Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 26)

Verantwortung übernehmen

Renate Bethge spricht über Dietrich Bonhoeffer

Der 20. Juli vor 60 Jahren: Manch einer erinnert sich an diesen dra-matischen Moment deutscher Geschichte. Durch Stauffenberg wurde ein Attentat auf Adolf Hitler verübt, das letztlich misslang. Unter Theologen wurde zu dieser Zeit heftig diskutiert: Darf ein Christ gegen das Gebot "Du sollst nicht töten" verstoßen? Sonntagsblatt-Redakteur Günter Kusch befragte zu diesem und zu weiteren Themen die Nichte von Dietrich Bonhoeffer, Renate Bethge (geboren 1925). Die Ehefrau von Eberhard Bethge hat kürzlich ein Buch über Bonhoeffer geschrieben, das laut Titel eine "Skizze seines Lebens" liefern soll.

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Renate Bethge wuchs in Berlin auf, immer in der Nähe der Großeltern Bonhoeffer. Foto: Verlag
   

Sonntagsblatt: Sie haben in Berlin neben den Eltern von Dietrich Bonhoeffer gewohnt. Wie würden Sie den Menschen Bonhoeffer beschreiben?

Renate Bethge: Er wirkte stets ganz unpastörlich. Er war sportlich und meistens vergnügt. Er war nie wehleidig. Er machte gerne Musik. Und er war uns Kindern gegenüber immer zu Witzen aufgelegt. Auch wenn er manchmal traurig war, zeigte er es nach außen hin nicht. Er spricht darüber in seinem Brief vom 18. November 1943 an meinen Mann: "Du bist der einzige Mensch, der weiß, dass die Tristitia (die Traurigkeit) mit ihren bedrohlichen Folgen mir oft nachgestellt hat." Mein Mann war ja mit ihm im Prediger-seminar Finkenwalde. Die beiden nahmen sich dort gegenseitig die Beichte ab. Etwas, das in der evangelischen Kirche ja nicht üblich ist.

Kurzes und knappes Buch

Sonntagsblatt: Ihr neues Buch über Bonhoeffer ist kurz und knapp. Wollten Sie eine Art Gegenpol zum 1.300-Seiten-Werk Ihres Mannes Eberhard schaffen?

Bethge: Dieses Mammutwerk kann man heute gar nicht mehr lesen, weil sich die Leute dafür die Zeit nicht mehr nehmen - Theologen einmal ausgenommen. Der Verlag wollte tatsächlich etwas Kurzes, mit vielen Bildern, das den Appetit auf Bonhoeffer neu anregen könnte.

Sonntagsblatt: Was wünschen Sie Ihrem Buch ?

Bethge: Dass es möglichst viele Menschen lesen und die Anliegen von Dietrich Bonhoeffer nicht verloren gehen.

Sonntagsblatt: Welche Gedanken Bonhoeffers sind auch heute noch aktuell?

Bethge: Vor allem der Gedanke der Verantwortung, die der Mensch zu übernehmen hat. Daran fehlte es damals während der Nazizeit besonders. Dass jemand den Mund aufmachte. Bonhoeffer war erst 27 Jahre alt, als Hitler an die Macht kam. Umso erstaunlicher ist es, dass er die Dinge beim Namen nannte und ihm die Geschicke des Landes nicht gleichgültig waren.

Sonntagsblatt: Der geplante Putsch gegen Hitler ließ Theologen neu über die ethische Frage nachdenken, ob man als Christ gegen das Gebot "Du sollst nicht töten" verstoßen darf.

Bethge: Wenn das Attentat geklappt hätte, wären mit Sicherheit viele schlimme Dinge verhindert worden. Ich denke an das zerbombte Dresden, aber auch an die vielen Menschen, die während der Naziherrschaft und auch danach noch ums Leben gekommen sind. Dietrich Bonhoeffer hat diese ethische Frage mit dem biblischen Wort verbunden: Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen. Er wusste, dass dieses Wort auch für ihn Gültigkeit haben könnte. Aber er glaubte auch, dass Gott Menschen, die sich davon nicht schrecken ließen, jetzt braucht. Mein Onkel war überzeugt davon, dass die Zeit gekommen war, um Widerstand zu leisten und dass Gott vergeben würde. Er war überzeugt davon, dass es nicht Gottes Wille sein könne, dass dieses Morden immer weiter geht. Bonhoeffer sprach oft von der Wirklichkeitsgemäßheit. Die Wirklichkeit aber sah so aus, dass es Gottes Willen nur gemäß sein konnte, sie zu verändern. Er sprach zudem vom "Beten und Tun des Gerechten". Nur wer beides verbinde, tue das Richtige und Notwendige.

