Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 27)

Das Haus neben der Kirche - war es eine heile Welt?

 

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Sein Pfarrhaus mit dem sommerlichen Garten malte vor 100 Jahren Pfarrer Kirsch in Rüdenhausen.
   

"Wo trifft man noch den Frieden in dieser Welt voll Streit? Wo hauset noch hienieden verborgne Seligkeit? Wo in des Kirchleins Schatten, vom Nussbaum halb verdeckt, bewohnt von trauten Gatten, ein Pfarrhaus sich versteckt." - Dieses schöne Bild findet sich in einem Gedicht aus dem 19. Jahrhundert. Viele sahen damals das Leben im ländlichen Pfarrhaus tatsächlich so idyllisch. Ein Hauch dieser Einschätzung hat sich bis heute erhalten. Doch es darf gefragt werden, wie es um die Wirklichkeit bestellt war. Das "Jahrbuch für die evangelisch-lutherische Landeskirche Bayerns" von 1904 bietet darüber einige Aufschlüsse. Sie lassen sich durch Berichte und Lebensbeschreibungen ergänzen.

Mittelpunkt im Ort

In der Zeit zwischen 1850 und 1900 gab es in der Landeskirche eine gleichbleibende Zahl von etwa 850 Pfarreien und ebenso vielen Pfarrhäusern. Die meisten davon standen auf dem Land und in Sichtweite der Kirche. Zusammen mit ihr und der nahe gelegenen Schule bildeten sie Mittelpunkt des Ortes. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Pfarrhauses waren dem dörflichen Leben eng verbunden. Der Pfarrer galt als Respektsperson. Von seiner Frau wurde eine mütterliche und vorbildliche Erscheinung erwartet. Die zahlreichen Kinder sollten gut erzogen sein. Es ließ sich leicht kontrollieren, ob die Mitglieder der Pfarrfamilie ihrer Rolle gerecht wurden. Meistens gelang es ihnen sogar. Die Berufspflichten des Pfarrers waren durch kirchliche Verordnungen und die Tradition genau geregelt. In erster Linie stand die "Verkündigung des göttlichen Wortes in Kirche und Schule". Besonderes Augenmerk lag auf Gottesdienst und Predigt. Diese wurde gründlich vorbereitet, niedergeschrieben und dann memoriert. "Am Samstag muss ein Pfarrer fein daheim in seiner Klause sein", heißt es in einem bekannten Gedicht von Eduard Mörike, der selbst Geistlicher war. Das Studierzimmer war an diesem Tag für Familie und Besucher tabu. Mörike hat auch dessen übliche Einrichtung beschrieben: Den großen Kachelofen, das vom Dorfschreiner gefertigte Schreibpult mit Tintenfass und Federn, einen bequemen Armstuhl und den Bücherschrank mit Inhalt. Pfarrer hatten eine gute Schul- und Universitätsausbildung erhalten. Das Wissen lag auch später nicht brach. Mancher wurde nebenher zum Schriftsteller. Im Dienst gefragt waren die pädagogischen Fähigkeiten. Der Pfarrer erteilte Religionsunterricht für die älteren Kinder in der Volksschule und im Winterhalbjahr zweimal in der Woche Konfirmandenunterricht. Am Sonntag gegen ein Uhr kamen die konfirmierten Jugendlichen und manche Erwachsene zur Christenlehre in die Kirche.

