Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 25)

Ausgebrannte neu entflammen

Kirche begegnet Stressspirale bei Ehrenamtlichen

Es hat ganz harmlos angefangen. Weil sie ihrem Jüngsten Freude an der Kirche vermitteln wollte, ist Friederike Mager mit ihm in den Krabbelgottesdienst gegangen. Nach ein paar Monaten die Frage: "Hast du Lust, als Mitarbeiterin mitzumachen?" Das hat die gelernte Erzieherin gereizt und sie ist mit Feuereifer und vielen guten Ideen eingestiegen. Und der Erfolg war enorm. Schnell folgte eine weitere Idee: Eine Kinderbibelwoche für die Großen - das wäre nicht schlecht. Die Gemeinde nahm den Gedanken dankbar auf.
Als Friederike Mager drei Jahre später in den Kirchenvorstand gewählt wird, fühlt sie sich geehrt. Doch nach einiger Zeit merkt sie, dass ihr die Freude an der Mitarbeit vergangen ist. Rein pflichtschuldig bereitet sie Krabbelgottesdienste vor, die abendlichen Sitzungen des Kirchenvorstands werden ihr zur Last. Gerade wieder teilzeit berufstätig fühlt sich die 40-Jährige mehr und mehr überfordert. Nachts schläft sie schlecht, oft schleppt sie sich von einem Termin zum Nächsten. Dazu kommen Probleme mit der Familie, die die Mutter gern öfter zu Hause sähe. Morgens kostet es Friederike Mager immer mehr Anstrengung, aus dem Bett zu kommen. Etwas ändern? Dazu fehlt ihr die Kraft.
Geschichten wie diese sind in der Kirche keine Einzelfälle. Die Müdigkeit und die Frustration, die mit wachsenden Aufgaben einhergehen, sind vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern vertraut.

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Ausgebrannte Menschen sind oft wie in einem Strudel gefangen: Sie rotieren und haben nicht die Kraft, sich herauszuziehen. Foto: Wodicka
   

Viel Last auf wenig Schultern

Das Dilemma: Je mehr Verantwortung übernommen wird, desto stärker fällt auch all das auf, was noch getan werden könnte. "Wenn ich es nicht tue, dann tut's keiner", dieses Gefühl fordert manche engagierte Gemeindemitglieder zu immer neuer Mitarbeit heraus - oft über ihre Kräfte hinaus. Vielleicht ist es das, was für Viele das Ehrenamt in der Kirche so unattraktiv macht. Obwohl Untersuchungen zeigen, dass generell die Bereitschaft steigt, sich ehrenamtlich zu engagieren, tun sich Kirchen oft schwer, geeignete Mitarbeiter zu finden, stellt Bernhard Petry fest. Der Studienleiter der Gemeindeakademie in Rummelsberg sieht die Gründe dafür in einer veränderten Vorstellung vom Ehrenamt, die sich erst langsam in der Kirche durchsetzt. Bei ihr gilt immer noch das Vorurteil "Wenn man der Kirche den kleinen Finger gibt, will sie die ganze Hand", was sich in überarbeiteten Mitarbeitern zu bestätigen scheint.
Lustlosigkeit und sinkende Leistungsfähigkeit sind erste Anzeichen von Ausbrennen, meint Pfarrer Wolfgang Lehmann (Affalterthal), der sich intensiv mit dem "Burn-Out-Syndrom" - wie es in der Fachsprache heißt - auseinandergesetzt und Kurse und Vorträge dazu angeboten hat. Was bei Pfarrerinnen und Pfarrern verstärkt als Gefahr erkannt wird, davor sind auch Ehrenamtliche nicht gefeit. "Kerngesunde haben einfach keine Energie mehr", erklärt Lehmann das Phänomen. "Das ist wie bei einer Rakete, der der Sprit ausgegangen ist. Sie bewegt sich immer weiter, aber es ist keine Energie mehr dahinter." Nicht einmal mehr dafür, die Richtung zu ändern. So machen viele blind weiter, ohne den Kurs zu überprüfen.
Angesichts der sich verschlechternden Personal-und Finanzsituation in der Kirche sieht Bernhard Petry von der Gemeindeakademie mehr Belastung auf alle Aktiven zu kommen. "Da könnten die Fälle von burnout zunehmen. Wir nehmen aber das Phänomen wahr und reagieren darauf." So wird die Gefahr des Ausbrennens in Gemeindeberatungen thematisiert, wenn die Gemeinde selbst es als Problem sieht. "Dann versuchen wir, eine Lösung zu finden, die für diese spezielle Gemeinde passt", erklärt Petry. "Patentlösungen gibt es da nicht."
"So macht Gemeindearbeit Freude" hieß ein Seminar, das der Autodidakt Wolfgang Lehmann beim Amt für Gemeindedienst angeboten hat und das sich insbesondere mit dem Ausbrennen von Mitarbeitern beschäftigt hat. Erfahrungsaustausch, Klärung der eigenen Ziele und die Kunst, nein zu sagen, stand hier auf dem Programm. "Die Leute sollen nicht die Arbeit hinwerfen, aber überprüfen, wieviel sie machen und wie sie Energie wiedergewinnen können." Dazu wird im Seminar ein Ziel schriftlich formulieren und dann zu Hause verwirklicht. Oft geben danach Mitarbeiter eine von drei Tätigkeiten auf, um wieder zur Ruhe zu kommen. "Wir sind mehr als bisher bereit, Veranstaltungen zu unterlassen", schrieb ein Pfarrer als Reaktion auf ein Seminar. "Lieber wird weniger getan, dafür aber richtig und mit Freude," meint Lehmann.
Einen anderen Weg geht das Gästehaus der Christusbruderschaft Selbitz. Es bietet Ehrenamtlichen Seminare für die eigene Spiritualität, eröffnet Räume der Stille, Oasentage, in denen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder Kraft schöpfen und sich neu ausrichten können. Auch der Landesverband für Kindergottesdienst bietet regelmäßig "Brunnen- und Oasentage" mit geistigen und spirituellen Anregungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an - ohne dass dabei gleich wieder an eine Umsetzung im Kindergottesdienst gedacht wird.