Sonntagsblatt: Dahinter steckt natürlich auch die Frage, inwieweit Kirche politisch sein darf oder muss...

Bethge: Ja - Bonhoeffer sagte immer, dass Kirche an sich nicht politisch ist. Aber im Grenzfall muss sie dem Rad in die Speichen greifen.

Sonntagsblatt: Wie sehen Sie das: Wo sollte Kirche heute öfter die Stimme erheben?

Bethge: Nun befinden wir uns nicht in derselben Situation wie damals. Aber trotzdem: Sobald man das Gefühl hat, es geschieht Unrecht, dann muss die Kirche ihre Stimme erheben. Als wichtiges Kriterium ethischen Urteilens gilt die Liebe. Bonhoeffers Mutter schrieb einmal zwei Verse in die Bibel seines gefallenen Bruders: Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. Und: So ist denn die Liebe des Gesetzes Erfüllung. Diese beiden Sprüche weisen darauf hin, dass man sich nicht unbedingt an die Buchstaben, sprich das Gesetz, halten muss. Die Liebe hat die höchste Priorität, hier die Liebe zu den Verachteten und Bedrohten. In diesem Sinne kann die Bibel auch eine Richtschnur für Politiker heute sein.

Sonntagsblatt: Bonhoeffer war nach 1938 sehr aktiv in der ökumenischen Bewegung. Wie sehen Sie die Situation der Ökumene heute? Ich denke an das gemeinsame Abendmahl oder an das Amtsverständnis...

Bethge: Das ist schwer zu sagen. Bonhoeffer übte ja auch Kritik an der Ökumene. Er war der Überzeugung: Verzögerte oder verpasste Entscheidungen der Ökumene könnten sündiger sein als falsche Entscheidungen, die aus dem Glauben und der Liebe kommen. Das heißt: Man muss manche Dinge einfach versuchen, also Mut haben zu Entscheidungen, auch wenn sich das im Nachhinein als nicht richtig erweisen sollte.

Sonntagsblatt: Wie würden Sie das Geheimnis der Freundschaft zwischen Ihrem Mann Eberhard und Dietrich Bonhoeffer beschreiben?

Bethge: Sie hatten viele gemeinsame Interessen, sie machten zum Beispiel Musik. Dietrich war für Eberhard immer ein Vorbild. Man könnte es auch ein Schüler-Lehrer-Verhältnis nennen. Wenn mein Mann nicht so beeindruckt von ihm gewesen wäre, hätte er nicht dieses große Buch über ihn geschrieben. Er hat praktisch sein ganzes Leben für ihn gelebt und alle Schriften von ihm herausgebracht. Welches Geheimnis hinter dieser Freundschaft steckt? Ich würde sagen, es waren die Gedanken von Bonhoeffer, die so einmalig für meinen Mann waren. Hinzu kommt, dass er ohne Hochmut auf die Studenten eingegangen ist und sie ernst genommen hat. Das hat allen stark imponiert. Seine Persönlichkeit, seine Ausstrahlung, aber auch seine Intelligenz und seine Frömmigkeit zogen nicht nur die jungen Leute in ihren Bann. Andererseits war auch Eberhard für Dietrich sehr wichtig: Er schätzte Eberhards Offenheit und Direktheit. Eberhard half ihm oft zur Klärung seiner Gedanken.

Sonntagsblatt: Kennen Sie das Konzentrationslager Flossenbürg?

Bethge: Ja, ich war zwei oder drei Mal dort.

Sonntagsblatt: Sind solche Gedenkstätten wichtig oder könnte man darauf verzichten?

