommen wird. Wir hatten so etwas ja noch nie gemacht." Und Vorläufer oder Vorbilder gab es auch nicht. Dass dann gleich zwanzig Teilnehmerinnen gekommen sind, hat die Veranstalterinnen in ihrem Unternehmen bestätigt. Aus ganz unterschiedlichen Motivationen heraus haben sich die Frauen für den Kurs entschlossen. "Ich war nicht richtig ausgebrannt, aber ich wollte einmal nur etwas für mich tun", erzählt Sonja Merk. Wegen der Krebserkrankung ihres Vaters hatte daheim alles andere zurückstecken müssen. Auch Saskia Bauer ist dabei. Weil sie erlebt hat, wie wichtig die Kur für sie war, hat sie im Vorfeld auf das Entstehen des Kurses gedrängt. "Mir ist das Gespräch mit den anderen wichtig! Zuerst habe ich gedacht, alle hier hätten ein krankes Kind. Aber jetzt sehe ich, dass auch andere Frauen Probleme haben: Die Behinderung des Mannes oder das Alkoholproblem der Eltern. Von außen sieht man das oft nicht."
Alle Frauen mussten sich zu Hause "loseisen", um den Kurs zu besuchen. Bei allem schlechten Gewissen, ist das für viele eine gute Erfahrung. "Ich habe gemerkt, es geht auch ohne mich!" erzählt Sonja Merk. "Die Kinder wollen auch mal ihren Vater für sich haben."

Fast wie eine Mutterkur

"Wir haben in unserem Programm immer mehr Elemente von Mütterkuren entdeckt", erzählt Irmgard Bauereiß. Ersetzen kann ein solcher Kurs die Mütterkuren zwar nicht. Aber "bevor ich überhaupt nichts für mich kriege, mache ich es halt im Alltag", meint Gudrun Naser. Nach dem Ende des Pilotversuchs blicken die Veranstalterinnen stolz darauf zurück. Den meisten Frauen hat es gut gefallen. So gut, dass sie wieder kommen wollen, wenn ein neuer Kurs beginnt. Der Wechsel von thematischen Impulsen und Austausch hat ihnen gut getan. Manche Bilder werden bleiben: Etwa das Bild von den verschiedenen "Rollenhüten", die man als Mutter trägt. Sie werden in Zukunft besser hinsehen, welchen sie sich aufsetzen wollen. Oder das Bild von der Pflanze, die sich durch das Hindernis quält und dadurch besonders kräftig wird. Die meisten aber hoffen, dass etwas bleibt von dem Kontakt, von der Offenheit und der Möglichkeit, einmal kurz die Fassade der "perfekten Mutter" fallen zu lassen - vor Frauen, denen es ähnlich geht. So unterschiedlich sie auch sind.

Anne Lüters

 

 


 

Zusammen bauen wir Kunstwerke der Liebe

Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.

Psalm 73, 23



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"La Cathedrale" - so der Titel der Skulptur des Künstlers August Rodin: Gemeinsam erschaffen die Hände ein Kunstwerk und bilden eine Kathedrale. Foto: privat
 

Versuchen Sie doch einmal, das Bild mit den beiden Händen mit ihren Händen nachzustellen. Haben Sie gemerkt? Es geht nicht. Nur mit der Hand eines anderen kann ich diese Stellung nachahmen. Hände von zwei verschiedenen Menschen bilden die Skulptur des Künstlers August Rodin. Ganz zart wirken die Hände und die Berührung. Da hält eine Hand die andere, nicht krampfhaft, nicht fesselnd. Eher sieht es so aus, dass die eine birgt und die andere stützt. Gemeinsam erschaffen die Hände ein Kunstwerk und bilden eine Kathedrale, so der Titel der Skulptur: La Cathedrale.
Ja, zusammen mit einer anderen Hand, mit einer anderen Kraft, kann ich vieles bewirken, was mir allein versagt ist. Ich brauche nur den Mut, dem anderen die Hand zu reichen oder mich an der Hand nehmen zu lassen. Das ist nicht selbstverständlich. Wir sind eher gewohnt, alles aus eigener Kraft heraus zu schaffen und sind es auch nicht unbedingt gewohnt, uns zart berühren zu lassen ohne Verzweckung.