In der Gemeinde hatte man Respekt vor den Fähigkeiten des Pfarrers. Fast jeder beherrschte ein Musikinstrument. Manche konnten gut zeichnen und malen. Oft hatten sie auch Interesse an der landwirtschaftlichen und handwerklichen Arbeit. Es gab anerkannte Spezialisten für Obstanbau und Bienenzucht. Das geschah nebenbei. Was von Pfarrern erwartet wurde, war die Seelsorge, vor allem treue Besuche bei Kranken und Sterbenden. Geistliche gewannen damals einen tiefen Einblick in die Not der anvertrauten Menschen. Auf dem Dorf, wo besonders die Frauen im Haus und auf dem Feld unerhört hart schaffen mussten und sich kein Kranksein leisten konnten. In den Arbeiterwohnungen der Städte, wo die vom Land zugezogenen Familien auf engstem Raum hausten und die Tuberkulose ihre Opfer fand.
Die beste Mitarbeiterin des Pfarrers war seine Ehefrau. Ihr vertrauten sich die Geschlechtsgenossinnen leichter an. Sie war bereit zu helfen, am Krankenbett, bei der Erziehung der Kinder und wo sonst noch Not war. Viele Pfarrfrauen brachten dafür eine Ausbildung mit. Vor allem aber hatten sie genügend Erfahrung und Einfühlungsvermögen. Sie mussten starke Persönlichkeiten sein, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Daheim galt es den ausgedehnten Haushalt zu meistern, den Kindern eine gute Mutter zu sein und für das leibliche und seelische Wohlergehen des Mannes zu sorgen. So war die Frau der Mittelpunkt des Pfarrhauses. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es: "Dieses Haus leistet durch sein Dasein oft mehr als der Pfarrer durch seine Amtstätigkeit. Man findet dort mustergültige Ruhe, edlen Geschmack, friedliche Häuslichkeit."

Vielleicht ist das etwas zu ideal gesehen. Sicher aber standen die Türen des Pfarrhauses für alle offen, im Geben und im Empfangen. Gerade auf dem Dorf erfuhr die Pfarrfamilie manche Zuwendung. "Wenn Kirchweih war, versanken wir förmlich in einem Kuchenberg", erzählte ein Geistlicher. "An den Winterabenden kamen die Bäuerinnen oder Bauerntöchter und brachten die herrlichen Schlachtschüsseln. Den Bäuerinnen wurden Likör und Plätzchen aufgewartet, die Töchter bekamen einen Wandspruch oder eine Tasse. Da wurden lange und gemütliche Unterhaltungen gepflegt. Ich saß im Lehnstuhl und rauchte meine kurze Pfeife, die Mutter flickte oder strickte und daneben stand das Körbchen mit dem Kind."

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Die Pfarrfamilie von Gollhofen stellt sich dem Fotografen. Foto: privat
   
Nicht nur heile Welt

Nicht immer war die kleine Welt der Gemeinde so heil. Es gab Konflikte - im persönlichen Umgang und vor allem, wenn jemand die gute Sitte verletzte und der Pfarrer für die Durchsetzung der christlichen Moral eintrat. Das konnte ihm verübelt und lange nachgetragen werden. Im schlimmsten Fall musste er gehen. Ein Wechsel der Stelle konnte auch andere Gründe haben. Manches Dorf war verkehrsmäßig so abgelegen, dass die Pfarrfamilie wegen der Schulbildung der Kinder eine andere Stelle suchen musste, meistens in der Stadt. Die wirtschaftliche Lage der Familie war nicht rosig. Der Verdienst eines Pfarrers hing vom Ertrag des Pfründevermögens ab und war deshalb unterschiedlich, doch gab es einen Ausgleich durch die Landeskirche. So konnte man je nach Dienstalter mit einem Jahreseinkommen von 2.000 bis 3.000 Goldmark rechnen. Der bescheidene Lebensstil hatte aber auch sein Gutes. Er verband das Pfarrhaus mit den Menschen der Gemeinde. Das galt für die guten und für die schweren Zeiten.

Christoph Schmerl

 

 


 

Aufrichten, nicht richten!

Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben: "So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen." So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben. Darum lasst uns nicht mehr einer den anderen richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.

Römer 14, 10-13



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Ein Gespräch mit einer Freundin kann sehr aufbauend sein. Foto: Wodicka
 