Bethge: Ich denke schon, dass man aus diesen Stellen, wo Menschen ermordet wurden, Gedenkstätten machen muss. Dies ist wichtiger, als große pompöse Stätten in einer Stadt wie Berlin zu errichten. In Flossenbürg ist das sehr gut gelungen: Der kahle Ort, die Kirche, die Ursprünglichkeit, die Möglichkeit Blumen hinzulegen - das alles ermöglicht Räume zum Nachdenken und Gedenken.

 

 


 

Könnte ich doch noch einmal von vorne beginnen!

"Das ist gewisslich wahr und ein Wort des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin!

1. Timotheus



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Offen zuzugeben: ‚Hier und dort habe ich große Fehler gemacht!', ‚Das bin ich diesem und jenem schuldig geblieben!', ‚Da habe ich schwere Sünden auf mich geladen! - Ohne damit zu imponieren, anzugeben, vielleicht Verständnis und Mitleid zu erregen -, das fällt den meisten Menschen heute schwer. Denn die Schuld der anderen erkenne ich leichter, als die eigenen Unzulänglichkeiten, auch wenn ich darunter leide. Zugleich bewundere ich Menschen, die sich nichts vormachen, sondern auch ihre Misserfolge und ihr Versagen aufrichtig betrachten.

Paulus erzählt ehrlich von seinem bisherigen Leben und erkennt dankbar die grundlegende Veränderung seines Wesens. Er hat eigentlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann: In bester Absicht, Gott einen Gefallen zu tun, wurde er zum Lästerer, Verfolger, unbarmherzigen Richter und Frevler. Aber er braucht nichts beschönigen und zu bagatellisieren, denn Gott selber hat ihn in eine neue Berufung gestellt. Ja, wer Liebe und Barmherzigkeit erfährt, der kann seine Sünde beim Namen nennen, ohne Angst, sich bloßzustellen, ja ohne sich selbst zu entschuldigen. Er braucht seine Schuld nicht zu verdrängen; er wird sie sowieso nicht vergessen und möchte darüber reden, um aus Fehlern zu lernen. Vergebung aus der Barmherzigkeit Gottes ist also die Voraussetzung, alte Fehler nicht zu wiederholen. Wir brauchen nicht vergessen, was wir falsch gemacht haben! Neues Leben aus der Barmherzigkeit Gottes, ohne vergessen zu müssen, was das alte Leben geprägt oder verpatzt hat, das ermöglicht tatsächlich einen Neuanfang. Da geht eine Ehe in die Brüche. Aus der einstigen großen Liebe wird Gleichgültigkeit und Ablehnung. Gute Ratschläge der Freunde und die Hilfe der Beratungsstelle bringen nicht viel. Ein Seelsorger redet vom Kreuz, das vielen Menschen auferlegt ist und mahnt zur gegenseitigen Vergebung. Aber sie streiten weiter, giften sich gegenseitig an und machen sich das Leben schwer. Als es gar nicht mehr geht, wagen sie die Trennung. Hat man sie bisher noch gelegentlich im Gottesdienst gesehen, so kommt jetzt keiner mehr. Sie genieren sich und jeder fühlt sich ausgeschlossen. Ja, was würden auch die treuen, gewissenhaften Gottesdienstbesucher sagen, wenn einer oder gar beide dieser Gescheiterten, dieser Ehebrecher, häufiger als bisher gewohnt zum Gottesdienst kommen und aus frohem Herzen einstimmen: "Ich danke meinem Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht hat und für treu erachtet hat, der mir wieder Frieden geschenkt hat, mir, der ich ein Streitsüchtiger, ein Treuloser, ein Ehebrecher war; aber mir istBarmherzigkeit widerfahren!" Was bringt einem Betroffenen so ein ehrliches Bekenntnis, ein Treuloser, ein Sünder gewesen zu sein - Anerkennung oder noch mehr Ablehnung?

Pfarrer Erich Eyßelein Prichsenstadt

Wir beten: Lieber himmlischer Vater! Du legst uns nicht auf unser Versagen, auf unsere Ohnmacht fest. Deine Barmherzigkeit hat noch kein Ende und ist jeden Morgen neu. Lass uns in deinem Namen noch einmal von vorn beginnen und stelle uns an den Platz, wo du uns brauchen kannst. Wir rechnen mit deiner Liebe! Amen.

Lied 355, 1-5: Mir ist Erbarmung widerfahren.

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