Das wurde mir wieder deutlich bei einem Interview: Der Beatlesänger Paul Mc Cartney wurde zum Tod seines Freundes und jahrzehntelangem Mitsängers George Harrison befragt. Er antwortete: "Noch letzte Woche saß ich an seinem Bett und hielt zwei Stunden lang seine Hand. Zum ersten Mal in unserem langen Zusammensein, über 40 waren es, hielt ich seine Hand. Man tut sonst ja so was nicht."
Hände berühren kann in manchen Situationen mehr aussagen als viele Worte. Nur manchmal merkt man das erst sehr spät. Die Sprache der Hände kann sehr gut tun. Ich denke an Verliebte, die Hand in Hand dahin schlendern. Ein Zeichen ihrer unbeschwerten Zusammengehörigkeit. Für mich ist das ein Bild, wie mir Gott seine Hand darreicht und damit ermutigt: "Komm! Zusammen bauen wir Kunstwerke der Liebe, bauen wir Kathedralen der Hoffnung, zusammen genießen wir das Leben wie ein Liebespaar Hand in Hand. An meiner Hand wirst du dein Leben vollenden, trotz allem." Du hältst mich an meiner rechten Hand.
Die rechte Hand, das ist doch die Hand meiner Tatkraft, damit packe ich alles an, da sitzt meine Geschicklichkeit. Damit ist sie ein Bild für meine Lebensstärke. Aber, wenn die gehalten wird, kann ich dann überhaupt noch richtig zupacken? Dieser Psalmvers verkündet mir, wie Gott sich gerade in meine Stärke einmischen und sich mit mir verbünden will. Wie er gerade nicht ein Anhängsel sein möchte, das ich an der linken Hand auch noch irgendwie mitschleppe in meinem Leben, so dass die Rechte frei bleibt für mein vermeintlich "Wesentliches".
Wenn ich aber keine Lebensführung spüre, wenn ich meine, Gott hat meine rechte Hand verlassen und es entgleitet so viel meinen Händen? Dann lädt der Psalmvers ein, trotzig zu sein und das "Dennoch" zu sprechen. Für mich sind die Lebensgeschichten gerade dieser Menschen, die ein Dennoch setzen, ein Vorbild. Menschen, die dran bleiben, trotz allem.

So wie Silke, die im letzten Gottesdienst ihr "Dennoch" erzählt hat: Sie ist Ende zwanzig und seit ihrer Kindheit körperbehindert. Sie ist Rollstuhlfahrerin. Mit 18 hielt sie hervorragende Zeugnisse zur Mittleren Reife in der Hand. Sie wollte Logopädin werden. Bei der Bewerbung begannen die Schikanen: Sie wurde gezwungen, einen Intelligenztest zu machen, das sei bei Körperbehinderten nötig, zusätzlich zu den Noten. Ihr wurde nur geringe Intelligenz bescheinigt. Was sie denn jetzt mache, fragte ein Psychologe. Sie sagte aus einer inneren Stimme heraus: "Jetzt fahr ich heim und mache das Abitur." Dennoch. Sie schaffte es, studierte und arbeitet jetzt als Sozialpädagogin. Sie lebt bewusst ihren Glauben und verkündet für mich diesen alten Vers in unserer Zeit: Dennoch bleibe ich stets an dir und mit dir zusammen baue ich Dinge, die mir sonst keiner zutraut und packe mein Leben an, mit allen Begrenzungen, die mir gesetzt sind: Ich lebe gern an deiner Hand. In der Hand, die mich geschaffen hat.

Pfarrerin Thea Vogt, Neusitz

Wir beten: Gott, du meine Lebenskraft, mit dir zusammen lass mich mein Leben immer wieder anpacken in allen Herausforderungen. Mit dir zusammen lass mich Kunstwerke derLiebe bauen. Du, Ursprung meines Leben und Ziel all meiner Wege. Amen.

Lied 369: Wer nur den lieben Gott lässt walten.

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