"Wenn alle so wären wie ich, dann hätten wir uns schon geeinigt!" seufzte ein Kirchenvorsteher in einer Sitzung, in der die Meinungen aufeinander prallten. Dann sah er sich im Kreis um und stellte frustriert fest: "Das Schlimme ist, alle sind so wie ich! Jeder auf seine Weise." Das befreiende Gelächter löste nicht das anstehende Problem, aber für einen kurzen Augenblick sahen wir uns alle wie in einem Spiegel - jeder hatte seine Meinung und vertrat sie mit Vehemenz, manchmal ging es sogar soweit, dass Zweifel am Glauben und guten Willen des anderen nicht ausblieben. Wie schnell fällt da ein Urteil über den anderen - aus Christen werden Richter, die andere Christen verurteilen und verachten. Aufrichten statt richten - so lautet der Rat des Apostels. Als erstes richtet euren Sinn darauf, dass ihr dem anderen keinen Anstoß gebt und ihm nicht zum Ärgernis werdet; denn es geht weder darum, den "Schwachen im Glauben" zu überfordern und dadurch noch mehr zu verunsichern, noch dem "Starken" seinen Glauben abzusprechen und ihn zu verachten. Aufrichten setzt voraus, dass ich selber einen Blickwechsel vollziehe: Meine Augen von dem Christen neben mir auf Christus zwischen uns richte. Er ist der, dem das letzte Urteil zusteht. Er ist aber auch der, von dessen Erbarmen ich lebe und dessen Liebe mir und dem anderen bedingungslos gilt. In dieser Liebe hat er beide, den Starken und den Schwachen aufgerichtet und zusammen in die Gemeinde gestellt, damals in Rom genauso wie heute in unsrer Kirche. Unterschiedliche Ansichten, die hier keineswegs die Grundlagen des Glaubens betreffen, dürfen nicht zum Maßstab des Glaubens werden, davon ist Paulus überzeugt. Und doch sind sie es nur allzu oft. Die Gemeinde, in der wir leben, ist nicht der Ort, in dem sich unsere Träume und Sehnsüchte erfüllen müssen. Das kann sie schon nicht sein, weil sie aus Menschen besteht, die nicht nur ihren Glauben und ihre Gaben mitbringen, sondern sich selbst mit ihrer Geschichte, mit ihren Grenzen, mit ihren Verletzungen und Ängsten und mit ihrer Schuld einbringen; Menschen wie mich, durch die nicht nur das helle Licht der Liebe Gottes strahlt, sondern auch das, was noch Un-Heil ist, gelöst und erlöst werden muss; Menschen, die trotz allem sich von Christus gerufen, geliebt und angenommen wissen. Darum brauchen sie sich als Brüder und Schwestern, die sich gegenseitig trösten und aufrichten im Dennoch eines Glaubens - ganz gleich, ob schwach oder stark - der sie hinzieht zu dem Herrn, der ihnen beiden Bruder ist. Aber wer gibt nun nach, wenn unterschiedliche Ansichten aufeinander prallen? Der, der festeren Boden unter sich hat, der, der sicher steht und nicht Angst haben muss, umzufallen, der, der nach Paulus der "Starke im Glauben" ist. Als Starker ist er nicht der Bessere, sondern der, der aus seiner Position als erster dem anderen entgegen kommen und ihm die Hand reichen kann, der, der weiß, Stärke ist kein Verdienst, sondern Gabe Gottes. Wer aber weitergibt, was er empfangen hat, wird erleben, dass er nicht ärmer wird. "Wenn alle so wären wie ich..." seufzte der Kirchenvorsteher und erkannte dann: "Aber alle sind ja wie ich." Aller Glaube, der starke wie der schwache, hat seinen Ursprung in Christus, lebt aus der Beziehung zu Christus und wirkt sich aus im Leben mit dem anderen. Gemeinde Gottes ist dazu das Übungsfeld, die Schule für ein Leben nach der Weisung Christi: "Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe". Und Jesus hatte seinen Jüngern gerade die Füße und nicht den Kopf gewaschen...

Pfarrerin Christel Rüstau, Emmauszentrum Leutenbach

Wir beten: Herr Jesus Christus, du hast uns nicht gerichtet und verachtet, sondern gesucht und geliebt. Du hast uns aufgerichtet, als wir ganz unten waren. Gib uns deinen Blick für die Brüder und Schwestern neben uns. Gib uns die Kraft, sie zu stützen. Gib uns den Mut, selber Hilfe anzunehmen. Gib uns den Glauben, dass du uns in unserer Unterschiedlichkeit brauchst und mit uns dein Reich baust. Amen.

Lied 646: Herr, gib mir Mut.

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