Großer Bedarf, keine Zeit

Doch treffen diese Angebote auch diejenigen, die sie benötigten? "Man muss unterscheiden zwischen den vielen, die Bedarf hätten und den wenigen, die ein Seminar auch wirklich besuchen", meint Wolfgang Lehmann. "Es gibt Menschen, die sagen: ,Ja, die Ausschreibung trifft genau meine Situation!' und im gleichen Atemzug: ,Aber dafür habe ich keine Zeit.'" Manche nähmen auch gar nicht wahr, dass sie Hilfe bräuchten. So sind es in erster Linie die Pfarrer, die sensibel und kompetent sein müssen im Umgang mit freiwillig Engagierten. Darum schult die Gemeindeakademie Hauptamtliche in der Mitarbeiterführung. Dabei wird besonders auf befristetes Engagement, klare Absprachen über Zeitumfang, Kompetenzen und Ziele gesetzt. Jährliche Gespräche mit Ehrenamtlichen sollen dafür sorgen, dass diese ihre Arbeit anerkannt wissen, aber auch ihren eigenen Kurs überprüfen. So profitieren nicht nur andere, sondern auch sie selbst von ihrem Engagement. "Wie kann ich die Entwicklung der Mitarbeiter unterstützen?" formuliert Petry, die Frage, die sich ein Gemeindeleiter stellen sollte. "Das ist immer eine Gratwanderung: Die Ehrenamtlichen sollen nicht bemuttert, aber wach begleitet werden."

Mehr Spaß an der Arbeit

Friederike Mager übrigens hat es geschafft, ihre Stressspirale zu durchbrechen. Nach einem Gespräch mit dem Pfarrer steht fest: In der nächsten Legislaturperiode wird sie nicht mehr im Kirchenvorstand sein. Dafür hat sie wieder Zeit für das, was ihr wirklich Spaß macht: Die Arbeit im Krabbelgottesdienst.

Anne Lüters

 

 


 

Durch Jesus bei Gott daheim

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

Epheser 2, 19-22



Evangelisches Sonntagsblatt
 
Christen sind durch Jesus ein Bauwerk Gottes - aus lauter lebendigen Steinen. Foto: epd
 

An die "Heiligen" in Ephesus ging dieser Brief. An Menschen, die durch den Mittelsmann Jesus aus vielen Völkern und Rassen zu "Hausgenossen" Gottes geworden waren. Wen würden Sie in Ihrer Familie, in Nachbarschaft und Freundeskreis so bezeichnen? Scheuen wir uns nicht eher, so direkt zu reden von den Freunden Gottes, die untereinander Freunde werden dürfen? Geläufiger ist uns der Appell: Dies sollst du tun, so dich verhalten. Aufforderungen, Mahnungen, Anweisungen. Hier jedoch wird Christen zugesagt: Du bist als Gott-Gehörender Teil eines Bauwerks. Christus ist der Eckstein. Gott als Baumeister legt Hand an uns an, fügt mich und Sie in seine Gemeinde ein als Einzelteile seiner Kirche auf Erden. Da sind nicht mehr wir die Macher, Planer und Konstrukteure. Da tut Gott das Wesentliche selbst als Architekt: Er legt das Fundament und hält in Christus den Bau zusammen. Ohne ihn ist er ein Schutthaufen, eine Ruine. Lebendig, erfüllt vom Geist Gottes, bleibt der Bau der Kirche nur durch Christus selbst; dieser Kraft zu begegnen kann nicht genug Raum gegeben werden. Zuhause sein in Gottes Haus und in seiner Gemeinde. Dazu gehört, sich Zeit zu nehmen für ihn.
Lädt Gott nicht ein, uns niederzulassen im Schutzraum des Kreuzes? Er hält es nicht für vertane Zeit, Segensräume aufzusuchen, die Botschaft von Auferstehung und neuem Leben mit Verstand und Seele aufzunehmen. Erfüllte Zeit ist für Gottes Hausgenossen die von anderen oft als versäumt bezeichnete Zeit. Wenn ich mir Gottes Wohltaten zusprechen, mir seine Vergebung gefallen lasse. Gebet und Gottesdienst, Bibellese und Abendmahl - Herzstücke der Hausgenossen Gottes! Aus diesem Raum- und Zeithaben vor und für Gott wird sich mein Hören auf Gottes Wort verändern.
Das biblische Wort ist dann Fundament für die ganze Breite des Lebens. Wird sich nicht auch mein Handeln verändern? Im Gewirr der Konzepte, Utopien und Programme hilft Gott mir zur Klärung, er zeigt mir meinen Platz und meine Aufgaben. Da entdecke ich offene Kirchen auch für Minuten der Stille vor Gott mitten im hektischen Alltag. Da fallen mir auf einem Büchertisch Hilfen für die Stille vor Gott in die Hände; da rede ich mit meinem "Chef" im Alltagsgetriebe. Wie Unzählige vor mir entdecke ich: Gott lässt sich in seinem Haus finden. Jesus suchte den Tempel auf wie auch die frühen Christen. Bis heute ist jedes Gotteshaus eine Hilfe zur Begegnung mit ihm.
So findet das Leben der Mitbürger Gottes seinen Ausdruck in Haus- und Familienandachten, ist erlebbar in Haus- und Bibelkreisen. Menschen tauschen sich aus in Glaubens- und Lebensfragen. Der Gottesdienst: Die Vollversammlung aller Hausgenossen! Dort kommen einzelne Beter, Gruppen und Kreise zusammen, um sich als ganzer Bau von Gott festigen zu lassen.
Vom Gottesdienst her wächst der Heilige Tempel. Vielen evangelischen Christen mangelt es nicht an Engagement, Tatkraft, Zielen und Plänen fürs Tun im gesellschaftlichen und öffentlichen Leben. Geben wir doch dem gelebten Glauben vor Gott, dem Zeithaben für Gott mehr Raum, wir Hausgenossen Gottes, durch Jesus daheim bei Gott - als Freunde Gottes!

Pfarrer Martin Kühn, Traunreut

Wir beten: Danke, lieber Vater im Himmel, für das große Vorrecht: Ich darf dein Hausgenosse sein, daheim bei dir. Hilf mir helfen, dass andere sich in deiner Gemeinde nicht fremd oder nur geduldet empfinden, sondern angenommen und geliebt, so wie du es gewollt hast, du Freund und Herr. Amen.

Lied 588: Herr, gib uns Mut zum Hören.

Diese Woche - Archiv - Editorial - Geschichte - Redaktion - Abo-Service - Anzeigen - Evang. Reisedienst - Impressum
© 2000-2004 ROTABENE! Medienhaus